NÖSSELT, Johann August, einflußreicher protestantischer Theologe neologischer
Richtung, * 2.5. 1734 als Kaufmannssohn in Halle, † 11.3.
1807 in Halle. - N. war Zögling der Waisenhausschule, studierte
seit 1751 in Halle (J.S. Baumgarten) und begann nach einer akademischen
Reise 1757 als Magister Rhetorik, neutestamentliche Exegese und Kirchengeschichte
zu dozieren. 1760 wurde er ao., 1764 o. Prof. der Theologie, 1779
an J.S. Semlers Stelle auch Direktor des Theologischen Seminars und
Geheimrat. N. ist ein sehr bezeichnendes Beispiel des Abschieds der
evangelischen Theologie des 18. Jh.s von einer pietistisch modifizierten
Orthodoxie und ihrer neologischen Fortentwicklung auf der Grundlage
strenger grammatischer und historischer Bibelauslegung und im Bündnis
mit der aufklärerischen Popularphilosophie; speziell N. verkörpert
dabei sowohl den Anspruch auf Denkfreiheit bzw. auf theologischen
Fortschritt als auch die Absicht, ihn stets pädagogisch angemessen,
d.h. ohne Anstoß für die »Schwachen«, zu realisieren. Als Exeget hat
N. die Hermeneutik J.A. Ernestis am gesamten Text des NT ausgearbeitet,
aber nur wenig publiziert. Unter dem Einfluß von J.S. Semler und J.J.
Spalding beteiligte sich N. seit den späten 70er Jahren an der populartheologischen,
d.h. an religiösem »Trost« und moralischer »Besserung« orientierten
Umformung der Glaubenslehre, insbesondere der Soteriologie und der
Satisfaktionslehre; seine Schüler hierin waren etwa F.G. Lüdke oder
A.H. Niemeyer. Wie er gegen den zeitgenössischen Naturalismus die
Möglichkeit und die Glaubwürdigkeit der christlichen (Offenbarungs-)
Religion verteidigte und sich den Spott K.F. Bahrdts gefallen lassen
mußte, so verteidigte er auch den christlichen Eudämonismus gegen
die Kant'sche Revision der Dogmatik am Maß des moralischen Glaubens;
G.E. Lessing hat N. nicht nur seines aufrechten Charakters wegen geschätzt.
Standhaft verteidigte N. auch, obwohl selber vom Wöllner'schen Religionsedikt
von 1788 bedroht, die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung gegen
staatliche Reglementierung. Nichtsdestoweniger wurde an N. von der
folgenden theologischen Bewegung, etwa von F. Schleiermacher, das
Fehlen von Geist, Talent und religiösem Sinn getadelt.
Werke: (alle Halle): De aetate scriptorum Tertulliani,
1757; Verteidigung der Wahrheit und Göttlichkeit der christlichen
Religion, 1766, 1783
5; Opusculorum ad interpretationem Sacrarum
Scripturarum fasciculi I-III, Halle 1772, 1787, 1803; Kurze Anweisung
für unstudirte Christen zur Erlangung einer zuverlässigen Gewißheit
von ihrer Religion, 1773; Über die Erziehung zur Religion, 1774; Anweisung
zur Kenntniß der besten allgemeinern Bücher in allen Theilen der Theologie,
1779, 1800
4; Anweisung zur Bildung angehender Theologen, 1785,
1818/9
3; Erklärung der Theologischen Facultät zu Halle über
Dr. Bahrdt's Appellation an das Publikum, 1785.
Lit.: August H. Niemeyer, Leben, Charakter und Verdienst
Johann August Nösselts, Halle/Berlin 1809; - Karl Aner, Die Theologie
der Lessingzeit, 1929, 90 ff.; - ADB XXIV, 25 ff.; - RE3
XIV, 149 f.; - RGG3 IV, 1502 f.
Walter Sparn
Literaturergänzung:
2009
Marianne Schröter, Enzyklopädie u. Propädeutik in d. Halleschen Tradition, in: PuN 35.2009, S. 115-147.
Letzte Änderung: 04.05.2012