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Verlag Traugott Bautz
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NIGHTINGALE, Florence, engl. Krankenpflegerin, Gründerin einer Schwesternschule in London und Wegbereiterin der modernen Krankenpflege, * 12.5. 1820 in Florenz, † 13.8. 1910. - Florence Nightingale (FN) wurde am 15. Mai 1820 als Tochter einer begüterten Landadelfamilie in Florenz (daher der Name Florence) geboren. Ihre Kindheit und Jugend verlebte sie auf dem elterlichen Herrensitz in Lea Hurst/England. Schon aus der Jugendzeit FNs wird ihr starkes soziales Interesse berichtet. Hierbei mag vielleicht der Geist des Großvaters mütterlicherseits William Smith, eines bekannten Mitstreiters aus der Antisklavereibewegung, Einfluß gehabt haben. So kam es dann dazu, daß sie fast zwanzigjährig mit ihrer Rolle als wohlerzogenes englisches Mädchen brach und sich aufgrund eines Anrufes durch Gott (»Gott sprach mit mir und berief mich in seinen Dienst«) entschloß, ihr Leben den Armen und Kranken zu widmen. Dieser Entschluß, Krankenpflegerin zu werden, stieß auf Ablehnung ihrer Eltern, denn damals hatte die Tätigkeit einer Krankenschwester einen sehr üblen Ruf. Heruntergekommene Anstalten, Alkoholkonsum und die Tatsache, daß viele Krankenschwestern der Not gehorchend ihren Beruf mit Prostitution verbanden, waren in jener Zeit typische Elemente dieses Berufbildes. Dennoch konnte sich FN gegen die Einwände ihrer Eltern durchsetzen und ging zunächst in die Hospitäler Großbritanniens, um Erfahrungen zu sammeln. In London lernte sie Elisabeth Fry (s.d.) kennen und war von dieser Sozialreformerin sehr beeindruckt. Was aber FN noch mehr beeindruckte und für die Zukunft prägte, war der Einblick in die marode englische Krankenpflege. Ein Grundübel war wohl neben den desolaten Zuständen in den Krankenhäusern vor allem der Mangel an systematischer Schulung der Pflegekräfte. Auf der Suche nach besseren Lösungen des Problems durchzog FN daraufhin in der Mitte der 40er Jahre (des 19.Jht) das europäische Festland. Bei dieser Reise imponierte ihr besonders der hohe Stellenwert einer sehr stark christlich motivierten Krankenpflege, der es auch Menschen aus sozial besser gestellten Familien erlaubte, sich zu betätigen. Darüber hinaus lernte FN die Kaiserswerther Anstalten Theodor Fliedners (s.d.) kennen, auf die sie schon 1842 durch den preußischen Gesandten in London aufmerksam gemacht worden war. Nachhaltig beeindruckt von der Arbeit in Kaiserswerth trat sie 1849 als freiwillige Krankenpflegerin in die Fliednerschen Anstalten ein. Hier machte sie sich, wie sie es sich selbst zum Ziel gesetzt hatte, nicht nur mit dem Metier der Krankenpflegerin vertraut, sondern sie lernte auch den guten Ausbildungsstand und die perfekte Organisation dieser Anstalten schätzen. Mit den dort gewonnen Erfahrungen übernahm sie zwei Jahre später in England das heruntergewirtschaftete »Home for Sick Governesses« (London) und führte dieses Heim auf eine solide Basis. 1854 begann dann schließlich der Abschnitt im Leben von FN, der ihren Ruhm bis heute begründet: Sie ging als Leiterin einer Gruppe von 38 Krankenschwestern zur Krim, wo ein fürchterlicher Krieg zwischen Rußland und einer Allianz Englands, Frankreichs, der Türkei und Sardiniens tobte. Unter äußerstem Einsatz half die von FN geführte Gruppe in den Lazaretten von Skutarl den englischen Kriegsverwundeten. Das neben dem unbeschreiblichen Elend des Krieges auch noch eine Choleraepidemie und die mangelhaft vorbereiteten Lazarette den Einsatz der Pflegerinnen erschwerten, verdeutlicht im nachhinein noch mehr die außerordentliche organisatorische Leistung der FN. Denn nicht nur Verwundete (im Jan 1855 waren es 10000 bei mittlerweile 85 Pflegerinnen) waren zu versorgen, sondern auch sanitäre Anlagen zu planen und einzurichten, Ungeziefer zu bekämpfen und den Genesenden eine Erholungsstätte zu besorgen. Am Ende aber hatte sich die Mühe gelohnt; ein gut organisiertes Pflegesystem für englische Kriegskranke war entstanden. Doch standen nicht etwa Organisation oder Armee für FN im Vordergrund ihres Wirkens. Ihr ging es in erster Linie um die medizinische und geistliche Betreuung des einzelnen verwundeten Menschen. Die Verehrung, die FN durch die Verwundeten erfuhr, zeigt deutlich, wie ernst es ihr mit diesem Anliegen war. Erst als nach Kriegsende (1856) der letzte englische Verwundete nach Hause konnte, verließ auch FN den Kriegsschauplatz. In England wurde sie auch auf Grund ihres Ruhmes, den sie durch ihren Einsatz auf der Krim erlangt hatte, schnell zum Motor des Krankenhaus- und Gesundheitswesens. Sie schrieb im Auftrag des Kriegsgesundheitsamtes ihre Erfahrungen aus dem Krieg nieder und veröffentlichte darüber hinaus zwei Bücher (Notes of Nursing, 1858; Notes of Hospitals, 1859), Denkschriften und Vorschläge, die in ihrer praktischen Zielsetzung großen Einfluß auf die Entwicklung des Gesundheitswesens nahmen. FNs Buch »Life and Death in India« (1874) legt Zeugnis ab, von ihrer Arbeit beim Aufbau der königlichen Sanitätskommission für die indische Armee. Im Rahmen dieser Arbeit entwarf sie auch das erste Gesundheitsgesetz für Indien. Die von FN 1870/71 geleitete »Nationale Gesellschaft für Kranke und Verwundete« wurde später zum britischen Roten Kreuz. Henri Dunant (s.d.) schließlich sah in ihr den wirklichen Gründer des Roten Kreuzes und Urheber der Genfer Konvention. So ehrenvoll Leben und Verdienst der FN waren, so tragisch war ihr Ende. Die zeitlebens bescheidene Frau starb am 13. August 1910 nach zuletzt langen Jahren ohne Sehkraft und bei schwindenden Bewußtsein im Alter von 90 Jahren in London. - Wenn man heute FNs Verdienste würdigt, so sind es in der Regel drei Aspekte, die eine besondere Erwähnung erfordern. Zunächst einmal hat sie entscheidende Anregungen zur Verbesserung und Reform eines gesetzlichen Gesundheitswesens gegeben. Durch eine Modifizierung des deutschen Mutterhaussystems, wie sie es in Kaiserswerth kennengelernt hatte, hat sie das mittlerweile weltweite System der Nightingale-Schulen geschaffen. In diesen Schulen war und ist eine gute Erziehung und Ausbildung der Krankenschwestern oberstes Ziel. Daneben steht der Name FN vor allem auch für die Er- und Einrichtung von Hospitälern. So wird sie vielfach zu Recht als die Begründerin der modernen Krankenpflege bezeichnet. Ein zweiter Aspekt des Wirkens von FN, der heute nur allzu leicht vergessen wird, ist ihr Beitrag zur Emanzipation der Frau. Ihr Bemühen, den Krankenschwestern durch eine gute Ausbildung einen geachteten Beruf zu verschaffen, gewinnt an Bedeutung, wenn man ihn im Zusammenhang mit dem Bestreben der damaligen Frauenbewegung sieht, Bildug und Ausbildung der Frauen zu heben. Schließlich hat FNs sich noch bleibende Verdienste im Bereich der Versorgung von Kriegsverwundeten erworben. H. Dunant hatte wohl recht, wenn er in FNs Wirken Vorbildhaftes und den Anstoß für das Rote Kreuz und die Genfer Konvention sah.
Werke: Statements exhibiting the voluntary contributions received by Florence Nightingale for the use of the british war hospitals in the east with the mode of their distribution in 1854. 1855. 1856, 1857; Notes on Nursing, 1858 (dt., Rathgeber für Gesundheits- und Krankenpflege, 1878); Notes on Hospitals 1859 (dt., Bemerkungen über Hospitäler, 1866); Life and Death in India, 1874; The Institution of Kaiserswerth in the Rhine for the practical Training of Deaconesses, Neudr. 1956; W.J. Bishop/S. Goldie, A bio-bibliography of Florence Nightingale, 1962.
Lit.: Monod, Les heroïnes de la Charité, 1873; - G. Barnett, Noble Womanhood, 1894; - Wintle, Florence Nightingale, the heroine of the Crimea, 1896; - Edward Cook, The Life of Florence Nightingale, 2 Bde., 1913; - Rosalind Nash, The Life of Florence Nightingale, 1925; - L.R. Seymer, Geschichte der Krankenpflege, 1936; - Lytton Strachey, Macht und Frömmigkeit, 1937; - Laura Orvieto, Florence Nightingale, 1943; - Ders., Eminent Victorians, 1948; - Max Hörndasch, Die Lady mit der Lampe, 1948; - Cecil Woodham-Smith, Florence Nightingale, 1951 (dt. 1952); - A. Sticker, Florence Nightingale Curriculum vitae with informations about Florence Nightingale and Kaiserswerth, 1957; - Z. Cope, Florence Nightingale and the doctors, 1958; - E.F. Dodd, Florence Nightingale, 1958; - Jörg Erb, Florence Nightingale, in: Die Wolke der Zeugen III, 1958, 443-4 50; - Irmgard Wild, Florence Nightingale, 1980; - Werner Legère, Schwester Florence: ein Leben im Dienst der Verwundeten und Kranken, 1984; - EKL II, 21961, 1605 f.; - ESL, 71980, 952 f.; - RE 14, 1904, 59-61; - RGG IV, 1960, 1480.
Frank Schumann
Werkeergänzung:
The collected works of F.N. Lynn McDonald, Ed. Waterloo, Ont. 2001ff.
Literaturergänzung:
1996
Alison A. Anderson, F.N. Constructing a vocation, in: AThR 78.1996, S. 404-419; -
2010
Brigitte Troeger, F.N. Der Engel der Verlassenen. Biograf. Erzählung. Gießen 2010.
Letzte Änderung: 09.04.2010