PHILOMENA, Hl. Märtyrerin, unter Diokletian im Jahre 302 enthauptet,
Fest am 11. August. - Die als jungfräuliche Märtyrerin der ersten
christlichen Jahrhunderte im Volke ungemein verehrte Heilige wurde
zunächst mit dem Skelett eines Mädchens in Verbindung gebracht, das
1802 in der Katakombe der hl. Priscilla zu Rom gefunden wurde. Das
Grab war mit drei Täfelchen aus gebranntem Ton abgeschlossen. Folgende
Inschrift war darauf zu lesen: LUMENA/PAX TE/CUM FI. In eine andere
Reihenfolge gebracht zeigt dies »Pax tecum Filumena«. Auf den Tontäfelchen
waren noch drei Pfeile, zwei Anker, ein Palmzweig und eine Lilie dargestellt.
Neben dem Kopf der Toten fand sich eine gläserne Ampulle mit vermeintlichen
Blutresten. Die Entdeckung wurde sehr unterschiedlich bewertet. Jedenfalls
war sie Anlaß zu schneller Legendenbildung. So liest man bei J. Ev.
Stadler-J.N. Ginal, Vollständiges Heiligenlexikon, Bd. IV... S. 915 f.:
»Als man die Blutteilchen von dem Gefäß ablöste, sah man sie wunderbarerweise
wie Edelsteine glänzen. Drei Personen, ein Künstler, ein Priester
und eine Nonne hatten Offenbarungen über ihr Leben und Leiden.« -
Das Skelett wurde auf Betreiben des Pfarrers Francesco de Lucia (1772-1847)
nach Neapel und von dort sehr bald nach Mugnano in der Diözese Nola
gebracht. - Eugen Trapp bemerkt zu den weiteren Vorgängen um diese
Übertragung: »Regen nach langer Dürre sowie Heilungen von Kranken
wurden der neugewonnenen Heiligen zugeschrieben. Ihre Verehrung breitete
sich rasch zunächst auf Italien, dann auf die gesamte katholische
Welt aus. Ermöglicht wurde das schnelle Anwachsen der Popularität
Ph. vor allem durch die von Francesco De Lucia erdichtete Vita, für
die er als einzige Anhaltspunkte die auf den drei Tontafeln gefundenen
Zeichen verwenden konnte.« (S. 253) Ph. stieg zur »Wundertäterin des
neunzehnten Jahrhunderts« schlechthin auf. Papst Gregor XVI. gestattete
1835 ihre liturgische Feier für den 11. August. Unter ihrem Patronat
entstanden religiöse Vereinigungen. Zugleich aber gab es schon im
19. Jh. ausgesprochene Gegner ihrer Verehrung. Vor allem lehnte der
römische Dichter Gioacchino Belli († 1863) ihren Kult ab. Bei
der Bildung eines ikonographischen Typs dieser Heiligen konnte »aufgrund
des Fehlens einer speziellen ikonographischen Tradition ganz besonders
stark die ganze Bandbreite kunst- und geistesgeschichtlicher Tendenzen
zum Tragen kommen.« (E. Trapp, S. 254). Ph. wurde in Frankreich zur
»Patronin restaurativer Politik«. (E. Trapp). Der hl. Pfarrer von
Ars, J.M.B. Vianney († 1859) nannte Ph. die »liebe kleine Heilige«
und »machte Ars zum zeitweilig größten Wallfahrtsort Frankreichs.«
(E. Trapp). Ars kann mit E. Trapp als die »Wiege der nationalen französischen
Philomenenverehrung« bezeichnet werden. Es entstanden in Frankreich
die ersten Darstellungen der Ph. (durch den Grödner Bildhauer Dominik
Mahlknecht), in Paris wurde eine Erzbruderschaft der hl. Ph. begründet.
Mittelpunkt ihrer Verehrung in Paris war die südliche Querschiffskapelle
von St-Gervais, an bedeutsamster Stelle gegenüber der Chapelle du
Sacre-Coeur. Man sprach in kritischen Kreisen angesichts des Ausmaßes
ihrer Verehrung von einem »exces d'honneur«. Angesichts all dieser
Erscheinungen meint E. Trapp: »Einem aus Gründen der Staatsraison
zu erstarkenden Katholizismus war nichts wertvoller als eine aktuelle
Heilige. Der katholische Glaube war jetzt (wieder) zu einer nationalen
Angelegenheit geworden.« (S. 256). Zu den bekanntesten Philomenendarstellungen
gehört die des Florentiner Historienmalers Giuseppe Bezzuoli († 1855).
Das Werk war im März 1840 vollendet und für den Dom von Pistoia geschaffen.
Aufschlußreich bemerkt Trapp zu diesem Werk: »Ob Bezzuoli um die
Problematik der Philomenenverehrung wußte, ist nicht bekannt. Jedenfalls
hat er unter bewußter oder unbewußter Mißachtung der durch die Vita
verbindlich gemachten Attribute (Anker bzw. Tiber, Pfeile, Palmzweig,
Ampulle) auch auf künstlerischer Ebene eine neue Heilige geschaffen,
ohne dabei die Traditionsgrenzen der religiösen Malerei zu sprengen.
Hierin liegt...das Verdienst Bezzuolis: Man zweifelt nicht an der
Heiligkeit seiner Philomena.« (S. 259-260).
Lit.: A. De Waal, Die Grabschrift der Philomena aus dem
Coemeterium der Priscilla, in: RQ 12 (1898) 42 ff.; - D. Balbonis,
Filomena, in: BiblSS V, 786 ff. (mit ausführlicher Bibliographie),
Reau III, 1073 f.; - J.Ev. Stadler-J.N. Ginal, Vollständiges
Heiligenlexikon IV, Hildesheim-New York 1975, 915 f.; - A. Thesaurulus,
Die Volkshochschule (Augsburg 1925) 443 ff.; - E. Trapp, Philomena-Ein
Beitrag zur christlichen Kunst des 19. Jahrhunderts, in: RQ 86 (1991)
252-260; - J. Torsy, Der Große Namenstagskalender, Freiburg-Basel-Wien
1985, 229.
Ekkart Sauser
Literaturergänzung:
Kaltenbrunner Gerd-Klaus: Geliebte Philomena. Kleiner Liebesbrief an eine wiedergefundene Heilige, 1996; - Nelk, Th. Acht Gebete zur Hl. Philomena.