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Verlag Traugott Bautz
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PEUTINGER, Konrad, Humanist und Stadtschreiber, * 15.10. 1465 in Augsburg. Obwohl er schon jung seinen Vater verlor, durfte P. eine gepflegte Erziehung genießen: 1479/80 ist er, als fünfzehnjähriger, Student in Basel, 1482/8 in Italien, wo er in Padua, Bologna (wohl um 1485), Florenz und Rom mit Matthäus Colatius, Augustinus Balbus, Hermolaus Barbarus, Petrus Marcus, Jason de Mayno, Bologninus, Philippus Beroaldus, Angelus Politianus, Giovanni Pico della Mirandola und Pomponius Laetus Jurisprudenz studierte und sich nicht minder dem Studium des Altertums - insbesondere der Inschriftensammlung - hingab. 1488 war er, ohne sein Studium abgeschlossen und seine Doktorwürde erlangt zu haben, wieder in Deutschland, und zwar in Aachen. Am 11.12. 1490 wurde er in den Dienst der Stadt Augsburg genommen (er wurde am 9.9. 1497 zum Stadtschreiber auf Lebenszeit ernannt), in welcher Tätigkeit er die Ratsprotokolle, die städtischen Akten, die Korrespondenz, die Kauf- und die Schuldbriefe zu führen und in Ordnung zu halten hatte. Auch in schwierigen Rechtsfällen wurde er zu Rat gezogen. Im Rahmen dieser städtischen Aufgabe beschäftigte er sich auch mit der Armenpflege; so übersetzte er eine Schrift des Oekolampadius über die Verteilung von Almosen und ließ sie veröffentlichen. Außerdem war er im auswärtigen Dienst der Stadt Augsburg tätig, und führte Gesandschaften zum Papst nach Rom durch (1491; bei dieser Gelegenheit holte er die Erlangung des Doktortitels in Padua nach), sowie zu Kaiser Maximilian I. (mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband) nach Linz (1491), zum Reichstag nach Lindau (1496), zum schwäbischen Bund nach Tübingen und Reutlingen (1499), zum Bundestag nach Esslingen (1499), zum Reichstag nach Köln im Gefolge des Kaisers (1505), zu Maximilian nach Graz (1506), dann mit ihm nach Wien und Ungarn, 1513 zum Kaiser in die Niederlande, 1517 nach München, usw. Auch in seiner Heimatstadt ist P. weiterhin tätig, erwarb dort ein Haus für den Kaiser, und begrüßte in dessen Namen 1502 die spanischen und venezianischen Gesandten. Ebenfalls durfte er den Kaiser selbst bei dessen Besuch in Augsburg im Namen der Stadt begrüßen. 1507 wiederum gelingt es ihm, nach einer kaiserlichen Anleihe für den Romzug Maximilians, die Stadt vor ähnlichen Geldforderungen für die nähere Zukunft abzusichern. Nach Maximilians Tod 1519 und Karls V. Kaiserwahl durfte P. den jungen Herrscher in Brügge begrüßen; 1521 befand er sich auf dem Reichstag in Worms, wo er sich nicht nur gegen Luther (den er ursprünglich unterstützt hatte) stellte und ihn zum Widerruf zu bewegen versuchte, sondern sich auch um die Privilegien seiner Heimatstadt - darunter das Münzrecht - mit Erfolg bemühte. In seiner weiteren Laufbahn tat sich P. in der Reformationsfrage als Vermittler hervor, doch sollte ihm diese unentschiedene Haltung nur Unannehmlichkeiten bescheren: so galt er für die Reformanhänger als von der päpstlichen Partei bestochen, und für die Altgläubigen erschien er als unzuverlässig. Der Bauernkrieg und die Zusammenrottung der radikalen Partei in Augsburg, mit deren Aufklärung P. fast im Alleingang beauftragt wurde, erschwerten noch mehr seine Lage. 1530 brachte er vor dem Reichstag in Augsburg die entschiedene Erklärung der Stadt gegen den protestantenfeindlichen Reichstagsbescheid, doch konnte er einige Jahre später das eigenmächtige Vorgehen des Rats in Religionsangelegenheiten nicht recht billigen. Seiner Meinung nach hatte die Stadt nicht in Religionsangelegenheiten einzugreifen, zu welchem Zweck er auch eine Denkschrift, eine Art Gutachten, anfertigte. Doch wurde diese der Toleranz in Spaltungszeiten verpflichtete Politik, sowie andere seiner damaligen Entscheidungen nicht beachtet, und so erbat schließlich P. 1534 den Abschied aus dem öffentlichen Dienst. Von da an und bis zu seinem Tode am 28.12.1547 widmete P. sich hauptsächlich seinen wissenschaftlichen Studien. 1538 bekam er das Patriziat verliehen, und 1547 wurde er von Kaiser Karl V. in den erblichen Adelsstand erhoben. - Es sind P.s wissenschaftliche Beiträge, die ihm nachhaltigen Ruhm verleihen. Außer eigenen Abhandlungen (so z.B. eine reiche Sammlung deutscher Geschichtsquellen), die zum Teil handschriftlich geblieben sind, und einer aufwendigen Sammeltätigkeit, insbesondere von den Altertümern seiner Augsburgischen Heimat (von welchen er viele im eigens eingerichteten Hofe seines Hauses museal unterbrachte, und auf Befehl des Kaisers - der ihm ebenfalls zahlreiche antike Münzen und Inschriften zukommen ließ - von 1505 an auch veröffentlichte) besteht diese aus der Besorgung der Veröffentlichung von Werken antiker (wie etwa die 1515 von seinem Freund Johannes Mader veröffentlichte, von P. selbst 1496 entdeckte Ursperger Chronik, den von Celtes aufgefundenen Ligurinus, oder eine von P. angefertigte Edition des Prokop durch Beatus Rhenanus) oder humanistisch gesonnener neuerer Autoren (so Bernardus Trebatius Horapoll). Dazu kam ein reger brieflicher und sonstiger Austausch mit ähnlich gesonnenen Gelehrten (so etwa Erasmus, Sebastian Brant, Konrad Celtis, Beatus Rhenanus, Johannes Reuchlin, Willibald Pirckheimer, Giovanni Pico della Mirandola und besonders Kaiser Maximilan I) und die Gründung eines »sodalitium« oder die Wissenschaften pflegenden Freundeskreises in Augsburg, bestehend aus Geistlichen, Ratsherrn und hervorragenden Bürgern. Schließlich besorgte er Materialien für die (zum größten Teil in Projektszustand gebliebenen) kaiserlichen Prachtwerke des Maximilian I. (sein Grabmahl zu Innsbruck, seinen geplanten »Triumphzug«, die sogenannte »Ehrenpforte«, seine Genealogie, oder die Bücher zu seinem Leben: »Theuerdank«, »Weisskunig«, »Freydall« und das Gebetbuch. In seiner Qualität als Jurist im römischen Recht bewandert, und als Stadtschreiber geübt wurde er ebenfalls beauftragt, eine Sammlung der Rechtspflege des Reiches zu erstellen (das sogenannte »Kaiserbuch«), sowie die alten Briefe des Hauses Österreich zu ordnen und gegebenenfalls in Auszüge zu veröffentlichen; er erstellte auch Rechtsgutachten zu den kaiserlichen Unterfangen, und arbeitete mit beim kaiserlichen Projekt, einem Werk über die Geheimnisse des christlichen Glaubens auf das Verständnis des gemeinen Mannes gemünzt zu veröffentlichen. P. selbst gab Jordanes Werk »De Rebus Geticis« und Paulus Diakonus »Historia Langobardorum« 1515 heraus; die Herausgabe von Macrobius »De somno Scipionis« und Antonius Musas und Apuleius Celsus »De herbarum medicaminibus« blieb jedoch unvollendet. Die berühmte »Tabula P.iana«, von Celtes entdeckt und P. 1507/08 vermacht, wurde erst nach seinem Tode veröffentlicht. In seinen historiographischen Schriften wird P. nicht selten von seinem patriotischen Eifer verleitet, auch wenn er in der Lage ist, die Echtheit von einigen Belegen seines Freundes Trithemius in berechtigten Zweifel zu stellen. Am interessantesten scheint jedoch seine Stellungnahme zu Religion zu sein: auch wenn man ihn zweifelsohne in die humanistische vorreformatorische Strömung einordnen kann, wofür sein forschender Geist und seine wissenschaftlichen Interessen, insbesondere für die Antike, sprechen, so scheint sich P. keines Bedürfnisses bewußt gewesen zu sein, seine so gewonnenen, nicht selten mit der offiziellen Kirchenlehre in Konflikt stehenden Ansichten (so etwa zu der Frage, ob der Apostel Paulus verheiratet gewesen sei) auch notwendigerweise publik zu machen: zwar stellte er sich auf die Seite seines Freundes Reuchlin in dessen Streit mit Pfefferkorn, zeigte Interesse an der Sache der Reformation und beschäftigte sich mit patristischen Studien, zwar begrüßte er anfänglich (1518) Luthers Auftreten und unterstützte Oekolampad auch nach dessen Ausscheiden aus Augsburg, aber eigentlich wäre P. mit einer Reformation im Sinne von Erasmus, eine Erneuerung von innen, von innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche eher zufrieden gewesen als mit einem radikalen Bruch. Er war somit ein gemäßigter Reformer, ein Verneiner im Kleinen und Bejaher im Großen. Diese Einstellung gewann ihm den Ruf, er sei veränderlicher als ein Chamäleon und gänzlich unzuverlässig. - Nach P.s Tode wurde seine Bibliothek seinen jüngeren Söhnen Johannes Chrisostomus und Karl vermacht, und gelangte 1715 durch Geschenk des letzten P.s, Ignatz, in den Besitz des Augsburger Jesuitenklosters; nach dessen Aufhebung gelangten die Handschriften und Buchbände in den Besitz der Staatsbibliothek München, des Geheimen Stadtarchivs München, der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, des Stadtarchivs Augsburg, des Fuggerarchivs Augsburgs, des Stadtarchivs Nördlingen, der Wiener Hofbibliothek (später Österreichische Nationalbibliothek), und der Stuttgarter Landesbibliothek.
Bibliographie: Eigene Schriften und Veröffentlichungen: Romanae vetustatis fragmenta in Augusta Vindelicorum et ejus diocesi, Erhard Ratold 1505; zweite vermehrte und verbesserte Ausgabe unter dem Titel Inscriptiones vetustae Romanae bei Schöffer, Mainz 1520; weitere Ausgaben von Max Welser. cf. Corpus Inscriptionum Latinarum XI i, xlvii, III i, xxxi; Sermones conviviales... de mirandis Germaniae antiquitatibus 1505, dann Straßburg 1506, 1530, dann in Schardius, Historiam opus I, Basel 1574, in: Schardius redivivus sive rerum Germanicarum scriptores etc. Bd. I, Gießen 1673, 1684; auch in: Georg Wilhelm Zapf, hrsg., 1781, 1789; Oratio... pro civitate Augusta Vindelicorum apud imp. caes. Carolum Brugis habita... Boxstege 1521; Von v[ert]eylung des Almusens, erstmals von Joanne Oecolampadio in Latin beschribben, und yetz durch Doktorn Chunradum Peutinger von Augspurg vertütschet... BAsel, Andreas Cratander, 1524; Quorundam iuris scientia illuistatorum iudicium ex praeceptoribus meis collectum, hrsg. Joachimsen, Paul, in: »Beiträge zur Geschichte der Renaissance und Reformation«, Festgabe für Josef Schlecht, München 1917; Annotationes ad Apuleius de herbis, 1513 (unveröffentlicht); Collectiones adversus anabaptistas, nach 1531 (unveröffentlicht); In divi Pauli ap. raptum et de vero in eucharistia corpore et sangui Christi collectiones, ca 1530 (unveröffentlicht); Epistola de nomine Augusto (unveröffentlicht); De supremae imperatoriae maiestatis praeeminentia et potestate (unveröffentlicht); Epistola Margaretae Welseriae ad Christoph. fratrem; De Eucharistia (verschollen); Kaiserbuch; Gutachten: über die Kaiserwahl; über die Reform der Bettelorden; über die Konstanzer Reformation; über Modena und Reggio; Super numismatis cuiusdam inscriptione Graeca; Herausgabe von Jordanes, De rebus Geticis und von Paulus Diakonus, Historia Langobardorum, Augsburg, 1513; des »Ligurinus« 1507; der Karte von Nikolaus von Kues, ca. 1509.
Lit.: C. Bauer, »Conrad Peutingers Gutachten zur Monopolfrage«, ARG 45, 1954; - Deutsche Reichstagsakten, Jüngere Reihe, Bd. 2-4, bearb. von A. Wrede, 1896-1905; - J. Döllinger, Die Reformation, Bd. I, 2. Auflage, Regensburg 1851; - H.A. Erhard, Geschichte des Wiederaufblühens wissenschaftlicher Bildung, Bd. III, Magdeburg, 1832, 394-411; - L. Geiger, Renaissance und Humanismus (Allgemeine Weltgeschichte, hrsg. W. Oncken, II, Berlin 1882, 370-2; - Theodor Herberger, Conrad Peutinger in seinem Verhältnisse zum Kaiser Maximilian I, in: 15. und 16. Jahresbericht des Historischen Kreis-Vereins für Schwaben und Neuburg, Augsburg, 1851; - Paul Joachimsen, »Peutingeriana«, in: Festgabe für C.Th. von Heigel, München 1903; - Paul Joachimsen, Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung in Deutschland unter dem Einfluß des Humanismus, Leipzig 1910; - Paul Joachimsen, »Beiträge zur Geschichte der Renaissance und Reformation«, Festgabe für Josef Schlecht, München 1917; - Erich König, Konrad Peutingers Briefwechsel. Gesammelt, hrsg. u. erläutert, München, 1923; - Erich König, Peutingerstudien, in: Studien und Darstellungen aus dem Gebiete der Geschichte, 9. Bd. 1. und 2. Heft, Freiburg 1914; - Erich König, »Konrad Peutinger als Historiker«, Germania 1909, 44, Wissenschaftliche Beilage; - Erich König, »Konrad Peutinger und die Karte des Nikolaus von Kues«, Festschrift für G. Hertling, 1913; - Heinrich Lutz, »Peutinger«, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Herder Vlg., Freiburg i.Br., Bd. 8, 1963; - Heinrich Lutz, Conrad Peutinger: Beiträge zu einer politischen Biographie, Augsburg 19..; H.A. Lier, »Der Augsburgische Humanistenkreis«, Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg, Augsburg 1882, VII Jahrgang, Heft 1, 72 ff.; - H.A. Lier, »Peutinger«, Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 25, 1887 [rpt. Berlin 1990], 561-8; - Johannes Georg Lotter, Historia vitae atque meritorum Conradi Peutingeri, Leipzig 1729; - Johannes Georg Lotter, Ad clarissimum virum joannem Georgium Schelhornium epistola, qua de consilio suo publicis usibus evulgandi opuscula Conradi Peutingeri exposite disserit, Leipzig 1731; - G.v. Murr, »Index codicorum manuscriptorum bibliothecae Peutingerianae in Collegio Soc. Iesu... Augustae Vindelicorum«, Journal zur Kunstgeschichte und zur allgemeinen Literatur, Teil XIII, Nürnberg 1784, 311-8; - R. Pfeiffer, Peutinger und die humanistische Welt. Augusta 955-1555, München 1955; - F. Roth, Augsburgs Reformationsgeschichte, 4 Bde., 1901-11; - Karl Schottenloher, Bibliographie zur deutschen Geschichte im Zeitalter der Glaubensspaltung 1517-1585, 1933-39, Nr. 17146-17165 und 48650-48652a; - J. Sturm, Der Ligurinus. Ein deutsches Heldengedicht zum Lobe Kaiser Friedrich Rotbarts, 1911; - Franc. Ant. Veith, Historia vitae atque meritorum Conradi Peutingeri. Post Joh. Ge. Lotterum... Accedunt Conradi Peutingeri et aliorum eius aetatis eruditorum apistola ineditae LI. Augsburg 1783; - W. Vogt, Konrad Peutinger, Augsburg 1893; - Wegele, »Geschichte der Deutschen Historiographie«, Geschichte der Wissenschaften in Deutschland, Bd. XX, München 1885, 110-6; - M. Weyrauter, Konrad Peutinger und Wilibald Pirkheimer in ihrer Beziehung zur Geographie, München 1907; - G.W. Zapf, Augsburgische Bibliothek, Bd. I, II, Augsburg 1795 (Register); cf. auch Merkwürdigkeiten der Zapfischen Bibliothek, Augsburg 1788, 261-3 und 288-301.
Monika Grünberg-Dröge
Literaturergänzung:
Hans-Jörg Künast ; Helmut Zäh, D. Bibliothek K.P.s. Ed. d. hist. Kataloge u. Rekonstruktion d. Bestände. 2 Bde. Tübingen 2003-05 (=Studia Augustana; 11.14).
Letzte Änderung: 14.01.2006