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Verlag Traugott Bautz
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PETRUS PEREGROSSUS (de Petris Grossis, de Pedrograssis, de Grossis Petris, de Grassis Petris, de Mediolano, Lumbardus), Legist, * 1220/30? in Mailand, † 1. August 1295 in Anagni. P. hat in Bologna Zivilrecht studiert. Sein dortiger Lehrer war Odofredus († 1265), der selber ein Schüler des Iacobus Balduini († 1235) war. Mehrere Schüler des letztgenannten lehrten an der neuen, um 1230/35 entstandene Rechtsschule in Orléans. Das erklärt wahrscheinlich, daß auch Petrus dort gelehrt hat, wann und wie lange, ist unbekannt. Wahrscheinlich hat er sich um 1260 vom akademischen Unterricht verabschiedet. Wie viele andere Legisten aus Orléans hat er eine Laufbahn im Dienst der Kirche eingeschlagen. So ist er 1273 urkundlich bezeugt als Kanoniker der Notre-Dame in Paris. Ein Jahr später war er Mitglied der römischen Kurie, die sich damals wegen des dort stattfindenden allgemeinen Konzils (s. Gregor X.) in Lyon aufhielt. Bald danach (1275/76) rückte er zum Vizekanzler der römischen Kirche auf. Seine Tätigkeit in der Kanzlei endete, als er am 16. Mai 1288 den Purpur als Kardinaldiakon empfing; 1289 wurde er Kardinalpresbyter von S. Marco. Sein Nachfolger (1288-91) als Vizekanzler war ein sehr bekannter Kanonist, der in Paris das Kirchenrecht gelehrt hatte, Johannes Monachus (Jean Lemoine; s.d.), und selbst im Jahre 1294 zum Kardinalpresbyter erhoben wurde; unter seinen Vorgängern im Amt war ein noch viel erlauchterer Kanonist gewesen, und zwar Sinibald Fieschi (Innozenz IV.; s.d.). Peregrossus scheint der erste Vizekanzler gewesen zu sein, der Legist war.
Werke: 1. Ein Kommentar zum wichtigen Institutionentitel "de actionibus" (Inst. 4.6), erhalten in drei Handschriften. Nach Meijers ist das Werk viel gründlicher und ausführlicher als andere dem selben Thema gewidmeten Arbeiten dieses Zeitalters. In Bologna scheinen Pecien des Werks erhältlich gewesen zu sein. Trotzdem hat es offensichtlich minimale Verbreitung gehabt. - 2. Eine Abhandlung zur richterlichen Anordnung: Tractatus de primo et secundo decreto, später herausgegeben in den Tractatus Universi Iuris III, 2, Venetiis 1584, fol. 139rb-140va, wo sie irrtümlich dem Juristen Guy Pape (Guido Papa; 1404?-1477) zugeschrieben wird (obwohl der Autor schon in der Einleitung seinen Namen nennt: ego Petrus de Grassispetris). Er zitiert ständig seinen Lehrer Odofredus, den er - wie üblich war - "dominus meus" nennt. Sein Lehrer hatte dieses Thema ebenfalls einen Traktat gewidmet, nach dem Beispiel seines eigenen Lehrers Iacobus Balduini, der am Verfahrensrecht sehr interessiert war. - 3. Eine in nur einer Handschrift erhaltene, anonyme Einleitung zu Vorlesungen zum Digestum vetus, mit am Ende das Jahr 1202, wahrscheinlich zu lesen als 1252 oder 1262. Sie bildet eine wichtige Quelle bezüglich der Struktur der damaligen Vorlesungen. Über deren Herkunft und Verfasser schwebt man aber immer in Ungewißheit. Savigny hat sie dem Odofredus zugeschrieben, Meijers dessen Schüler Peregrossus, Soetermeer (1989) - seiner heutigen Ansicht nach zu Unrecht - dem Sohne des erstgenannten, Albertus Odofredi (1228-1300), der seinem Vater als Professor nachgefolgt ist. Der rätselhafte Verfasser zitiert scherzend zuerst einen wohlbekannten Anreiz für Jurastudenten um fleißig zu studieren in lateinisch (Nocte dieque leges, si vis addiscere leges), danach einen anderen in italienisch, und bemerkt schließlich: idem in provinciali. Gouron (1970) folgert aus dieser Bemerkung, daß Peregrossi an einer südfranzösischen Universität gelehrt hat. Bezemer (1987) meint daß einige andere Abschnitte des Textes, bezüglich des Unterrichtssystems, vielleicht auf Toulouse als Herkunftsort deuten könnten. - 4. Ein in nur einer Handschrift erhaltener Kommentar ad D. 2.9.2.1, zur richterlichen Anordnung (decretum); das Verhältnis zu seinem unter Nr. 2 genannten, diesbezüglichen Kommentar bleibt festzustellen. - 5. Kurze Zusammenfassungen einiger von ihm in Orléans gehaltene "quaestiones disputatae" (d.h. Sondervorlesungen zu alltäglichen Rechtsfragen) sind erhalten in einer Handschrift in Edinburgh, andere werden besprochen in den Kommentaren des Jacobus de Ravenneio († 1296; s.d.), der nach ihm in Orléans gelehrt hat.
Lit.: Savigny III2, 251, 259, 272, 541, 553, 555; V2, 368; - Paul Maria Baumgarten, Von der apostolischen Kanzlei. Untersuchungen über die päpstlichen Tabellionen und die Vizekanzler der Heiligen Römischen Kirche im XIII. XIV. und XV. Jahrhundert, Köln 1908, 80-81; - E.M. Meijers, L'université d'Orléans au XIIIe siècle, in: Études d'histoire du droit, III, hrsg. v. R. Feenstra, H.F.W.D. Fischer, Leiden 1959, 3-148, bes. 8, 35, 37, 46-52, 113, 118 (überarbeitete französische Fassung zweier zuerst in den Jahren 1918-1921 in niederländisch erschienenen Aufsätze), 46-52; - Gérard Fransen, Textes de l'École d'Orléans dans le manuscrit Urgel 2036, in: Studi Senesi 81 (1969) 7-26, bes. 9, 23. Ndr. in: Ders., Canones et Quaestiones. Évolution des doctrines et système du droit canonique, im Druck; - Peter Weimar, Die legistische Literatur und die Methode des Rechtsunterrichts der Glossatorenzeit, in: Ius Commune 2 (1969) 43-83, bes. 7-12, 35. Ndr. in: Ders., Zur Renaissance der Rechtswissenschaft im Mittelalter, (Bibliotheca Eruditorum, 8), Goldbach 1997, 3*-43* (addenda et emendanda: 351*-56*); - André Gouron, Les juristes de l'École de Montpellier, (Ius Romanum Medii Aevi, Pars IV, 3a), Mailand 1970, 9. Ndr. in: Ders., Études sur la diffusion des doctrines juridiques médiévales, London 1987, Nr. I; - Agostino Paravicini Bagliani, Le biblioteche dei cardinali Pietro Peregrossi († 1295) e Pietro Colonna († 1326), in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 64 (1970) 104-39; - Martin Bertram, Kirchenrechtliche Vorlesungen aus Orleans (1285/7), in: Francia 2 (1974) 213-233, bes. 222-23; - Hans van de Wouw, Quaestiones aus Orleans aus der Zeit vor Jacques de Révigny, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 48 (1980), bes. 50-52, 54-56; - Agostino Paravicini Bagliani, I testamenti dei cardinali del Duecento, Rom 1980, bes. 271-75 (s. auch den Register); - Laurent Waelkens, La théorie de la coutume chez Jacques de Révigny. Édition et analyse de sa répétition sur la loi De quibus (D. 1.3.32), Diss. (Leiden), Leiden 1984, 36, 37-38, 42, 117-18, 255, 265-66; - C.H. Bezemer, Les répétitions de Jacques de Révigny. Recherches sur la répétition comme forme d'enseignement juridique et comme genre littéraire, suivies d'un inventaire des textes. Edition du texte, précédée de prolégomènes, Diss. (Leiden), Leiden 1987, 15, 23, 43, 135, 244, 259, 297; - Ders., Les quaestiones disputatae dans les commentaires de Jacques de Révigny, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 58 (1990) 5-38, bes. 8, 14, 22, 30; - Frank Soetermeer, L'ordre chronologique des apparatus d'Accurse sur les libri ordinarii, in: Historia del derecho privado, Trabajos en homenaje a Ferran Valls i Taberner, hrsg. v. Manuel J. Peláez, Barcelona 1989, 2867-92, bes. 2887-90. Ndr. in: Ders., Livres et juristes au Moyen Âge, (Bibliotheca Eruditorum, 26), Goldbach 1999, 247*-72* (387*-91*: addenda et corrigenda); - Ders., L'édition de lecturae par les stationnaires bolonais, in: Tijdschrift voor Rechtsgeschiedenis 59 (1991) 333-351, bes. 343. Ndr. in: Livres et juristes (1999) 171*-189*. Auch in: Miscellanea Domenico Maffei dicata: historia, ius, studium, hrsg. v. Antonio García y García, Peter Weimar, Bd. I, Goldbach 1995, 411-429; - Ders., Utrumque ius in peciis. Die Produktion juristischer Bücher an italienischen und französischen Universitäten des 13. und 14. Jahrhunderts (Ius Commune, Sonderheft 150), Frankfurt am Main 2002, 402, 424.
Frank Soetermeer
Literaturergänzung:
2008
Kees Bezemer, L’enseignement du droit à Orléans avant 1306, in: Michel Pertué (Hrsg.), L’Université d’Orléans, 1306-2006: Regards croisés sur une histoire singulière. Actes du Colloque d’Orléans 10 octobre 2006, Orléans 2008, 19-24, bes. 20-21.
Letzte Änderung: 04.02.2009