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Band VI (1993)Spalten 1336-1339 Autor: Ottmar Fuchs

OTMAR, eigentlicher Gründer und erster Abt des Klosters St. Gallen, wahrscheinlich in der dortigen Gegend um 689 geboren, † 16.11. 759 auf der Insel Werd im unteren Bodensee. 864 vom Konstanzer Bischof Salomon I. kanonisiert. - Von alemannischer Herkunft wurde O. in Chur zum Priester ausgebildet und übernahm wahrscheinlich dort die Betreuung einer Florinskirche. Aufgrund seines hervorragenden Rufes wurde er von den von den Franken eingesetzten alemannischen Tribun Waltram für den Neuaufbau der vom Verfall bedrohten Eremitenzellen gerufen, die der irische Mönch Gallus 612 errichtet hatte. O. löste das Eremitentum durch ein geregeltes Zönobitentum ab und führte entsprechende Klosterregeln ein. Die frühen Schenkungen kamen weitgehend von alemannischen Guts- und Adelsherren. Die durch Waltram vermittelte Repräsentation O.s gegenüber dem Hausmeier Karl Martell dürfte nicht verhindert haben, daß St. Gallen unter der Leitung des Abtes O. (719-759) im alemannischen Bereich verwurzelt war, diesbezüglich volksverbunden und für fränkisch-karolingische Interessen wohl zu selbständig und zu wenig reichstreu. Dies änderte sich nach dem Blutbad an den Alemannen durch Karlmann (746), womit in der Folgezeit auch strukturell die Zerstörung des alemannischen Eigenlebens begann. Mit der Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung wurden die bisherigen alemannischen Herzöge durch zuverlässigere fränkische Grafen ersetzt. Zur Zentralisierung der politischen Macht durch die Vereinheitlichung der Reichskirche gehörte auch die Strategie, in den Klöstern eine einheitliche Mönchsregel einzuführen. Von daher erklärt sich, daß Abt O. erst 747 auf Betreiben Karlmanns und Pippins die Benediktinerregel in St. Gallen einführte, was dann auch mit entsprechenden Güterschenkungen von dieser Seite verbunden war. Unter Abt O. erlebte das Kloster St. Gallen in verschiedener Hinsicht seine erste Blütezeit. Nach innen war dem Abt sehr am geistlichen Leben der Mönche gelegen. 53 Professen gab es in dieser Zeit. Nach außen nahm er insbesondere die christliche Verantwortung den Armen und Kranken gegenüber ernst. Er wurde als der »Armenvater« erlebt, dem es immer auch um eine persönliche Begegnung mit den Betroffenen ging. Zu ihrer Aufnahme errichtete er eine Armenherberge. Auch die Kranken pflegte er selbst. Für die Aussätzigen und unheilbar Kranken baute er ein Siechenhaus (medizingeschichtlich das älteste in der Schweiz). Dieser caritativen Praxis ist wohl auch die enge Verbindung zwischen Kloster und dem »einfachen« Volk zu verdanken. Zunehmend wurden die alemannische Volksverbundenheit und relative Unabhängigkeit des Klosters den fränkischen Grafen Warin und Ruthard ein Dorn im Auge. Dazu kamen grundherrschaftliche Ansprüche des Bischofs Sidonius von Konstanz, der (wie bereits die Reichenau) St. Gallen als Eigenkloster inkorporieren wollte. Auf dem Gipfel der Auseinandersetzung nahmen die Grafen 759 O. gefangen und brachten ihn unter der üblichen falschen Anklage eines Sittlichkeitsverbrechens (Ehebruch) vor Gericht und ließen ihn zum Hungertod in der Königspfalz Bodman verurteilen. Das Urteil wurde auf Betreiben eines einflußreichen Mannes namens Gozbert abgemildert: O. wurde auf die Insel Werd neben Gozberts Landgut in Gewahrsam gebracht. Dort stirbt er einsam noch im gleichen Jahr am 16.11.759. Etwa zehn Jahre später wurde sein unversehrter Leichnam von Mönchen nach St. Gallen zurückgebacht. Die Legende erzählt: Der Sturm konnte dem Boot nichts anhaben. Und die Pilgerflasche mit Wein wurde nicht leer. (In späteren Darstellungen des Heiligen bekommt er deshalb neben dem Abtsstab das Attribut des Weinfäßchens.) 864 erfolgt in St. Gallen die Rekognition der Reliquien und damit die Heiligsprechung durch den Bischof von Konstanz. Abt O. hat nicht nur das Verdienst, ein eigenständiges und für die Zukunft lebensfähiges Kloster St. Gallen gegründet zu haben, sondern er hat seinem Kloster auch ein authentisch christliches Profil gegeben, entsprechend der Nachfolge Christi in Wort und Tat: in der Pflege der Spiritualität wie auch in der Pflege der Leidenden, in der Gottesbeziehung wie auch in der Nächstenliebe, in der Verkündigung wie auch in der Diakonie. Mit der politischen Selbständigkeit des Klosters verteidigt O. immer auch diese inhaltliche Eigenständigkeit. Insbesondere weil er auch das Volk vor Ort schätzt und schützt, gerät er mit den zentralistischen Strategien der fränkischen Herrscher in Konflikt und muß ihrer Gewalt weichen. Daß dieses von ihm gegründete Kloster nicht seinen Namen trägt, ist der auch von ihm gepflegten Verehrung des hl. Gallus zu verdanken und hat zusätzlich seinen Grund darin, daß der Gründer erst 100 Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen wird. Die erste Urkunde, die vom Kloster der Heiligen Gallus und O. spricht, ist sinnigerweise ein Schenkungsdokument von Kaiser Karl III. (883), einem Nachfolger jener Machthaber, die O. zum Verhängnis wurden. Im Bistum St. Gallen gilt O. bis heute als dem St. Gallus gleichgestellter »Patronus aeque principalis«. Zahlreiche Patrozinien gab und gibt es in der nördlichen Schweiz und in Süddeutschland. Theologiegeschichtlich war O. wohl ein Vorgänger jener Ordensbewegungen, die im 12./13. Jahrhundert die Verkündigung des Evangeliums mit der Armut und der Armenhilfe und mit der Sorge um das einfache Volk verbanden. Nicht von ungefähr sind es Franziskaner, die heute das Otmarheiligtum auf der Insel Werd betreuen.

Lit.: Eine neuere kritische Ausgabe der Vita-Quellen insbesondere von Gozbert und Walahfrid sowie von Iso (entstanden in der 1. bzw. in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts im Klosterbereich) bringt der verdienstvolle Otmar - Forscher Johannes Duft, Sankt Otmar. Die Quellen zu seinem Leben. Lateinisch und deutsch, Zürich 1959; - Ders., Sankt Otmar in Kult und Kunst, Sankt Gallen 1966; - Ferdinand Vetter, Sankt Otmar. Der Gründer und Vorkämpfer des Klosters Sankt Gallen, in: Jahrbuch für Schweizerische Geschichte 43, 1918, 91-193; - Otmar Scheiwiller, Zur Biographie des hl. Abtes Otmar von St. Gallen, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 13, 1919, 1-32; - J. Hasler, Der heilige Otmar, Abt des Klosters St. Gallen, Wil 1959.

Ottmar Fuchs

Literaturergänzung:

2008

Max Schär, St. Gallen zwischen Gallus u. Otmar 640-720, in: SZRKG 102.2008, S. 317-359.

Letzte Änderung: 21.01.2009