|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
OETINGER, Friedrich Christoph, ev. Theologe und Theosoph, * 6.5. 1702 in Göppingen als Sohn eines Stadt- und Amtsschreibers. Heirat 1738. † 10.2. 1782 in Murrhardt/Württ. Oe.s Entscheidung, nach Besuch der Klosterschulen in Blaubeuren (1717/20) und Bebenhausen (1720/22) Theologie zu studieren, trägt Züge eines pietistischen Bekehrungserlebnisses. In Tübingen (1722/27) ist Georg Bernhard Bilfinger für ihn der Vermittler der Philosophie Christian Wolffs und Leibniz'. Oe. kommt hier aber auch mit der Kabbala und Jakob Boehme in Berührung. 1725 wird er Magister, 1729/30 magister legens in Halle, 1731/33 Repetent in Tübingen. 1734 studiert er in Leipzig und Halle Medizin; in Bad Homburg bildet er sich bei Dr. Kämpf, dem Anhänger einer Inspirationsgemeinde, in medizinischer Praxis aus. Dazwischen liegen (bis 1737) immer wieder Reisen als Ausdruck seiner Krisen und Auseinandersetzungen (z.B. 1733/34 Trennung von Zinzendorf). Erst 1738 stellt er sich dem Konsistorium in Stuttgart für das Pfarramt zur Verfügung. Nach Tätigkeit in Hirsau (1738), Schnaitheim (1743) und Walddorf bei Tübingen (1746) wird er 1752 Dekan in Weinsberg, 1759 in Herrrenberg und 1765 Prälat in Murrhardt. Damit gehört er auch dem Württembergischen Landtag an, in dem er 1770 für J.J. Moser stritt. Größere Reisen hat Oe. nicht mehr unternommen. »Das suchende Reisen wird zu einem schweifenden Suchen in der Literatur vergangener und gegenwärtiger Zeit und hat Eklektizismus als Methode und Ergebnis zur Folge, der ebensowenig zur Ruhe kommen läßt wie sein Reisen« (Piepmeier S. 376). 1763 erhält er wegen eines Buches über Emanuel Swedenborg Veröffentlichungsverbot. Emanuel Hirsch (S. 166) bezeichnet Oe. als »Nachfahr des heterodox gewordenen Pietismus in seiner notdürftig verkirchlichten Spielart«. - Oe.s Werk ist hochkomplex; schon zu seinen Lebzeiten wurde er nur selektiv rezipiert und oft nicht verstanden. »Er intendiert ein theologisch begründetes System, das noch den Anspruch erhebt, wissenschaftliche Erkenntnis in der Weise der Naturwissenschaften zu umfassen und die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit auf der Grundlage eines christlich begründeten Gemeinsinns. Seine Lehre soll als Theologie Begründung aller Wissenschaften und aller Wirklichkeitsdeutung sein« (Piepmeier S. 388), was schon damals problematisch war. Von Boehme und der Kabbala sind seine Gottesvorstellung und Naturdeutung, von Bengel seine Geschichtsdeutung (nahe bevorstehendes Weltende) abhängig. Auf der Grundlage eines biblisch-heilsgeschichtlich angeleiteten Eklektizismus sucht er nach einer »philosophia sacra« als organische Vereinigung himmlischen und irdischen Wissens. Die Deutung der Wirklichkeit als aufeinander bezogene, aber schwer zu entziffernde Texte führt Oe. zu einer Emblematik als Wirklichkeitsdeutung. »Leben« wird als Einheit vieler Kräfte gedacht, die in wechselseitigem Zusammenhang stehen. Gottes Verbundenheit mit der Welt soll so jenseits von Mechanismus und Pantheismus gedacht werden. Es dient demselben Ziel, wenn Oe. Gott selbst Leiblichkeit zuschreibt (»Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes«). Das Einheitsband von Oe.s »System«, das alle Bereiche der Wirklichkeit erfaßt und das in der Idee des Lebens begründet ist, liegt, auch in der Fortsetzung pansophischer Tradition, in einer gläubigen, der Rationalisierung wie der Ethisierung fähigen »Mystik«, die er »Theosophie« nannte, und die z.B. auf Schelling, Hegel, Goethe und Hölderlin eingewirkt haben soll.
Bibliographie: Die Werke der württembergischen Pietisten des 17. und 18. Jh. s. Verzeichnis der bis 1968 erschienenen Literatur. Bearbeitet von G.Mälzer (Bibliographie zur Geschichte des Pietismus, Bd. 1). Oe.: Nr. 1811-2128.
Werke (in Auswahl): Die Lehrtafel der Prinzessin Antonia. Hrsg. von Reinhard Breymayer und Friedrich Häußermann. (Texte zur Geschichte des Pietismus: Abt. 7, F.C.Oe., Bd. 1), 1977; Theologia ex idea vitae deducta. Hrsg. von Konrad Ohly (ebd.), 1979; Sämtliche Schriften. Hrsg. von K.Ch.E. Ehmann. I. Abt. Homiletische Werke, 5 Bde, 1852-1858. II. Abt. Theosophische Schriften, 1855-1864; Inquisitio in sensum communem et rationem, 1753 (Nachdr. 1964); Selbstbiographie. Hrsg. von J.Roessle, 1961; Die Sitten- Lehre Salomo in Vergleichung mit der Lehre Jesu, in etlichen Predigten vorgestellt, 1758; Die Theologie aus der Idee des Lebens abgeleitet und auf sechs Hauptstücke zurückgeführt. Dt. Übers.. von J.Hamburger, 1852; Die Wahrheit des Sensus Communis, in den nach dem Grund-Text erklärten Sprüchen und Prediger Salomo, 1753; Biblisches Wörterbuch. Neu hrsg. von J. Hamburger, 1849; Biblisches und emblematisches Wörterbuch, 1776 (Nachdr. 1969).
Lit.: F.CH.Oe. Leben und Briefe, als urkundlicher Commentar zu dessen Schriften. Hrsg. von K.Ch.E.Ehmann, 1859; - C.A.Auberlen, Die Theosophie F.C.Oe. nach ihren Grundzügen, 1847; - Emanuel Hirsch, Gesch. der neuern ev. Theologie IV, 1960, 166-174; - H.F. Fullenwider, F.C.Oe. Wirkungen auf Literatur und Philosophie seiner Zeit, 1975; - Rainer Piepmeier, F.C.Oe., in: Gestalten der Kirchengeschichte, hrsg. von Martin Greschat, Bd. VII, 1982, 373-390 (Lit.); - Gerhard Ruhbach-Josef Sudbrack, Große Mystiker, 1984, 267-281; - Dies. (Hrsg.), Christliche Mystik, 1989, 412-418, 547 (Lit.); - Martin Weyer-Menkhoff, Christus, das Heil der Natur. Entstehung und System der Theologie F.Ch. Oe.s, 1990; - Johannes Wallmann, Der Pietismus (Die Kirche in ihrer Geschichte Bd. 4, Lieferung 01), 1990, 138-143 (Lit.); - ADB XXIII, 538-541; - RE XIV, 332-339; -RGG3 IV, 1596.
Karl Dienst
Werkeergänzung:
1999
Oetinger, Friedrich Christoph: Biblisches und Emblematisches Wörterbuch. Hrsg. von Gerhard Schäfer in Verbindung mit Otto [Wilhelm] Betz [Tübingen], Reinhard Breymayer, Eberhard [Martin] Gutekunst, Ursula Hardmeier [, geb. Paschke], Roland Pietsch, Guntram Spindler. Berlin, New York 1999 (Texte zur Geschichte des Pietismus, Abt. VII, Bd. 3).
Literaturergänzung
1985
Friedhelm Groth: Die Apokatastasis panton, das Ziel der Werke Gottes. Bemerkungen zum eschatologischen Heilsuniversalismus bei Friedrich Christoph Oetinger , zuerst veröffentlicht in: Wahrnehmungen. Theologische Perspektiven und Zusammenhänge. Studien für Eckhard Lessing zum 50. Geburtstag, hrsg. von Werner Brändle, Münster (Eigendruck) 1985, 79-95; -
1986
Walter Dierauer, Hölderlin u.d. spekulative Pietismus Württembergs. Gemeinsame Anschauungshorizonte im Werk Oetingers u. Hölderlins. Zürich 1986; -
1991
Reinhard Breymayer, Das "Königliche Instrument". Eine religiös motivierte meßtechnische Utopie bei Andreas Luppius (1686), ihre Wurzeln beim Frührosenkreuzer Simon Studion (1596) u. ihre Nachwirkung beim Theosophen Friedrich Christoph Oetinger (1776). Mit e. unbeachteten Fragment e. Briefes an Johannes Kepler, in: Das Andere wahrnehmen. Köln 1991, S. 509-532; -
1994
Wolfgang Schoberth: Geschöpflichkeit in der Dialektik der Aufklärung. Zur Logik der Schöpfungstheologie bei Friedrich Christoph Oetinger und Johann Georg Hamann; Evangelium und Ethik 3, Neukirchen-Vluyn 1994; -
2000
[Reinhard Breymayer (Bearbeiter)]: Oetinger, Friedrich Christoph 1702-1782. In: Heiner Schmidt [Hauptbearbeiter und Hrsg.]: Quellenlexikon zur deutschen Literaturgeschichte, Bd. 24. (Duisburg:) 2000, S. 106 - 114; -
2003
Eberhard Fritz: Radikaler Pietismus in Württemberg. Religiöse Ideale im Konflikt mit gesellschaftlichen Realitäten (Quellen und Forschungen zur württembergischen Kirchengeschichte Band 18). Tübingen 2003; -
2005
Mathesis, Naturphilosophie und Arkanwissenschaft im Umkreis Friedrich Christoph Oetingers (1702-1782). Hrsg. von Sabine Holtz. Stuttgart 2005 (=Contubernium; 63); - Martin Weyer-Menkhoff, Herzsorge, Gott u. Körper bei F.C.O., in: Interdisziplinäre Pietismusforschungen. Hrsg. von Udo Sträter. Halle 2005, S. 611-618; -
2009
Tonino Griffero, La materia sottile e i suoi paradossi. Nota sulla corporeità spirituale, in: Sanctorum 6.2009, S. 136-147; -
2010
Kummer, Ulrike. Autobiographie und Pietismus. Friedrich Christoph Oetingers "Genealogie der reellen Gedancken eines Gottes-Gelehrten". Untersuchungen und Edition. Frankfurt [u.a.] 2010.
Letzte Änderung: 16.08.2010