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Band VI (1993)Spalten 983-984 Autor: Walter Sparn

NÖSSELT, Johann August, einflußreicher protestantischer Theologe neologischer Richtung, * 2.5. 1734 als Kaufmannssohn in Halle, † 11.3. 1807 in Halle. - N. war Zögling der Waisenhausschule, studierte seit 1751 in Halle (J.S. Baumgarten) und begann nach einer akademischen Reise 1757 als Magister Rhetorik, neutestamentliche Exegese und Kirchengeschichte zu dozieren. 1760 wurde er ao., 1764 o. Prof. der Theologie, 1779 an J.S. Semlers Stelle auch Direktor des Theologischen Seminars und Geheimrat. N. ist ein sehr bezeichnendes Beispiel des Abschieds der evangelischen Theologie des 18. Jh.s von einer pietistisch modifizierten Orthodoxie und ihrer neologischen Fortentwicklung auf der Grundlage strenger grammatischer und historischer Bibelauslegung und im Bündnis mit der aufklärerischen Popularphilosophie; speziell N. verkörpert dabei sowohl den Anspruch auf Denkfreiheit bzw. auf theologischen Fortschritt als auch die Absicht, ihn stets pädagogisch angemessen, d.h. ohne Anstoß für die »Schwachen«, zu realisieren. Als Exeget hat N. die Hermeneutik J.A. Ernestis am gesamten Text des NT ausgearbeitet, aber nur wenig publiziert. Unter dem Einfluß von J.S. Semler und J.J. Spalding beteiligte sich N. seit den späten 70er Jahren an der populartheologischen, d.h. an religiösem »Trost« und moralischer »Besserung« orientierten Umformung der Glaubenslehre, insbesondere der Soteriologie und der Satisfaktionslehre; seine Schüler hierin waren etwa F.G. Lüdke oder A.H. Niemeyer. Wie er gegen den zeitgenössischen Naturalismus die Möglichkeit und die Glaubwürdigkeit der christlichen (Offenbarungs-) Religion verteidigte und sich den Spott K.F. Bahrdts gefallen lassen mußte, so verteidigte er auch den christlichen Eudämonismus gegen die Kant'sche Revision der Dogmatik am Maß des moralischen Glaubens; G.E. Lessing hat N. nicht nur seines aufrechten Charakters wegen geschätzt. Standhaft verteidigte N. auch, obwohl selber vom Wöllner'schen Religionsedikt von 1788 bedroht, die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung gegen staatliche Reglementierung. Nichtsdestoweniger wurde an N. von der folgenden theologischen Bewegung, etwa von F. Schleiermacher, das Fehlen von Geist, Talent und religiösem Sinn getadelt.

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Werke: (alle Halle): De aetate scriptorum Tertulliani, 1757; Verteidigung der Wahrheit und Göttlichkeit der christlichen Religion, 1766, 17835; Opusculorum ad interpretationem Sacrarum Scripturarum fasciculi I-III, Halle 1772, 1787, 1803; Kurze Anweisung für unstudirte Christen zur Erlangung einer zuverlässigen Gewißheit von ihrer Religion, 1773; Über die Erziehung zur Religion, 1774; Anweisung zur Kenntniß der besten allgemeinern Bücher in allen Theilen der Theologie, 1779, 18004; Anweisung zur Bildung angehender Theologen, 1785, 1818/93; Erklärung der Theologischen Facultät zu Halle über Dr. Bahrdt's Appellation an das Publikum, 1785.

Lit.: August H. Niemeyer, Leben, Charakter und Verdienst Johann August Nösselts, Halle/Berlin 1809; - Karl Aner, Die Theologie der Lessingzeit, 1929, 90 ff.; - ADB XXIV, 25 ff.; - RE3 XIV, 149 f.; - RGG3 IV, 1502 f.

Walter Sparn

Literaturergänzung:

2009

Marianne Schröter, Enzyklopädie u. Propädeutik in d. Halleschen Tradition, in: PuN 35.2009, S. 115-147.

Letzte Änderung: 04.05.2012