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Band XVI (1999)Spalten 1186-1189 Autor: Marco Frenschkowski

PANTAENUS (Pantainos), christlicher Lehrer im Alexandrien des 2. Jhdts., nach der Tradition der erste uns namentlich bekannte Vorsteher der berühmten alexandrin. »Katechetenschule«. Euseb, h. e. V, 10 gedenkt seiner als eines stoisch vorgebildeten Gelehrten, der auch missionarisch tätig gewesen und dabei bis nach Indien (schwerlich mit Harnack für Südarabien oder gar das axumitische Reich) gekommen sei. Dort habe er die hebräische Urfassung des Matthäusevangeliums entdeckt, die einst der Apostel Bartholomäus bei seiner Mission den jungen Gemeinden anvertraut habe. Nach heute herrschender Auffassung ist dabei jedoch an eine judenchristliche Matthäusübersetzung ins Hebräische zu denken, die auch sonst Spuren hinterlassen hat. Clemens beschreibt Stromata I, 1, 11, 2f. als seinen letzten und einzigen Geist und Seele befriedigenden Lehrer ohne Namensnennung einen Mann, der als »sizilische Biene« (also als Mann sizilischer Herkunft) die »Blumen der prophetischen und apostolischen Wiese« zu pflücken gewußt habe und so zum Vermittler »reiner Erkenntnis« für seine Schüler geworden sei (vgl. I, 1, 14, 1). Nach Clemens, ecl. 56, 2 und den Nachrichten bei Euseb (h. e. V, 11, 2 nach den verlorenen Hypotyposen des Clemens; vgl. VI, 6, 6; VI, 13, 2) wird hiermit P. gemeint sein (gegen diese herkömmliche Identifizerung: Hornschuh 1959; Zweifel auch bei Neymeyr 1989). Versuche, im Werk des Clemens die Einflüsse des P. präzise zu definieren (Bousset), haben keine konsensfähigen Ergebnisse erzielt (dagegen: Munck, Lietzmann). Auch wissen wir nicht, inwiefern P. den stoischen Lehrbetrieb nachgeahmt hat (so Pohlenz) oder sein Auftreten eher einem esoterischen Lehrertyp nach Art des Ammonios Sakkas glich (Lilla). Spätere Behauptungen, wonach P. Schriften (Euseb, h. e. V, 10, 4), besonders Bibelkommentare (Hieronymus, de vir. ill. 36) verfaßt haben, widersprechen dem Zeugnis des Clemens, demzufolge seine Lehrer nicht schriftstellerisch tätig waren (strom. I, 1, 11, 1; 14, 1; ecl. 27, 1; frg. 25 der Schrift »Über das Pascha«). Die (wohl allegorische und mystische) Bibelauslegung des P. ist so in ihrem Einfluß schwer abzuschätzen. Immerhin zitiert Clemens, ecl. 56, 2 eine Auslegungsregel des P. über die atl. Propheten. Alexander v. Jerusalem sah in P. und Clemens seine väterlichen Förderer und Lehrer (Brief an Origenes bei Euseb, h. e. VI, 14, 8f.). Auch für Origenes war P. eines seiner großen Vorbilder in der Auseinandersetzung mit paganer Wissenschaft und Philosophie (Brief bei Euseb, h. e. VI, 19, 13). Eine ausgesprochene Lehrdiadoche P.-Clemens-Origenes ist aber wohl Konstrukt des Euseb (zumal Origenes Clemens nicht erwähnt). Gelegentlich ist vermutet worden, P. sei der Verfasser des Briefes an Diognet (H. I. Marrou, W. Kühnert), was aber nicht zu verifizieren ist. Um 200 (Abfassung der Stromata) muß er bereits verstorben gewesen sein. Katechetischer Lehrer mag er ab etwa 180 gewesen sein. Dabei hat man sich seine »Schule« keinesfalls als gemeindliche Einrichtung für Taufbewerber (Katechumenen) zu denken, sondern als freie Bildungstätigkeit im Sinne eines höheren, philosophischen und bibeltheologischen Unterrichtes vor einem kleinen interessierten Schülerkreis (Scholten 1995). Unbekannt ist, ob die Indiennotizen bei Clemens mit P.' behaupteter Indienfahrt zusammenhängen (vgl. Dihle 1964 u. 1965). Fest (Westkirche) 7. Juli.; (kopt. Kirche) 22. Juni (kein Festtag in der griech. Kirche).

Quellen: Was Hieronymus, de vir. ill. 36; ep. 70, 4 ad Magnum über Euseb hinaus bietet, ist wertlos. Das gilt auch für die Behauptung des schlecht unterrichteten Philippus Sidetes, P. sei Pythagoreer aus Athen gewesen, sowie für spätere Nachrichten über angebliche Schriften des P. Siehe noch Maximus Confessor, de variis difficilibus locis Dionysii et Gregorii, MPG 91, 1085ab; Photius, bibl. 118. Die Erwähnungen in den christl. Chroniken sind undurchsichtig: Euseb, chron. ad. ann. Abrah. 2209 (= a. d. 193/94) ed. Karst, GCS 20, 223; Hieronymus/Euseb, chron. ed. Helm, GCS 24, 211. - Quellensammlungen: J. Routh, Reliquiae Sacrae I2, Oxford 1846. Nachdruck Hildesheim/New York 1974, 373-83; MPG 5, 1857, 1327-32; The Ante-Nicene Fathers VIII, Nachdruck Grand Rapids, Michigan 1978, 776f. (dort Band IX, 115f. ältere Literatur).

Lit.: Th. Zahn, Forschungen zur Geschichte den ntl. Kanons III. Supplementum Clementinum, Erlangen 1884, 156-76; - W. Bousset, Jüdisch-christlicher Schulbetrieb in Alexandrien und Rom, FRLANT 6, Göttingen 1915. Nachdruck Hildesheim 1975, 155-271, bes. 156f. 174f. 190-204. 263; - H. M. Nelz, Die theologischen Schulen der morgenländischen Kirchen während der sieben ersten christlichen Jahrhunderte in ihrer Bedeutung für die Ausbildung des Klerus, Kath.-theol. Diss. Bonn 1916, 28ff.; - A. v. Harnack, Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, Leipzig 41924 = Nachdruck Wiesbaden o. J., 698; - J. Munck, Untersuchungen über Klemens von Alexandria, Stuttgart 1933, 151-204, bes. 151f.; - H. Lietzmann, Geschichte der Alten Kirche II, Berlin 1936 (mehrere Nachdrucke), 284f. 307; - G. Bardy, Aux origines de l'école d'Alexandrie, Recherches des sciences religieuses XXVII, 1937, 65-90; - H. I. Marrou, À Diognète, SC 33, Paris 1941. 21965, 266-268; - A. W. Parsons, A Family of Philosophers at Athens and Alexandria, Hesperia Suppl. VIII (Studies Th. L. Shear), Princeton, N. J. 1950, 268-272; - A. Vaccari, Scritti di erudizione e filologia I, Rom 1952, 74-76; - P. Nautin, Pantène, in: Tome commémoratif du Millénaire de la Bibliothèque Patriarcale d'Alexandrie, Alexandria 1953, 145-152; - M. Hornschuh, Die Anfänge des Christentums in Ägypten, Diss. Bonn 1959; - ders., Das Leben des Origenes und die Entstehung der alexandrinischen Schule, ZKG LXXI, 1960, 1-25. 193-214, hier 1-3; - F. Pericolo Ridolfini, Le origini della scuola di Alessandria, Riv. Stud. Or. 37, 1962, 211-230; - A. Dihle, Indische Philosophen bei Clemens Alexandrinus, in: Mullus. FS Theodor Klauser, hrsg. A. Stuiber u. A. Hermann, JAC. Erg. 1, Münster 1964, 60-70; - ders., Buddha und Hieronymus, Mittellateinisches Jahrbuch 2. FS Karl Langosch, Köln 1965, 38-41 (beide Aufsätze auch in: A. Dihle, Antike und Orient, Supplemente zu den SB der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl., Bd. 2, Heidelberg 1984, 78-88. 98-101); - M. Méhat, Études sur les »Stromates« de Clément d'Alexandrie, Patristica Sorbonensia 7, Paris 1966; - S. Lilla, Clement of Alexandria. A Study in Christian Platonism and Gnosticism, Oxford 1971, 233f.; - W. Kühnert, Zur Sinndeutung des Briefes an Diognet, in: Geschichtsmächtigkeit und Geduld. Festschrift der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien, hrsg. G. Fitzer, Evangelische Theologie Sonderheft, München 1972, 35-41, hier 36; - R. Brändle, Die Ethik der »Schrift an Diognet«. Eine Wiederaufnahme paulinischer und johanneischer Theologie am Ausgang des zweiten Jahrhunderts, AThANT 64, Zürich 1975, 232f.; - M. Pohlenz, Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung, I Göttingen 61984, 414. II Göttingen 51980, 200; - A. Tuilier, Les évangelistes et les docteurs de la primitive église et les origines de l'École (didaskale(ou) d'Alexandrie, Studia Patristica 17, 2, 1982, 738-749; - K. Wengst, Didache (Apostellehre). Barnabasbrief. Zweiter Klemensbrief. Schrift an Diognet, Schriften des Urchristentums II, Darmstadt 1984, 305; - A. F. Zimmermann, Die urchristlichen Lehrer, WUNT II, 12, Tübingen 1984; - A. Le Boulluec, L'école d'Alexandrie. De quelques aventures d'un concept historiographique, in: Alexandrina. Hellénisme, judaïsme et christianisme à Alexandrie. Mél. C. Mondésert, Paris 1987, 403-417; - Ph. Vielhauer/G. Strecker, in: W. Schneemelcher (Hrsg.), Neutestamentliche Apokryphen I. Evangelien, Tübingen 51987, 118; - U. Neymeyr, Die christlichen Lehrer im zweiten Jahrhundert. Ihre Lehrtätigkeit, ihr Selbstverständnis und ihre Geschichte. Suppl. Vig. Christ. IV, Leiden/New York u. a. 1989, 40-45; - A. F. J. Klijn, Jewish-Christian Gospel Tradition, Suppl. Vig. Christ. XVII, Leiden/New York u. a. 1992, 9; - Cl. Scholten, Die alexandrinische Katechetenschule, JAC 38, 1995, 16-37, bes. 17. 34-37. Nachschlagewerke: Acta sanctorum 29 (7 Julii), Paris u. Rom 1867, 457-461; - Bibliotheca sanctorum X, Rom 1968, 119-121 (F Tamburini; sehr ausführlich); - A. v. Harnack, Geschichte der altchristlichen Literatur I, 1893. 21958, 291-96; - O. Bardenhewer, Geschichte der altkirchlichen Literatur II, 21914, 37-40; - J. Quasten, Patrology II, 1950, 4f.; - B. Altaner u. A. Stuiber, Patrologie, 91978, 77. 189f.; - RE3 XIV, 1904, 626f. (G. Krüger); - RGG2 IV, 1930, 883 (W. Völker); - RGG2 V, 1961, 37 (H. Chadwick); - Enciclopedia Cattolica IX, 693f. (E. Peterson); - LThK2 VIII, 1963, 24 (J. A. Fischer); - LThK3 VII, 1998, 1316 (W. M. Gessel); - PW XVIII 3, 1949, 684f. (E. Hoffmann-Aleith); - KP IV, 1975, 467 (J. Wirsching); - Dizionario patristico e di antichità cristiane II, 1988, 2604-2606 = Dictionnaire encyclopédique du Christianisme Ancien II, 1990, 1876f. (S. Lilla; ausführlich); - E. Ferguson (Hrsg.), Encyclopedia of Early Christianity Chicago/London 1990, 681. New York u. London 21997, II, 859 (E. Ferguson). Vgl. auch zu Clemens Alexandrinus.

Marco Frenschkowski

Letzte Änderung: 23.02.2003