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Band VII (1994)Spalte 476-479 Autor: Karl Dienst

PHILIPP der Großmütige, Landgraf von Hessen, * 13.11. 1504 zu Marburg/L., Sohn von Ldgr. Wilhelm II. v. Hessen († 11.7. 1509) und der Anna v. Mecklenburg (* 14.9. 1485; verh. 20.10. 1500; † 12.5. 1525). 1523 heiratete Ph. Christine, Tochter Herzog Georgs von Sachsen († 15.4. 1549). Eheliche Söhne: Wilhelm IV. von Hessen-Kassel († 1592); Ludwig IV. von Hessen-Marburg († 1604); Philipp II. von Hessen-Rheinfels († 1583); Georg I. von Hessen-Darmstadt († 1596). Am 4.3. 1540 wurde Ph. von Dionysius Melander im Schloß zu Rotenburg a.d. Fulda mit Margarete von der Saale in einer Nebenehe getraut. Von den aus dieser Ehe stammenden 7 Söhnen (Titel: Grafen zu Diez) starben 6 in den Jahren 1568-1575; Graf Christoph starb nach langer Haft 1603 in Ziegenhain. † 31.3. 1567 in Kassel. - Nach dem Tod seines Vaters (1509) kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Landständen und der Landgräfin Anna um die Vormundschaft. Die Mutter setzte sich 1514 (Sturz Ludwigs von Boyneburg) durch und ließ Ph. im März 1518 im Alter von 13 1/2 Jahren von Kaiser Maximilian I. für mündig erklären. Aber erst nach dem Sieg Ph.s über Franz von Sickingen 1523 war die seit 1508 schwelende ständische Revolte der hessischen Ritterschaft gegen das Fürstentum endgültig niedergeschlagen. Persönlich trat Ph.- wohl auch unter Philipp Melanchthons Einfluß - 1524 der Reformation nahe (Mandat im Sommer 1524, daß das Evangelium "rein" zu verkündigen sei). "Ein tiefschürfendes religiöses Erlebnis hat Ph. gewiß nicht gehabt" (so exemplarisch Hillerbrand S. 186). Ging es ihm aber wirklich nur oder vorwiegend um die Ausdehnung seiner Autorität auf den kirchlichen Bereich? Sein Territorium war eng mit dem damals mächtigsten und größten Erzbistum, Mainz, verflochten. Ph.s Entscheidung hatte in jedem Fall von vorn herein auch politische Bedeutung. Daneben stehen aber auch Zeugnisse persönlicher Frömmigkeit Ph.s (vgl. z.B. Urkundl. Quellen II, 7 f.). Im Bauernkrieg 1525 schlug Ph. schnell die Aufständischen in Fulda und Hersfeld, wie er 1534/35 dem von radikalen Täufern aus Münster vertriebenen Bischof Franz von Waldeck mit Waffengewalt beisprang. In der beginnenden Politisierung der Reformation (1525 wurde u.a. von Georg von Sachsen und dem EB von Mainz der "Dessauer Bund" gegen Aufstände und die "luth. Sekte" geschlossen) schlossen Hessen und Kursachsen am 27.2. 1526 das "Gotha-Torgauische Bündnis". Nach dem Speyerer Reichstag von 1526 förderte Ph. tatkräftig die Reformationseinführung (z.B. Visitationen und Vermögensfeststellung der hess. Klöster). Auf der Homberger Synode vom Oktober 1526 wurde zwar die vom Franziskaner Franz Lambert von Avignon entworfene, eher oberdeutschen Geist atmende "Reformatio ecclesiarum Hassiae" von den hessischen Ständen angenommen, von Ph. aber auf den Rat Martin Luthers hin ("Haufen Gesetze") nicht durchgeführt. Die hess. Kirche ist so letztlich aus den Wurzeln der sächsischen Reformation Luthers entstanden, ein auch politisch bedeutender Vorgang. - Für Ph. bedeutete die Erneuerung der Kirche zugleich die "Förderung des gemeinen Nutzens". Aus dem Vermögen eingezogener Klöster gründete Ph. am 30.5. 1527 die Universität Marburg, legte einen "Gemeinen Kasten" für die Armen an und gründete 4 Landeshospitäler (Merxhausen, Haina, Gronau, Hofheim). In den sog. "Pack'schen Händeln" nahm Ph. im Vertrag zu Hitzkirchen 1528 dem Erzbischof von Mainz die geistliche Gerichtsbarkeit in Hessen ab. 1534 führte Ph. den 1519 aus seinem Land vertriebenen Herzog Ulrich von Württemberg wieder zurück. Das von Ph. initiierte Marburger Religionsgespräch im Oktober 1529 zwischen Luther und Zwingli diente auch der Vorbereitung des Schmalkaldener Bundes vom 27.2. 1531. Auch aus politischen Gründen war Ph. an der Einheit des Protestantismus interessiert (1536 Wittenberger Konkordie). Eine Frucht der Auseinandersetzung mit den Täufern (vgl. Martin Bucer) ist die "Ziegenhainer Zuchtordnung" von 1539 mit der Einführung der Konfirmation und des Seniorenamtes in der hess. Kirche, die seit 1531 durch 6 Superintendenten (Kassel, Marburg, Rotenburg, Alsfeld, Darmstadt, St.Goar) geleitet wurde. Durch seine 1540 geschlossene Nebenehe, in die er auch Luther und Melanchthon (Beichtrat) hineinzog, kam Ph. in große Bedrängnis. Als Bigamist dem kaiserlichen Halsgericht verfallen war er auf Karls V. Gnade angewiesen. Im (geheimen) Regensburger Vertrag von 154l mit dem Kaiser gab Ph. zwar nicht seinen Glauben preis; jedoch bedeuteten die politischen Vertragsbestimmungen (z.B. Versprechen, die Aufnahme Frankreichs, Englands und Kleves in den Schmalkaldischen Bund zu verhindern) faktisch eine erhebliche Schwächung der Reformation (u.a. Eroberung Gelderns durch den Kaiser; Verhinderung der Reformationsversuche des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied). Im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 mußte sich Philipp "auf Gnade und Ungnade" dem Kaiser unterwerfen, der ihn bis 1552 (Passauer Vertrag) einkerkerte. Der Versuch, das "lnterim" in Hessen einzuführen und somit letztlich die Reformation wieder rückgängig zu machen, scheiterte am geschlossenen Widerstand der Pfarrer und Gemeinden. Ph.s letzte Jahre wurden durch das Testament von 1560 und die Erbauseinandersetzungen überschattet, was nach seinem Tode 1567 zur Teilung des Landes führte. "lm Gedächtnis der hessischen Bevölkerung ist allerdings nicht der versagende, sondern der erfolgreiche Führer und Vorstreiter seiner evgl. Mitfürsten haften geblieben" (Demandt 237). Schon die Zeitgenossen nannten ihn "Philippus Magnanimus" (Ph. der Großmütige). Ph. war der "Vater des politischen Protestantismus" (vgl. Walter Heinemeyer). Seine evgl. Frömmigkeit fügte sich in seine politischen Ziele ein (z.B. Betonung der Landesherrschaft und der reichsfürstlichen Liberalität).

Lit.: Urkundliche Quellen zur hess. Reformationsgeschichte. 1. Bd.: Territorium und Reformation in der hess. Geschichte 1526- 1555, hrsg. von Walter Sohm, (1915). 19572 hrsg. von G. Franz; - 2. Bd.: Akten 1525-1547, bearb. von G. Franz, 1954; - 3. Bd.: Akten 1547-1567, bearb. von G. und E.G. Franz, 1955; - 4. Bd.: Wiedertäuferakten 1527-1626, bearb. von G. Franz, 1951 (Alle: Veröffentlichungen der Hist. Kommission für Hessen und Waldeck 11); - M. Lenz (Hrsg.), Briefwechsel Landgraf Ph.s des Gr. von Hessen mit Bucer, 3 Bde, 1880-1891; - Polit. Archiv des Ldgr. Ph. des Gr. von Hessen. Bd. I/II, hrsg. von Friedrich Küch, 1904/1910; Bd. III/IV, bearb. von Walter Heinemeyer, 1954/1959 (Veröffentlichungen der Hist. Komm. für Hessen und Waldeck 24); - Festschrift zum Gedächtnis Ph.s d. Gr., Ldgr. v. Hessen, 1904; - Walter Heinemeyer, Ldgr. Ph.s d. Gr. Weg in die Politik, in: Hess. Jahrbuch für Landesgeschichte V, 1955, 176-192; - Ders., Ldgr. Ph. d. Gr., in: Die Geschichte Hessens, hrsg. von Uwe Schulz, 1983, 72-83; - Heinrich Steitz, Geschichte der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, 1977;- Karl Demandt, Geschichte des Landes Hessen (1959) 19722 (Nachdr. 1980); - Hans J. Hillerbrand, Ph. v. H., in: Gestalten der KG, hrsg. von Martin Greschat, Bd. VI, 198l, 185-196; - Horst Rabe, Reich und Glaubensspaltung. Deutschland 1500-1600 (Neue Deutsche Geschichte 4), 1989; - Manfred Rundersdorf, Hessen, in: Anton Schindling - Walter Ziegler (Hrsg.), Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Bd. IV, 1992, 254-288; - ADB XXV, 765-783; - RGG3 V, 332 f.; - TRE XV, 263-279.

Karl Dienst

Literaturergänzung:

2004

Eröffnend der Neuzeit Tür. Begegnungen mit P. dem G. in Hessen. Wiesbaden 2004; -

2005

"Mit dem Glauben Staat machen". Beitr. zum evang. Philipps-Jahr 2004. Norbert Stieniczka (Hrsg.). Darmstadt 2005 (=Quellen und Studien zur hessischen Kirchengeschichte; 12); - Reformation u. Landesherrschaft. Hrsg. von Inge Auerbach. Marburg 2005; -

2006

Gury Schneider-Ludorff, Der fürstl. Reformator. Theol. Aspekte im Wirken P.s von Hessen von d. Homberger Synode bis zum Interim. Leipzig 2006; - Gury Schneider-Ludorff, Philipp of Hesse as an example of princely Reformation, in: RRR 8.2006, S. 301-319; -

2007

Wolfgang Breul-Kunkel und Holger Th. Gräf, Fürst, Reformation, Land. Aktuelle Forschungen zu Landgraf P.v. Hessen (1504-1567), in: ARG 98.2007, S. 274-300; - Ellen Yutzy Glebe, Landgrave P.'s dilemma. The roots of tolerance and the desire for Protestant unity, in: Politics and reformations. Vol. 1. Leiden [u.a.] 2007, S. 293-312; - Niklot Klüßendorf, Die hl. Elisabeth am Rathaus zu Marburg. Münzbild u. Staatssymbolik unter d. Landgrafen Wilhelm II. u. Philipp dem Großmütigen von Hessen, in: AmrhKG 59.2007, S. 123-144; - René Sommerfeldt, Der großmütige Hesse. Ph.v.H. (1504-1567). Marburg 2007; -

2008

Wolfgang Breul-Kunkel, "Mit gutem Gewissen". Zum religiösen Hintergrund d. Doppelehe Landgraf P.s von Hessen, in: ZKG 119.2008, S. 149-177; -

2009

Stephan Buchholz, Philipp der Großmütige von Hessen u. Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Fürstenehen, Doppelehen u. Ehen zur linken Hand, in: ZSavRGkan 126.2009, S. 493-531.

Letzte Änderung: 21.08.2009