OTBERT, Bischof von Lüttich, + 31.1. 1119, begraben in Lüttich.
- Über die Herkunft O.s ist außer einer Verwandtschaft mit dem
Sohn eines Vasallen der Abtei St. Trond nichts bekannt; er dürfte
aber aus der Diözese Lüttich stammen. Er war Kanoniker des Kathedralkapitels
von St. Lambert und Propst des Kollegiatstiftes Heilig Kreuz in Lüttich.
Nach einer Auseinandersetzung mit Bischof Heinrich von Lüttich begab
er sich an den Hof Kaiser Heinrichs IV. Dieser ernannte ihn nach dem
Tod des Bischofs (+ 31. Mai 1091) ohne kanonische Wahl zum Nachfolger
in Lüttich, wo sich O. ohne weiteres durchsetzen konnte. Spannungen
gab es aber mit verschiedenen Klöstern der Diözese, denen O. neue
Äbte aufzwang; von dieser Seite wurde auch auf simonistische Umstände
bei O.s Wahl hingewiesen. Diese Auseinandersetzungen, v.a. mit St.
Hubert in den Ardennen und St. Laurentius in Lüttich, im ersten Drittel
von Otberts Regierungszeit sind sowohl vor dem Hintergrund des Investiturstreits
wie auch als Kampf um die Herrschaft des Bischofs über die Klöster
des Bistums zu sehen. Der Streit mit St. Laurentius trug O. die Exkommunikation
durch Papst Urban II. ein, die aber angesichts seiner starken Position
in Lüttich völlig unwirksam war. Papst Paschalis II. versuchte O.
und den Lütticher Klerus durch den Grafen Robert von Flandern militärisch
zu bezwingen, was allerdings am Eingreifen des Kaisers scheiterte.
O.s unbedingte Treue zu Heinrich IV. zeigte sich vor allem 1106, als
er den abgesetzten und gebannten Kaiser in Lüttich aufnahm. Das gute
Zusammenspiel zwischen Bischof und Kaiser zeigt, wie gut das Reichskirchensystem
in Lüttich in dieser Krisenzeit funktionierte. Nach dem Tod Heinrichs
IV. übertrug O. seine kaisertreue Haltung auf Heinrich V. Am Ende
desselben Jahres ermöglichte ihm Paschalis II. die Rekonziliation.
Für das Lütticher Territorium erwarb O. mehrere strategisch, politisch
oder wirtschaftlich bedeutende Stützpunkte mit z. T. weiten Gebieten,
so z.B. die Burgen Bouillon, Couvin und Clermont in den Jahren 1095/6.
Daß er für die Bezahlung großer Kaufsummen den Kathedralschatz heranzog
und Münzmanipulationen vornahm, führte mit zu einem Konflikt mit dem
Kathedralklerus 1104, in dem O. außerdem Mißachtung der Rechte des
Kathedralklerus und Simonie vorgeworfen wurden. Letztes Ziel seiner
Politik war die Durchsetzung seiner auch politischen und militärischen
Herrschaft in der ganzen Diözese. - Der gebildete, zielbewußte
und energische Bischof kann als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten
auf dem Lütticher Bischofsstuhl in der Zeit des 11. und 12. Jahrhunderts
gelten.
Werke: Edition seiner Urkunden in: F. Grandgagnage (s.
Lit.), 207-241.
Lit.: Gerold Meyer von Knonau, Jahrbücher des Deutschen
Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V., Bd.4-6, 1890-1909; -
Alfred Cauchie, La Querelle des Investitures dans les diocèses de
Liège et de Cambrai, 2 Bde. 1890/1; - Édouard de Moreau, Les derniers
temps de la Querelle des Investitures à Liège. De la mort de Henri
IV au Concordat de Worms (1106-1122), in: Bulletin de la commission
royale d'histoire 100, 1936, 301-348; - Ders., Histoire de l'église
en Belgique II, 2. Aufl.1947; - Françoise Grandgagnage, Étude
critique des actes d'Otbert, prince-évêque de Liège, Lic. masch. 1959-1960;
- Alfons Becker, Papst Urban II. (1088-1099), Tl.1: Herkunft und
kirchliche Laufbahn. Der Papst und die lateinische Christenheit, 1964;
- Jutta Beumann, Sigebert von Gembloux und der Traktat de investitura
episcoporum, 1976; - Monika Minninger, Von Clermont zum Wormser
Konkordat. Die Auseinandersetzungen um den Lehnsnexus zwischen König
und Episkopat, 1978; - John van Engen, Rupert von Deutz und das
sogenannte Chronicon Sancti Laurentii Leodiensis. Zur Geschichte des
Investiturstreits in Lüttich, in: DA 35, 1979, 33-81; - Carlo
Servatius, Paschalis II. 1099-1118, 1979; - Jean-Louis Kupper,
Otbert de Liège: Les manipulations monétaires d'un évêque d'Empire
à l'aube du XIIe siècle, in: MA 86, 1980, 353-385; - Ders.,
Liège et l'église impériale XIe - XIIe siècles, 1981;
- Rudolf Schieffer, Die Zeit der späten Salier (1056-1125), in:
F. Petri/ G. Droege (Hrsg.), Rheinische Geschichte I,3: Hohes Mittelalter,
1983; - Biographie nationale de Belgique XVI, 356-363; - ADB
XXIV, 528 f.; - LThK VII, 1298; - Series episcoporum ecclesiae
catholicae occidentalis, hrsg. St. Weinfurter u. O. Engels, V,I, 1983,
74 f.
Gertrud Thoma
Letzte Änderung: 09.04.2011