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Band VI (1993)Spalten 1543-1554 Autor: Ingeborg Dorchenas

PARLER, Baumeister- und Bildhauerfamilie. - Unter dem Namen Parler faßt man eine verzweigte und bedeutende deutsche Baumeister- und Bildhauerfamilie zusammen, die vornehmlich in der zweiten Hälfte des 14. Jh. an wichtigen Bauzentren des Deutschen Reiches (Schwäbisch Gmünd, Straßburg, Freiburg, Basel, Wien, Prag) wirkte und vor allem mit ihrem Hauptvertreter Peter P. eine Schlüsselposition in der Übergangszeit von der Hoch- zur Spätgotik innehatte. Entscheidende formale und technische Innovationen sicherten ihren ausgeprägten Werkstattstil und Formengut einen Wirkungsradius weit über Mitteleuropa hinaus. Die Forschung teilt die Familie nach ihren wichtigsten Zentren in einen süddeutschen und einen Prager Zweig auf, wobei die oberrheinische und Ulmer Linie die Bezeichnung »von Gmünd« trägt. Wie im Mittelalter nicht ungewöhnlich, ist der Familienname auf den Berufsnamen zurückzuführen. »Parlier«, »Polier« meint den Vorsteher einer Bauhütte. Für Köln ist der Name »Parler« in den Schreibweisen »paleyr« und »poleyr« für Steinmetzten bereits im frühen 14. Jh. nachzuweisen, doch lassen sich aus den Schreinsbüchern keine Verbindungen zu der berühmten Baumeistersippe des späteren 14. Jh. nachweisen. Wenn auch die Herkunft der Familie aus Köln nicht belegt werden kann, sind doch zahlreiche Verbindungen mit der Stadt evident. So weist eine Lesart der vielzitierten Prager Triforiumsinschrift an der Parler-Bildnisbüste im Veitsdom den »Stammvater«, Heinrich d.Ä., als Kölner aus, und einige Familienmitglieder, so Peter P., sind durch Heirat mit Köln verbunden. Allerdings ist auch für die Mitglieder dieser Sippe der Name Parler nur in zwei Fällen ganz gesichert: für Michael und Peter, die Söhne Heinrichs I. (d.Ä.) während bereits Peters Söhne in den Quellen nicht mehr als Parler firmieren. Damit ist der Familienname Parler nur für die Prager Linie nachweisbar. Gemeinsames Meister- und Steinmetzzeichen der ganzen Familie, das berühmte doppelt gewinkelte Maßbrett des Parliers (Kantenpfahl) wurde sowohl für Bau- und Bildwerke sowie auf Siegeln verwendet. Im folgenden sei vorab der von B. Schock-Werner (unter Weglassung der quellenmäßig nicht sicher zuzuordnenden Familienmitglieder) erarbeitete Stammbaum gegeben:
Heinrich d. Ä. (auch H. v. Gmünd, H. I.) - Werkmeister am Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd. Die o.g. Triforiumsinschrift weist Heinrich als den ersten faßbaren Parler aus. Allerdings ist der Wortlaut »...henrici parleri de colonia...« zweideutig und besagt entweder, daß H. P. aus Köln stammt und Magister (Meister) in Gmünd war, oder das »Parlier« ist als reine Berufsbezeichnung zu verstehen, wodurch dann nur die zwei Wirkungsstätten gemeint wären, und der Name Parler für H. d. Ä. noch nicht gesichert wäre. Als Werkmeister am Heiligkreuzmünster zu Schwäbisch Gmünd war er wohl schon um 1350, also bereits vor der Chor- und Grundsteinlegung 1351 mit dem Langhaus beschäftigt, wo sich auch das Parler-Markenzeichen befindet. Ansonsten ist sein Anteil am Bau der Kirche noch nicht gesichert, wahrscheinlich stammen von ihm der 1352 begonnene Hallenumgangschor (weitergebaut von Johann II.), der eines der Fanale deutscher spätgotischer Architektur darstellt, und die Umwandlung der basilikalen Ursprungskonzeption in eine Halle. Dieser blockhaft vereinfachte Hallenchor gilt als Gründungsbau der Parler-Architektur. Vermutete, aber nicht gesicherte Werke sind der Chor der Frauenkirche in Nürnberg, der Chor des Augsburger Doms und der Entwurf für das Ulmer Münster.
Der Prager Zweig: Peter P., gen. von Gmünd, Dombaumeister von Prag. - Peter P. ist der herausragende Repräsentant der Parler. Der bedeutende Bildhauer und Architekt begründete mit seiner Prager Dombauhütte die berühmte »Parlerschule«, die bis weit ins 15. Jh. hinein die spätgotische Architektur beeinflußte. Daß seine Büste in die Triforiumsgalerie des Doms, dessen »Magister fabricae«, er war, aufgenommen wurde, beweist hinlänglich, welche Wertschätzung er bereits zu seinen Lebzeiten genoß. - Leben: Wichtigste Quelle zu seinem Leben sind neben dem Bürgerbuch des Hradschin wieder die vorgenannte Inschrift, die Heinrich als den Vater Peter P.s ausweist und zugleich den Ausgangspunkt der P.forschung bildet. Geboren 1330 oder 1333, mit großer Wahrscheinlichkeit in Schwäbisch Gmünd (in Stadtbucheintragungen nennt er sich von Gmünd, aber auch Parler) wird er seine Ausbildung in der väterlichen Werkstatt erhalten haben. Seine Wanderjahre führten ihn wohl nach Köln, wo er auch seine erste Frau Gertrud, die Tochter des Kölner Steinmetzen Bartholomäus von Hamm kennenlernt. Seine fundierte Kenntnis der zeitgenössischen oberrheinischen Architektur macht den Weg über den Oberrhein wahrscheinlich. Die zweite Station vor seiner Berufung durch Karl IV. nach Prag dürfte Nürnberg gewesen sein, wo er evtl. die zwei zunftmäßig verlangten Meisterknechtjahre absolvierte und vielleicht an der Frauenkirche tätig war. Im Alter von 23 (1353 oder 1356) wird er zur Vollendung des von Baumeister Mathias von Arras begonnenen Veitsdoms nach Prag geholt, wo er bis zu seinem Tode am 13.7. 1399, dessen Daten der Auffindung seines Grabsteins 1928 zu verdanken ist, blieb. Zwischen 1380 und 1382 heiratet er in zweiter Ehe Elisabeth Agnes von Bur. Urkundlich belegt sind Haus- und Grundbesitz am Hradschin, sowie das Bürgerrecht daselbst und (ab 1379) in der Prager Altstadt. - Das architektonische Werk von Peter P. ist uns für den böhmischen Bereich gut bekannt. Neben seinem Hauptwerk, dem Prager Veitsdom, belegt wiederum die Triforiumsinschrift den Chor der Allerheiligenkirche auf dem Hradschin (1370-87), den Chor der Bartholomäus-Kirche in Kolín an der Elbe und die Moldaubrücke (Karlsbrücke), beg. 1357. Die Barbarakirche in Kutna Hora/Kuttenberg, beg. nach 1388, wurde noch unter Mitwirkung P.s entworfen und wahrscheinlich von seinem Sohn Johann ausgeführt. Sein Lebenswerk aber ist der Prager Veitsdom auf dem Burgberg. Von 1353-99 ist er dort unermüdlich tätig. Die ursprüngliche Anlage seines Vorgängers, des ersten Dombaumeisters, gestaltete er durchgreifend um. Besonders der Westteil des noch durch Meister Mathias begonnenen Chors ist parlerisch, der ganze Obergaden mit Triforium, die Gewölbe des Hochchors, dann das südliche Querschiff mit Treppenturm sowie die Pläne für Langhaus und Turmanlagen. Die in der Einordnung ebenfalls auf Peter P. zurückgehende Wenzelskapelle wird 1367 vollendet, im gleichen Jahr der Süd-Arm des Querschiffs mit Vorhalle, »Porta aurea« (Portalplastik zerstört); 1385 findet das Netzgewölbe seinen Abschluß und 1392 die Anlage des Langhauses sowie das Erdgeschoß des großen Süd-Turms. Peter P.s Stil zeichnet sich vor allem durch die fruchtbare Synthese verschiedener Richtungen aus: Nicht nur vereint er die eigentlich auseinanderstrebenden Systeme von Basilika und Halle, sondern zeigt auch eine Art innovativen »Synkretismus« verschiedener Phasen der Gotik. Dem an der sog. Bürgergotik des Schwäbisch Gmünder Chors Geschulten wächst nun die Aufgabe zu, in Auseinandersetzung mit der an der nachklassischen Kathedralgotik der Languedoc orientierten Bausubstanz seines Vorgängers auf böhmischer Erde einen Kaiserdom zu errichten. Er löst sie in sehr eigenständiger und kreativer Weise. Bei Anklängen an den nachklassischen Stil und gleichzeitigen Rückgriffen auf die klassische Gotik entwickelt er einen zur Spätgotik überleitenden, allerdings sehr individuellen Stil. Seine Raumkonzeption verrät die Tendenz zur Ausgeglichenheit eines nicht mehr richtungsbetonten Baus, die sich etwa in der wiederholten Umwandlung ursprünglich polygonaler Formen in einen Rechteckraum, einer gewissen kubischen Verfestigung und autonomen Durchdringung der Formen zeigt. Dazu betonen die großzügigen Netz- und Maßwerke sowie das umlaufende Triforium die raumumfassende Vereinheitlichung. Dieser höchst eigenwillige, freie Stil macht Furore. Weit schwieriger ist es, Peter P. als Bildhauer zu fassen. Gerade seine kreative Wandlungsfähigkeit bei Aufnahme vielfältiger Anregungen macht es so schwer, ihm eine bestimmte Stiltypik zuzuordnen. Hier schwanken daher die Zuschreibungen innerhalb der Familie, sonderlich gegenüber seinem Neffen, Heinrich von Gmünd, oft erheblich. Sicher, weil quellenmäßig dokumentiert, ihm zuzuordnen ist die Grabplatte für Ottokar I. im Veitsdom, stilistisch wahrscheinlich die eng verwandte Figur Ottokars II. Gerne bringt man ihn auch mit den Tumbenfiguren der Pòemyslidengräber und den Triforiumsbüsten in Zusammenhang, mit dem Zacharias in der Nürnberger Frauenkirche, der schönen Madonna und der Moseskonsole aus Thorn, jüngst auch mit der Parlerbüste des Kölner Schnütgen-Museums. Die skulpturalen Arbeiten zeichnen sich durch einen bis dahin ungewöhnlich plastisch-lyrischen Realismus aus, der sich aus süddeutschen Vorstufen herleitet. Es entstehen Arbeiten von einer neuen Diesseitigkeit, erste Porträts im modernen Sinn - eine Entwicklung, die sich parallel auch in der französischen Hofkunst abzeichnet. Die Triforiumsbildnisse, darunter die von Peter P. selbst und die von Wenzel von RadeÚ etwa entfalten bereits seelischen und individuellen Reichtum. Auch die phantasievollen Tierfiguren, Drolerien und Symbolgestalten an Kapitellen und Türstürzen bezeugen Naturbeobachtung und Erfindungskraft. Die Bildhauerkunst der P. am böhmischen Hof mündete direkt in den »schönen Stil«, wie er sich uns in seiner süddeutschen und böhmischen Variante repräsentiert. Peter P. war ohne Zweifel der wichtigste Vertreter der glanzvollen Hofkunst unter Karl IV.
Michael P., Steinmetz in Goldenkron und Prag. - Über den Bruder Peter P.s ist wenig bekannt. Er scheint mit letzterem nach Böhmen gegangen zu sein, hielt sich (eine Urkunde bezeugt dies für 1359) in Goldenkron, später in Prag auf, wo er sich bis 1383 nachweisen läßt. Er war Steinmetz, doch ist über seine dortige Tätigkeit nichts weiter zu ermitteln. Er trug den Familiennamen P. (aber nicht die Zusatzbezeichnung von Gmünd), ein Meisterzeichnen von ihm ist jedoch nicht überliefert.
Nikolaus, Sohn Peter P.s, Priester in Prag. - Nikolaus ist wohl der älteste P.-Sohn und vor 1359 geboren. 1383 erlangt er die Priesterweihe, studiert an der Prager Universität, wo er auch den Magister ablegt, und wird 1392 als Kanoniker aufgeführt. Zwischen 1392 und 1397 scheint er gestorben zu sein.
Wenzel P., Dombaumeister in Prag und Wien. - Der zweite Sohn Peter P.s ist um 1360 geboren. Der gelernte Steinmetz läßt sich schon in der zweiten Hälfte der 70er Jahre in der Prager Dombauhütte nachweisen. Urkunden aus den 80ern bezeugen ihn als »lathomus« und »lapicida«. Die letzte Nachricht aus Prag datiert in das Jahr 1392. Wahrscheinlich findet man in ihm den Dombaumeister von St. Stephan in Wien, jenen »Ingegnere Venceslao da Praga«, den die Mailänder Dombauverwaltung in den ersten Jahren des 15. Jh. aus Wien abwerben wollten, was aber schon durch Meister Wenzels Tod im Jahre 1404 vereitelt wurde. Jedenfalls tauchte 1400 ein Parlier Wenzel am Stephansdom auf, wurde 1403 Meister und starb 1404. Auch die Tatsache, daß seit 1398 sein jüngerer Bruder Johann die Leitung des Veitsdoms übernahm, und also Wenzel nicht mehr in Prag weilte, macht wahrscheinlich, daß der Wiener Wenzel mit dem Sohn Peter P.s identisch ist. Stilistische Parallelen zwischen den Prager und Wiener Dombauten finden sich vor allem in der Katharinenkapelle am Stephansdom und dem südlichen Hauptturm, der das St. Veiter Südportal wiederholt.
Johann (d.J.), Sohn Peter P.s, Dombaumeister in Prag. - Der jüngste Sohn Peter P.s aus erster Ehe wird nach Wenzels Ausscheiden Nachfolger seines Vaters; bereits 1398, also noch zu Lebzeiten Peter P.s, wird er Dombaumeister von St. Veit genannt. In erster Ehe mit Katharina Helena, der Tochter Jescos von Kuttenberg verheiratet, aus der die Kinder Johann, Wenzel und Benedikt stammen, ehelicht er Ende der 90er Jahre eine Frau namens Margarethe und verstirbt zwischen 1405 und 1406. Unter seiner Leitung entstanden am Veitsdom die zwei Geschosse über der Kapelle im südlichen Hauptturm und die ersten Langhauspfeiler. In Kolín setzt er die Arbeit seines Vaters fort. Auch der seit 1388 entstehende Chorschluß an St. Barbara in Kutna Hora/Kuttenberg ist als sein Werk anzusehen.
Erste und zweite Tocher Peter P.s; Paul und Janco, Söhne aus zweiter Ehe. - Weder über die zwei Töchter aus erster, noch über die letztgeborenen Söhne Peter P.s aus zweiter Ehe ist Wesentliches bekannt. Die Töchter waren verheiratet, die jüngere mit dem Steinmetzen Michael von Köln, die ältere mit einem namentlich nicht faßbaren Goldschmied der Prager Altstadt. Peter wird in einer Erbschaftsurkunde 1383 erwähnt, sonst taucht er in keinem Zusammenhang auf. Janco ist wohl nicht vor Januar 1383 geboren und scheint ledig geblieben zu sein. Quellen aus Agram nennen seit 1430 einen Steinmetzen Johann, einen »magister Johannes lapicida filius magistri Petri similiter lapicide de Praga« u.ä., der - wenn er tatsächlich der Prager Parlerfamilie angehört, identisch mit Janco, dem jüngsten Sohn Peter P.s sein muß.
Johann, Wenzel und Benedikt, Enkel Peter P.s, Söhne des Peter P.-Sohns Johann - Auch über die einzig nachweisbaren Enkel Peter P.s, die Söhne seines jüngsten Sohnes Johann(es) aus 1. Ehe, des Dombaumeisters von der Burg, und der Katharina, Tochter des Jesco von Kuttenberg, ist kaum etwas überliefert. 1406 tritt Johann als Testamentsvollstrecker seines Vaters auf, allerdings ohne Berufsbezeichnung, und ist ab 1407, nach Veräußerung seines Besitzes, in Prag nicht mehr nachweisbar. Wenzel und Benedikt werden 1392 urkundlich als noch unmündig erwähnt und sind als Waisen noch 1408, 1412 und 17 archivalisch faßbar.
Der oberrheinische Zweig: - Johann von Gmünd, Werkmeister am Dom zu Freiburg und zu Basel. Bei diesem Johann, genannt von Gmünd, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um den Bruder von Peter und Michael P. und also um einen der drei Heinrich von Gmünd-Söhne. Dafür sprechen die Bezeichnungen von Gmünd und das Parlerzeichen. Da er noch vor Peter Werkmeister wurde, ist er wahrscheinlich der ältere von beiden. 1359 wird Johann als Werkmeister am Freiburger Münster auf Lebenszeit angestellt, nachdem er befristet schon vorher am Chorbau beteiligt war. Gleichzeitig arbeitete er an der Wiedererrichtung des erdbebengeschädigten Basler Münsters; der Anstellungsvertrag von 1359 trägt sein Siegel mit dem Parlerzeichen, das auch für seine beiden Söhne Michael und Heinrich nachweisbar ist.
Michael von Freiburg, genannt von Gmünd, Werkmeister am Münster zu Straßburg. - Michael, der Neffe Peter P.s und Enkel des Stammvaters Heinrich von Gmünd, führte neben seinem Herkunftsnamen »von Freiburg« auch den Vaternamen »von Gmünd«. 1383 weist ihn ein Anstellungsvertrag als Werkmeister des Straßburger Münsters aus, wo er wohl vor allem mit den Wiederherstellungsarbeiten nach dem Brand von 1384 betraut war. Vermutlich hat er auch im Wirkungskreis seines Vaters in Basel gearbeitet. Verheiratet war er mit der Baslerin Ennelin, Tochter des Johann Sesterer.
Heinrich von Gmünd (d.J.), genannt von Freiburg, Baumeister des Markgrafen von Mähren. - Heinrich, Bruder von Michael und Neffe Peter P.s, wird 1381 vom Markgrafen Jodok von Mähren zum Baumeister ernannt. Er war zu dieser Zeit schon in Brünn ansässig und mit der Kölnerin Drutginis von Savoyen, der Tochter des Kölner Dombaumeisters Michael verheiratet. Aus einem von Drutginis angeregten Schriftwechsel zwischen dem Kölner und dem Brünner Rat, in dem es um die Rente der Kölnerin ging, geht hervor, daß Heinrich früher in Prag tätig war. 1387 ist er in genannter Geldangelegenheit in Köln; die damit in Zusammenhang stehenden Urkunden, zugleich die letztfaßbaren Archivalien, tragen sein Siegel mit dem Parlersignum und die Unterschrift Heinrich von Freiburg. Dies und die Doppelbezeichnung von Gmünd und von Freiburg macht ihn als Sohn Heinrichs von Gmünd und Bruder Michaels von Gmünd und von Freiburg sehr wahrscheinlich. Beide müssen, wohl nach der Anstellung des Vaters in Freiburg 1354, rund 25 Jahre gewesen sein. Besonders G. Schmidt hat sich um die Erfassung des bildhauerischen Oeuvres Heinrichs von Gmünd bemüht. Während er Freiburger Einflüsse ausschließt, macht er Gmünder oder Augsburger Ursprünge geltend, die evtl. eine Ausbildung in der großväterlichen Werkstatt nahelegen. Die späteren Plastiken zeigen eine Verarbeitung von Wiener, niederrheinischen, aber auch Kölner Eindrücken. Dort soll er am Petersportal gearbeitet haben. Nach Schmidt soll Heinrich für die Figur des hl. Wenzel und die mittleren Tumbengräber im Veitsdom verantwortlich sein. Wenn Heinrich der in den Prager Dombaurechnungen genannte »Henrico Parlerio« ist, hat er zumindest in Prag diesen Namen geführt und wäre somit der einzige der oberrheinischen Linie, der diese Bezeichnung trug. Das Parlerzeichen-Siegel ist ihm jedenfalls eigen.
Die Ulmer Parler Linie - Ein Grabstein mit dem parlerischen Signet weist die Tätigkeit dieser Familie auch für Ulm nach. In der Tat lassen sich dort auch Elemente Prager Formenguts finden. Nach dem Tode des Werkmeisters Heinrich tritt 1387 ein neuer Baumeister gleichen Namens sein Amt im Münster an, aber auch ein Meister Michael wird erwähnt. War der erste Ulmer Meister Heinrich vielleicht der Gmünder Stammvater? Der zweite Ulmer Heinrich ist jedenfalls derjenige, der 1391/92 am Mailänder Dom arbeitet und sich von Gmünd nennt, so daß seine Zugehörigkeit zu den Parlern verbürgt ist, wenngleich auch nicht rekonstruiert werden kann, wie der Ulmer Zweig mit den anderen korrespondiert. - Der Einfluß der Parler-Architektur und -Skulptur wurde stilbildend und ist in vielen Kunststätten Europas nachweisbar. Peter P. wurde bereits im 17. Jh. Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung, die allerdings weniger dem Künstler, als dem Bauherrn Kaiser Karls IV. galt. Der Jesuit Bohuslav Balbín (1621-88), der bedeutende böhmische Geschichtsschreiber, darf als Nestor der Parlerforschung angesehen werden. Seitdem ist das Interesse an den Parlern nicht mehr abgerissen und gipfelte in der großen Kölner Ausstellung im Jahre 1978/79.

Lit.: Kunst der Parler und Parlerzeit: - Joseph Neuwirth, Die Wochenrechnungen und der Betrieb des Prager Dombaues in den Jahren 1372-1378, 1890; - Ders., Peter P. v. Gmünd, Dombaumeister in Prag, u. seine Familie, 1891; - Ders., Die Junker von Prag. In: Mitteilungen der Gesch. der Deutschen in Böhmen XXXIII, 1894, 95; - W. Pinder, Zum Problem der Schönen Madonnen um 1400. In: Jb. d. Preuß. Kunstslgn. XLIV, 1923, 148-172; - Ders., Die deutsche Plastik des ausgehenden Mittelalters und der Frührenaissance, 1924; - H. Beenken, Bildhauer des 14. Jh. am Rhein u. in Schwaben, 1927; - Hans Reinhold, Der Chor des Münsters zu Freiburg u. die Baukunst der Parlerfamilie, 1929; - Otto Kletzl, Die Wenzelstatue mit einem Parlerzeichen. In: Zschr. f. bild. Kunst LXV, 1931/32, 136-155; - Ders., Zur Parler-Plastik. In: Wallraff-Richartz-Jb.N.F. II/II, 1933/34, 100-154; - H. Siebenhüner, Deutsche Künstler am Dom zu Mailand, 1934, 69 f.; - J. Opitz, die Plastik in Böhmen zur Zeit der Luxemburger, 1936; - W. Quincke, Das Peters-Portal am Dom zu Köln, In: Kunsthistor. Forschungen des rhein. Vereins f. Denkmalpflege u. Heimatschutz, hrsg. v. Kunsthist. Inst. der Univ. Bonn III, 1938; - K.H. Clasen, Die mittelalterliche Bildhauerkunst im Deutschordensland Preußen, 1939; - V. Beyer, La Sculpture Strasbourgeoise au quatorzième siècle, 1955; - Wilhelm Vöge, Zum Nordportal des Freiburger Münsterchors (1915), Bildhauer des Mittelalters. In: Festschr. W. Vöge, 1958, 229-240; - Hans Peter Hilger, Die Skulpturen an der südlichen Querhausfassade v. St. Marien zu Mühlhausen in Thüringen. In: Wallraf-Richartz-Jb. XXII, 1960, 159-164; - Ders., Eine böhmische Reliquienbüste der Parlerzeit in St. Ursula in Köln. In: Wallraf-Richartz-Jb. XXXIII, 1971, 71-84; - J.A. Schmoll gen. Eisenwerth, Zur lothringischen Skulptur zw. 1300 u. 1420. In: Alte u. moderne Kunst LVI-LVII, 1962, 10-14; - Andjela Horvat, O utjecajima Parlerova pr×skoy kruga na architektonsku plastiku iz Iloka. In: Peristil VI-VII, 1963-65, 36-39; - A. Kosegarten, Parlerische Bildwerke am Wiener Stefansdom aus der Zeit Rudolphs des Stifters. In: Zschr. d. deutschen Vereins für Kunstwissenschaft XX, 1966, 47-84; - K. Stejskal, Historisierende Tendenzen in der Kunst der Zeit Karls IV. IN: XXI-Congrès internat. d'histoire d l'Art, Resumés, Budapest 15.-12. Sept. 1969; - E. Marosi, Wege zur spätgotischen Architektur in Ungarn. In: Actes 22. Congress Intern. Hist. Art, Budpaest 1969, I, 1972, 487-492; - Ders., Eléments antiquisants dans les Sculptures provenant du Chantier de Pierre Parlér. In: UmÞní XX, 1972; - A. Kutal/J. Homolka, Kat. Prag 1970; - R. Haussherr, Zu Auftrag, Programm und Büstenzyklus des Prager Domchores. In: Zschr. f. Kunstgeschichte XXXIV, 1971, 21-46; - G. Ringshausen, Die spätgotische Architektur in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung ihrer Beziehungen zu Burgund im Anfang des 15. Jh.; - Ders., Kunst und Wirklichkeitsdeutung um 1400. In: Städt. Jb. N.F. VI, 1977, 209-230; - Viktor Kotrba, Der Dom zu St. Veit in Prag. In: Bohemia Sacra, Das Christentum in Böhmen 973-1973, hrsg. F. Seibt, 1974, 511-578; - Kurt Bauch, Das mittelalterliche Grabbild, 1976; - V. Mayr, Das Grabmal des Stifters v. Kloster Seeon. In: Alte u. moderne Kunst XXII, 1977, 152, 14-18; - V. Mencl, Der Parlerstil Gmündener Meister. In: UmÞní XXV, 1977, 6, 477-489; - R. Palm, Die Konsolfigur von 1388 am Rheinturm in Zons. In: Kölner Domblatt XLII, 1977, 310-313; - Rolf Lauer, Ein Wasserspeier der Parlerzeit am Südturm des Kölner Doms. In: Kölner Domblatt XLIII, 1978, 206-211; - Anton Legner, Die Parler u. der schöne Stil 1350-1400. Europäische Kunst unter den Luxemburgern. In: Kunst XC, 1978, 12, 723-25; - Kaiser Karl IV. (Ausstellungskatalog), Nürnberg 1978; - Die Parler und der schöne Stil 1350-1400. Europäische Kunst unter den Luxemburgern: ein Handbuch zur Ausstellung des Schnütgen-Museums in der Kunsthalle Köln. 29.11.1978-17.3.1979 (Ausstellungskatalog, Hrsg. Anton Legner); - Erhard Drachenberg, Der mittelalterliche Glasmalereizyklus im hohen Chor des Erfurter Doms und die Frage des Parlereinflusses. In: Bildende Kunst X, 1979, 2-11; - A. Schneckenburger-Broschek, Die Parler und der schöne Stil 1350-1400. In: Pantheon XXVII 1979, 2, 98-100; - Roland Recht, Les

Parler et l'art en Europe de 1350 à 1400. In: Revue de l'art XLVI, 1979, 68-74; - W. Schulze-Reimpell, Die Parler aus Köln. In: Artis XXXI, 1979, 1, 10-12; - Robert Didier, Roland Recht, Paris, Prague, Cologne et la sculpture de la seconde moitié du XIVe siècle. A propos de l'exposition des Parler à Cologne. In: Bull. monumental CXXXVIII/2, 1980, 173-219; - Ursula Schädler, La `Sant'Agnese': una scultura parleriana a Milano. In: Antichità viva XXI/4, 1982, 19-23; - Hans d. Ä.: Reinhard Wortmann, Hallenplan und Basilikabau der Parler in Ulm. 600 Jahre Ulmer Münster, 1977, 101-125; - Hans d. J.: ebd.

Heinrich Parler:

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Michael Parler:

Lit.: Reinhard Wortmann, Die Parlerkonsolen des Ulmer Münsters. Ein Betrag zur Baugesch. des Langhauses. In: Bonner Jahrbücher CLXX, 1970, 289-311; - Ders., Hallenplan und Basilikabau der Parler in Ulm. 600 Jahre Ulmer Münster, 1977, 101-125; - Gottfried Hauff, Zur Konservierung der Chorportale des Heilig-Kreuz-Münsters in Schwäbisch-Gmünd, 1989, 42, 3, 252-254.

Peter Parler:

Lit.: Erich Bachmann, P. P. (Der Göttinger Arbeitskreis, H. 25), o.J., Karl M. Swoboda, Studien zu P. P. von K. Swoboda u. Erich Bachmann, 1939 (Beiträge zur Gesch. der Kunst im Sudeten- u. Karpatenraum, Bd. 2); - Otto Kletzl, P. P., der Dombaumeister v. Prag, 1940; - Viktor Kotrba, Kaple svatovßclavskß v praþské katedrßle. In: UmÞní VIII, 1960, 329-365; - Ders., Kdy pòišel Petr Parléò do Prahy. PòispÞvek k historii poÚßtkù parléòovské gotiky ve strÞdní EvropÞ. In: UmÞní XIX, 1971, 109-135; - Ders., Wann kam Peter Parler nach Prag? Zu den Anfängen der Parlerhütte in Böhmen. Ein Beitrag zu der Entwicklungsgesch. der Gotik Mitteleuropas. In: Actes 22. Congress Intern. Hist. Art, Budapest 1969, I, 1972, 507-520; - Henning Bock, Der Beginn spätgotischer Architektur in Prag (Peter Parler) u. die Beziehungen zu England. In: Wallraf-Richartz-Jb. XXIII, 1961; - Günther Bräutigam, Gmünd-Prag-Nürnberg, Die Nürnberger Frauenkirche u. der Prager Parlerstil vor 1360. In: Jb. der Berliner Museen III, 1961, 58-75; - Jan Sokol, Parlérùv kostel Všech Svatých na Praþském hradÞ. In: UmÞní XVII, 1969, 574-582; - G. Schmidt, Peter P. u. Heinrich IV. P. als Bildhauer. In: W. Jb. f. Kunstgeschichte XXIII, 1970, 108-163; - Hans Peter Hilger, Zur Goldschmiedekunst des 14. Jhs. an Rhein u. Maas. In: Rhein u. Maas 800-1400, II, 1973, 457-66; - P. Quarré, La prophète de la chapelle de Bourbon à Cluny. Mémoires de la Societé d'Histoire et Archéologie de Châlon-sur-Saône XLI, 1972, 121-126; - Roland Recht, La chapelle Saint-Venceslas et la sacristie de la cathédrale de Prague et leur origine strasbourgeoise. In: Actes 22. Congress Intern. Hist. Art, Budapest 1969, I, 1972, XLI, 521-526; - Anton Legner, Anmerkungen zu einer Chronologie der Gotischen Skulptur des 13. u. 14. Jhs. im Rhein-Maas-Gebiet. In: Rhein u. Maas 800-1400, II, 1973, 445-56; - M. Kostílkovß, Pastoforium katedrßly sv. Víta v. Praze. In: UmÞní, 1975 VI, 23, 536-543; - P. Scherer, Die Heiligkreuzkirche in Schwäbisch Gmünd im Werturteil der Kunstgeschichte. Schwäbisch Gmünd, 83-114; - V. Mencl, Der Parlerstil Gmündener Meister, In: UmÞní XXV, 1977, 6, 477-489; - Barbara Schock-Werner, Zur Entlohnung der Werkmeister an den Bauhütten im späten Mittelalter. In: Kölner Domblatt, 1976 XLI, 125-30; - Paul Crossley, Wells, the West Country and Central European Late Gothic. In: Medieval art and architecture at Wells and Glastonbury, 1981, 81-109.

Wenzel Parler:

Lit.: Walther Buchowiecki, Die Wiener Dombauhütte zw. 1380-1430. Der Hochturm v. St. Stephan in Wien. In: Alte u. moderne Kunst LVI-LVII, 1962, 4-9; - Johannes Jahn, Wörterbuch der Kunst, 1966, 519; - Thieme-Becker, 242-248 (Otto Kletztl); - ADB, XXV, 1970 (Neudr. der Erstausg. v. 1887), 175 f. (Krause); - Lex. der Kunst (DDR) III, 1975, 745 f.; - Lex. der Kunst, Bd. IX, 19892, 85-91.

Ingeborg Dorchenas

Letzte Änderung: 06.03.2003