|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
PHILO BYBLIUS, Herennius (Herennios Philon von Byblos), phönikischer Gelehrter, * um 64 n. Chr. in Byblos in Phönikien, † um 141. - Philon von Byblos war wahrscheinlich Klient des römischen Consul suffectus Herennius Severus und erhielt durch diesen das römische Bürgerrecht, worauf er sich nach seinem Gönner Herennius nannte. Er verfaßte in griechischer Sprache zahlreiche Werke von grammatischem, lexikalisch-enzyklopädischem und historischem Inhalt, u.a. ein Synonymenwörterbuch, eine nach Fachdisziplinen geordnete Zusammenstellung von wissenschaftlichen Autoren und deren Werken, ein Verzeichnis von Städten mit Angaben über die aus ihnen stammenden berühmten Persönlichkeiten sowie eine Schrift über Kaiser Hadrian. Ein Teil seiner Werke ist uns nur dem Namen nach bekannt, von anderen sind uns mehr oder weniger zahlreiche Fragmente erhalten. Das meiste besitzen wir von seiner »Phönikischen Geschichte«, weil Eusebios von Cäsarea sie in seiner »Praeparatio evangelica« als Quelle für die Religion der alten Phöniker benutzt und umfangreiche Stücke daraus in dieses Werk aufgenommen hat. Philon von Byblos behauptet, es handle sich hierbei um eine von ihm angefertigte Übersetzung eines Werkes über die Religion und Geschichte der Phöniker, das von einem alten phönikischen Gelehrten namens Sanchuniathon, der noch vor dem Trojanischen Krieg gelebt habe, verfaßt worden sei und wegen seiner großen Genauigkeit allgemeine Anerkennung gefunden habe. Über denselben Sanchuniathon berichtet der neuplatonische Gelehrte Porphyrios, er sei in Berytos (jetzt Beirut) geboren und habe als Quellen für sein Werk Chroniken von Städten, Register von Tempeln und Überlieferungen, die er von einem gewissen Hierombalos (= Jerubba`al), einem Priester des Gottes Ieuî (= Jahveh), empfangen habe, benutzt. Dieser Sanchuniathon galt lange Zeit als Erfindung des Philon von Byblos, der seinem Werk auf diese Weise eine durch hohes Alter gesicherte Glaubwürdigkeit habe verschaffen wollen. Besonders sein Bericht über die Aufeinanderfolge der Götter in der phönikischen Mythologie wurde als Entlehnung aus Hesiods »Theogonie«, mit deren entsprechendem Teil sie große Ähnlichkeit aufweist, angesehen. Durch die seit 1929 in Ras Schamra, dem alten Ugarit, aufgefundenen altphönikischen Tontafeltexte aus der Zeit von 1400-1200 v.Chr. wurden jedoch viele Angaben des Philon von Byblos über die Götter der alten Phöniker bestätigt. Dies gilt auch für den phönikischen Mythos von der Sukzession der Götter, der auf dieselbe churritisch-hethitische Göttersage zurückgeht, die auch der »Theogonie« Hesiods zugrunde liegt, welch letzterer diesen Mythos durch phönikische Vermittlung empfangen hat, woraus sich die Ähnlichkeit zwischen Philon von Byblos und Hesiod leicht erklärt. Auch ist »Sanchuniathon« die gräzisierte Form des gut phönikischen Namens »Sanchunjaton«, d.h. »(der Gott) Sanchun hat (ihn) gegeben«. Es kann daher als gesichert gelten, daß Sanchunjaton wirklich im 2. Jahrtausend v.Chr. gelebt und ein phönikisches Geschichtswerk verfaßt hat, das der »Phönikischen Geschichte« des Philon von Byblos zugrunde liegt. Allerdings dürfen wir uns dies nicht so vorstellen, daß Philons Werk die getreue griechische Übersetzung des Originaltextes von Sanchunjaton darstellt, sondern es ist anzunehmen, daß ihm das alte Werk in einer bereits veränderten Gestalt vorlag und daß er diese seine Vorlage frei bearbeitet hat, wobei er auch andere Quellen benutzt und eigene Gedanken einfließen lassen hat. Vor allem ist die Erklärung, daß es sich bei verschiedenen phönikischen Göttern ursprünglich um verdiente Menschen gehandelt habe, die nach ihrem Tod als Götter verehrt worden seien, auf den sogenannten »Euhemerismus« der hellenistischen Zeit, dem Philon von Byblos anhing, zurückzuführen; auch hat er einige Götter anderer Völker in die phönikische Mythologie aufgenommen. - Bei kritischer Benutzung stellt die »Phönikische Geschichte« des Philon von Byblos eine wertvolle Quelle für unsere Kenntnis der altphönikischen und altkanaanäischen Religion dar.
Werke: Smlg. d. Frgm.: Carolus Müller, Fragmenta historicorum Graecorum III, Paris 1849 (Nachdr. Frankfurt a.M. 1975), 560-576; Felix Jacoby, Die Frgm. d. griech. Historiker III/C/2, Leiden 1958, Nr. 790, 802-824; Phön.Gesch.: Philo Byblius, The Phoenician history: introd., crit. text, transl., notes by Harold W. Attridge and Robert A. Oden (CBQ Monogr. Ser. 9), Washington 1981. - Grammatisches: Philo Byblins, De diversis verborum significationibus: testo crit., introd., comm. a cura di Vincenzo Palmieri (Speculum, Contrib. di filol. class. 8) Neapel 1988.
Lit.: (Ausw. bes. unter Berücks. des rel.-hist. Gesichtspunkts): Heinrich Dörgens, Eusebius v. Caesarea als Darsteller der phöniz. Religion: eine Stud. z. Gesch. d. Apologetik (FChLDG 12/5), 1915; - René Dussaud, Les découvertes de Ras Shamra et l'AT, Paris 1937, 21941; - Ders., Les antécédents orientaux à la Théogonie d'Hésiode, in: Annuaire de l'Institut de philologie et d'histoire orientales et slaves 9, Brüssel 1949, 227-231; - Carl Clemen, Die phönik. Rel. nach Philon v. Byblos (Mitt. d. Vorderasiatisch-Ägypt. Ges. 42/3), Leipzig 1939; - Otto Eißfeld, Ras Schamra u. Sanchunjaton (Btrr. z. Rel.-Gesch. d. Altertums 4), Halle 1939; - Ders., Taautos u. Sanchunjaton (SAB, Kl. f. Sprache, Lit. u. Kunst 1952/1), Berlin 1952; - Ders., Sanchunjaton v. Berut u. Ilimilku v. Ugarit (Btrr. z. Rel.-Gesch. d. Altertums 5), Halle 1952 (mit Lit.); - Ders., Art u. Aufbau der Phöniz. Gesch. des Philon v. Byblos, in: Syria 33, 1956, 88-98; Cyrus H. Gordon, Ugaritic literature: a comprehensive translation of the poetic and prose texts, Rom 1949; - William Foxwell Albright, Von der Steinzeit zum Christentum: Monotheismus u. geschichtliches Werden (Smlg. Dalp 55), München 1949 (s. Reg.); - Ders., Die Rel. Israels im Lichte der archäol. Ausgrabungen, München 1956 (s. Reg.); - Karl Mras, Sanchuniathon, in: AnzAW, phil.-hist. Kl. 89, 1952, 175-186; - Albin Lesky, Gesch. d. griech. Lit., Bern 1957/58, 89 f.; - Robert du Mesnil du Buisson, L'ancien dieu tyrien Ousô sur des monnaies de Tyr, in: Mél. de l'Univ. Saint-Joseph 61, Beirut 1965, 1-27; - Ders., Le groupe des dieux El, Bétyle, Dagon et Atlas chez Philon de Byblos, in: RHR 169, 1966, 37-49; - Ders., El et ses épouses vus par Philon de Byblos, in: Mél. d'archéol., d'épigr. et d'hist. offerts à Jérôme Carcopino, Paris 1966, 271-288; - Ders., Zeus Dêmarous, père de Melqart, d'après Philon de Byblos, in: Mél. offerts à Kazimierz Michalowski, Warschau 1966, 553-559; - Michael C. Astour, Semitic elements in the Kumarbi myth, in: JNES 27, 1968, 172-177; - P.R. Williams, A commentary to Philo Byblius' Phoenician history, Diss. Univ. of Southern California 1968, Mikrofilm, Summarium in: Dissertation abstracts 29, Ann Arbor, Michigan 1969, Nr. 3594 A; - Christoph Schäublin, Diodor v. Tarsos gegen Porphyrios?, in: Museum Helveticum 27, Basel 1970, 58-63; - Mario Liverani, Sydýk e Misór, in: Studi in onore de Edoardo Volterra, Bd. 6, Mailand 1971, 55-74; - C. Grottanelli, Il mito delle origini di Tiro, in: Oriens antiquus 11, Rom 1972, 49-63; - James Barr, Philo of Byblos and his Phoenician history, in: Bulletin of the John Rylands Library 57, Manchester 1974, 17-68; - I. Troiani, L'opera storiografica di Filone da Byblos (Biblioteca degli studi class. e orient. 1), Pisa 1974; - L. Andersen, Some models of the Theogony of Hesiod, in: Museum Tusculanum, Nr. 27, Kopenhagen 1976, 3-19; - L.A. Jelnickij, The origins of the ancient Etruscan cosmology, in: Vestnik drevnej istorii (= Althist. Rundschau) 140, Moskau 1977, 121-128; - Robert A. Oden, Philo of Byblos and Hellenistic history, in: PEQ 110, 1978, 115-126; - Jürgen Ebach, Weltentstehung u. Kulturentwicklung bei Philo v. Byblos: ein Btr. z. Überlieferung der bibl. Urgesch. im Rahmen des altoriental. u. antiken Schöpfungsglaubens (BWANT 108) 1979; - Giovanni Brizzi, Il »nazionalismo fenizio« di Filone di Byblos e la politica ecumenica di Adriano, in: Oriens antiquus 19, Rom 1980, 117-131; - Arnaldo Momigliano, Interpretazioni minime, in: Annali della Scuola Normale di Pisa, Cl. di lettere e filosofia 10, Pisa 1980, 1221-1231; - Albert I. Baumgarten, The Phoenician history of Philo of Byblos: a commentary (Etudes préliminaires aux religions orient. dans l'Empire Rom. 89), Leiden 1981 (dazu: Edouard Lipiíski in: BiOr 40, 1983, 305-310); - Javier Teixidor, L'interprétation phénicienne d'Héraclès et d'Apollon, in: RHR 200, 1983, 243-255; - Sergio Ribichini, Agrouheros, Baal Addir et le Pluto africain, in: Hist. et archéol. de l'Afrique du Nord = Actes du IIIe colloque intern. réuni dans le cadre du 110e congrès nat. des Sociétés savantes Montpellier 1-5 avril 1985, ersch. Paris 1986, 133-140; - Ders., Questions de mythologie phénicienne d'après Philon de Byblos, in: Studia Phoenicia IV = Acta Colloquii Namurcensis Dec. 1984, hrsg. v. Claude Bonnet u.a., Namur 1986, 41-52; - Ders., Traditions phéniciennes chez Philon de Byblos, in: Apocalypses et voyages dans l'au-delà, hrsg. v. Claude Kappler u.a., Paris 1987, 101-116; - Richard J. Clifford, Phoenician rel., in: Bull. of the Amer. schools of orient. research in Jerusalem and Baghdad 279, Cambridge/Man. 1990, 55-64; - LThK VIII, 471; - RE XVII, 452-470 (Art. Sanchuniathon); - RGG V, 346 f.; - ERE IX, 843-844 (Art. Philo Byblius); XI, 177-181 (Art. Sanchuniathon); - Pauly-Wissowa VIII/1, 650-661 (Art. Herennios Nr. 2 = Philo Byblius); I A/2, 2232-2244 (Art. Sanchuniathon); - Stählin 867 f.
Adolf Lumpe
Literaturergänzung:
2008
Stefanie Lorenzen, Das paulinische Eikon-Konzept. Semant. Analysen zur Sapientia Salomonis, zu P. u.d. Paulusbriefen. Tübingen 2008; - Smaranda Badilita, P. d'A. et l'exégèse allégorique, in: Foi et vie 107.2008, Nr.4, S. 63-76.
Letzte Änderung: 05.12.2008