PALLAVICINO, Pietro Sforza, * 28.11. 1607 in Rom als Angehöriger
eines lombardischen Adelsgeschlechts. + 5.6. 1667 in Rom. -
Nach dem Studium der Philosophie und Theologie am Collegium Romanum
trat er in den Verwaltungsdienst der Kurie ein. Gleichzeitig stand
er in engem Kontakt zu schöngeistigen und literarischen Kreisen Roms,
zu denen auch der päpstliche Sekretär Giovanni Ciampoli und Fabio
Chigi, der spätere Papst Alexander VII., gehörten. Seine hoffnungsvolle
Beamtenlaufbahn wurde im Jahr 1632 abrupt beendet, als er wegen seiner
Freundschaft mit dem in Ungnade gefallenen Ciampoli das Mißfallen
Papst Urbans VIII. auf sich lenkte und Rom verlassen mußte. Ein neuer
Lebensabschnitt begann für ihn mit dem Eintritt in den Jesuitenorden
am 21.6. 1637. Von seinem Orden wurde er von 1639-1651 als Professor,
zunächst für Philosophie und später für Theologie, ans Collegium Romanum
entsandt. Die höchsten geistlichen Würden erlangte er unter dem Pontifikat
seines päpstlichen Freundes Alexander VII. Dieser ernannte ihn am
9.4. 1657 im Konsistorium zum Kardinal in petto. Die Publikation erfolgte
am 10.11. 1659. P. verfaßte mehrere literarische Werke, darunter die
Schultragödie Ermenegildo (1644), Gedichte und eine Schrift über Stilkunst
(Considerazioni sopra l'arte dello stile e del dialogo, 1646). Als
Frucht seiner Lehrtätigkeit am Collegium Romanum ist sein achtbändiges
dogmatisches Werk »Assertiones theologicae« (1652) anzusehen. Die
ersten fünf Jahre des Pontifikats Alexanders VII. beschrieb er in
der Vita di Alessandro VII, bei der er aus seiner persönlichen Kenntnis
und guten schriftlichen Quellen schöpfen konnte. Obwohl P. kein Historiker
war, verdankt er seine bleibende historische Bedeutung seiner Tätigkeit
als Geschichtsschreiber des Konzils von Trient. Im Jahr 1652 erhielt
er von Papst Innozenz X. den Auftrag, eine Geschichte des Konzils
von Trient aus päpstlicher Sicht zu schreiben und damit ein Gegengewicht
zu der in der Zeit allgemein tonangebenden Darstellung des Servitenmönchs
Paolo Sarpi zu schaffen. Vor allem sollte P. die Grundthese Sarpis
widerlegen, wonach das Konzil eine große Intrige des Papsttums gewesen
sei, um seine Macht zu erweitern. Bei seiner Arbeit konnte sich P.
auf die Quellensammlung stützen, die Terenzio Alciati (+ 1651)
seit dem Jahr 1625 zusammengetragen hatte, die er aber seinerseits
noch beträchtlich erweiterte. 1656/7 lag seine Istoria del Concilio
di Trento in zwei Bänden im Druck vor. Dieses Werk übertrifft das
Opus Sarpis an Umfang beträchtlich, widerlegt Sarpis Aussagen in zahlreichen
Punkten und ist insgesamt als wesentlich zuverlässiger einzustufen.
Hinsichtlich der Darstellungsweise erweist sich P. allerdings Sarpi
gegenüber als unterlegen. Auch wenn das Werk als Apologie des Papsttums
konzipiert war, so versäumte es P. dennoch nicht, auch Fehler der
päpstlichen Politik aufzuzeigen. Trotz der Vorzüge gegenüber Sarpis
Darstellung und trotz der freudigen Aufnahme seitens der Kurie blieb
P.s Werk aber der angestrebte durchschlagende Erfolg versagt. Es konnte
Sarpis Sicht der Dinge nicht grundsätzlich verdrängen. Im Bereich
der katholischen Kirche konnte es aber bis ins 19. Jh. den Rang beanspruchen,
die maßgebliche Darstellung des Konzils von Trient zu sein.
Bibliographie: Carlos Sommervogel, Bibliothèque de la
Compagnie de Jésus, VI, 1895, 120-143; IX, 1900, 748; XI, 1932, 137,
1844-1845; XII, 1960, 629, 1176-1177.
Lit.: Opere, 2 Bde., 1834; 33 Bde., 1844-1848; 5 Bde.,
hrsg. von D. Gigli, 1944-1948; - Assertiones theologicae, 8 Bde.,
1649-1652; - Istoria del Concilio di Trento scritta dal Padre
Sforza Pallavicino della Compagnia di Giesu ove insieme rifiutasi
con autorevoli testimonianze un'Istoria falsa divolgata nello stesso
argomento sotto nome di Pietro Soave Polano. Alla Santità di Nostro
Signore Papa Alessandro VII, 2 Bde., 1656-1657; 3 Bde., 21663-1664;
6 Bde., hrsg. von F. A. Zaccaria, 1792-1797; lateinische Ausgabe von
G. B. Giattino, 1670; deutsche Ausgabe, hrsg. von Th. F. Klitsche,
8 Bde., 1835-1836. Eine von P. verfaßte verkürzte Ausgabe erschien
1666 unter dem Namen seines Sekretärs G. Cataloni; - Ireneo Affò,
Memorie della vita e degli studi di Sforza Pallavicino, in: Raccolta
di opuscoli scient. e lett. ecc., V, 1780, 1-64; wieder abgedruckt
bei Zaccaria, I, S. XVII-LII; - Ders., Sforza Pallavicino, cardinale,
in: Memorie degli scrittori e letterati parmigiani, V, 1797, 89-160;
- I. Pallavicino Mossi, Sforza Pallavicino, 1933; - Hubert
Jedin, Der Quellenapparat der Konzilsgeschichte Pallavicinos. Das
Papsttum und die Widerlegung Sarpis im Lichte neuerschlossener Archivalien,
1940 (Miscellanea Historiae Pontificiae, IV); - Ders., Das Konzil
von Trient. Ein Überblick über die Erforschung seiner Geschichte,
1948; - Franco Croce, I critici moderato-barocchi -III- Sforza
Pallavicino, in: Rassegna della letteratura italiana 60, 1956, 438-470;
- C. Jannaco - M. Capucci, Il Seicento, 1963; - Remigius Bäumer,
Das Konzil von Trient und die Erforschung seiner Geschichte, in: Ders.
(Hrsg.), Concilium Tridentinum, 1979, 3-48; - LThK, VIII, 1963,
Sp. 6-7; - RGG, IV, 1960, Sp. 876-877; - Enciclopedia Italiana,
XXVI, 1949, 115-126; - Grande Dizionario Enciclopedico Utet, 31970,
29.