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Band XXV (2005) Spalten 1014-1018 Autor: Alexandra von Teuffenbach

OTTAVIANI, Alfredo, Kirchenrechtler, Kardinal, * 29. Oktober 1890 in Rom, † 3. August 1979 ebendort. Im urrömischen Stadtviertel Trastevere als vorletztes von 12 Kindern geboren, zeigte der Bäckerssohn außerordentliche Begabung in der Schule und tiefe Frömmigkeit und kam daher ins römische Seminar von S. Apollinare. Dort traf er als Seminarist und junger Priester die späteren Kardinäle Pietro Parente, Borgongini Duca, Domenico Tardini und Paolo Marella. - Nach den klassischen, philosophischen und theologischen Studien sowie dem Studium des Kirchen - und Staatsrechts und der Priesterweihe am 18. März 1916 für die Diözese Rom, dozierte er an S. Apollinare, heute Lateranuniversität, an der er auch studiert hatte, utroque iure. Zusammen mit den späteren Kardinälen Cicognani, Roberti und Larraona gründete er dort die Zeitschrift Apollinaris. Als Ergebnis seiner Studien und Vorlesungstätigkeit veröffentlichte er Institutiones Iuris publici ecclesiastici für die Kirchenrechtsfakultäten und Compendium Iuris publici ecclesiastici für die Theologischen Fakultäten, sowie verschiedene kleinere Schriften. Im Jahr 1929 ließ er die Dozententätigkeit, um Substitut im Staatssekretariat zu werden. Zuvor, seit 1922, hatte er bereits als Offizial der Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten (S. Congregazione degli affari ecclesiastici straordinari) an der Vorbereitung verschiedener Konkordate mitgearbeitet, u.a. an den Verhandlungen mit Rumänien, Polen, Baden und Österreich. Auch an den Vorbereitungsarbeiten der Lateranverträge nahm er teil. Seit Dezember 1935 Assessor am heiligen Offizium, wurde er später in dieser Kongregation Sekretär und nach der Kurienreform Pro-Präfekt. Er war damit enger Mitarbeiter Pius XI. und kannte Pacelli, den zukünftigen Pius XII. gut, bevor dieser Papst wurde. Unter Pius XII. machte Ottaviani nicht nur "Karriere", sondern er nahm auch den Stil und die Überzeugungen des Pacelli Papstes auf, die er bis an sein Lebensende und auch unter Johannes XXIII. und Paul VI., die ihn im Amt bestätigten, beibehielt. Unter Pius XII. wurde er im Januar 1953 zum Kardinal erhoben. Erst unter Johannes XXIII. erhielten, im Hinblick auf das Konzil, alle Kardinäle, die nicht Bischöfe waren, die Fülle des Weiheamtes. Ottaviani wurde am 19. April 1962 von Johannes XXIII. selbst zum Bischof geweiht. An den wichtigsten kirchlichen Ereignissen des letzten Jahrhunderts nahm er in Schlüsselpositionen teil. Unter Pius XII. war er maßgeblich an den Vorbereitungsarbeiten zur Wiedereinberufung des I. Vatikanischen Konzils von 1948-51 beteiligt, und er stand bei der Verkündigung des Dogmas der Aufnahme Mariens in den Himmel, am 1. November 1950 auf der Loggia neben dem Papst. Johannes XXIII. berief ihn, nach der Ankündigung des Konzils, zum Vorsitzenden der theologischen Vorbereitungskommission und später zum Vorsitzenden der theologischen Kommission während des II. Vatikanischen Konzils - ein klares Zeichen für das Vertrauen und die Verbundenheit mit Ottaviani. - Mit großer Treue zu seinem Amt, jedoch auch mit menschlichem Einfühlungsvermögen und Diskretion arbeitete Ottaviani nicht nur in seinem Amt im hl. Offizium, sondern auch im Konzil. Seine Rede zum Frieden, in der letzte Phase des Konzils, erhielt breite Zustimmung und großen Beifall der Konzilsaula. Er hatte nicht nur zwei Weltkriege erlebt, sondern er hatte mit großer Klugheit die Gefahren der Diktaturen in Europa sehr früh erkannt - so belegen die persönlichen Aufzeichnungen der Tagebücher. Er lehnte das Naziregime in Deutschland genauso ab wie die stalinistische Sowjetunion. Er war Gegner der Ergebnisse der Konferenz in Jalta und schließlich einer der bekanntesten italienischen Antikommunisten. In den ersten fünfzehn Jahren nach dem zweiten Weltkrieg hatte er großen Einfluß auf die italienische Innenpolitik und bemühte sich jahrelang eine Koalition zwischen Christdemokraten und Sozialisten zunächst mit Erfolg zu verhindern. Die unter den Pontifikaten Pius XII. und Johannes XXIII. herausgegebenen Verbote, die Kommunistische Partei zu wählen, gehen auf ihn zurück. - Obwohl er Montini seit seiner Zeit als junger Priester im Staatssekretariat kannte, war Ottaviani in manchem mit Paul VI. nicht einverstanden. Die Kurienreform Paul VI., vor allem die Rolle des hl. Offiziums und die Neuordnung der Ämter sah er sehr negativ und weissagte damals bereits: "Erinnert euch daran, dies ist ein schwarzer Tag in der Geschichte der Kirche; denn es geht nicht um die Form, und nicht um die Titel, es geht um die Substanz. Bislang war nämlich das höchste Prinzip der Regierung der Kirche die geoffenbarte Lehre, die zu hüten und richtig zu interpretieren in der Kirche in erster Linie dem Papst überlassen war, der sich dieser Kongregation bediente, die daher die "Suprema" war. Nun weiß ich nicht, welches das leitende Kriterium für die Regierung der Kirche sein wird, aber ich befürchte, daß es das Diplomatische und Vorläufige sein wird. Ich sehe voraus, daß die Kirche daraus viel Schaden erleiden wird, aber weil sie vom Geist getragen ist, wird man früher oder später wieder das Kriterium der Regierung annehmen, das sich an der Offenbarung inspiriert und an seinen wesentlichen Inhalten ..." (Cavaterra, 85). Nach der Reform des hl. Offiziums war er dennoch von 1966 bis Januar 1968 Pro-Prefekt der "neuen" Glaubenskongregation. Am stärksten nach dem Konzil wegen seiner Kritik an der Liturgiereform bekannt, verurteilte er zusammen mit dem Latinisten Kardinal Bacci den neuen Ordo Missae sehr scharf, ohne jedoch das Konzil abzulehnen. Seine Treue zur Kirche drückte sich auch im Wappenspruch "semper idem" aus. International wurden ihm verschienen Ehrungen zuteil, so die Doktortitel h.c. verschiedener Universitäten u.a. der Katholischen Universität von Washington und der Seton Universität in Newark zuteil. Auch seine sozial-karitative Tätigkeit sollte nicht vergessen werden. Bereits als junger Priester und bis an sein Lebensende setzte Ottaviani sich mit Eifer für die Jugend ein, und betreute auch finanziell das Pontificio Oratorio di S. Pietro und das Weisenhaus für Mädchen Oasi di S. Rita, das er selbst gründete. Gegen Ende seines Lebens ließ er ein Altenheim errichten. Fast blind verbrachte Ottaviani die letzten zehn Jahre seines Lebens in seiner Wohnung im Vatikan. Kardinal Palazzini schrieb im Vorwort einer Biografie Ottavianis: "Entgegen dem Bild, das manch einer von ihm hat zeichnen wollen, eher aus ideologischen Gründen, als aus realer Notwendigkeit, (...) ergibt sich, daß der Mensch Ottaviani auch dann väterlich blieb, wenn der Hüter der katholischen Orthodoxie den Fehler aufgriff und verurteilte, wenn der Verantwortliche für die Heiligkeit der Sitten das Übel aufzeigte und es klar verurteilte". (Cavaterra, VII).

Werke: Institutiones iuris publici ecclesiastici 1925; 1958(5); Luce di Roma cristiana nel diritto 1943; Doveri dello Stato cattolico verso la religione 1953; Compendium iuris publici ecclesiastici 1936; 1964 (5); Non siamo insensibili alle sofferenze del Corpo Mistico 1960; Il baluardo 1961; Ius publicum internum; Ius publicum externum; Institutiones iuris publici ecclesiastici, 1947; zusammen mit A. Bacci, Breve esame critico del Novus Ordo Missae 1969.

Lit.: Cavaterra, E., Il prefetto del Sant'Offizio: le opere e i giorni del cardinale Ottaviani, presentazione di S.Em. il cardinale Pietro Palazzini, 1990; - Cazelles, H., - Festschrift Ottaviani, Populus Dei, II. Bände, 1969; - Gelmi, J., "Ottaviani", in: LThK3, Bd. 7, 1217f.; - Grootaers, J., I protagonisti del Vaticano II, 195-205; - Pizzuti, G.M., "L'acuta preveggenza del Cardinale cieco. A proposito di una biografia del card. Alfredo Ottaviani.", Humanitas, 49 (1994), 107-112; - Teuffenbach, A.V., Aus Liebe und Treue zur Kirche, 2004, 102-114.

Alexandra von Teuffenbach

Letzte Änderung: 09.10.2005