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Band VI (1993)Spalten 1457-1462 Autor: Siegfried Gmeinwieser

PALESTRINA, Giovanni Pierluigi da (auch Giannetto/Zanetto da Pallestrino, del Pelestino, Pietro Luigi da Panestrino usw. in den letzten Jahren ständig als Giovanni Pietraloysio unterschrieben), ital. Komponist, * Ende 1525/Anfang 1526 Palestrina, † 2. Februar 1594 Rom. Nach einem Dokument vom 25.10. 1537 war er unter den »pueri chorales« von S. Maria Maggiore in Rom (Casimiri). Dort erhielt er wahrscheinlich unter den damaligen Kapellmeistern Rubino Mallapert und Firmin Lebel di Noyon seine erste Ausbildung in Gesang und Kontrapunkt. 1544 wurde er Organist und »maestro di canto« an der Kathedrale in Palestrina mit einem Vertrag auf Lebenszeit. Während der sieben Jahre in dieser Stellung schrieb er viele Werke, die erst später im Druck erschienen sind. P. war verheiratet und hatte bereits Kinder, als er 1551 nach Rom gerufen wurde. Er hatte dies Kardinal Giovanni M. Del Monte aus Palestrina zu verdanken, der ihn nach seiner Wahl zum Papst 1550 als Kapellmeister von S. Pietro in Vaticano berief. Zu seinen Ehren, der sich Julius III. nannte, komponierte P. die Messe »Ecce sacerdos magnus«, ihm widmete er auch sein erstes Messenbuch (1554). In einer Sammlung mit Madrigalen mit weißen Noten publizierte er u.a. sein erstes weltliches Madrigal a 4 v. »Con dolce, altiero ed amoroso cenno«. 1555 wurde P. unter Umgehung des Mitspracherechts der Sänger und obwohl er verheiratet war »cantore della cappella papale« (Cappella Sistina). Deshalb verließ er die Cappella Giulia, wo Giovanni Animuccia sein Nachfolger wurde. Der Nachfolger Julius III. regierte nur drei Wochen. Sein Name ist aber unlöslich mit P.s Missa Papae Marcelli a 6 v. verbunden. Anläßlich der Karfreitagsliturgie 1555 mahnte dieser Papst die Sänger der Sixtinischen Kapelle, eine der Liturgie angemessene Textinterpretation anzuwenden, der die niederländische Polyphonie nicht entsprach. Derartige Überlegungen waren bei P. bereits herangereift und trafen auf lebhaften Widerhall. Als er dann einige Jahre später diese Messe völlig frei vom Formalismus der franko-flämischen Schule ganz im Sinne der Gegenreformation komponierte bezog er sich im Titel auf den Namen dieses Papstes. Das Konzil von Trient, 1562 beendet, hatte die Verwendung weltlicher, insbesondere anstößiger Melodievorlagen verboten, außerdem Empfehlungen zur Textverständlichkeit ausgesprochen. Papst Paul IV. verbot die Komposition weltlicher Musik ganz und entließ P. zusammen mit zwei weiteren Sängern aus der Kapelle. P. wurde so Nachfolger von Orlando di Lasso in S. Giovanni in Laterano. Sparmaßnahmen und Spannungen mit dem dortigen Kapitel veranlaßten P. 1561 Kapellmeister an S. Maria Maggiore zu werden (bis mindestens 1565). In dieser Zeit intensivierte P. seine musikalischen Aktivitäten: Er komponierte Madrigale für Sammlungen und übernahm die Leitung der Musikfeste des Kardinal Ippolito d'Este in Monte Giordano und Monte Cavallo sowie in dessen Villa in Tivoli. 1565 unterrichtete P. auch im Seminario Romano, das im Gefolge des Konzils von Trient eingerichtet worden war. 1567 erschienen das Missarum Liber Secundus, u.a. mit der Missa Papae Marcelli, 1569 das Primo Libro di Mottetti und im darauffolgenden Jahr das Terzo Libro di Messe, in dem Werke neueren Datums und solche des frühen Palestrinastils nebeneinander stehen (u.a. L'homme armé, Io mi son giovinetta). Unter dem Pontifikat Pius V. wurden die Künste kaum mehr gefördert. Lasso hatte Rom bereits 1556 verlassen, P.s Berufung als Hofkapellmeister nach Wien scheiterte ebenso wie eine Berufung nach Mantua 1583 an den Gehaltsforderungen des Meisters. Ein 20-jähriger Briefwechsel (seit 1568) mit dem Herzog Guglielmo Gonzaga und die zehn Mantuaner Messen, von Gonzaga in Auftrag gegeben, zeugen aber von den engen Beziehungen P.s nach Mantua. Nach dem Tode seines Nachfolgers an der Peterskirche, G. Animuccia, kehrte P. in das Amt des Kapellmeisters der Cappella Giulia 1571 zurück. Finanziell ging es P. nicht schlecht, 1583 hatte er Häuser und Grundstücke gekauft. Unsicherheit ging aber in Rom von der lang andauernden Diskussion der Konzilväter in Trient aus, ob die figurative Musik in der Kirche zuzulassen sei oder nicht, bis endlich 1562/63 entschieden wurde, die Regelung den einzelnen Diözesen zu überlassen. Gerade die häufige Aufführung von Palestrina-Messen soll aber die Konzilsväter bewogen haben, die Figuralmusik in der Liturgie nicht zu verdammen. Viele Episoden von P.s Leben und der Charakter seiner Kunst sind durch die Bedingungen der Gegenreformation bestimmt. Es besteht aber kein Zweifel, daß P. vielfach einen starken Sinn für Unabhängigkeit entwickelte. Seiner weltlichen Musik wegen wurde er wiederholt von der päpstlichen Administration vorgeladen. Trotz vielfacher Beteuerungen ließ er sein erstes Madrigalbuch nachdrucken und 1586 ein zweites folgen. Ansonsten vollzog sich P.s Leben voll und ganz im römischen Ambiente. Lediglich ein Zeitraum von 6 Jahren trennt seinen Weggang von S. Maria Maggiore bis zum endgültigen Wieder eintritt in die Cappella Giulia. - In seinem zweiten Motettenbuch 1572 (5- 8 v.) bestimmte die freie Erfindung der Textausdeutung die melodische Schönheit. Hier sind auch Kompositionen seines Bruders Silla und seiner Söhne Rodolfo und Angelo beigegeben, wohl deshalb, da er diese am Hofe des Widmungsträgers Gonzaga unterbringen wollte. 1572 starben Rodolfo und Silla, 1575 P.s zweitgeborener Sohn Angelo. Gerade in diese Zeit fallen P.s elegischsten Kompositionen mit dramatischen Einschüben: die Improperien und Lamentationen (1573-1575), das einzige bekannte Autograph P.s. 1575 erschien das Terzo Libro dei Mottetti 5-8 v. mit einigen der schönsten Kompositionen (O bone Jesu; Jubilate Deo; Surge, illuminare Jerusalem). 1578 wurde P. zusammen mit dem Sänger Annibale Zoilo von Papst Gregor XIII beauftragt, die gregorianischen Melodien des römischen Graduale und Antiphonariums von Fehlern, die sich eingeschlichen hatten, zu »reinigen«. Das Werk wurde aber nicht veröffentlicht und wir wissen nicht, ob es zu Ende geführt werden konnnte. - 1580 war P.s Frau gestorben; der Meister erhielt noch im gleichen Jahr die niederen Weihen. Im folgenden Jahr heiratete er aber eine Witwe mit einem Pelzgeschäft. Während er sich nun diesem Geschäft widmete, kam es zu einer äußerst intensiven künstlerischen Tätigkeit. Von 1581 bis 1594 veröffentlichte er 17 Bände im Druck, darunter das Primo Libro di Madrigali spirituali a 5 v., das Secondo Libro de Mottetti a 4 v. (z.B. Super flumina Babylonis), das Quarto Libro delle Messe und das vierte Motettenbuch in einem völlig neuen Stil. Das fünfte Motettenbuch erschien 1584, und nach der Sammlung mit weltlichen Madrigalen 1586 erschienen 1588 die Lamentationen des Jeremias, 1589 Hymnen. Das fünfte Messenbuch ist Herzog Albrecht von Bayern gewidmet (1590) und enthält acht Messen (4-6 v.), z.B. Aeterna Christi munera und Iste Confessor. 1591 folgen noch Magnificat und 1594 das sechste Messenbuch und das Letzte geistlicher Madrigale. Mehrere Messen wurden posthum veröffentlicht. Die päpstliche Kapelle führte bald bei den großen Feierlichkeiten fast nur noch seine Werke auf. P. taucht auch unter den Namen der Gründer der »Vertuosa Compagnia de li Musici« auf. Als er starb, bereitete er gerade die Ausgabe des siebenten Messenbuches vor. - Kein Komponist hat in ähnlicher Weise wie P. auf den Gang der Musikgeschichte gewirkt. Die sog. Palestrina-Tradition vollzog sich aber nicht ohne gewisse Schwankungen. Zunächst hat P. als römischer Komponist die Tradition der Niederländer, Franzosen und Spanier am päpstlichen Hof abgelöst und parallel zum Konzil von Trient den Ruhm der Römischen Schule weltweit begründet. P. wird als Vorläufer des barocken Stils, als Schöpfer eines kantablen, akkordischen, ohne Instrumente ausführbaren Kirchenstils, in Deutschland vornehmlich als Autorität des Kontrapunktes angesehen. Im 18. Jh. setzt in Rom eine Palestrina-Renaissance ein, die in theoretischen Schriften und in praktischer Musik sein Werk neu zu interpretieren sucht. Johann Joseph Fux bezieht sich in seinem Lehrbuch »Gradus ad Parnassum« auf seine Palestrinakenntnis, den historisch richtigen Kontrapunkt konnte jedoch erst Knud Jeppesen aufgrund der Analyse von P.s Werken rekonstruieren. Auch die Frühromantik hatte bei ihren Versuchen einer kirchenmusikalischen Erneuerung auf das Vorbild P.s Bezug genommen. - P.s Stil ist eine Synthese zwischen den kontrapunktischen Künsten der Niederländer und italienischem Klangsinn. Dazu kommt das Streben nach Ausgewogenheit und musikalischer Eleganz. Extreme Formen des Ausdrucks werden vermieden und durch satztechnische Kunst ersetzt. Textverständlichkeit war für P. nur eine satztechnische Möglichkeit. Den Bemühungen eines V. Ruffo und G. M. Asola um Ausbildung eines kirchenmusikalischen Reformstils konnte sich P. nicht anschließen.

Werke: Vollständige Werkverzeichnisse in MGG, Grove6, Dizionario della musica e dei musicisti. - 13 Messenbücher: 1-4 (Rom 1554, 1567, 1570, Venedig 1582); 5 (Mailand-Venedig 1590), 6 (Rom 1590), 7-13 (Rom 1594, Venedig 1599, 1600, 1601); 4 Madrigalbücher: 2 geistliche Bücher für 5 St. (Venedig 1581, Rom 1594) u. 2 Bücher für 4 St. (Rom 1555, Venedig 1586); 7 Motettenbücher (Rom 1563?, 1569, Venedig 1572, 1575, 1581, Rom 1583, 1584); Lamentationes Hieremiae (Rom 1588), Hymni totius anni (Rom-Venedig 1593); Magnificat (Rom-Venedig 1591); Offertoria totius anni (Rom-Venedig 1593); Messen (Venedig 1601); weitere Werke in Sammeldrucken u. als Ms. - Ausgaben: GA, hrsg. von Th. de Witt, J. N. Racuh, F. Espagne, F. Commer, F. X. Haberl, 33 Bde (Leipzig 1862-1907, Nachdr. Ridgewood 1968; Le opere complete, begonnen von R. Casimiri, fortgeführt f. L. Virgili, K. Jeppesen, L. Bianchi Rom 1939 ff.

Lit.: (Auswahl): G. Baini, Memorie storico-critiche della vita e delle opere di G. P. da P., 2 Bde. Rom 1828; - F. X. Haberl, Bibliographischer und Thematischer Musikkatalog des Päpstlichen Kapellarchivs im Vatikan zu Rom, Leipzig 1888; - G. Cascioli, La vita e le opere di G. P. da P., Rom 1894; - A. Cametti, Cenni biografici di G. P. da P., Mailand 1894; - R. Casimiri, G. P. da P.: nuovi documenti biografici, Roma 1918; - Ders., Il »Codice 59« dell'archivio musicale lateranense, autografo di G. P. da P., Rom 1919; - Z. K. Pyne, G. P. da P., London 1922; - K. Jeppesen, Die Dissonanzbehandlung in den Werken P.s, Kopenhagen 1925; - K. G. Fellerer, Der Palestrinastil und seine Bedeutung in der vokalen Kirchenmusik des 18. Jh., Augsburg 1929; - Ders., P., Regensburg 1929, Düsseldorf 21960; - H. Coates, P., London 1938; - K. Jeppesen, Kontrapunkt, Leipzig 1935, 21956, Wien 31978; - Ders., Marcellus-Probleme, in: Acta musicologica (AMl) 16/17, 1944/45; - Ders., P. da P., der Herzog G. Gonzaga und die neugefundenen Mantovaner Messen P.s in AMl 25, 1953; - J. Klassen, Zur Modellbehandlung in P.s Parodiemessen, in KmJb 1955; - Ders., Unters. zur Parodiemesse P.s, in KmJb 37, 1953; - Ders., Das Parodieverfahren in der Messe P.s, ebd. 38, 1954; - E. Apfel, Zur Entstehungsgeschichte des P.-Satzes, AfMw 1957; - K. Jeppesen in MGG; - R. Schlötterer, Struktur und Kompositionsverfahren in der Musik P.s, in AfMw 1960; - R. L. Marshall, The Paraphrase Technique of P. in His Masses based on Hymns, in JAMS 1963; - J. Haar, »Pace non trovo«, A Study in Literary and Musical Parody, in Musica disciplina 1966; - H. Hucke, P. als Autorität und Vorbild im 17. Jh., in: Congresso intern. M. Monteverdi e il suo tempo Venedig 1968; - L. Lockwood, The Counter-Reformation and the Masses of V. Ruffo, Venedig 1970; - L. Bianchi u. K. G. Fellerer, G. P. da P., Turin 1971; - H. Federhofer, Ist P. ein Manierist?, in: Convivium musicorum, FS W. Boetticher, Berlin 1974; - H. S. Powers, The Modality of »Vestiva i colli« in: Studies in Renaissance and Baroque Music in Honor of A. Mendel, Kassel 1974; - Atti del convegno di studi palestriniani 1975, hrsg. F. Luisi, Palestrina 1977; - F. Luisi, La musica vocale nel Rinascimento, Turin 1977; - K. G. Fellerer, P.-Studien, Baden-Baden 1982; - L. Bandiera, G. P. il Palestrina 1983; - B. Meier, Zu den »in mi« fundierten Werken aus P.s Offertoriums-Motettenzyklus, in Mf 1984; - L. Bianchi, Il P., in: Musica e musicisti nel Lazio, hrsg. v. A. Morelli, Rom 1986; - G. Rostirolla, Bibliografia palestriniana 1592-1986, in: La casa di G. P. da P., Palestrina 1986; - Atti del Il Convegno Internazionale di Studi Palestriniani: Palestrina e l'Europa, hrsg. v. G. Rostirolla, ebd. 1987; - L. Bianchi, La vita e le opere del P., Rom 1987; - K. Jeppesen in MGG; - L. Lockwood u. J. A. Owens in Grove6; - E. Paccagnella u. L. Bianchi in Dizionario della musica e dei musicisti.

Siegfried Gmeinwieser

Literaturergänzung:

1977

K. Fischer, Historische Bedeutung und kritische Würdigung im Hinblick auf Palestrinas erstes Messenbuch und andere moderne Transkriptionen seiner Werke. In Anfführungs- und Bearbeitungspraxis der Werke Palestrinas vom 16. bis zum 20. Jh., hrsg. von F.W. Riedel, Sinzig, 1977; -

1994

K. Fischer, Zur Palestrinarezeption in der italienische Musiktheorie des 16. und 17. Jahrhunderts. In: KMJb 78/1994; -

2007

Winfried Kirsch, "Mit Fried und Freud". Zur Rezeption d. Canticum Simeonis "Nunc dimittis", in: MuK 77.2007, S. 402-409; - Peter Ackermann, P.s Vertonungen von Texten aus d. Canticum Canticorum, in: Das Hohelied. Bern 2007, S. 131-146; -

2008

Johanna Japs, Die Madrigale von G.P. da P. Genese-Analyse-Rezeption. Augsburg 2008.

Letzte Änderung: 26.01.2009