PAILLER, Wilhelm, Theologieprof. u. Volkskundler, Dramatiker, Augustiner-Chorherr, * 23.3. 1838 in Linz, † 17.3. 1895 in St. Peter am Wimberg. - P. wurde als Sohn eines aus Regensburg stammenden Oberpostamtsverwalters in Linz geboren. In einer Kindheitserz. (1869) erinnerte er sich später an die Sammelleidenschaft seines Vaters, die sich auf Kupferstiche, Gemälde, Münzen u. Bücher erstreckte. 1858 maturierte er am renommierten Linzer Staatsgymnasium u. trat in das Augustiner-Chorherrenstift St. Florian ein. Dort fiel er durch sein langes, wallendes Haupthaar auf, das er sein ganzes Leben lang trug. - Schon als Novize war P. literarisch tätig u. verfaßte ein "Florianibüchlein" (1862), in dem er nicht nur das Leben u. Wirken des Hauspatrons beschrieb, sondern auch volksläufige Wallfahrts- u. Prozessionslieder festhielt. Nach Abschluss seiner theol. Ausbildung wurde er am 26. 7. 1863 zum Priester geweiht u. wirkte als Kooperator an der Stiftspfarre St. Florian. Seine gleichzeitige Tätigkeit als Kustos der bedeutenden Stiftsgalerie, die er 1867 in einem Aufs. beschrieb, führte zu Besuchen berühmter Gemäldesammlungen u. Museen im In- u. Ausland. Dabei knüpfte er eine enge Freundschaft zum Münchener Maler, Illustrator u. Dichter Eduard Ille (1823-1900), der u.a. auch Werke f. das Königsschloss Neuschwanstein lieferte. Ille u. Pailler gehörten dem Münchener Künstlerverein "Harbni Orden" an u. korrespondierten regelmäßig über künstlerische Themen u. eigene Werke. In seinen Art. f. die Zschr. "Christliche Kunstbll." hob sich P. von den dominanten Parteigängern der Neugotik durch mehr Offenheit gegenüber anderen Stilformen ab. - 1865 fasste P. in einem Art. seine mehrjährigen Erfahrungen mit dem Laientheater zusammen u. lobte die belebende Wirkung auf die Jugend: "Fortwährendes Singen u. ewiges Herumspazieren u. tägliches Einerlei ermüdet den kräftigsten Jugendbund. Er will manchmal ein kleines Spektakel, einen kleinen Rumor; davon zehrt er lange Zeit u. betet u. singt dann wieder gern". P. forderte kirchliche Stellen auf, dem Theaterspiel in Jugendgruppen kein Hindernis entgegenzusetzen, hielt aber nur Schauspiele mit religiös-moralischem Stoff u. in einfacher u. edler Sprache für geeignet. Darüber hinaus trat er f. "die strengste Scheidung der Geschlechter" beim Theaterspiel ein. Nur für Gesellenvereine machte P. breitere Zugeständnisse. - Im Oktober 1867 schickte ihn sein Propst Jodok Stülz für ein Jahr nach Innsbruck, wo P. neben theol. auch germanistische Studien betrieb u. das Passionsspiel v. Brixlegg herausgab. Nach seiner Rückkehr unterrichtete P. ab 1868 an der Theol. Hauslehranstalt im Stift St. Florian Kirchengesch. u. Kirchenrecht. Gleichzeitig betreute er als Kustos die umfangreichen Stiftssammlungen. P. begann auch gemäß seinen Forderungen v. 1865 kleine Theaterstücke f. Jugendliche zu verfassen. Die leicht aufführbaren Stücke fanden in Schulen u. bei Laienspielgruppen großen Anklang u. erreichten bis zu vier Aufl. 1870 u. 1872 erschienen Schauspiele f. Mädchen, 1875 folgten die beliebten Weihnachts- u. Krippenspiele, 1876 rel. Spiele f. Mädchen. Häufig fügte P. seinen Stücken auch volkstümliche Liedtexte ein, die er v. seinem St. Florianer Mitbruder Bernhard Deubler vertonen ließ. Nebenher übers. er auch Dramen aus dem Lat., Frz. u. It., u.a. ein Jesuiten-Schuldrama von 1659 über den Bauernkriegsführer Stephan Fadinger. Sein Arbeitseifer soll so enorm gewesen sein, dass ihm seine Pröpste oft Erholung verordnen mussten, "um sein geschädigtes Nervensystem vor gänzlicher Zerrüttung zu bewahren" (Fr. Pesendorfer). - Ab 1870 sammelte P. systematisch Weihnachts- u. Krippenspiele u. entsprechendes Liedgut. Er benutzte auch hs. Liederbücher v. Volks- u. Kirchensängern u. lud befreundete Priester in ganz Oberösterr. ein, ihm entsprechende Materialien zukommen zu lassen. Das Ergebnis waren zwei Bde. "Weihnachtslieder u. Krippenspiele aus Oberösterr. u. Tirol" (1881, 1883), die "zu den unverzichtbaren Nachschlagewerken des Liedbestandes zum Weihnachtsfestkreis" (A. Blöchl) gezählt werden u. seit dem Jahr 2000 im Rahmen des "Corpus Musicae popularis Austriacae" eine umfangreiche Neued. erfahren. Viele der 500 Liedtexte hat P. allein erfasst u. damit vor dem Vergessen bewahrt. Dazu lieferte er noch eine Beschreibung verschiedenster Erscheinungsformen v. Krippen, Weihnachtsgebäcken u. des Brauches des Sternsingens. Das Manko, dass er nur wenige Melodien überlieferte, wird durch die auf fünf Bde. angelegte Neued. behoben. - Als sein Propst u. Förderer Jodok Stülz 1872 starb, würdigte P. den Historiker schon kurze Zeit später mit einer umfangreichen Biographie. 1878 gab P. auf eigenen Wunsch unerwartet seine Stellung im Stift als Prof. auf u. kam als Pfarrer nach Goldwörth. 1886 wechselte er in die abgelegene Pfarre St. Peter am Wimberg. Hier wirkte P. auch als Konservator f. die k.k. Zentralkommission f. Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. hist. Denkmale f. den Distrikt Rohrbach u. Freistadt u. wurde Ehrenmitgl. des Diözesankunstvereins. Knapp vor seinem 57. Geburtstag starb P. in St. Peter, wo er seine letzte Ruhestätte fand. - P. war ein gewissenhafter Erforscher der Volkskultur, deren Zeugnisse er unermüdlich sammelte, u. zählt zu den Begründern der Volkstums- u. Volksliedforschung in Oberösterr. Er fühlte sich als Kleriker dazu berufen, auch Bildungsaufgaben f. die ländliche Bevölkerung zu übernehmen u. sah im Laientheater ein vorzügliches Medium zur Unterhaltung u. gleichzeitig zur rel. Bildung junger Menschen. Sein reichhaltiger Nachlass im Stiftsarchiv St. Florian umfasst Predigten, literarische Werke, aber auch ein Konvolut mit losen Bll. aus dem 17. Jh., das Segen f. Reise, Handel, Waffen, gegen Schlangen u. Diebe, einen Liebes- u. Gegenzauber, Wendesprüche, Krankenorakel u. verschiedene Volksheilmittel enthält.
Werke: Florianibüchlein zum Gebrauche f. Wallfahrer nach dem Kloster St. Florian, Linz 1862 (Neuausg. 1904 v. Matthias Silber); Umschau im Gebiete des auswärtigen kath. Missionswesens, in: ThPQ 18 (1865), 128-147, 485-500; 19 (1866), 502-520; Über das Theater-Spielen der Jugendbündnisse, Gesellenvereine u. Kinder, in: ThPQ 18 (1865), 319-337; Nachruf [auf den Chorherrn Anton Radner], in: ThPQ 19 (1866), 256-260 (auch als Sonderdr.); Die hl. Kümmerniß, in: Christliche Kunstbll. 7 (1866), Nr. 10, 38-39, Nr. 11, 42-44; Über Verwendung v. Heiligen-Porträts zu Altarbildern, in: ebd., Nr. 12, 46; Ein Wort f. die Malerei, in: ebd., Nr. 12, 46; Das alte Tabernakel am Hochaltar der Florianer Stiftskirche, in: ebd., Nr. 12, 47; Reliquien daselbst, in: ebd., Nr. 12, 47; Zur Darst. der Verkündigung Mariä, in: ebd. 8 (1867), Nr. 1, 3f.; Kleinigkeiten, in: ebd., Nr. 6, 22-24, 9 (1868), Nr. 4, 13-15; Kind u. Taube als Bild der menschlichen Seele, in: ebd. 8 (1867), Nr. 7, 26f.; Die Bildergallerie [des Stifts St. Florian], in: Österr. Revue 5 (1867), H. 7, 47-54; Die Schönheit der altdt. Bilder, in: Christliche Kunstbll. 9 (1868), Nr. 4, 13-15, Nr. 5, 17-19, Nr. 6, 22-24, Nr. 8, 30f., Nr. 9, 27; Das Passionsspiel zu Brixlegg, Innsbruck 1868; Ueber die Vorzüge der Renaissance-Bilder, in: Christliche Kunstbll. 10 (1869), Nr. 5, 21f.; Eine Hexengeschichte aus Ungarn, in: Linzer Vbl. 1 (1869), Nr. 6; Eine Hexengeschichte aus Oberösterreich, in: ebd., Nr. 25-31, Nr. 33; Die Erstlinge: Erinnerungen aus den Kindertagen: 1. Die ersten Todten, in: ebd., Nr. 60-63; 2. Das erste Kunstwerk, in: ebd., Nr. 65; 3. Das erste öffentliche Auftreten, in: ebd., Nr. 68-69; 4. Der erste Feind, in: ebd., Nr. 144; 5. Die erste Audienz beim Kaiser, in: ebd., Nr. 146-147; 6. Das erste Herzeleid, in: ebd., Nr. 148-149; 7. Der erste Freund, in: ebd., Nr. 225-226; 8. Die erste Dichtung, in: ebd., Nr. 230; 9. Der erste musikalische Triumph, in: ebd., Nr. 232-233; Das Volksfest in Linz, in: ebd., Nr. 208-211, 213-214; Schauspiele f. Jungfrauen-Vereine u. weibliche Bildungsanstalten, 3 Bde., Linz 1870-71 (3. Aufl. 1907); Heitere Dramen f. kleine Damen: Lustspiele f. die weibliche Jugend, Linz 1872 (4. Aufl. 1908); Dr. Jodok Stülz, Probst u. Abt des lateran. Chorherrenstiftes St. Florian etc., in: Vorarlberger Nachrr. 1872, Nr. 87-88; Salve Domina: Deutscher Dichter-Gruß an kath. Frauen u. Jungfrauen, - Poetische Anthologie in neun Abt., Leipzig 1874 (2. Aufl. 1878); Weihnacht-Spiele f. Mädchen, Linz 1875 (2. Aufl. 1876, Neudr. 1900); Volksthümliche Krippen-Spiele f. Jugend-Vereine: Nebst röm. Weihnachtsliedern, Linz 1875 (3. Aufl. 1896); Die größte Orgel Österreichs, in: Oesterr. Volksfreund 20 (1875), Nr. 244-245; Jodok Stülz, Prälat v. St. Florian: Ein Lebensbild, Linz 1876; Rel. Schauspiele f. Mädchen, Linz 1876 (4. Aufl. 1899); Ein kleiner Blumenstrauss zum 25jährigen Bischofsjubiläum unseres hochwürdigsten u. vielgeliebten Oberhirten Franz Joseph Rudigier, in: ThPQ 31 (1878), 177-205 (mit Mathias Hiptmair, auch als erw. Sonderdr. mit dem Titel "Ein kleiner Blumenstrauss zum Jubel-Jahr unseres hochwürdigsten Herrn Bischofes Franz Joseph Rudigier"); Festgedicht zum fünfundzwanzigjährigen Bischofs-Jub. unseres hochwürdigsten Oberhirten, Linz 1878; Neue heit're Dramen f. junge Herren u. Damen: Sechs Lustspiele f. die Jugend, Linz 1878 (3. Aufl. 1912); Festspiel f. Oesterreichs Jugend zur Feier der silbernen Hochzeit Ihrer k. u. k. Majestäten Franz Josef I. u. Elisabeth am 24. April 1879, Linz 1879: Fromm u. froh: Sechs Theater-Stücke mit männlichen Rollen, Linz 1881 (2. Aufl. 1900); Weihnachtslieder u. Krippenspiele aus Oberösterr. u. Tirol, 2 Bde., Innsbruck 1881-1883 [Neuaufl. v. Arnold Blöchl, Melodiarium zu Wilhelm Paillers Weihnachts- u. Krippenliedersammlung, hrsg. in den Jahren 1881 u. 1883 (=Corpus Musicae Popularis Austriacae 13), bisher 2 (geplant 5) Bde., Wien 2000-2001]; Franz Joseph Rudigier, Bischof v. Linz: Ein Bild seines großen Lebens [v. Wilhelm Pailler, 3-39] u. erbaulichen Sterbens [v. Mathias Hiptmair, 40-56], Ergänzungsheft zum Jg. 1885 der ThPQ, Linz 1885; Ernst v. Marinelli: Ein Todtenbildchen, in: Linzer Vbl. Nr. 125, 3. 6. 1887; Kleine Bilder aus dem Leben unseres Kaisers, in: ebd. Nr. 278, 2. 12. 1888, 4; [Todtenschild der Anna Katharina Niedermayrin v. Jahr 1717 in St. Peter am Wimberg], in: Mitt. der k.k. Central-Commission zur Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. hist. Denkmale XVI (1890), 201f.; Der Kaiserbaum: Erz. f. das Volk, München [1891]; Dreimal Mai-Andacht: Erz. f. das kath. Volk, München [1893]; Neue rel. Schauspiele f. Mädchen, Linz 1896 (3. Aufl. 1914); Die Todesrose [Erz.], in: Oberösterr. Pressvereins-Kalender 16 (1897), 65-67; Im Hirtental [Weihnachtsspiel], Linz 1905; Von St. Marias Herzen, [Linz] 1929.
Lit.: Jodok Stülz, Prälat v. St. Florian [Rez.], in: HPBl 78 (1876), 653-664; - Lambert Guppenberger, Bibliogr. des Clerus der Diöcese Linz v. deren Gründung bis zur Ggw., Linz 1893, 143f.; - Kath. Litteraturkal., hrsg. v. Heinrich Keiter, 4 (1894), 148; - Linzer Volksbl. Nr. 65, 19. 3. 1895, Nr. 66, 20. 3. 1895 (Nachruf); - Ave Maria! 3 (1896), 18f. u. 31f. (Nachruf von Fr. Pesendorfer); - Franz Brümmer, Lexikon der dt. Dichter des 19. Jh.s, 4. Aufl., Leipzig 1896, Bd. 2, 185f.; - Friedrich Wienstein, Lexikon der kath. dt. Dichter vom Ausgange des MA bis zur Ggw., Hamm 1899, 270f.; - Berthold Cernik, Die Schriftsteller der noch bestehenden Augustiner-Chorherrenstifte Österreichs, Wien 1905, 147-152; - Gottfried Vielhaber, Das St. Oswalder Weihnachtsspiel, in: Linzer Volksbl. Nr. 11, 15. 1. 1909; - Karl Klaar, Wilhelm Pailler, in: Der Krippenfreund 11 (1919), Nr. 36, 6; - Ferdinand Krackowizer u. Franz Berger, Biographisches Lexikon des Landes Österr. ob der Enns, Passau 1931, 223; - Johann Willibald Nagl, Jakob Zeidler, Eduard Castle, Dt.-Österr. Literaturgesch., Bd. 3, Wien 1937, 923f.; - Wilhelm Kosch, Dt. Theaterlexikon, Bd. 2, Klagenfurt 1960, 1726f.; - Hans Commenda, Der Linzer Wilhelm Pailler, in: Hist. Jb. der Stadt Linz 1963, 171-187; - Hans Commenda, P. Wilhelm Paillers Liednachl., in: Jb. des Österr. Volksliedwerkes 13 (1964), 45-54; - Hans Commenda, Arcana, in: Jb. des Oberösterr. Musealvereines 112 (1967), 93-116; - Hans Giebisch u. Gustav Gugitz, Bio-bibliogr. Literaturlexikon Österr., Wien 1964, 289; - Hans Commenda, Das Spiel v. der Bekehrung Magdalenas, in: Oberösterr. Heimatbll. 21 (1967), 62-71; - Rudolf Fochler, Wilhelm Pailler (1838-1895): Ein Augustiner-Chorherr als Literat, Forscher u. Sammler, in: Oberösterr. Heimatbll. 42 (1988), 55-57; - Helga Ebner u.a., Literatur in Linz: Eine Literaturgesch., Linz 1991, 270f.; - Monika Schulz, Deugs u. SesNagl Engken: Eine magische Heilanweisung aus St. Florian, in: Ir sult sprechen willekomen - Grenzenlose Mediävistik: Festschr. f. Helmut Birkhan zum 60. Geb., Bern 1998, 489-500; - Franz Zamazal, Ein Jahrhundertwerk f. Oberösterreichs Volksmusik, in: Kulturber. Oberösterr. 56 (2002), Folge 2, 19; - Kürschner, LK 1895, 910; - ÖBL VII, 290; - Kosch, LL Bd. 3, 1972f.; - DLL Bd. 11, 854.