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Band VI. (1993) Spalten 1588-1594 Autor: Thomas Brechenmacher

In L. P. erscheint sicherlich einer der schillerndsten Vertreter prononciert katholischer Historiographie im letzten Drittel des 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Einerseits beeindruckt noch heute die immense Arbeits- und Forschungsleistung seines Hauptwerkes, der "Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters", durch die er in fast fünfzigjährigem unermüdlichem Schaffen der Papstgeschichtsschreibung ein neues Fundament legte, beeindruckt die Ausschließlichkeit seines Wollens, die logische Folgerichtigkeit, mit der er seine ganze Existenz jenem Ziel unterordnete. Andererseits freilich entsprießen dieser Ausschließlichkeit auch die weniger liebenswürdigen Charakterzüge P.s: überzogener Ehrgeiz und Selbstgerechtigkeit, starker Drang zu Apologetik, Polemik und Intoleranz sowie die Arroganz eines Alleinpächters letzter Wahrheiten. Die Schwierigkeiten des individuellen Werdeganges P.s. tragen zur Ausprägung seines Persönlichkeitsbildes ebenso bei, wie die innere Lage der deutschen Geschichtswissenschaft, in deren Rahmen P. seine ersten Schritte als Historiker unternimmt. -

Nach dem frühen Tod seines protestantischen Vaters, Kaufmanns in Aachen, später in Frankfurt/M., tritt der Zehnjährige zum katholischen Bekenntnis der Mutter über und gerät am Frankfurter Gymnasium unter den Einfluß des katholischen Geschichtsunterrichts Johannes Janssens. Sein bald sich offenbarendes, von Janssen hingebungsvoll gefördertes historiographisches Talent drängt ihn zu einer wissenschaftlichen Laufbahn, die dann allerdings keineswegs so geradlinig verläuft, wie es spätere Stilisierungen des Lebenslaufes P.s suggerieren wollen. Nicht nur die erheblichen Widerstände der Kaufmannsfamilie gegen den Beruf des Historikers, auch die schwierige Stellung einer großdeutsch-konservativen, orthodox ("ultramontan")-katholischen Geschichtsauffassung im neuen kleindeutsch-preußischen Kaiserreich, setzen ihn unter ständigen Rechtfertigungsdruck. Geradezu aggressiv, bisweilen ausfallend, bekennt sich P. alsbald schon zu letzterer, ja durchläuft, von seinem Mentor Janssen vorgeprägt und in der Wahl der Studienorte geleitet, eine Art klassische Schule dieser Richtung: zuerst in Löwen (1875), dann in Bonn (1875/76), schließlich - nach einem Berliner Semester - in Wien (1877/78) als Gast Onno Klopps, dessen Geschichtsanschauungen, insbesondere aber dessen schroffen Antiborussianismus er nahezu vollständig rezipiert. Klopp auch stellt ihm Material für eine Dissertation über die kirchlichen Reunionsbestrebungen während der Zeit Karls V. zur Verfügung, mit der P. 1878 in Graz zum Dr. phil. promoviert wird und deren erweiterte Fassung er im Februar 1880 an der Universität Innsbruck als Habilitationsschrift einreicht. -

Aber das Erbringen der äußeren Voraussetzungen bedeutet für einen katholischen Historiker auch in den Jahren nach dem Abklingen des Kulturkampfes keineswegs automatisch die Öffnung einer professoralen Laufbahn. Hatte diese Sachlage P. veranlaßt, sich nach Österreich zu wenden, sieht er sich dort nach seiner Habilitation gleichfalls zunächst enttäuscht. Das Ausbleiben seiner Bestätigung als Privatdozent zwingt ihn, vorübergehend eine Stelle beim Herder-Verlag in Freiburg anzutreten; erst zum Sommersemester 1881 kann er die Lehrtätigkeit in Innsbruck aufnehmen. Er wirkt an dieser Universität, die seinen ausgeprägten Karrierewillen kaum befriedigt, immerhin aber durch ihre relative Nähe zu Italien und Rom die Arbeit an der Papstgeschichte stark begünstigt, zwanzig Jahre, seit 1886 als Extraordinarius, seit 1887 als Ordinarius der allgemeinen Geschichte; Versuche, eine Berufung nach Wien, Freiburg oder gar zurück in seine rheinische Heimat zu erhalten, scheitern nicht nur an weltanschaulichen Widerständen, sondern auch an ernsthaften Einwänden gegen seine Lehrbefähigung wie seine wissenschaftliche Arbeitsweise. Als er 1901 in der Nachfolge Theodor Sickels zum Leiter des österreichischen historischen Institus in Rom ernannt wird, erfüllt sich hingegen der Traum, im Zentrum der katholischen Welt leben und an seinem großen Opus arbeiten zu können. Das bis zum Kriegsausbruch 1914 gesammelte Material ermöglicht P. auch nach der Schließung des Instituts, während der Kriegsjahre die Papstgeschichte in Innsbruck weiter voranzutreiben. 1919 leitet seine Rückkehr nach Rom einen neuen und letzten Abschnitt seines Lebensweges ein: zuerst Geschäftsträger, dann Gesandter vertritt er bis zu seinem Tod 1928 die österreichische Regierung beim Vatikan, ohne darüber jedoch sein historiographisches Schaffen, in erster Linie die Vollendung der Papstgeschichte, zu vernachlässigen. -

P. schrieb in 16 Bänden die Geschichte der Päpste von 1305-1799, vom "avignonesischen Exil" bis zum "Zeitalter der Revolution". Während er selbst, vor allem aber die Editoren seiner Tagebücher dazu neigen, eine große jugendliche Berufung zum Ursprung des Werkes zu stilisieren, führt demgegenüber die Lektüre der originalen Tagebücher zu dem Eindruck einer längeren Periode suchender Orientierung im Leben des jungen Historikers, ehe sich der Plan zur Papstgeschichte voll entfaltete. Die Bekanntschaft mit Rankes "Päpsten", von Janssen dem Gymnasiasten schon vermittelt, legte wohl den Keim, im Sinne eines Anti-Ranke einer spezifisch katholischen Anschauung zum Druchbruch zu verhelfen. Dies zielte aber vorderhand auf die Epoche der Gegenreformation, auf die Restaurationsversuche innerhalb der katholischen Kirche während des 16. und 17. Jahrhunderts, deren Darstellung P. zunächst plante und mit seinem Erstlingswerk über die Reunionsbestrebungen zur Zeit Karls V. vorbereitete. Erst allmählich erwuchs hieraus der Gedanke einer Geschichte der Päpste, zunächst der Gegenreformationszeit, der sich sukzessive zum Plan einer Papstgeschichte der gesamten Neuzeit umgestaltete. Eine entscheidende Rolle bei der Genese des Werkes spielen zweifelsohne P.s hartnäckige und schließlich von Erfolg gekrönte Bemühungen um Zutritt zum vatikanischen Archiv, das seit Jahren für jeglichen Benutzerverkehr gesperrt war. Hier begann P. 1879 mit seinen exzessiven Archivstudien, in die er nach und nach alle wichtigen europäischen, insbesondere unzählige kleine und kleinste italienische Archive miteinbezog. So liegt denn neben der weiten Perspektive des Blickes nicht nur auf Politik- und Diplomatiegeschichte, sondern auch auf Kultur-, Geistes- und Sozialgeschichte in der Fülle des verarbeiteten Quellenmaterials eine der Hauptstärken der Papstgeschichte Pastors, deren Glanz freilich in späteren Jahren der Schatten des Vorwurfes trübt, P. habe sich von Mitgliedern des Innsbrucker Jesuitenordens massiv zuarbeiten, ja ganze Passagen der späteren Bände verfassen lassen, ohne dies zu kennzeichnen. Schwerer als dieser nicht exakt beweisbare, ebensowenig aber eindeutig widerlegbare Einwand, schwerer auch als die Kritik an einzelnen inhaltlichen Fragen - etwa an der von P. selbst später zum Teil revidierten Scheidung der Renaissance in eine "falsche heidnische" und eine "wahre christliche" - wiegen hingegen sein wenig kritischer Umgang mit den Quellen sowie sein grundsätzliches Verständnis von Wissenschaft: historische Erkenntnis ordne sich den Belangen der heiligen römischen Kirche unter. Der Historiker wirke als Apologet der Kirche zu deren unablässigen Verteidigung. Bei allem kulturkämpferischem Pathos solcher Standortbestimmungen, bei allen partiell kritischeren Urteilen reiferer Jahre, hat sich P. doch nie vollständig von dieser Basis gelöst. Und wie sehr auch im Detail P.s Papstgeschichte ihren Rang als Standardwerk behalten wird, so wenig wird sich ihr nüchtern-biederes Aktenreferat auf die divinatorische Höhe des Werks Rankes je erheben können. -

Eine Reihe größerer und kleinerer Biographien von Freunden und bedeutenden Bekannten setzt Kontrapunkte zur Papstgeschichte, rundet P.s historiographisches Werk ab. Gerade die Lebensbeschreibungen Janssens - dessen "Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters" P. nach Janssens Tod 1891 in vielen weiteren Auflagen überarbeitete und betreute -, August Reichenspergers und Max von Gagerns behalten bleibenden Wert als Zeugnisse teils intimer Freundschaften aber auch als reichhaltige Fundgruben zur politischen, zur Geistesgeschichte sowie speziell zur Geschichte des Katholizismus im 19. Jahrhundert. P. adaptierte hier, wie auch in der Papstgeschichte, ein Verfahren seines Lehrers Janssen, die Quellen beziehungsweise die Protagonisten seiner Biographien in Zitaten soviel wie möglich selbst "zu Wort kommen" zu lassen und überlieferte auf diese Weise - immer eingedenk der spezifischen Tendenz seiner Stoffauswahl - wichtiges Material aus heute verstreuten oder zumindest schwer benutzbaren Nachlässen. In Ergänzung der Biographien stellen P.s Editionen der Janssen-Briefe und der Briefe Onno Klopps an Janssen zentrale Ausgangspunkte zum Studium dieser Historiker dar. -

Wie überhaupt der gesamte Bereich konservativ-katholischer, universalistisch-großdeutscher Geschichtsschreibung, harrt auch das Leben und Schaffen P.s einer unbefangenen Würdigung, die bei einer genauen Auswertung seines umfangreichen Nachlasses in der Vatikanischen Bibliothek anzusetzen hätte. Bedauerlicherweise aber neigt die historiographiegeschichtliche Forschung nach geradezu unwissenschaftlicher P.-Panegyrik auf der einen sowie kategorisch ablehnender Zurückweisung auf der anderen Seite zum Vergessen eines zwar in vieler Hinsicht problematischen, insgesamt aber doch bedeutenden katholischen Historikers, zum Vergessen keineswegs eines Sonderfalles, vielmehr einer der charakteristischen Erscheinungen der deutschen Geschichtswissenschaft in der Zeit zwischen "Reichsgründung" und "Machtergreifung", einer wesentlichen Stimme im historiographischen Konzert jener Jahre.

Lit.: August von Druffel, Rezension des ersten Bandes der Papstgeschichte P.s, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 1887, 449-493; - Friedrich Lauchert, P.s Neubearbeitung der deutschen Geschichte Janssens, in: Historisch-politische Blätter 126 (1900), 144-156, 211-225; - Ignaz Philipp Dengel (Hrsg.), Das Österreichische Historische Institut in Rom 1901-1913. Festgabe, L. v. P. zum 60. Geburtstag dargebracht, 1914; - Ders., L. Frhr v. P., in: Deutsches Biographisches Jahrbuch 10 (1928), 207-229; - Ders., L. Frhr v. P., in: HJb 49 (1929), 1-36; - Ders., L. P.s Aufschwung zur katholischen und großdeutschen Geschichtsauffassung, in: Schönere Zukunft 4 (1929), 649/650, 672/673; - Paul Maria Baumgarten, Bemerkungen zu Bd. 10 und kritische Bemerkungen zu Bd. 11, 12, 13 der Papstgeschichte P.s, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 46 (1927) und 48 (1929), 232-244 und 416-442; - Heinrich Ritter von Srbik, L. v. P., in: Neue Österreichische Biographie VII (1931), 201-205; - Wilhelm Wühr, L. v. P. und das katholische Wissenschaftsideal, in: Der katholische Gedanke 2 (1933), 113-123; - Heinrich Finke, Voraussetzungslose katholische Historiker?, in: HJb 53 (1933), 280 (gegen den vorstehenden Beitrag von Wühr); - Wiard Klopp, Die Beziehung L. P.s zu Onno Klopp, in: Jahrbuch der österreichischen Leo-Gesellschaft 1934, 18-64; - Max Braubach, Beiträge zur Geschichtsschreibung der neueren Zeit, in: HJb 71 (1951), 356-373; - Heinrich Schmidinger: Der Historiograph der Päpste, in: Wort und Wahrheit 7 (1952), S. 387-389; - Walter Goetz, L. P. (1854-1928), in: Ders., Historiker in meiner Zeit. Gesammelte Aufsätze, 1957, 232-245 (zuerst in HZ 145, 1932, 550-563; - vgl. dazu Ludwig Frhr von Pastor jr., Zur Richtigstellung, in: HZ 146, 1932, 510-515); - Clemens Bauer, L. v. P. Ein Profil, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 1965, 466-475; - Friedrich Engel-Janosi, Die diplomatische Mission L. v. P.s beim Heiligen Stuhle, 1920-1928, 1968 (SB Wien, Phil.-hist. Kl. 254/5); - Gerhard Oberkofler, L. v. P. und die Innsbrucker Geschichtswissenschaft, in: Tiroler Heimat 33 (1969), 53-68; - Ders., Die geschichtlichen Fächer an der Philosophischen Fakultät der Universität Innsbruck 1850-1945, 1969, bes. 89-96; - Wilhelm Baum, L. v. P. als akademischer Lehrer, in: Tiroler Nachrichten 79, 1970; - Ders., L. v. P. als Wissenschaftler in Tirol, in: Der Schlern 44 (1970), 291-294 [vgl. dazu: G. Oberkofler, ebd., 493/494]; - Ders., Neue Beiträge zur Habilitation L. Frhrn v. P.s, in: Tiroler Heimatblätter 45 (1970), 87-89; - Remigius Bäumer, L. P. im Urteil der Freiburger Philosophischen Fakultät, in: Römische Quartalschrift 74 (1979), 108-123; - Raoul Manselli, L. v. P. Der Historiker der Päpste, in: Römische Historische Mitteilungen 21 (1979), 111-126; - Christoph Weber, Der »Fall Spahn« (1901). Ein Beitrag zur Wissenschafts- und Kulturdiskussion im ausgehenden 19. Jh., 1980; - Karl Rudolf, Geschichte des österreichischen historischen Instituts in Rom von 1881-1938, in: Römische Historische Mitteilungen 23 (1981); - Alfred A. Strnad, Marginalien zu den Bemühungen L. P.s um die Leitung des Österreichischen Historischen Instituts in Rom, in: Innsbrucker Historische Studien 9 (1986), 125-142; - Richard Schober (Hrsg.), Theodor Freiherr von Kathrein (1842-1916). Landeshauptmann von Tirol. Briefe und Dokumente zur katholisch-konservativen Politik um die Jahrhundertwende, 1992.

Thomas Brechenmacher