PERAUDI (Perault), Raymund, Kard. (seit 22.9. 1493), päpstl. Ablaß- und Kreuzzugskommissar, * 28.5. 1435 Surgères (Diöz. Saintes, Dép. Charente-Maritime), † 5.9. 1505 Viterbo. - Nach dem Studium an der Univ. Paris, wo er 1470 immatrikulierte u. vor 1476 den Magister theol. erlangte, wurde P. 1476 Domdekan v. Saintes, am 3.8. 1476 auf zehn Jahre päpstl. Ablaßkommissar für den Aufbau der dortigen Kathedrale u. den Kreuzzug gg. die Türken, 1480 Archidiakon v. Aunis, 1482 in Rom unter Sixtus IV. (s.d.) päpstl. Protonotar, 1486-1490 unter Innozenz VIII. (s.d.) für mehrere Ablaßkampagnen Kommissar u. Generalkollektor in Frankreich u. im Reich sowie in Skandinavien, 1488 päpstl. Hausreferendar. Ab 1486 war er als apostol. Nuntius u. Orator am Kaiserhof beglaubigt. P. stand bei den Herrschern Friedrich III. u. Maximilian I. (s.d.) in hohem Ansehen und erwies sich als fähiger u. geschickter Diplomat. 1488/89 erwarb er am frz. Königshof das bes. Vertrauen Karls VIII. (s.d.) P. vermittelte 1488 den Waffenstillstand zw. Friedrich III. u. Matthias Corvinus, 1489 u. 1492 den Frieden zw. Maximilian I. u. Karl VIII. sowie 1503 den Vertrag zw. Lübeck u. Dänemark. 1491 nahm er an den Preßburger Friedensverhandlungen teil und bemühte sich 1503 - wie aus seinem publiziertem Schreiben hervorgeht - um Eintracht zw. dem pfälzischen Kurfürsten u. dem hessischen Landgrafen. Außerdem engagierte sich P. auf seinen Ablaßreisen für den innerstädtischen Frieden. Die Habsburger förderten P. u. verschafften ihm Pfründen und Benefizien. Am 22.8. 1488 ernannte ihn Kaiser Friedrich III. zum Kurienprokurator. 1489 fungierte P. als Administrator seiner Heimatdiözese Saintes. Er erhielt durch die Präsentation Maximilians am 21.2. 1491 das steirische Kanzlerbistum Gurk, das er vermutl. nur durch Vertreter verwaltete. 1492 wurde P. österreichischer Kanzler, 1493 auf Intervention Friedrichs durch Alexander VI. (s.d.) Kardinaldiakon von S. Maria Nuova in Cosmedin, 1496 dann Kardinalpriester v. S. Vitale u. 1499 v. S. Maria Nuova; der Franzose galt als "deutscher Kardinal". Statt des ihm 1498 zugesagten Bistums Metz erhielt er 1501 die Koadjutorie von Toul. 1501 bestellte Alexander VI. den kaiserl. Rat u. Hofsekretär Maximilians, Matthäus Lang (s.d.), zum Administrator u. Koadjutor v. P.s Diözese Gurk. Ab 1503 war P. zusätzlich Bischof von Saintes. P. geriet in Konflikte mit Papst u. dt. König. 1501 prangerte er die Verbrechen der Borgiasippe an. Am 5.10. 1500 erneut von Alexander VI. als Kommissar des Jubiläumsablasses für den Türkenkrieg im Reich und Skandinavien beauftragt, wurde P. bis 1501 v. Maximilian die Einreise ins Reich verweigert, weshalb P. schließlich die Exkommunikation des Königs erwog. 1501-1504 verkündete er trotz Gicht u. hohem Alter die gen. Indulgenz im Reich; einer seiner Sekretäre war Hieronymus Emser (s.d.). Zwar hatte P. Maximilian z.B. 1491 im Feldzug gg. Ungarn unter dem Titel Türkenkrieg mit Ablaßgeldern unterstützt, doch mußte sich der Legat ab 1501 gg. Versuche des dt. Königs wie der Stände wehren, ihm Ablaßgelder abzupressen oder sie zu entfremden. P. entfachte deshalb einen "Streitschriftenkrieg" gg. Maximilian. Letztlich war der König erfolgreich, Papst Julius II. (s.d.) überließ ihm die Kruziatgelder stillschweigend. Diese Vorgänge, die Veruntreuung von Ablaßgeldern durch P.s Kommissare bzw. deren Aneignung auch durch Fürsten und Herrschaften verursachten einen Glaubwürdigkeitsverlust der Ablaßpredigt und steigende Kritik am Ablaßwesen. Wegen dieser Verwicklungen kam P. erst am 23.10. 1504 nach Rom zurück. Siebzigjährig starb er auf einer Legationsreise in Viterbo, wo er als Statthalter des Papstes amtierte, und wurde in S. Trinitate beigesetzt. - Lebenslanges Anliegen des rastlos tätigen Organisators u. (trotz der üblichen Pfründenkumulation) als integer geschätzten Geistlichen war das Engagement für den nie zustande gekommenen Kreuzzug gg. die Türken. P. gelang diese Aufgabe wegen politischer Hemmnisse nicht. Sein Wirken leitete einen Umbruch in der Geschichte des Ablasses ein. Dies gilt bes. von der Indulgenz für die Seelen im Fegefeuer. Gemäß der evtl. von P. mitkonzipierten, aber jedenfalls von ihm zu eigen gemachten Bulle Sixtus IV. "Salvator noster" v. 4.8. 1476 konnte fürbittweise kraft päpstl. Machtvollkommenheit ein Ablaß für die Seelen der Verstorbenen im Fegfeuer gewonnen werden. Im Anschluß an die kontroverse Diskussion prägte P.s Summaria declaratio die theologische Sprachregelung der Zukunft mit seiner Lehre von den vier Gnaden (gratia iubilei; gratia confessionalis; indulgentia plenaria pro animabus in purgatori; participatio in suffragiis ecclesie universalis). P.s Summaria declaratio, die Avisamenta u. der Modus promerendi indulgentias wurden für spätere Ablaßinstruktionen maßgebend, so auch für die Mainzer Instructio summaria des Albrecht v. Brandenburg (s.d.) von 1517. P. setzte für seine Verkündigung u. bei seinen Auseinandersetzungen propagandistisch geschickt das Massenmedium Druck ein u. schuf z.B. durch die Nutzung der Einblattdrucke neuartige, überregional standardisierte Kommunikationsformen. Einer seiner Subkommissare u. "Chefpropagandist" war Johannes von Paltz (s.d.). - Während seiner Reisetätigkeit erteilte P. unablässig Ablässe, Butterbriefe u. Privilegien für Kirchen, Klöster u. Bruderschaften, weihte Gotteshäuser, verteilte Reliquien, gewährte u. bestätigte Pfründen, nahm Heiligsprechungen und Doktorpromotionen vor u. engagierte sich für die Klosterreform. Durch letzteres hat P. Bedeutung für die Stärkung des vorreformatorischen landesfürstlichen Kirchenregiments z.B. in Hessen und im albertinischen wie ernestinischen Sachsen.
Werke: (Die Einblattdrucke, darunter Ablaßbriefe, werden nicht einzeln aufgeführt): Summaria declaratio bullae indulgentiarum ... (nach 1476, 2. Aufl. 1489, 3. Aufl. 1501); Ablaßbrief z. besten des Kampfes gg. die Türken u. der Wiederherstellung der Kathedrale von Saintes, 1484, 1486, 1487; Forma confessionalis et absolutionis ..., 1487-1490; ca. 1501/1502; Instructio suffragandi animabus in purgatorio (dt.: Von denn selen in dem fegfeur), ca. 1487/1488; Avisamenta confessorum in negotio indulgentiarum..., 1489; Modus promerendi indulgentias ..., (o. J.); Resolucie betr. den Ablass des Goldenen Jahres bes. f. die Armen, um 1500; Bekanntmachung betr. die Erteilung v. Ablaßbriefen an Mittellose, lat., nach 1500; Ad illustrissimos senatores sacri romani imperij Nuremberge commorantes Epistola (auch dt.: Epistel an die ... Räte des Hl. Röm. Reiches, jetzt zu Nürnberg versammelt), 1501 (Übers. u. Ed. in Qu. z. Gesch. Maximilians I. u. seiner Zeit. Hrsg. v. Inge Wiesflecker-Friedhuber (Ausgew. Qu. z. dt. Gesch. der Neuzeit 14), 1996, 112-118; Summariam facultatum bullae iubilaei et cruciatae, ca. 1501/1502; Epistole ad romani jmperij Senatores jllustrissimos: necnon ad Heluecios bellicis armis fortissimos. Pro deliberanda in Turcos expeditione, ca. 1502; Eyne vthschrift vth deme latine vppe tudesch der Rede vnd Sermons, ... Den he gheredet ... tho den Dorchluchtigesten ... Senate van Norenberch ..., 1502; Sequitur copia litterarum quos legatus ... intellegens scandalum quod erat in populo ex eo quod rex romanus de mense Junii optauerat habere pecunias que provenuerunt ex sacratissimo Iubileo ut posset subvenire Hungaris, 1502; Legati procuratorium quod de mense septembris ex Erfordia misit ad urbem cupiens absolvi a legatione ..., 1502; Resolvtiones certorvm dvbiorvm qve possunt oriri circa publicationem iubilei ..., 1502; Ablaßgebet zu St. Anna, lat. u. dt., 1503; Tractatus de infamia repellanda ..., 1503; Tractatus divisus in sexdecim capitula ..., 1503; Ad reverendissimos et jllustrissimos sacri romani jmperij principes Herbipoli commorantes Epistola, 1503; Epistola qua ... Comitem Palatinum Rheni ad pacem cum ... Lantgrauio Hassie ineundam hortatur, 1503; Passio ... undecim milium virginum, 1503; Sermo de ortu, conversatione, virtutibus S. Catharinae, 1503; Sequuntur quidam extracta a iure ... ex quibus patet quantum est perniciosum ... apud deum et homines tangere pecunias sacri iubilei ..., um 1503; Copie litterarum quas illustrissimi principes electores ex dieta Franckfordien. ... scripserunt Cardinalium Collegio, 1503; Legati Epistola nouissime in Brunswig edita, 1503?; Admonitio paterna de digitate sacerdotali super omnes Reges terre, 1504; Sequuntur aliqua auisamenta ad quae Caesar & illustrissimi Principes .... imperii attendere debent, 1504.
Werkverz.: Einblattdrucke des 15. Jh. Ein bibliographisches Verz. Hrsg. v. der Kommission f. den Gesamtkat. der Wiegendrucke (Smlg. bibliothekswiss. Arbeiten 35/36) 1914 (Nachdr. 1968), 291 Nr. 1084 - 315 Nr. 1173; - VD 16, Abt. 1, Bd. 15, 562 (Nr. P. 1329) - 565 (Nr. 1354); - Bayr.Staatsbibl. - Inkunabelkat. IV, 1998, 278 (Nr. P 140) - 286 (Nr. P 181); - Verz. der im Dez. 1503 durch P. in Speyer veranlassten Drucke bei Mehring (s.u.), 408 f. Nr. 9.
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