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Verlag Traugott Bautz
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NIKOLAUS I., Papst (858-867), * um 820, † 13. Nov. 867. - Der Sohn des römischen Regionars Theodor (der vielleicht mit dem 850-857 belegten Notar und Scriniar identisch ist, ist seit dem Pontifikat von Sergius' II. (844-847) im Umkreis der Päpste belegt. Sergius weihte ihn zum Subdiakon, Leo IV. (847-855) zum Diakon, und seinem unmittelbaren Vorgänger Benedikt III. (855-858) diente N. als einer der wichtigsten Berater. Als er im April 858 (etwa am 21. - 23.) in Anwesenheit Kaiser Ludwigs II. gewählt, dann wohl am 24. April geweiht wurde, schien ein kaisertreuer Kandidat das päpstliche Amt übernommen zu haben. Jedoch entwickelte Nikolaus schon sehr bald eine sehr eigenständige Politik, die ihm den Ruf eines Vorläufers für das Reformpapsttum und des Wegbereiters der päpstlichen Monarchie einbrachte. - In mehreren Konfliktfällen während seines Pontifikates, die auch den Osten betrafen und die sich teilweise zeitlich überschnitten, brachte er die Stellung des Papstes - zumindest soweit aus seinen Briefen hervorgeht - eindringlich zur Geltung. So zwang er den Erzbischof Johannes VII. von Ravenna, der in römische Rechte in der Pentapolis eingegriffen hatte, zur Unterwerfung (861-862), obwohl dieser teilweise von Kaiser Ludwig II. unterstützt wurde. Prinzipielle Positionen wurden deutlich im Ringen mit verschiedenen Vertretern des Episkopates im Mittelreich und Westfranken. Vor allem gegenüber Hinkmar von Reims versuchte N., den Vorrang des päpstlichen Entscheides gegenüber Synodal- und Metropolitangewalt durchzusetzen (Verwendung einzelner Zitate aus Pseudo-Isidor), indem er die Streitfälle des Bischofs Rothad von Soissons und einiger noch vom früheren Reimser Metropolitien Ebbo geweihten Kleriker aufgriff. - Seine ebenso entschiedene Haltung im Ehestreit König Lothars II. gipfelte in der Absetzung der den König unterstützenden Erbischöfe Theutgaud von Trier und Gunther von Köln (863), die Unterstützung, die N. in diesem Fall indirekt durch die Traktate Hinkmars erhielt, läßt aber auch auf politische und persönliche Interessen Hinkmars schließen. - Von 861-867 währte die Auseinandersetzung mit Byzanz und bestimmte somit fast die gesamte Pontifikatszeit. Die Anerkennung des unkanonisch erhobenen Photios verweigerte Nikolaus und sprach - vielleicht unter Druck der Anhänger des Theognost - 863 sogar die Absetzung aus. Der Streit, den die außergewöhnlich langen - wohl auch unter Einfluß von Anastasius Bibliothecarius - verfaßten Briefe dokumentieren, verschärfte sich noch ab 866 im Streit um Bulgarien. Der neugetaufte Bulgarenfürst Boris hatte 866 um Glaubensboten und Auskünfte zu kirchlichen (Rechts)bräuchen angefragt. N. entsandte Missionare mit einem ausführlichen Lehrschreiben (»Responsa ad consulta Bulgarorum«) nach Bulgarien. Zusammen mit den anderen Konfliktpunkten führte diese Einflußnahme des Papstes in Bulgarien zum endgültigen Bruch mit Photios, der zusammen mit der Kirche des Osten gegen die lateinischen Bräuche aufrief und sogar ein Absetzungsurteil gegen N. in Konstantinopel zustande brachte. Wegen eines politischen Umschwunges in Byzanz und auch wegen des kurz darauf erfolgten Todes N.s blieb diese Maßnahme jedoch de facto wirkungslos. Der wohl schon seit 865 zunehmend kranke Nikolaus starb 867. Begraben wurde er im Atrium der Peterskirche. - Die Beurteilung des Papstes bleibt schwierig. Schon von den Zeitgenossen als kraftvolle Persönlichkeit eingeschätzt, von den Historikern dann oftmals als Vorläufer der päpstlichen Weltherrschaft gesehen, hat die Edition und Analyse der umfangreichen Briefe gezeigt, daß viele der in dieser Hinsicht einschlägigen Zitate nicht neu sind. Außerdem wird der Einfluß des seit 862 wieder an Einfluß gewinnenden Anastasius Bibliothecarius kontrovers eingeschätzt. Eine Vielzahl von Streitfällen war an N. herangetragen worden; N. reagierte energisch, aber eine eigenständige zielgerichtete politische Konzeption ist gleichwohl kaum erkennbar. Wenn auch der pointierten Stellungnahme, N. sei wie ein Meteor aufgegangen und auch ohne große Wirkung wieder verblaßt, entgegengehalten wurde, daß die Bedeutung aus der Nachwirkung hervorgehe, so bleibt die Frage bestehen, welche Machtposition ein Papst in dieser Zeit überhaupt aufgrund der strukturellen Voraussetzungen erreichen konnte. Deshalb ist künftig auch den N. vorausgehenden Pontifikaten verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen, um zu bestimmen, inwieweit die von Nikolaus I. eingenommenen Positionen bereits vorbereitet wurden.
Quellen: Liber pontificalis, ed. L. Duchesne, Le Liber pontificalis, texte, introduction et commentaire, Band 2, Paris 1892 (Nachdr. 1981), 151-172; - Ph. Jaffé, Regesta pontificum Romanorum, Leipzig 21885 (Nachdr. Graz 1956), Bd. 1, 341-368, Bd. 2, 703, 745; Nicolai I. papae epistolae, ed. E. Perels (MGH Epistolae 6), Berlin 1902-1925, Nachdr. München 1978, 257-690; Responsa Nicolai I papae ad consulta Bulgarorum, Sofia (Serdicae) 1934.
Lit.: E. Perels, Nikolaus I. und Anastasius Bibliothecarius, Berlin 1920; - ders., Papst Nikolaus I. im Streit zwischen Le Mans und St. Calais. In: Papsttum und Kaisertum. Forschungen zur politischen Geschichte und Geisteskultur des Mittelalters. P. Kehr zum 65. Geburtstag dargebracht, hrsg. von Albert Brackmann, München 1926, 146-162; - P. Daudet, La jurisdiction matrimoniale d'après Hincmar de Reims et Nicolas Ier (École nationale des Chartes), Paris 1931; - J. Haller, Nikolaus I. und Pseudoisidor, Stuttgart 1936; - Horst Fuhrmann, Nikolaus I. und die Absetzung des Erzbischof Johann von Ravenna. In: ZRG KA 44 (1958) 353-358; - C. Brühl, Hincmariana. In: Deutsches Archiv 20, 1964, 48-77, Nachdr.: ders., Aus Mittelalter und Diplomatik. Gesammelte Aufsätze I, Hildesheim - München - Zürich 1989, 292-322; - I. Dujcev, Die Responsa Nicolai I Papae ad consulta Bulgarorum als Quelle für die bulgarische Geschichte. In: ders., Medioevo Bizantino-Slavo I (Storia e Letteratura 102), Rom 1965, 125-148; - ders., Au lendemain de la conversion du peuple bulgare, In: Ders., Medioevo Bizantino-Slavo I (Storia e Letteratura 102), Rom 1965, 107-123; - ders., Uno studio inedito di Mons, G. G. Ciampini sul papa Formoso. In: ders., Medioevo Bizantino-Slavo I (Storia e Letteratura 102), Rom 1965, 149-181; - K.-U. Betz, Hinkmar von Reims, Nikolaus I., Pseudo-Isidor. Fränkisches Landeskirchentum und römischer Machtanspruch im 9. Jahrhundert, Bonn 1965; - B. Paradisi, Il diritto romano nell'Alto Medio Evo, le epistole di Nicolo I e un'ipotesi del Conrat. In: Studia Gratiana 11 (1967), 209-251; - Y. M. J. Congar, Nicolas Ier: ses positions ecclesiologiques. In: Rivista di storia della chiesa in Italia 21, (1967), 393-410; - J. L. Wieczynski, The Anti-Papal Conspiracy of the Patriarch Photius in 867. In: Byzantine Studies 1 (1974), 180-189; - H. Fuhrmann, Einfluß und Verbreitung der pseudoisidorischen Fälschungen von ihrem Auftauchen bis in die neuere Zeit, 3 Bde. (MGH Schriften 24) Stuttgart 1972-74; - P. Leisching, Der Inhalt der Responsa Nikolaus I. ad consulta Bulgarorum im Lichte westkirchlicher Quellen. In: Kanon. Jahrbuch der Gesellschaft für das Recht der Ostkirchen 3 (1977) 240-248; - J. Bakita, Nicholas (858-867): An Interpretation of Papal Primacy (Diss. Michigan 1978); - L. Heiser, Die Responsa ad consulta Bulgarorum des Papstes Nikolaus I. (858-867). Ein Zeugnis päpstlicher Hirtensorge und ein Dokument unterschiedlicher Entwicklungen in den Kirchen von Rom und Konstantinopel (Trierer Theologische Studien 36), Trier 1979; - R. J. Belletzkie, Pope Nicholas I and John of Ravenna. The Struggle for Ecclesiastical Rights in the Ninth Century. In: Church History 49 (1980) 262-272; - J. C. Bishop, Pope Nicholas I and the first age of Papal independance (Diss., Ann Arbor, London 1981); - P. A. Holmes, Nicholas I's »Reply to the Bulgarians« Revisited. In: Ecclesia Orans 7 (1990) 131-143; - K. Herbers, Der Konflikt Papst Nikolaus I. mit Erzbischof Johannes VII. von Ravenna (861). In: Diplomatische und chronologische Studien aus der Arbeit an den Regesta Imperii, hrsg. von P.-J. Heinig (Köln-Wien 1991) 51-66; - H. Fuhrmann, Widerstände gegen den päpstlichen Primat im Abendland. In: Il primato del vescovo di Roma nel primo Millenio, (Atti del Symposium Storio-Theologico Roma 9-13 Ottobre 1989, hrsg. von M. Maccarone), Vatikan 1991, 707-773; - K. Herbers, Papst Nikolaus und Patriarch Photios. Das Bild des byzantinischen Gegners in lateinischen Quellen. In: Die Begegnung des Westens mit dem Osten, hrsg. von O. Engels/P. Schreiner, Sigmaringen 1993 (im Druck).
Klaus Herbers
Literaturergänzung:
1996
P. Halfter, Das Papsttum und die Armenier inm Frühen und Hohen Mittelalter. Von den ersten Kontakten bis zur Fixierung der Kirchenunion im Jahre 1198. ( Forschungen zur kaiser-Und Papstgeschichte des Mittelalters 15), Köln 1996, S. 85-110; -
2001
Detlev Jasper, The Beginning of the Decretal Tradition. Papal Letters from the Origin of the Genre through the Pontificate of Stephen V, in: Ders., Horst Fuhrmann, Papal Letters in the Early Middle Ages, Washington, D.C. 2001 (History of Medieval Canon Law [2]), S. 110-125.
Letzte Änderung: 19.02.2010