Verlag Traugott Bautz |
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OSIANDER, Andreas (1498-1552) wurde als Pfarrer an St. Lorenz in Nürnberg von der Theologie Martin Luthers überzeugt und setzte gemeinsam mit seinen Freunden, dem Maler Albrecht Dürer, dem Ratsschreiber Lazarus Spengler, dem Diplomaten Willibald Pirkheimer und dem Meistersinger Hans Sachs, die Reformation in Nürnberg durch. Herzog Albrecht berief ihn als Theologieprofessor an die neugegründete Universität Königsberg. Hier wurde O. in heftige Auseinandersetzungen um eine Kernaussage reformatorischer Theologie, die Rechtfertigungslehre, verwickelt; der sog. »Osiandrische Streit« hat damals auf viele Jahre hinaus den Protestantismus erregt und entzweit. In Königsberg ist O. gestorben. - Leben und Lehre O.s sind durch folgende Akzente besonders geprägt: - O. war als ein versierter Kenner der hebräischen Sprache und der jüdischen Mystik (»Kabbala«) ein engagierter Freund des Judentums, der sich energisch zu Wort meldete, wenn den Juden Unrecht geschah, etwa im Zusammenhang mit der unseligen Ritualmordlüge; 1983 wurde in Tel Aviv seine Flugschrift gegen diese Beschuldigung neu veröffentlicht. - O.s Theologie läßt erkennen, daß sie auch im Dialog mit jüdischem Denken entstand. Danach wird die »Gerechtigkeit Christi« durch den Glauben »implantiert« und somit Bestandteil des Glaubenden. Damit ist dieser zu einem neuen Leben befreit; das wird ihm durch das »Wort« vermittelt, durch die Predigt von der »redemptio Christi«; das »äußere Wort« der Verkündigung bringt das »innere Wort«, nämlich Christus, mit sich; damit ist dem Glaubenden Gottes Gerechtigkeit »eingepflanzt«, er wird »unendlich frei« dazu, das Leben neu zu gestalten und zu verantworten. Mit der Brisanz dieser Theologie setzte sich O. von der »forensischen Rechtfertigungslehre« ab, die zu seiner Zeit maßgeblich geworden war (vgl. Melanchthon und das »Konkordienbuch«); O. und seine Anhänger blieben ausgegrenzt. - O. sorgte gegen mancherlei Widerstand (auch Luthers und Melanchthons) dafür, daß das bahnbrechende Werk des Frauenburger Domherren Nikolaus Kopernikus »De Revolutionibus Orbium Coelestium« - erst 1828 aus dem vatikanischen Index entfernt - 1543 mit einer ausführlichen Vorrede O.s in Nürnberg erscheinen konnte.
Lit.: G. Seebaß, Das reformatorische Werk des Andreas Osiander, Nürnberg 1967; - E. Hirsch, Die Theologie des Andreas Osiander, 1919; - G. Pfeiffer (Hg), Nürnberg, Geschichte einer europäischen Stadt, 2 Bände, 1970/71; - E. Reicke, Geschichte der Reichsstadt Nürnberg, 1896; - A. Müller, Geschichte der Juden in Nürnberg von 1146 bis 1945, Nürnberg 1968.
Paul Gerhard Aring
Literaturergänzung:
1973
Martin Stupperich: Osiander in Preußen. 1549-1552. Berlin, New York, Walter de Gruyter 1973 (= Arbeiten zur Kirchengeschichte Bd. 44); -
1993
Hans Schulz, A.O.s reformator. Lehre vom Eid, in: ARG 84.1993, S. 185-205; -
2002
Gottfried Seebaß, Ein Nachtr. zur O.-Gesamtausgabe, in: ARG 93.2002, S. 406-416; -
2005
Thomas M. Winger, The general absolution in light of the Nürnberg controversy, in: LThR 18.2005, S. 65-76; - Gottfried Seebaß, Ein unbekannter Brief A.O.s. Ein Nachtr. zur O.-Gesamtausgabe, in: ARG 96.2005, S. 291-294; -
2006
Anna Briskina, Philipp Melanchthon u. Andreas Osiander im Ringen um d. Rechtfertigungslehre. Frankfurt a.M. 2006; -
2008
Wolfgang Osiander, Die Reformation in Franken. A.O. u.d. fränk. Reformatoren. Gunzenhausen 2008.
Letzte Änderung: 09.04.2011