PABST, Johann Heinrich, Arzt, Philosoph und Laientheologe, maßgeblich
beteiligt an der Ausformulierung der philosophisch-theologischen Spekulation
Anton Günthers; * 25.1. 1785 als Kind einfacher Bauern in Lindau
(Eichsfeld), + 28.7. 1838 in Döbling bei Wien. Trotz seiner
einfachen und nicht bemittelten Herkunft gelang es P., in Duderstadt
und Heiligenstadt die Schule zu besuchen und anschließend, angeregt
durch die naturphilosophischen Schriften Schellings, in Göttingen
Medizin zu studieren, wo er 1807 promovierte. Im Jahr darauf ging
er nach Wien, einerseits, um der Kriegssituation in Deutschland zu
entfliehen, andererseits, weil Wien damals die Hochburg der medizinischen
Schule war. Da er aber durch ein fehlendes österreichisches Doktorat
an ärztlicher Praxis gehindert war, nahm er zunächst eine Stelle als
Erzieher und Lehrer im Hause des Freiherrn K.F.J. Moser an. 1809,
während des Krieges Österreichs gegen Napoleon, wurde P. Bataillonsarzt.
Nach dem Rückzug der österreichischen Truppen wurde ihm die Leitung
des Krankenhauses in Erlau übertragen, eine Aufgabe, die den gesundheitlich
labilen P. bald überforderte. Er erkrankte schwer und gab die Leitung
des Krankenhauses ab, um nach seiner Genesung 1810 auf Einladung des
Freiherrn Moser wieder in dessen Haus nach Wien zurückzukehren. Dort
erkrankte er erneut langwierig und verlor auf Grund einer bösartigen
Gesichtsflechte sein linkes Auge. Während dieser Krankheitsperiode
und in den Jahren danach wandte sich P.s Interesse der Theologie zu.
Schon als Kind war er zum geistlichen Stand bestimmt gewesen; nun
wandte er sich aus seiner tiefen Frömmigkeit heraus erneut diesem
Weg zu, konnte aber wegen des fehlenden Auges, einem kanonischen Weihehindernis,
nicht Priester werden. Darum lebte er in den folgenden Jahren äußerst
zurückgezogen als pensionierter Hauslehrer im Moserschen Haus. Um
1815 ergaben sich enge Kontakte zum Kreis um J.C.M. Hofbauer. In dieser
Zeit betrieb P. wissenschaftliche Studien zur Überwindung der idealistischen
»pantheistischen Zeitphilosophie«. Durch die Ausarbeitung dieses Themas
stieß er in den »Wiener Jahrbüchern der Literatur« erstmals auf A.
Günthers Rezensionen, der denselben Ansatz wie er selbst vertrat.
Auch kam er mit den Werken von Descartes in Berührung, die er sehr
schätzte, gründlich studierte und die seine weitere Philosophie grundlegend
beeinflußten. - Nachdem P. und Günther sich im Winter 1823/24
persönlich kennengelernt hatten, entwickelte sich rasch eine immer
enger werdende Freundschaft zwischen ihnen. Während Günther der Produktivere
und Kreativere von beiden war, tat sich P. als Systematiker und »Meister
der Formulierung« hervor, was viel zur Verbreitung der Güntherschen
Hauptwerke beitrug. P.s Wissen als Arzt und Naturwissenschaftler war
nun erweitert durch die genaue Kenntnis des Cartesius, aber auch der
Wiener medizinischen Schule um I.P.V. Troxler - einem Freund Schellings
-, M. Lenhossek und P.O. Hartmann, mit deren Erkenntnissen sich auch
Günther eingehend beschäftigt hatte. - Um P. und Günther bildete
sich schnell ein Freundeskreis, dem u.a. J.E. Veith, L. Greif, O.F.
Hock und J. H. Löwe angehörten. Außerdem hielt P. freundschaftlichen
Kontakt zu verschiedenen Hermesianern, besonders zu J.B. Baltzer und
J.W.J. Braun, und war so ein bedeutender Vermittler in den Auseinandersetzungen
zwischen den Güntherianern und Hermesianern. - P.s Cartesiuskenntnisse
prägten den P.schen und Güntherschen Dualismus nicht nur in der Naturphilosophie,
sondern reichten auch in die gemeinsame philosophisch-theologische
Spekulation. Diese sah das Wesen des Christentums dualistisch, indem
sie einen »radikalen Gegensatz zwischen dem absoluten Gott und dem
relativen Weltganzen« aussagt, auf Grund dessen das christliche Denken
von pantheistischer, heidnischer Spekulation zu reinigen sei. Beide
traten für ein Miteinander von Theologie und Philosophie, für eine
»Versöhnung von Glauben und Wissen« ein. Von 1830 an begann P. - quasi
im literarischen Wettstreit mit Günther - mit der Veröffentlichung
eigener spekulativer Werke, deren erstes (»Der Mensch und seine Geschichte«)
bereits sehr große Verbreitung fand. 1834 gab P. zusammen mit Günther
die »Janusköpfe« heraus, deutlichstes Zeichen ihrer engen, »symphilosophischen«
Verbundenheit. Gegen Ende desselben Jahres begann sich bei P. ein
Nierenleiden bemerkbar zu machen, das sich im Laufe der Zeit verschlimmerte.
Anfang 1838 nahmen seine Kräfte rapide ab, und am 28.7. starb er nach
Tagen tiefer Bewußtlosigkeit.
Werke: Der Mensch und seine Geschichte. Ein Beitrag zur
Philosophie des Christentums, Wien 1830 (18472); Gibt es eine
Philosophie des positiven Christentums? Die Frage über Leben und Tod
des 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift f. Philosophie u. kath. Theologie
21 (1832), 2. H., 1-31, 3. H., 1-42 (Sonderdruck: Köln 1832); Ein
Wort über die Ekstase, Köln 1834; Janusköpfe für Philosophie und Theologie,
Wien 1834 (gemeinsan m. A.Günther); Zur Theorie der Ehe, in: Zschr.
f. Philosophie u. kath. Theologie 23 (1834), 9. H., 38-78, 12. H.,
115-182, 14. H., 38-87, 15. H. 42-88 (Sonderdruck: Adam und Christus
- Zur Theorie der Ehe, Wien 1835); Zur Philosophie der Geschichte,
in: Zschr. f. Philosophie u. kath. Theologie 26 (1837), 24. H., 98-163.
Lit.: Ernst Melzer, Johann Baptista Baltzers Leben, Wirken
und wissenschaftliche Bedeutung, 1877, 25-31, 291 f.; - Johann
Heinrich Loewe, Johann Emanuel Veith - Eine Biographie, 1879, 146-150;
- Peter Knoodt, Anton Günther. Eine Biographie, 2 Bde., 1881,
Bd. 1: 159-164, 176-178, 269 f, Bd. 2: 64, 156, 415 f; - Heinrich
Schrörs, Ein vergessener Führer aus der rheinischen Geistesgeschichte
des 19. Jahrhunderts: J.W. J. Braun, 1925, 52 ff; - Eduard Winter,
Die geistige Entwicklung Anton Günthers und seiner Schule, 1931, 89-112,
132 ff; - P. Wenzel, Das wissenschaftliche Anliegen des Güntherianismus,
1961, 48-50; - Joseph Pritz, Gauben und Wissen bei Anton Günther,
1963, 23-29; - M. Bernards, Zur Lehre von der Kirche als Sakrament,
in: MThZ 20 (1969), 50 f.; - Erwin Mann, Das »zweite Ich« Anton
Günthers: J.H.P., (Diss. Wien), 1970; - Walter Simonis, Trinität
und Vernunft. Untersuchungen zur Möglichkeit einer rationalen Trinitätslehre
bei Anselm, Abaelard, den Viktorianern, A. Günter und J. Frohschammer,
1972, 128-130, 135 f., 142; - ADB 25, 41 f; - R. Eisler,
Philosophen-Lexikon, 1912, 523; - Kosch, KD II, Sp. 3401; -
LThK VII, 1327; - Neuer Nekrolog der Deutschen 16 (1838), 719-725;
- ÖBL VII, 278; - Philosophie-geschichtliches Lexikon: historisch-biographisches
Handwörterbuch zur Geschichte der Philosophie, 1879, 651; - Wurzbach
XXI, 156-159; - W. Ziegenfuß, G. Jung, Philosophen-Lexikon, 2
Bde., 1949 f, II, 244.