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Band VI (1993)Spalten 1403-1405 Autor: Peter Barden

PABST, Johann Heinrich, Arzt, Philosoph und Laientheologe, maßgeblich beteiligt an der Ausformulierung der philosophisch-theologischen Spekulation Anton Günthers; * 25.1. 1785 als Kind einfacher Bauern in Lindau (Eichsfeld), + 28.7. 1838 in Döbling bei Wien. Trotz seiner einfachen und nicht bemittelten Herkunft gelang es P., in Duderstadt und Heiligenstadt die Schule zu besuchen und anschließend, angeregt durch die naturphilosophischen Schriften Schellings, in Göttingen Medizin zu studieren, wo er 1807 promovierte. Im Jahr darauf ging er nach Wien, einerseits, um der Kriegssituation in Deutschland zu entfliehen, andererseits, weil Wien damals die Hochburg der medizinischen Schule war. Da er aber durch ein fehlendes österreichisches Doktorat an ärztlicher Praxis gehindert war, nahm er zunächst eine Stelle als Erzieher und Lehrer im Hause des Freiherrn K.F.J. Moser an. 1809, während des Krieges Österreichs gegen Napoleon, wurde P. Bataillonsarzt. Nach dem Rückzug der österreichischen Truppen wurde ihm die Leitung des Krankenhauses in Erlau übertragen, eine Aufgabe, die den gesundheitlich labilen P. bald überforderte. Er erkrankte schwer und gab die Leitung des Krankenhauses ab, um nach seiner Genesung 1810 auf Einladung des Freiherrn Moser wieder in dessen Haus nach Wien zurückzukehren. Dort erkrankte er erneut langwierig und verlor auf Grund einer bösartigen Gesichtsflechte sein linkes Auge. Während dieser Krankheitsperiode und in den Jahren danach wandte sich P.s Interesse der Theologie zu. Schon als Kind war er zum geistlichen Stand bestimmt gewesen; nun wandte er sich aus seiner tiefen Frömmigkeit heraus erneut diesem Weg zu, konnte aber wegen des fehlenden Auges, einem kanonischen Weihehindernis, nicht Priester werden. Darum lebte er in den folgenden Jahren äußerst zurückgezogen als pensionierter Hauslehrer im Moserschen Haus. Um 1815 ergaben sich enge Kontakte zum Kreis um J.C.M. Hofbauer. In dieser Zeit betrieb P. wissenschaftliche Studien zur Überwindung der idealistischen »pantheistischen Zeitphilosophie«. Durch die Ausarbeitung dieses Themas stieß er in den »Wiener Jahrbüchern der Literatur« erstmals auf A. Günthers Rezensionen, der denselben Ansatz wie er selbst vertrat. Auch kam er mit den Werken von Descartes in Berührung, die er sehr schätzte, gründlich studierte und die seine weitere Philosophie grundlegend beeinflußten. - Nachdem P. und Günther sich im Winter 1823/24 persönlich kennengelernt hatten, entwickelte sich rasch eine immer enger werdende Freundschaft zwischen ihnen. Während Günther der Produktivere und Kreativere von beiden war, tat sich P. als Systematiker und »Meister der Formulierung« hervor, was viel zur Verbreitung der Güntherschen Hauptwerke beitrug. P.s Wissen als Arzt und Naturwissenschaftler war nun erweitert durch die genaue Kenntnis des Cartesius, aber auch der Wiener medizinischen Schule um I.P.V. Troxler - einem Freund Schellings -, M. Lenhossek und P.O. Hartmann, mit deren Erkenntnissen sich auch Günther eingehend beschäftigt hatte. - Um P. und Günther bildete sich schnell ein Freundeskreis, dem u.a. J.E. Veith, L. Greif, O.F. Hock und J. H. Löwe angehörten. Außerdem hielt P. freundschaftlichen Kontakt zu verschiedenen Hermesianern, besonders zu J.B. Baltzer und J.W.J. Braun, und war so ein bedeutender Vermittler in den Auseinandersetzungen zwischen den Güntherianern und Hermesianern. - P.s Cartesiuskenntnisse prägten den P.schen und Güntherschen Dualismus nicht nur in der Naturphilosophie, sondern reichten auch in die gemeinsame philosophisch-theologische Spekulation. Diese sah das Wesen des Christentums dualistisch, indem sie einen »radikalen Gegensatz zwischen dem absoluten Gott und dem relativen Weltganzen« aussagt, auf Grund dessen das christliche Denken von pantheistischer, heidnischer Spekulation zu reinigen sei. Beide traten für ein Miteinander von Theologie und Philosophie, für eine »Versöhnung von Glauben und Wissen« ein. Von 1830 an begann P. - quasi im literarischen Wettstreit mit Günther - mit der Veröffentlichung eigener spekulativer Werke, deren erstes (»Der Mensch und seine Geschichte«) bereits sehr große Verbreitung fand. 1834 gab P. zusammen mit Günther die »Janusköpfe« heraus, deutlichstes Zeichen ihrer engen, »symphilosophischen« Verbundenheit. Gegen Ende desselben Jahres begann sich bei P. ein Nierenleiden bemerkbar zu machen, das sich im Laufe der Zeit verschlimmerte. Anfang 1838 nahmen seine Kräfte rapide ab, und am 28.7. starb er nach Tagen tiefer Bewußtlosigkeit.

Werke: Der Mensch und seine Geschichte. Ein Beitrag zur Philosophie des Christentums, Wien 1830 (18472); Gibt es eine Philosophie des positiven Christentums? Die Frage über Leben und Tod des 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift f. Philosophie u. kath. Theologie 21 (1832), 2. H., 1-31, 3. H., 1-42 (Sonderdruck: Köln 1832); Ein Wort über die Ekstase, Köln 1834; Janusköpfe für Philosophie und Theologie, Wien 1834 (gemeinsan m. A.Günther); Zur Theorie der Ehe, in: Zschr. f. Philosophie u. kath. Theologie 23 (1834), 9. H., 38-78, 12. H., 115-182, 14. H., 38-87, 15. H. 42-88 (Sonderdruck: Adam und Christus - Zur Theorie der Ehe, Wien 1835); Zur Philosophie der Geschichte, in: Zschr. f. Philosophie u. kath. Theologie 26 (1837), 24. H., 98-163.

Lit.: Ernst Melzer, Johann Baptista Baltzers Leben, Wirken und wissenschaftliche Bedeutung, 1877, 25-31, 291 f.; - Johann Heinrich Loewe, Johann Emanuel Veith - Eine Biographie, 1879, 146-150; - Peter Knoodt, Anton Günther. Eine Biographie, 2 Bde., 1881, Bd. 1: 159-164, 176-178, 269 f, Bd. 2: 64, 156, 415 f; - Heinrich Schrörs, Ein vergessener Führer aus der rheinischen Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts: J.W. J. Braun, 1925, 52 ff; - Eduard Winter, Die geistige Entwicklung Anton Günthers und seiner Schule, 1931, 89-112, 132 ff; - P. Wenzel, Das wissenschaftliche Anliegen des Güntherianismus, 1961, 48-50; - Joseph Pritz, Gauben und Wissen bei Anton Günther, 1963, 23-29; - M. Bernards, Zur Lehre von der Kirche als Sakrament, in: MThZ 20 (1969), 50 f.; - Erwin Mann, Das »zweite Ich« Anton Günthers: J.H.P., (Diss. Wien), 1970; - Walter Simonis, Trinität und Vernunft. Untersuchungen zur Möglichkeit einer rationalen Trinitätslehre bei Anselm, Abaelard, den Viktorianern, A. Günter und J. Frohschammer, 1972, 128-130, 135 f., 142; - ADB 25, 41 f; - R. Eisler, Philosophen-Lexikon, 1912, 523; - Kosch, KD II, Sp. 3401; - LThK VII, 1327; - Neuer Nekrolog der Deutschen 16 (1838), 719-725; - ÖBL VII, 278; - Philosophie-geschichtliches Lexikon: historisch-biographisches Handwörterbuch zur Geschichte der Philosophie, 1879, 651; - Wurzbach XXI, 156-159; - W. Ziegenfuß, G. Jung, Philosophen-Lexikon, 2 Bde., 1949 f, II, 244.

Peter Barden

Letzte Änderung: 06.02.1999