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Band VI (1993)Spalten 1132-1333 Autor: Gertrud Thoma

OTBERT, Bischof von Lüttich, + 31.1. 1119, begraben in Lüttich. - Über die Herkunft O.s ist außer einer Verwandtschaft mit dem Sohn eines Vasallen der Abtei St. Trond nichts bekannt; er dürfte aber aus der Diözese Lüttich stammen. Er war Kanoniker des Kathedralkapitels von St. Lambert und Propst des Kollegiatstiftes Heilig Kreuz in Lüttich. Nach einer Auseinandersetzung mit Bischof Heinrich von Lüttich begab er sich an den Hof Kaiser Heinrichs IV. Dieser ernannte ihn nach dem Tod des Bischofs (+ 31. Mai 1091) ohne kanonische Wahl zum Nachfolger in Lüttich, wo sich O. ohne weiteres durchsetzen konnte. Spannungen gab es aber mit verschiedenen Klöstern der Diözese, denen O. neue Äbte aufzwang; von dieser Seite wurde auch auf simonistische Umstände bei O.s Wahl hingewiesen. Diese Auseinandersetzungen, v.a. mit St. Hubert in den Ardennen und St. Laurentius in Lüttich, im ersten Drittel von Otberts Regierungszeit sind sowohl vor dem Hintergrund des Investiturstreits wie auch als Kampf um die Herrschaft des Bischofs über die Klöster des Bistums zu sehen. Der Streit mit St. Laurentius trug O. die Exkommunikation durch Papst Urban II. ein, die aber angesichts seiner starken Position in Lüttich völlig unwirksam war. Papst Paschalis II. versuchte O. und den Lütticher Klerus durch den Grafen Robert von Flandern militärisch zu bezwingen, was allerdings am Eingreifen des Kaisers scheiterte. O.s unbedingte Treue zu Heinrich IV. zeigte sich vor allem 1106, als er den abgesetzten und gebannten Kaiser in Lüttich aufnahm. Das gute Zusammenspiel zwischen Bischof und Kaiser zeigt, wie gut das Reichskirchensystem in Lüttich in dieser Krisenzeit funktionierte. Nach dem Tod Heinrichs IV. übertrug O. seine kaisertreue Haltung auf Heinrich V. Am Ende desselben Jahres ermöglichte ihm Paschalis II. die Rekonziliation. Für das Lütticher Territorium erwarb O. mehrere strategisch, politisch oder wirtschaftlich bedeutende Stützpunkte mit z. T. weiten Gebieten, so z.B. die Burgen Bouillon, Couvin und Clermont in den Jahren 1095/6. Daß er für die Bezahlung großer Kaufsummen den Kathedralschatz heranzog und Münzmanipulationen vornahm, führte mit zu einem Konflikt mit dem Kathedralklerus 1104, in dem O. außerdem Mißachtung der Rechte des Kathedralklerus und Simonie vorgeworfen wurden. Letztes Ziel seiner Politik war die Durchsetzung seiner auch politischen und militärischen Herrschaft in der ganzen Diözese. - Der gebildete, zielbewußte und energische Bischof kann als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten auf dem Lütticher Bischofsstuhl in der Zeit des 11. und 12. Jahrhunderts gelten.

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Werke: Edition seiner Urkunden in: F. Grandgagnage (s. Lit.), 207-241.

Lit.: Gerold Meyer von Knonau, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V., Bd.4-6, 1890-1909; - Alfred Cauchie, La Querelle des Investitures dans les diocèses de Liège et de Cambrai, 2 Bde. 1890/1; - Édouard de Moreau, Les derniers temps de la Querelle des Investitures à Liège. De la mort de Henri IV au Concordat de Worms (1106-1122), in: Bulletin de la commission royale d'histoire 100, 1936, 301-348; - Ders., Histoire de l'église en Belgique II, 2. Aufl.1947; - Françoise Grandgagnage, Étude critique des actes d'Otbert, prince-évêque de Liège, Lic. masch. 1959-1960; - Alfons Becker, Papst Urban II. (1088-1099), Tl.1: Herkunft und kirchliche Laufbahn. Der Papst und die lateinische Christenheit, 1964; - Jutta Beumann, Sigebert von Gembloux und der Traktat de investitura episcoporum, 1976; - Monika Minninger, Von Clermont zum Wormser Konkordat. Die Auseinandersetzungen um den Lehnsnexus zwischen König und Episkopat, 1978; - John van Engen, Rupert von Deutz und das sogenannte Chronicon Sancti Laurentii Leodiensis. Zur Geschichte des Investiturstreits in Lüttich, in: DA 35, 1979, 33-81; - Carlo Servatius, Paschalis II. 1099-1118, 1979; - Jean-Louis Kupper, Otbert de Liège: Les manipulations monétaires d'un évêque d'Empire à l'aube du XIIe siècle, in: MA 86, 1980, 353-385; - Ders., Liège et l'église impériale XIe - XIIe siècles, 1981; - Rudolf Schieffer, Die Zeit der späten Salier (1056-1125), in: F. Petri/ G. Droege (Hrsg.), Rheinische Geschichte I,3: Hohes Mittelalter, 1983; - Biographie nationale de Belgique XVI, 356-363; - ADB XXIV, 528 f.; - LThK VII, 1298; - Series episcoporum ecclesiae catholicae occidentalis, hrsg. St. Weinfurter u. O. Engels, V,I, 1983, 74 f.

Gertrud Thoma

Letzte Änderung: 09.04.2011