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Band VII (1994)Spalten 557-559 Autor: Eckhard Reichert

PHOTIUS, Patriarch von Konstantinopel (um 820-nach 886), von 858-867 und von 877-886 Patriarch von Konstantinopel, einer der bedeutendsten byzantinischen Theologen und Humanisten, wurde um 820 als Kind vornehmer Eltern geboren. Sein Todesjahr ist nicht bekannt. Ph. wurde eine umfassende Erziehung und Bildung zuteil, die ihn in die Lage versetzte, bald selbst Unterricht in den Fächern Logik, Dialektik, Philosophie, Mathematik und Theologie zu erteilen. Neben seiner unterrichtlichen Tätigkeit war er Protasekretis des Kaisers. Nachdem Ph. im Jahre 858 Nachfolger des abgesetzten Patriarchen Ignatios geworden war, unterstützte er die byzantinische Missionstätigkeit in Gebieten, die Rom für seine Missionare beanspruchte, nämlich bei den Chasaren, den Slawen in Mähren und den Bulgaren. Die unausbleibliche Folge waren harte Auseinandersetzungen mit Rom, in denen Ph. die Autonomie seiner Kirche gegen die Ansprüche verteidigte, die Papst Nikolaus I. erhob. In diesem Zusammenhang hat Ph. Schriften verfaßt, in denen er gegen Rom polemisierte. Die Lage spitzte sich zu, als der Papst ihn 863 für abgesetzt erklärte. Ph. brach 867 mit Rom. Seine Amtskollegen im Osten setzte er von diesem Schritt in Kenntnis. Ludwig II. forderte er auf, Papst Nikolaus I. abzusetzen. Der Gegenzug ließ nicht lange auf sich warten. Noch im selben Jahr wurde Ph. verurteilt und verbannt. Er konnte erst 877, nachdem Ignatios verstorben war, auf den Patriarchenstuhl zurückkehren, den er 886 noch einmal aufgeben mußte. Das Werk des Ph. umfaßt zahlreiche Schriften mit den unterschiedlichsten Themen und Zielsetzungen. In einem Sammelwerk, Bibliotheke oder Myriobiblon genannnt, stellte er eine Auswahl seiner Lesefrüchte zusammen. Aufnahme fanden insgesamt 279 historische und theologische Arbeiten paganer und christlicher Schriftsteller, die Ph. teils zitiert, teils exzerpiert. Da viele dieser Bücher sonst verloren sind, bildet die sog. Bibliotheke des Ph. eine der wichtigsten Quellen für unsere Kenntnis griechischer paganer, altchristlicher und frühbyzantinischer theologischer Literatur. Von ähnlicher Bedeutung wie die sog. Bibliotheke, vor allem für die Sprachwissenschaft und die griechische Philologie, ist ein weiteres Sammelwerk, in dem Ph. zahlreiche Exzerpte aus der Bibel, paganen und frühchristlichen Autoren zusamenstellte. Weiter sind zu nennen die Amphilochiae quaestiones und zahlreiche theologische Schriften, nämlich Bibelkommentare, Streitschriften gegen die Ansprüche Roms und gegen das filioque, kirchenrechtliche Arbeiten und Homilien. Daneben stehen Briefe und Gedichte. Doch gibt es auch sicher unechte Stücke und andere, bei denen die Verfasserschaft in Zweifel gezogen werden muß. Bleibende Bedeutung kommt Ph., der seit Ende des zehnten Jahrhunderts Heiliger der orthodoxen Kirche ist, vor allem als Vermittler griechischer historischer und theologischer Literatur zu.

Werke: Gesamtausgabe: MPG 101-104.

Bibliographie: R. Henry (Hrsg.), Photius, Bibliothèque Tome I, Paris 1959, XLVIII-L; H. G. Beck, Kirche und theologische Literatur im byzantinischen Reich, 1959, 527 f. Anm. 2.

Lit.: Aus der uferlosen Literatur sei besonders hingewiesen auf: J. F. Schleusner, Libellus animadversionum ad Photii lexicon, 1810; - Ders., Curae novissimae sive appendix notarum et emendationum in Photii lexicon, 1812; - J. Hergenröther, Monumenta Graeca ad Photium ejusque historiam pertinentia; - Ders., Ph., Patriarch von Konstantinopel, 3 Bde., 1867-1869; - L. Dindorf, Über Photius' Lexikon und Bibliothek: NJb 103, 1871, 361-369; - P. Roellig, Quae ratio inter Photii et Suidae lexica intercedat, 1887; - K. Krumbacher, Geschichte der byzantinischen Literatur, 1897; - Ph. Becker, De Photio et Aretha lexicorum scriptoribus, 1909; - F. Dvornik, The Photian Schism, Cambridge 1948; -H. G. Beck, Kirche und theologische Literatur im byzantinischen Reich, 1959, bes. 520 ff.; - E. Vanderpool, News Letter From Greece: American Journal of Archaeology 64, 1960, 265-271; - L. Politis, Die Handschriftensammlung des Klosters Zavorda und die neuaufgefundene Photios-Handschrift: Phil 105, 1961, 136-144; - T. Hägg, Photios als Vermittler antiker Literatur, 1975; - Pauly-Wissowa XXII/1, 684-727; - RGG V, 363; - LThK VIII 484-488.

Eckhard Reichert

Literaturergänzung:

1975

Richard Haugh, Photios and the Carolingians. Belmont, Mass. 1975; -

1981

Giorgio Anesi, La notizia di Fozio sulle "Hypotyposeis" di Teognosto, in: Augustinianum 21.1981, S. 491-516; -

1993

Benedykt Huculak, Animadvertenda de opinione Photiana respectu symboli nicaeno-constantinopolitani, in: AnCra 25.1993, S. 147-154; -

1998

George C. Papademetriou, Saint Augustine in the Greek Orthodox tradition, in: Agape and diakonia. Brookline, Mass. 1998, S. 143-154; -

2004

Valeria Leserri, L'epistola del Patriarca Fozio a Boris Michele di Bulgaria. L'educazione di un principe, in: Augustinianum 44.2004, S. 155-234; - Valeria Leserri, Un'"Epistola" del patriarca Fozio all'Imperatore Basilio, in: Augustinianum 44.2004, S. 461-469; -

2005

Hans Georg Thümmel, Die Konstantinopeler Konzilien d. 9. Jhrs. Eine Übersicht, in: AHC 37.2005, S. 437-458; - Valeria Leserri, L'epistola del patriarca Fozio al Papa Niccolò I, in: Augustininanum 45.2005, S. 259-263; -

2006

Valeria Leserri, Riflessioni su un'esegesi biblica del patriarca Fozio: "Amphilochia", in: Augustinianum 46.2006, S. 261-263; -

2007

Valeria Leserri, La morte di Abele e la strage degli innocenti secondo Fozio, in: Augustinianum 47.2007, S. 227f.; -

2008

Lucrezia Iris Martone, La conoscenza di Fozio della filosofia neoplatonica. La collezione filosofica e la quaestio 75 ad Anfilochio, in: Antonianum 83.2008, S. 227-246; -

2009

Theodoros Alexopoulos, Der Ausgang d. thearchischen Geistes. Eine Unters. d. Filioque-Frage anhand Photios' "Mystagogie", Konstantin Melitiniotes' "Zwei Antirrhetici" und Augustin's "De Trinitate". Göttingen 2009.

Letzte Änderung: 29.05.2010