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Band VI (1993)Spalten 1049-1052 Autor: Karl Heinz Voigt

NUELSEN, John Louis, * 19.1. 1867 in Zürich, + 26.6. 1946 in Cincinnati/Ohio. Bischof der Methodistenkirche. Eltern: Heinrich Nuelsen, Methodistenprediger in den USA und in Deutschland, und die in seiner zweiten Ehe mit ihm verheiratete Rosalie, geb. Müller. Nach dem Schulbesuch in Karlsruhe und Abitur in Bremen studierte J.L.N. Theologie; zunächst am Drew Theological Seminary in Madison, N.J. (1887/89), später in Berlin und Halle (1893/94). Nach kurzen Gemeindediensten und zwischenzeitigen Lehraufträgen wirkte J.L.N. nacheinander am Central Wesleyan College in Warrenton, Mo.(1894/99) und am Nast Theological Seminary in Berea, Ohio (1899/1908). 1908 wählte ihn die Generalkonferenz seiner Kirche zum Bischof und übertrug ihm die Aufsicht über den Omaha-Sprengel (Nebraska) bis 1912. Danach wurde ihm die Aufsicht über die Kirche in Europa aufgetragen. Sein Sitz war Zürich bis 1940. Danach ging er in den Ruhestand, den er wieder in Amerika erlebte, bis er am 26. Juni 1946, durch den Krieg mehrere Jahre von dem liebgewordenen Sprengel schmerzlich getrennt, starb. - Schon 1912, dem Jahr seiner Beauftragung für Europa, leitete er die Jährlichen Konferenzen der Methodistenkirche in der Schweiz, in Deutschland, in Skandinavien, Rußland, Frankreich, Spanien, Italien und schließlich Österreich-Ungarn. Seine vielen Reise waren Gelegenheiten für vielfältige Kontakte, besonders auch über die eigene Kirche hinaus. In Konstantinopel und Moskau besuchte er die Orthodoxen Patriarchen, natürlich stand er schon früh im Kontakt mit Bischof Nathan Söderblom, mit führenden Ökumenikern in England, den USA und freilich in der Schweiz. J.L.N. war eine herausragende ökumenische Persönlichkeit. Schon während seiner Lehrtätigkeit in Amerika bemühte er sich durch die Rezension vieler deutscher theologischer Werke, um in der von ihm mitherausgegebenen deutsch-amerikanischen »Zeitschrift für Theologie und Kirche« eine Brücke zwischen den Kontinenten zu bauen. Nach dem Ersten Weltkrieg schuf er ein europaweites Hilfswerk, das bis tief nach Rußland hinein wirkte und nicht auf die methodistische Kirche beschränkt war. Die Berliner Universität verlieh, der ökumenischen Entwicklung weit voraus, dem methodistischen Bischof durch Prof. Adolf Deissmann 1922 einen theologischen Ehrendoktor. Nuelsen war bewußter Freikirchler, aber im Horizont der methodistischen theologischen Tradition konnte er es nur in ökumenischer Weite sein. Schon 1914 war der Bischof bei der Gründung des »Weltbunds für Freundschaftsarbeit der Kirchen« in Konstanz, dem die deutschen Kirchenführer mehr skeptisch als offen gegenüberstanden. J.L.N. führte die europäischen Methodisten zur Mitarbeit in der Stockholmer und Lausanner Bewegung. 1925 in Stockholm hielt Nuelsen selbst eine der drei Predigten an den Konferenz-Sonntagen. Durch seine wissenschaftlichen Publikationen und seine über die Methodistenkirche hinaus beachteten Vorträge führte Nuelsen seine Kirche auf den Weg von der diskriminierten Sekte zur evangelischen (Frei-)Kirche. Im Wandel von der Monarchie zur Republik sah J.L.N. eine für seine Kirche hoffnungsvolle Entwicklung und begrüßte sie öffentlich. Er scheute auch nicht den Kontakt zur Regierung der Weimarer Zeit, die von den meisten Kirchen zunächst mehr skeptisch als wohlwollend beobachtet wurde. J.L.N. war eine aristokratische Persönlichkeit, der von vielen Seiten Respekt und Achtung entgegengebracht wurde. Für ihn als Pazifisten waren die beiden Weltkriege, die die Kirchenbereiche seines Sprengels in ungeheure Spannungen versetzten, besonders schmerzliche Erfahrungen. In allen problematischen Situationen blieb er der souveräne demokratische Führer, der es vermied, Entscheidungen an sich zu reißen, sondern der nach methodistischer Ordnung der Dienstgemeinschaft in den »Konferenzen« die volle Entscheidungsfreiheit gewährte und sie damit auch die Verantwortung mittragen ließ. 1936 trennten sich die Methodisten in Deutschland von den anderen methodistischen Kirchenzweigen in Europa durch eine eigene Zentralkonferenz, die jedoch im Verband der Weltkirche blieb, aber nun vermehrte eigene Rechte hatte. - J.L.N. war ein hervorragender Bischof, Theologe, Prediger und das alles in ökumenischer Weitsicht und als Brückenbauer zwischen zwei Kontinenten und vielen europäischen Methodisten. - Von 1896 bis 1933 war er verheiratet mit Luella Elisabeth geb. Stroeter.

Werke: Jugend, Kirche und Staat, 1896; Autorität und Individualität, 1899; Methodismus in Amerika, in: Herzogs Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 13, 1903, auch als Separatdruck im Umlauf; Die Bedeutung des Evangeliums Johannes, 1904; Das Leben Jesu im Wortlaut der vier Evangelien (Synopse), 1904; John Wesley, ausgewählte Predigten - mit einer einleitenden Monographie, 1905; Luther, the Leader, 1906; Some recent Phases of German Theology, 1908; Methodismus und Weltmission, 1913; Metodizmus és Vilßgmisszió. Elöadßs tartotta a berlini Busch cirkuszban 1913, Budapest 1913; Metodismen och världmission Föredrag, Stockholm 1913; Der Methodismus in Deutschland nach dem Kriege, o.J. (1916/17?); Reformation und Methodismus, 19171, 19312; Der Imperialismus des Kreuzes, o.J. (1918/19?); Kurzgefaßte Geschichte des Methodismus von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, 1920, 19292; Der Methodismus als religiöse Bewegung und als Kirche, 1924; Unser Werk in Deutschland vor einer Katastrophe, o.J. (1924?); Der Methodismus im kirchlichen Leben Europas, 1925; Die evangelischen Freikirchen der Welt, in: G. Schenkel, Der Protestantismus der Gegenwart, 1926; Der Kampf ums Kind in der heutigen Zeit, 1927; John William Fletcher (Jean Guillaume de la Fléchère), Der erste schweizerische Methodist, 1929; Die Methodistenkirche im religiösen Leben der Schweiz, o.J. (1931); Die Neuordnung der Jährlichen Konferenzen, 1933; Die Ordination im Methodismus, 1935; Die letzten Schritte zur Selbständigkeit der Bischöflichen Methodistenkirche in Deutschland, vier Reden, 1936; Das Heilserlebnis im Methodismus, 1938; Wesley und das deutsche Kirchenlied, 1938; Die Lehre und kirchengeschichtliche Bedeutung des Methodismus (Sonderdruck aus Kurzgefaßte Geschichte), 1948; - HRG.: Mitherausgeber der deutsch-amerikanischen »Zeitschrift für Kirche und Theologie«, Cincinnati 1897-1908. - AUFS.: Die Einheitsbewegung der christlichen Kirchen vom Standpunkt der Freikirchen, in: Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen - deutsche Vereinigung, Vorträge Stuttgart 1924, hrsg. v. Friedrich Siegmund-Schultze, o.J., 12-24; Die Innere Mission im Leben Amerikas, in: Die Christliche Welt 1930, Nr.5; Religion in the Third Reich, in: Religion in Life, New York 1933, 541-552; Gottes Walten in meinem Leben, in: Der Christliche Apologete, 103. Jg, v. 4.9. 1940.

Bibliographie: Bibliographie bei Paul Ernst Hammer, John L. Nuelsen, Aspekte und Materialien eines biographischen Versuchs, 1974, 173-211.

Lit.: Carl Ernst Sommer, Nuelsen, John Louis, in: RGG3, Bd. IV, 1960, Sp 1541 f; - ders., J.L. Nuelsen, in: Encyclopedia of World Methodism, Bd. 2, 1974, 1792 f; - Wilhelm Karl Schneck, Gedenket an eure Lehrer, 1949; - Friedrich Wunderlich, Methodists Linking two Continents, Nashville 1960, 113-130; - ders., Brückenbauer Gottes, 1963, 138-175; - W. Nausner, Methodismus und Weltmission, Bischof John L. Nuelsen als prägende Gestalt, in: Michel Weyer, Der kontinentaleuropäische Methodismus zwischen den beiden Kriegen, Stuttgart 11-38, 1990; - Karl Heinz Voigt, Beziehungen zwischen dem deutschen Zweig der Methodistenkirche in Europa und der ökumenischen Bewegung, in Michel Weyer, Der kontinentaleuropäische Methodismus zwischen den beiden Weltkriegen, 155-188, 1990.

Karl Heinz Voigt

Letzte Änderung: 18.07.1998