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Band VII (1994)Spalten 521-523 Autor: Ekkart Sauser

PHILOMENA, Hl. Märtyrerin, unter Diokletian im Jahre 302 enthauptet, Fest am 11. August. - Die als jungfräuliche Märtyrerin der ersten christlichen Jahrhunderte im Volke ungemein verehrte Heilige wurde zunächst mit dem Skelett eines Mädchens in Verbindung gebracht, das 1802 in der Katakombe der hl. Priscilla zu Rom gefunden wurde. Das Grab war mit drei Täfelchen aus gebranntem Ton abgeschlossen. Folgende Inschrift war darauf zu lesen: LUMENA/PAX TE/CUM FI. In eine andere Reihenfolge gebracht zeigt dies »Pax tecum Filumena«. Auf den Tontäfelchen waren noch drei Pfeile, zwei Anker, ein Palmzweig und eine Lilie dargestellt. Neben dem Kopf der Toten fand sich eine gläserne Ampulle mit vermeintlichen Blutresten. Die Entdeckung wurde sehr unterschiedlich bewertet. Jedenfalls war sie Anlaß zu schneller Legendenbildung. So liest man bei J. Ev. Stadler-J.N. Ginal, Vollständiges Heiligenlexikon, Bd. IV... S. 915 f.: »Als man die Blutteilchen von dem Gefäß ablöste, sah man sie wunderbarerweise wie Edelsteine glänzen. Drei Personen, ein Künstler, ein Priester und eine Nonne hatten Offenbarungen über ihr Leben und Leiden.« - Das Skelett wurde auf Betreiben des Pfarrers Francesco de Lucia (1772-1847) nach Neapel und von dort sehr bald nach Mugnano in der Diözese Nola gebracht. - Eugen Trapp bemerkt zu den weiteren Vorgängen um diese Übertragung: »Regen nach langer Dürre sowie Heilungen von Kranken wurden der neugewonnenen Heiligen zugeschrieben. Ihre Verehrung breitete sich rasch zunächst auf Italien, dann auf die gesamte katholische Welt aus. Ermöglicht wurde das schnelle Anwachsen der Popularität Ph. vor allem durch die von Francesco De Lucia erdichtete Vita, für die er als einzige Anhaltspunkte die auf den drei Tontafeln gefundenen Zeichen verwenden konnte.« (S. 253) Ph. stieg zur »Wundertäterin des neunzehnten Jahrhunderts« schlechthin auf. Papst Gregor XVI. gestattete 1835 ihre liturgische Feier für den 11. August. Unter ihrem Patronat entstanden religiöse Vereinigungen. Zugleich aber gab es schon im 19. Jh. ausgesprochene Gegner ihrer Verehrung. Vor allem lehnte der römische Dichter Gioacchino Belli († 1863) ihren Kult ab. Bei der Bildung eines ikonographischen Typs dieser Heiligen konnte »aufgrund des Fehlens einer speziellen ikonographischen Tradition ganz besonders stark die ganze Bandbreite kunst- und geistesgeschichtlicher Tendenzen zum Tragen kommen.« (E. Trapp, S. 254). Ph. wurde in Frankreich zur »Patronin restaurativer Politik«. (E. Trapp). Der hl. Pfarrer von Ars, J.M.B. Vianney († 1859) nannte Ph. die »liebe kleine Heilige« und »machte Ars zum zeitweilig größten Wallfahrtsort Frankreichs.« (E. Trapp). Ars kann mit E. Trapp als die »Wiege der nationalen französischen Philomenenverehrung« bezeichnet werden. Es entstanden in Frankreich die ersten Darstellungen der Ph. (durch den Grödner Bildhauer Dominik Mahlknecht), in Paris wurde eine Erzbruderschaft der hl. Ph. begründet. Mittelpunkt ihrer Verehrung in Paris war die südliche Querschiffskapelle von St-Gervais, an bedeutsamster Stelle gegenüber der Chapelle du Sacre-Coeur. Man sprach in kritischen Kreisen angesichts des Ausmaßes ihrer Verehrung von einem »exces d'honneur«. Angesichts all dieser Erscheinungen meint E. Trapp: »Einem aus Gründen der Staatsraison zu erstarkenden Katholizismus war nichts wertvoller als eine aktuelle Heilige. Der katholische Glaube war jetzt (wieder) zu einer nationalen Angelegenheit geworden.« (S. 256). Zu den bekanntesten Philomenendarstellungen gehört die des Florentiner Historienmalers Giuseppe Bezzuoli († 1855). Das Werk war im März 1840 vollendet und für den Dom von Pistoia geschaffen. Aufschlußreich bemerkt Trapp zu diesem Werk: »Ob Bezzuoli um die Problematik der Philomenenverehrung wußte, ist nicht bekannt. Jedenfalls hat er unter bewußter oder unbewußter Mißachtung der durch die Vita verbindlich gemachten Attribute (Anker bzw. Tiber, Pfeile, Palmzweig, Ampulle) auch auf künstlerischer Ebene eine neue Heilige geschaffen, ohne dabei die Traditionsgrenzen der religiösen Malerei zu sprengen. Hierin liegt...das Verdienst Bezzuolis: Man zweifelt nicht an der Heiligkeit seiner Philomena.« (S. 259-260).

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Lit.: A. De Waal, Die Grabschrift der Philomena aus dem Coemeterium der Priscilla, in: RQ 12 (1898) 42 ff.; - D. Balbonis, Filomena, in: BiblSS V, 786 ff. (mit ausführlicher Bibliographie), Reau III, 1073 f.; - J.Ev. Stadler-J.N. Ginal, Vollständiges Heiligenlexikon IV, Hildesheim-New York 1975, 915 f.; - A. Thesaurulus, Die Volkshochschule (Augsburg 1925) 443 ff.; - E. Trapp, Philomena-Ein Beitrag zur christlichen Kunst des 19. Jahrhunderts, in: RQ 86 (1991) 252-260; - J. Torsy, Der Große Namenstagskalender, Freiburg-Basel-Wien 1985, 229.

Ekkart Sauser

Literaturergänzung:

Kaltenbrunner Gerd-Klaus: Geliebte Philomena. Kleiner Liebesbrief an eine wiedergefundene Heilige, 1996; - Nelk, Th. Acht Gebete zur Hl. Philomena.

Letzte Änderung: 15.11.2011