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Band VI (1993)Spalten 1390-1391 Autor: Karl Dienst

OVERBECK, Franz Camille, ev. Theologe, * 16.11. 1837 in St. Petersburg als Sohn eines Großkaufmanns, † 26.6. 1905 in Basel. - In Paris und Dresden erzogen, führten humanistische und religionswissenschaftliche Interessen O. zum Studium der Theologie in Leipzig und Göttingen. Er verstand sich als Schüler Ferdinand Christian Baurs (1792-1860), ohne dessen Hegelianismus zu teilen. 1864 Privatdozent in Jena, war er 1870-1897 Professor für NT und ältere KG in Basel. O. war ein Freund Nietzsches, ohne jedoch seine Selbständigkeit aufzugeben. Als Fachgelehrter wie als Kritiker der Theologie und des Christentums (Zumindest im Alter war O. Agnostiker) erlangte er posthume Wirkung. - O.s wissenschaftliches Interesse galt vor allem dem Grenzgebiet zwischen Urchristentum und alter Kirche. Zwischen dem ursprünglichen Christentum mit seiner Naherwartung des Weltendes und der Haltung der Weltverneinung auf der einen und dem Christentum der Kirche auf der anderen Seite sowie der Kultur sieht er eine Diskontinuität. Das »historische« Christentum ist für ihn Abfall vom ursprünglichen. Indiz für diesen Bruch zwischen dem ursprünglichen Christentum und dem der Kirche ist für O. (als Vorläufer der Formgeschichte) der von ihm besonders betonte absolute Gegensatz zwischen christlicher »Urliteratur«(NT/Apostolische Väter) und dem patristischen Schrifttum, das die Formen der profanen Weltliteratur benutzt, während jene für O. ein literarhistorisch isoliertes Phänomen darstellt. O.s wissenschaftliches Programm war folgerichtig eine »profane«, d.h. strenge Neutralität gegenüber Christentum und Kultur wahrende, am christlichen Glauben selbst grundsätzlich uninteressierte Kirchengeschichte. Seit den Apologeten ist für ihn das Christentum eine Selbsttäuschung, die Theologie ein Selbstbetrug. O. hat die Frage nach der Geschichtlichkeit des Christentums radikal gestellt und die Unlösbarkeit dieses Problems durch Rationalismus (Unterscheidung von Geschichtlichem und Übergeschichtlichem), Idealismus (Selbstverwirklichung des Geistes), Historismus (Relativierung) oder Kierkegaard (Gleichzeitigkeit) aufgezeigt. Er hat die Entstehung der sog. Dialektischen Theologie, insbesondere bei Karl Barth, beeinflußt; dieser hat ihn als einen »Zeugen wider Willen« für die Ärgerlichkeit und Befremdlichkeit der christlichen Botschaft in Anspruch genommen.

Werke: Über Entstehung und Rechte einer historischen Betrachtungsweise der ntl. Schriften in der Theologie, 1871; Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie, (1873) 19032; Studien zur Geschichte der alten Kirche, 1875; Zur Geschichte des Kanons, 1880; Über die Anfänge der patristischen Literatur, 1882 (Nachdr. 1954); Über die Anfänge der Kirchengeschichtsschreibung, 1892; Das Johannes-Evangelium, aus dem Nachlaß hrsg. von C.A. Bernoulli, 1911; Christentum und Kultur, 1919; Selbstbekenntnisse, hrsg. von Eberhard Vischer, 1941 (1966 unter dem Titel: » Entzauberung der Theologie: Zu einem Porträt Overbecks« mit einer Einleitung von Jacob Taubes neu hrsg.); Briefe O.s an G.Krüger, in: Theologische Blätter 15, 1936, 100-104; Briefe O.s an H. Hilgenfeld, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 6, 1954, 49-64; C.A. Bernoulli (Hrsg.), Nietzsches Briefwechsel mit O., 1916.

Bibliographie: Bibliographie bei Carl Albrecht Bernoulli, F. O. und Friedrich Nietzsche, 2 Bde, 1908; Walter Nigg, F.O., 1931.

Lit.: Karl Barth, Unerledigte Fragen an die heutige Theologie, in: Die Theologie und die Kirche, 1928, 1-25; - H. Schindler, Barth und O., 1936; - Ed. His, F.O., in: Basler Gelehrte des 19. Jh.s, 1941, 285-301; - Ernst Benz, O. und Nietzsche, in: ZKG 56, 1937, 301-310; - Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche, 19502, 402-415; - Philipp Vielhauer, F.O. und die ntl. Wissenschaft, in: Ev. Theologie 10, 1950/51, 193-207; - Wilhelm Kamlah, Christentum und Geschichtlichkeit, 1951; - Rudolf Bultmann, Geschichte und Eschatologie, 1958; - Wolfgang Philipp, Der Protestantismus im 19. und 20. Jh. (Sammlung Dieterich 273), 1965, 187-193 (Nachdr. 1988); - Friedrich Wilhelm Kantzenbach, Programme der Theologie, 1978, 112-119; - RE XXIV, 295-302; - RGG3 IV, 1750 ff.; - LThK2 VII, 1318.

Karl Dienst

Werkeergänzung:

1994

Werke und Nachlaß. Ed.-Komm.: Ekkehard W. Stegemann. Stuttgart 1.1994ff.;

2005

How Christian is our present-day theology? Annot. transl. with an introd. by Martin Henry. London 2005.

Literaturergänzung:

1986

Klaus Berger, Exegese u. Philosophie. Stuttgart 1986, S. 70-84; -

1988

Rudolf Brändle / Ekkehard W. Stegemann (Hrsg.), Franz Overbecks unerledigte Anfragen an das Christentum, München 1988; -

1989

Hermann-Peter Eberlein, Theologie als Scheitern? Franz Overbecks Geschichte mit der Geschichte, Essen 1989; -

1992

Niklaus Peter, Im Schatten der Modernität. Franz Overbecks Weg zur "Christlichkeit unserer heutigen Theologie", Stuttgart / Weimar 1992; -

1997

Andreas Urs Sommer, Der Geist der Historie und das Ende des Christentums. Zur "Waffengenossenschaft" von Friedrich Nietzsche und Franz Overbeck, Berlin 1997; -

2000

Andreas Urs Sommer, Weltentsagung, Skepsis und Modernitätskritik. Arthur Schopenhauer und Franz Overbeck, in: Philosophisches Jahrbuch, Bd. 107/1 (2000), 192-206; -

2005

Frank Bestebreurtje, Kanon als Form. Über die Geschichtsschreibung des Neuen Testaments bei Franz Overbeck. Bern [u.a.] 2005 (=Europäische Hochschulschriften : Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften; 1009); - Antonia Pellegrino, La città di idoli. F.O. e la crisi della teologia scientifica. Pisa 2005; -

2007

Martin Henry, F.O. A review of recent literature (part 1), in: IThQ 72.2007, S. 391-404; -

2008

Franz: Martin Henry, F.O. A review of recent literature (part 2), in: IThQ 73.2008, S. 174-191; -

2009

Frank P. Bestebreurtje, Oerchristendom en historische methode. De actualiteit van F.O.s probleemstelling, in: NeThT 63.2009, S. 37-50; - Ryan Glomsrud, The cat-eyed theologians. Franz Overbeck and Karl Barth, in: ZnTh 16.2009, S. 37-57.

Letzte Änderung: 09.12.2009