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Verlag Traugott Bautz
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NEWTON, Isaac, * 4.1. 1643 (umgerechnet auf den zu jener Zeit in England nicht gültigen Gregorianischen Kalender / nach dem Julianischen Kalender * 25.12. 1642) in Woolsthorpe (Lincolnshire / England), † 31.3. 1727 in Kensington (heute zu London gehörend), Mathematiker, Physiker und Astronom, daneben Verfasser wichtiger chemischer, alchemistischer, chronologischer und theologischer Studien. Ab 1655 Besuch des Gymnasiums in Grantham, ab 1661 »subsizar« des Trinity College in Cambridge und daselbst Student der Mathematik bei I. Barrow (1630-1677), 1664 Stipendiat des Trinitiy College, 1665 B.A., 1667 fellow des Trinity College, 1668 Magister, von 1669-1701 als Nachfolger seines Lehrers Barrow »Lucasian Professor« für Mathematik in Cambridge. Im Jahre 1696 wurde N. Münzwardein in London, seit 1699 war er bis zu seinem Tode Direktor der Königlichen Münze. Nach der Glorious Revolution von 1688 wurde N. 1689 als Vertreter von Cambridge ins Unterhaus und 1701 abermals zum Mitglied des Parlaments in Westminster gewählt. N. wurde im Jahre 1672 Mitglied der Royal Society, war seit 1699 auswärtiges Mitglied der Pariser Akademie, war von 1703-1727 Präsident der Royal Society und wurde im Jahre 1705 im Trinity College in den Adelsstand erhoben. - N.s naturwissenschaftliches Hauptwerk »Philosophiae naturalis principia mathematica« erschien im Jahre 1687 (21713, 31726) und begründete seinen internationalen Ruf als Bahnbrecher auf dem Gebiet sowohl der theoretischen Physik als auch dem der exakten Naturwissenschaften im Ganzen. In den principia werden, unter Rückgriff auf und in Weiterführung von J. Kepler und G. Galilei, das von N. bereits 1666 gefundene Gravitationsgesetz, die in England bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Fluxionsrechnung genannte Differentialrechnung sowie die drei bald als Newton-Axiome bezeichneten Grundgesetze der Mechanik (Trägheitsgesetz, dynamisches Grundgesetz oder Kraftgesetz, Reaktionsprinzip oder Wechselwirkungsgesetz) zur Basis der Physik im allgemeinen und, hierin den Aristotelismus endgültig und unwiderruflich verabschiedend, zur Grundlage der Himmelsmechanik im besonderen entwickelt. In der experimentellen Optik gelang N. die Entwicklung eines Spiegelfernrohrs, das das herkömmliche Fernrohr wesentlich verbesserte, was u.a. zur Entdeckung der Abhängigkeit des Brechungsindex von der Farbe des Lichts, des Zusammengesetzseins des weißen Lichts aus den verschiedenen Spektralfarben und der Emissionstheorie des Lichts, dargelegt in den »Opticks« von 1704 (21717, 31721, 41730), führte. Weit mehr als das in den »Principia« und in den »Opticks« dargelegte Material findet sich in der erst unlängst einigermaßen vollständig herausgegebenen Korrespondenz und in den inzwischen edierten wissenschaftlichen Manuskripten, die N. selbst nicht zur Veröffentlichung vorgesehen hatte. Ihre nach wie vor in Arbeit befindliche gründliche Durchsicht dürfte die Einschätzung der Forschungen N.s noch einmal auf eine ganz neue und differenziertere Basis stellen. Die mathematisch-physikalischen Anschauungen N.s, setzten sich zunächst nur zögernd durch, genossen aber im späten 18. und im 19. Jahrhundert eine nahezu kanonische Geltung unter den Naturwissenschaftlern. Die sich v.a. gegen N.s Wissenschaftstheorie richtende, scharfe und abfällige Kritik eines Goethe und eines Hegel stellt demgegenüber eher eine Ausnahme dar. Erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts erfuhren die Anschauungen N.s durch die Entwicklung der Relativitätstheorie durch A. Einstein eine grundsätzliche Revision. - Die bahnbrechenden Ergebnisse seiner mathematisch-naturwissenschaftlichen Forschungen standen für N. keineswegs in unauflöslichem Widerspruch zum Gottesglauben. Ganz im Gegenteil führte gerade der dynamische Grundzug seiner Physik zu dem Versuch, die erkannten und beschriebenen Gesetze der Bewegung mit dem Gedanken des andauernden Wirkens eines unkörperlichen göttlichen Wesens zu verbinden. In der zweiten Auflage der Principia von 1713 schreibt er, nachdem ihm in Reaktionen auf die erste Auflage des Werkes Atheismus vorgeworfen worden war, im dem Text beigegebenen Scholium generale: »Ohne allen Zweifel konnte diese Welt, so wie wir sie erfahren, mit all ihrer Vielfalt an Formen und Bewegungen, nur und aus nichts anderem entstehen als aus dem absoluten und freien Willen Gottes, der über alles herrscht und regiert.« Diese für N. noch so typische Wechselbeziehung von naturwissenschaftlichen und theologischen Aussagen wurde allerdings schon in der Newton-Rezeption insbesondere der französischen Aufklärung (Voltaire, Maupertuis, Alembert, Duchatelet) weitgehend aufgehoben. - Gott ist für N. »eine vollkommene Einheit, ein Wesen, einfach, unteilbar, lebend und immer Leben gebend, immer und überall notwendig existierend, in höchstem Maße alles verstehend, aus Freiheit das Gute wollend«. Diese platonisierende und dabei die höchste Einheit und Hoheit Gottes betonende Vorstellung hat N. immer wieder in die Nähe zum »Arianismus« gebracht. So wundert es nicht, daß er sich in zwei kirchenhistorischen Traktaten eingehend mit dem arianischen Streit beschäftigt und dabei die Verurteilung des Arius in Nizäa als Abkehr von der wahren Gottesauffassung zu entlarven versucht hat. In scharfsichtig-analytischer Umkehr der altkirchlichen Häresiographie unterstellt N. hierbei dem Gegner der Arius, Athanasius, tiefste moralische Verderbtheit. N. selbst bleibt jedoch in seinen Ausführungen auf der scheinbar unverfänglichen dogmengeschichtlichen Ebene stehen. Er selber hat sich nie offen als »Arianer« bezeichnet - anders als sein Schüler und Anhänger William Whiston, der sich im Jahre 1710 öffentlich zum Arianismus bekannte und daraufhin den von N. übernommenen Lucasianischen Lehrstuhl in Cambridge verlor. Aufgrund der Auffassung, daß die Kirchengeschichte spätestens seit dem Ausgang des arianischen Streites als Verfallsgeschichte zu bewerten sei, widmete sich N. intensiven exegetischen Studien; diese dienen der Rekonstruktion der wahren und der Widerlegung der im Laufe der Geschichte verfälschten christlichen Lehre. Mit Hilfe gründlicher Textkritik am NT zeigte er auf, daß in 1.Joh 5,7f. (Comma Johanneum) und 1.Tim 3,16 keine Belege für die Trinitätslehre zu finden sind. Durch Vergleichung zahlreicher Fassungen der Apokalypse und Auslegung des Buches Daniel widmete sich N. intensiv dem Phänomen der Prophetie. Die Exegesen N.s haben deutlich apologetische Züge: Es läßt sich zeigen, daß all das, was vorhergesagt war, auch zur Erfüllung gelangt ist. Hinter den Bildern des Danielbuches stehen die weltgeschichtlichen Herrscher und Reiche. Das biblische Bild vom Verlauf der Weltgeschichte wird von N. mit ungeheurem Aufwand an Gelehrsamkeit, jedoch auch unter Harmonisierung von Widersprüchlichkeiten als das einzig richtige erwiesen. An die antike christliche und jüdische Apologetik anschließend führt N. ferner in ausführlicher chronologischer Argumentation den Beweis dafür, daß das Reich Israel älter ist als das ägyptische. Religion und Moral der ältesten Zeit seien konzentriert gewesen im Doppelgebot der Liebe. In dieser primitiven Religion der Juden und Christen sieht N. die entscheidende Zukunftsperspektive für eine beständige und gemeinsame Religion aller Nationen zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschheit. N.s Abhandlung über Ez 40-46 und die jüdischen Längenmaße schließlich unterstreicht sein Interesse an kultischen Bauten und deren genauest möglicher Vermessung und Ausrichtung. - In Anerkennung und Wahrnehmung der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion hat N. sich auch in der anglikanischen Kirche engagiert, obgleich er alles andere als ein regelmäßiger Kirchgänger gewesen ist. Er zählte zur Gruppe der Latitudinaristen, die sich um die Integration nonkonformistischer Kreise in die anglikanische Kirche bemühten. N.s kirchlich-gesellschaftliches Engagement zwang ihn immer wieder auch zur Unterdrückung eigener theologischer Überzeugungen, wo diese - wie in der Trinitätsfrage - nicht mit der offiziellen Lehre übereinstimmten. Einerseits hat N. versucht, diesen Konflikt aufzufangen, indem er allgemein auf das Schriftprinzip verwies, dem gegenüber Bekenntnisformulierungen und Konzilsbeschlüssen Priorität gebühre. Andererseits hat er die offene Abwendung von der Kirche, die an den aus N.s Sicht problematischen Bestandteilen der Tradition festhielt, nie erwogen. Vielmehr hat er sich von manchen seiner Weggefährten, deren Meinungen er im Grunde teilte, distanziert, sobald diese mit heterodoxen Auffassungen an die Öffentlichkeit gingen. Der Grund für diese Haltung dürfte in unterschiedlichen Faktoren zu finden sein: Zum einen in N.s Einschätzung, daß die trinitarische und auch christologische Frage gegenüber dem für ihn zentralen Doppelgebot der Liebe einen eher adiaphoristischen Stellenwert hätten, zum zweiten mit einer nicht zu unterschätzenden Vorsehungsgläubigkeit, nach welcher Gott selbst die zu erwartende Restauration zum festgesetzten Zeitpunkt heraufführen werde, zum dritten aber auch mit einer das gesamte Leben und Werk N.s kennzeichnenden Behutsamkeit, Anpassungsfähigkeit und vielleicht auch Konfliktangst, die übrigens auch die Tatsache erklären hilft, daß er selber die Mehrzahl seiner Texte gar nicht zur Publikation vorgesehen hatte.
Werke: Opera quae exstant omnia, Hrsg. S. Horsley, 5 Bde., London 1779-1785; Equitis Aurati, opera mathematica, philosophica et philologica, Hrsg. G. Castiglione, 8 Bde., Lausanne / Genf 1744; Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, London 1687; Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, London 21713; Philosophiae Naturalis Principia Mathematica 31726, Hrsgg. A. Kroyé / I.B. Cohen, 2 Bde., Cambridge 1972; Opticks or a Treatise of the Reflections, Refractions, Inflections & Colours of Light, London 1704; Opticks or a Treatise of the Reflections, Refractions, Inflections & Colours of Light 21718, Hrsg. B. Cohen, New York 1952; The Method of Fluxions and Infinite Series, translated from the Author's Latin Original not yet made publick, London 1736; The Method of Fluxions and Infinite Series, translated from the Latin original not yet published, London 21737; The Unpublished Scientific Papers of Isaac Newton, Hrsgg. A.R. Hall / M.B. Hall, Cambridge 1962; The Mathematical Papers of Isaac Newton, Hrsg. D.T. Whiteside, 8 Bde., Cambridge 1967-1981; The Chronology of Ancient Kingdoms amended. To which is prefixed A Short Chronicle from the First Memory of Things in Europe, to the Conquest of Persia by Alexander the Great, Hrsg. J. Conduitt, London 1728; Observations upon the Prophecies of Daniel and the Apocalypse of St. John, Hrsg. B. Smith, London 1733; Four Letters from Sir Isaac Newton to Dr. Bentley containing some arguments in Proof of a Deity, Hrsg. R. Cumberland, London 1756; Observations upon the Prophecies of Daniel, and the Apocalypse of St. John, Hrsg. B. Smith, London 1733; Two Letters to Mr. Le Clerc upon 1John, v.7, 1Timothy, iii.16; London 1754; Argumenta, Hrsg. R.S. Westfall, in: ders., Never at Rest. A Biography of Isaac Newton, Cambridge 1980, 315f.; Of the Day of Judgement and World to come, Hrsg. F.E. Manuel, in: ders., The Religion of Isaac Newton, Oxford 1974, 126-136; Theological Manuscripts, Hrsg. H. McLachlan, Liverpool 1950; Conway Letters, Hrsg. M.H. Nicholson, New Haven / Oxford 1930; The Correspondence of Isaac Newton, Hrsgg. H.W. Turnbull u.a., 7 Bde., Cambridge 1959-1977; Charles H. Cooper, Annals of Cambridge, 5 Bde., Cambridge 1842-1908; J.B. Mullinger, The University of Cambridge, 3 Bde., Cambridge 1873-1911; Minute Book. H.M. Commission for Rebuilding St. Paul's Cathedral, in: The Wren Society 16, 1939, 33-137.
Übersetzungen: Mathematische Principien der Naturlehre. Mit Bemerkungen und Erläuterungen hrsg. von J.P. Wolfers, Berlin 1872 (=Darmstadt 1963); Optik, übersetzt von W. Abendroth, Leipzig 1898 (=Braunschweig 1983); Mathematische Grundlagen der Naturphilsophie, ausgewählt, übersetzt, eingeleitet und hrsg. von E. Dellian, Hamburg 1988; Abhandlung über die Quadratur der Kurven, übersetzt und hrsg. von G. Kowalowski, Leipzig 1908; Kurtzer Auszug aus der Weltberühmten Isaac Newtons Chronologie der alten Königreiche, übersetzt von P.G. Hübner, Meiningen 1741; Des Ritters Isaak Newton's (...) Beobachtungen zu den Weissagungen des Propheten Daniels. Newtons Auslegung der Offenbarung Johannis, 2 Bde., übersetzt von C. Grohmann / A.G. Rosenberg, Leipzig / Liegnitz 1765.
Bibliographien und Hilfsmittel: Catalogue of the Portsmouth Collection, Hrsgg. J.C. Adams u.a., Cambridge 1888; G.J. Gray, Bibliography of the works of Isaac Newton, Cambridge 21907; Sotheby & Co., Catalogue of Newton Papers sold by Order of the Viscount Lymington, London 1936; A descriptive catalogue of the Grace K. Babson collection of the works of Sir Isaac Newton, New York 1950; Wallis, P. / Wallis, R., Newton and Newtoniana, 1672-1975, Folkestone 1977; D. Gjertsen, The Newton handbook, London 1986.
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Jörg Ulrich
Werkeergänzung:
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Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie, Philos. Bibl. 394, Hrsg. Ed Dellian, Meiner Hamburg 1988;
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Ed Dellian, Newton, die Wahrheit und die Rede von Gott, Münchener Theolog. Zeitschr. 51 (2000) Heft 2 S. 171-188; -
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Letzte Änderung: 19.08.2009