Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VI. (1993) Spalten 1536-1537 Autor: Lothar Bily

PARKER, Theodore, amerikanischer Theologe, Philosoph und Reformer, * 24.8. 1810 in Lexington/Mass., + 10.5. 1860 in Florenz. - Th. P.s Weg war wesentlich von seinen Eltern bestimmt, die Mutter lehrte ihn eine Religion der Liebe und der guten Werke, der Vater weckte in ihm eine bleibende Liebe zu Büchern. Mit 17 Jahren bereits Schulmeister, wechselte er 1830 auf die Harvard-Universität und beendete seine Studien schließlich in Cambridge/Mass. Obwohl er sich schon frühzeitig gegen die volkstümliche Theologie seiner Zeit stellte, wurde er 1837 in West-Roxbury zum Geistlichen der unitarischen Kirche ordiniert und versah bis 1846 den Predigtdienst. Schon bald wurden seine rationalistischen Ansichten deutlich, welche ihn in die Kreise des amerikanischen »Transzendentalismus« führten, jener bodenständigen philosoph. Strömung, welche sich v.a. aus den Quellen des deutschen Idealismus (besonders Kant), aber auch des Platonismus, der europ. Mystik und Romantik und asiatischer Philosophie speiste. Am 19.5. 1841 hielt er in Boston jene berühmt gewordene Predigt, »The Transient and Permanent in Christianity«, in welcher er die Grundprinzipien und Ideen seiner theologischen Position darlegte und den nun fortdauernden Konflikt mit seiner Kirche eröffnete. Nach dem Bruch mit den Unitariern war er 1846-1860 Prediger einer kongregationalistischen Gemeinde in Boston. Daneben betätigte er sich als politischer Reformer für Menschlichkeit und gegen die Sklaverei. Seine Popularität war ungebrochen, als er nach schwerer Erkrankung auf einer Erholungsreise in Italien verstarb. - In Th. P.s Theologie vermengen sich Einflüsse der amerikanischen Mystik eines Ralph Waldo Emerson und des Transzendentalismus (v.a. William E. Channings) mit Gedanken aus der Philosophie Kants und Schleiermachers. Der Kant'sche Kritizismus war für ihn Mittel zur Versöhnung von Vernunft und Glaube. Er wollte den christlichen Glauben von allen äußerlichen, vergänglichen Beigaben (Dogmen, Sakramente, kirchliche Institutionen) befreien, um so die »natürliche Religion« freilegen zu können, welche ihm wesentlich Frömmigkeit, Liebe zu Gott und natürliches Bedürfnis der menschlichen Natur war. Diese natürliche oder absolute Religion ist unabhängig von jeder Theologie, ist vielmehr Grundlage jeder positiven Theologie. Religion realisiert sich nach ihm in einer subjektiven Form, der Frömmigkeit, und in einer objektiven Form, der Moralität. Die Existenz Gottes, dessen Wesen Th. P. vor allem als Unendlichkeit bestimmte, war für ihn selbstverständlich, keines eigentlichen Beweises bedürftig, sie ergibt sich aus dem »Gefühl der Abhängigkeit« i.S. Schleiermachers. Th. P. führt hier eine Art »ontologisches Argument« ein: Wenn es im Menschen dieses Verlangen nach Gott gibt, so muß darin die reale Existenz eines es befriedigenden Objektes impliziert sein, da jenes Verlangen ein fundamentales Vermögen des Menschen ist. Gott, Unsterblichkeit und Recht bzw. das Gute sind apriorische Ideen. Daher wird das Gefühl der Abhängigkeit von Gott und der eigenen Unsterblichkeit vor aller Formulierung als Glauben als Leben gelebt, ebenso geht ein »spontanes« moralisches Bewußtsein der moralischen Einsicht voraus. Hauptziel Th. P.s (im Essay »Transcendentalism« formuliert) blieb, die natürliche Religion von Materialismus, Pantheismus und aller zweifelhaften Kosmologie zu befreien und sie auf die absoluten moralischen Gesetze und das absolute religiöse Bewußtsein zu gründen. - Th. P. war der erste amerikanische Gelehrte, der die Bedeutung der historischen Kritik, bes. für die Bibelforschung, erkannte und schätzte. Er war überzeugt von der Klugheit und Einsichtigkeit der Menschen und der Güte ihres Herzens. »Gewärmt durch die ersten guten Winde der Naturwissenschaft«, welche »nicht Zweifel, sondern Gewißheit« brachten, war er vom Triumph der Vernunft über alle Unvernunft überzeugt (H.S.Commager). Seine von milder, humaner, sozial orientierter Frömmigkeit geprägte Theologie fand auch in Europa v.a. in liberal-protestantischen Kreisen Anklang. Insgesamt gesehen war er eher Prediger als systematischer Denker, eher humanitärer Reformer denn konstruktiver Philosoph. Sein geradezu enzyklopäd. Wissen war »mehr ausgedehnt als kritisch« (H.W. Schneider).

Werke: A Discourse on the Transient and Permanent in Christianity, 1841 (5.Aufl.1948); A Discourse of Matters Pertaining to Religion, 1842 (dt.1843, amerikan.Neuausg.1972); Critical and Miscellaneous Writings, 1843; The Idea of a Christian Church, 1846; A Sermon of War, 1846; The Public Education of the People, 1850; Speeches, Addresses, and Occasional Sermons, 1852; Ten Sermons of Religion, 1853; Sermons of Theism, Atheism, and the Popular Theology, 1853; Additional Speeches, Addresses, and Occasional Sermons, 1855; The Great Battle between Slavery and Freedom, 1856; The Present Aspects of Slavery in America, 1858; The Biblical, the Ecclesiastical, and the Philosophical Notion of God, and the Soul's Normal Delight in Him, 1858; Theodore Parker's Experience as a Minister, 1859; Prayers, 1862; Lessons from the World of Matter and the World of Man, 1865; Historic Americans, 1870; Transcendentalism, 1876; West Roxbury Sermons, 1892; Wichtige Predigten, die gedruckt erschienen: An Humble Tribute to the Memory of William E. Channing, 1842; A Sermon of Slavery, 1843; The Relation of Jesus to His Age and the Ages, 1845; The Excellence of Goodness, 1845; A Sermon of War, 1846; A Sermon of Immortal Life, 1846; A Sermon of Merchants, 1847; Some Thoughts on the Most Christian Use of the Sunday, 1848; The State of the Nation, 1851; The Chief Sins of the People, 1851; Two Sermons Preached before the Twenty-Eighth Congregational Society in Boston, 1853; A Sermon of the Public Function of Woman, 1853; A Sermon of Old Age, 1854; The Law of God and the Statutes of Men, 1854; A Sermon of the Moral Dangers Incident to Prosperity, 1855; A Sermon of the Consequences of an Immoral Principle and False Idea of Life, 1855; A Sermon on False and True Theology, 1858; A False and True Revival of Religion, 1858; The Revival of Religion which We Need, 1858; The Effect of Slavery on the American People, 1858; Sammelausgaben: The Collected Works of Theodore Parker, 14 vols., 1863-1871, ed.by Frances Power Cobbe; Theodore Parker's Works, 10 vols., 1864-1871; Centenary Edition, 15 vols., 1907-1912; The Works of Theodore Parker, 8 Bände geplant, nur Band 1 1863 erschienen; Dt.Ausgabe (Auswahl) hrsg.v. J.Ziethen, 4 Bde., 1854/55; Bibliographien: Joel Myerson, Theodore Parker. A Descriptive Bibliography, 1981;

Lit.: John Weiss, Life and Correspondence of Theodore Parker, 1864 (Neudruck 1978); - A. Réville, Theodore Parker, 1865; - O.B. Frottingham, Theodore Parker. A Biography, 1874; - A. Altherr, Theodore Parker, 1894; - John Chadwick, Theodore Parker. Preacher and Reformer, 1900; - René Wellek, The Minor Transcendentalists and German Philosophy, in: New England Quarterly 15 (1942), S.656-680; - F.G. Brattan, The Legacy of the Liberal Spirit. Men and Mouvements in the Making of Modern Thought, 1943; - Henry Commager, Theodore Parker, 1947; - John Dirks, The Critical Theology of Theodore Parker, 1948 (Neudruck 1970); - Herbert W. Schneider, Geschichte der amerikanischen Philosophie, 1957; - W.R. Hutchinson, Transcendentalist Ministers, 1959; - Robert C. Albrecht, Theodore Parker, 1971; - Lawrence Buell, Literary Transcendentalism, 1973; - Robert E. Collins, Theodore Parker. American Transcendentalist, 1973; - RGG V, 115; - Enz.Britannica XVII, 308.

Lothar Bily