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Band VII (1994)Spalten 822-825 Autor: Adolf Lumpe

POMPONAZZI, Pietro (latin. Petrus Pomponatius), gen. il Peretto mantovano (wegen seiner kleinen Gestalt), italienischer Renaissancephilosoph, * 16. Sept. 1462 in Mantua, † 18. Mai 1525 in Bologna. - P. studierte in Padua Philosophie und Medizin, wurde 1488 Professor der Philosophie in Padua, 1510 in Ferrara und 1511 in Bologna. - Im Gegensatz zu dem in Florenz herrschenden Platonismus bestand in Padua eine aristotelische Richtung, die sich auf die Kommentare des Averroës (lbn Rušd) stützte; dieser Averroismus wurde in besonders ausgeprägter Form von Alessandro Achillini (Alexander Achillinus) vertreten, der in Padua als P.s Kollege ebenfalls Philosophie lehrte. Im Unterschied zu der auf Albertus Magnus und Thomas von Aquin beruhenden scholastischen Aristotelesauslegung unterschieden die Averroisten zwischen dem aktiven und dem passiven Verstand im Menschen in der Weise, daß nur der passive Intellekt in der Seele des Einzelmenschen vorhanden sei, während der aktive Intellekt in allen Menschen eine numerische Einheit bilde; nur dieser aktive Intellekt sei unsterblich, während der passive mit der individuellen Seele beim Tod untergehe. Manche Averroisten wie Agostino Nifo (Augustinus Niphus) milderten diesen Standpunkt allerdings unter Annäherung an die scholastische Auffassung in der Weise, daß sie die Einheit des aktiven Intellekts aller Menschen lediglich als Übereinstimmung in den ersten Denkprinzipien deuteten und die individuelle Seele als unsterblich betrachteten. P. wandte sich in seinem Hauptwerk »De immortalitate animae« (1516) sowohl gegen die scholastische Auffassung von der Unsterblichkeit der Einzelseele als auch gegen die averroistische Lehre von der Unsterblichkeit des überindividuellen Intellekts, indem er im Sinne der Aristoteleserklärung des Peripatetikers Alexander von Aphrodisias (um 200 n. Chr.) jedwede menschliche Unsterblichkeit bestritt; so wurde er zum Begründer und Hauptvertreter des sog. Alexandrismus, der eine eigene Richtung der italienischen Renaissancephilosophie darstellte. Die averroistische Doktrin von der numerischen Einheit des aktiven lntellekts in allen Menschen bezeichnete er mit Recht als eine monströse Hypostasierung des Allgemeinen. Die individuelle Seele aber sei als Entelechie des Körpers an diesen gebunden und daher sterblich. Dies gehe auch daraus hervor, daß die seelischen Tätigkeiten des Denkens und Wollens auf den Körper und seine Organe angewiesen seien; denn das Denken bedürfe immer einer sinnlichen Vorstellung und das Wollen eines körperlichen Gegenstandes. Zwar erhebe sich die intellektive Menschenseele durch ihre Fähigkeit, Allgemeinbegriffe zu bilden, über die Tierseele; doch müsse sie immer wieder zum Sinnlichen zurückkehren und bleibe so auf die Materie angewiesen. Aus dieser naturalistischen Denkweise, welche dem Wesen des Geistes nicht gerecht wird, mußte P. zu einer Leugnung der Unsterblichkeit gelangen. Die Bestimmung des Menschen liege nicht im Jenseits, sondern im Aufbau der moralischen Ordnung im Diesseits; der wesentliche Lohn der Tugend bestehe in ihr selbst, indem sie den Menschen selig mache. Aus dieser an sich richtigen Auffassung von der Wirksamkeit der Tugend leitet P. jedoch voreilig den Schluß ab, daß äußere Belohnungen der Tugend überflüssig seien, wobei er auch die Tatsache übersieht, daß ewige Seligkeit gar keine äußere Belohnung ist, sondern die Vollendung der sich aus der Tugend ergebenden Glückseligkeit. - P. wollte aber auch ein treuer Anhänger der katholischen Kirche sein. Um den Gegensatz zwischen seiner Philosophie und dem kirchlichen Bekenntnis zu überbrücken, griff er in seinem Hauptwerk und in verschiedenen anderen seiner Schriften auf die im Mittelalter aufgekommene Lehre von der doppelten Wahrheit zurück. Demnach müsse man zwischen der im Wissen begründeten Erkenntnis und dem auf dem Wollen beruhenden Glauben unterscheiden und könne so als Gläubiger auch an der Unsterblichkeit der Seele festhalten. - P. s Werk »De immortalitate animae« löste heftigen Widerspruch aus. Sein ehemaliger Schüler Gasparo Contarini (Gaspar Contarenus) trat ihm in einer Schrift entgegen, auf die P. in seiner »Apologia contra Contarenum« (1518) antwortete. In Venedig wurde P.s Schrift »De immortalitate animae« öffentlich verbrannt. Auch wurde er bei der römischen Kurie angeklagt, fand aber dort in dem einflußreichen Secretarius brevium und späteren Kardinal Pietro Bembo einen Gönner, auf dessen Veranlassung Papst Leo X. in seiner Entscheidung vom 13. Juni 1518 von P. nur eine Retraktation seines Werkes verlangte; obwohl eine solche nicht erfolgte, blieb P. weiterhin unbehelligt. Auf eine Widerlegungsschrift, die Nifo (s.o.) 1518 in Leos Auftrag geschrieben hatte, antwortete P. 1519 mit seinem »Defensorium adversus Augustinum Niphum«, ohne daß ihm daraus Schwierigkeiten erwuchsen. - Aus Anlaß einer angeblichen Wunderheilung suchte P. in seiner Schrift »De naturalium effectuum admirandorum causis sive de incantationibus« (1520) zu zeigen, daß solche scheinbar wunderbare Wirkungen sich sämtllch auf natürliche Ursachen zurückführen lassen, zu denen er allerdings auch geheime Kräfte der Kräuter und Steine sowie die Einflüsse der Gestirnkonstellationen zählte. In seiner Schrift »De fato, libero arbitrio, praedestinatione et providentia Dei« (1520) lehrt P., der göttliche Wille determiniere nicht die einzelnen Akte des menschlichen Handelns, sondern stelle nur ein allgemeines Gesetz dar, durch welches die Freiheit des menschlichen Willens nicht aufgehoben werde. - P. vertrat die naturalistische Richtung der italienischen Renaissancephilosophie; sein Versuch, den Gegensatz dieser Auffassung zu den Grundsätzen einer religiösen Betrachtungsweise durch die Erneuerung der Lehre von der doppelten Wahrheit zu überbrücken, kann wegen der inneren Widersprüche dieser Theorie nicht als geglückt bezeichnet werden.

Werke: De intensione et remissione formarum, Bologna 1514; De reactione, Bologna 1515; De actione reali, Bologna 1515; Tractatus de immortalitate animae, Bologna 1516, Basel 1534; Apologia contra Contarenum, Bologna 1518; Defensorium adversus Augustinum Niphum, Bologna 1519; In libros (scil. Aristotelis) de anima, Kollegheft P.s v. 1520, in Rom aufgefunden u. im Ausz. hrsg. v. Luigi Ferri, La psicologia di P. P.: commento al De anima di Aristotele, Rom 1877 (s.a. unter Lit. b. dems.); De naturalium effectuum admirandorum causis sive de incantationibus liber, verf. Bologna 1520, aus dem Nachlaß hrsg. v. P.s Schüler Guglielmo Grataroli, Basel 1556; De fato, libero arbitrio, praedestinatione et providentia Dei libri quinque, verf. Bologna 1520, hrsg. v. Grataroli, Basel 1556, krit. Ausg. v. R. Lemay, Lugano 1957; Tractatus de nutritione et augmentatione, Bologna 1521; Dubitationes in IV. Meteorologicorum Aristotelis librum, Abfassungszeit unbek., gedr. Venedig 1563; - Übers.: P. P., Abh. über die Unsterblichkeit der Seele (Tractatus de immortalitate animae), lat.-dt., übers. u. hrsg. v. Burkhard Mojsisch (= Philos. Bibl. Felix Meiner 434), Hamburg 1990; - GA: Petri Pomponatii tractatùs, Venedig 1525; Petri Pomponatii Opera, Basel 1567.

Lit.: Francesco Fiorentino, P. P.: studi storici sulla scuola bolognese e padovana, Florenz 1868; - Luigi Ferri, Intorno alle dottrine psicologiche di P. P. contenute nel manoscritto della Biblioteca Angelica di Roma T, 3, 8 intitolato: Pomponatius in libros de anima, in: Atti della Reale Accademia dei Lincei, ser. II, vol. 3/3: Memorie della Classe di scienze morali, storiche e filologiche, Rom 1876, 333-548 (mit Ausz. aus der Hs.); - A. H. Douglas, The philosophy and psychology of P. P., Cambridge 1910, Neudr. Hildesheim 1962; - W. Betzendörfer, Die Lehre v. der zweifachen Wahrheit b. P. P., Diss. Tübingen 1919; - Erich Weil, Des P. P. Lehre v. dem Menschen u. der Welt, Diss. Hamburg 1928; - Ders., Die Philos. des P. P., in: AGPh 41, 1932, 127-176; - G. Bianca, P. e il problema della personalità umana, Catania 1941; - P. O. Kristeller, Two unpublished Questions on the soul of P. P., in: Medievalia et Humanistica 9, Boulder/Colorado 1955, 76-101; - B. Nardi, Studi su P. P., Florenz 1965; - M. L. Pine, P. P.: radical philosopher of the Renalssance (= Saggi e testi 21), Padua 1986; - Ueberweg III, 22 f. 28-30. 630 (Lit.); - EncF V2, 149-154; - RGG V, 459 f.; - LThK VIII, 604 f.; - EC IX, 1731-1734 (mit Abb.); - NewCathEnc XI, 546.

Adolf Lumpe

Werkeergänzung:

1999

Trattato sull'immortalità dell'anima. A cura di Vittoria Perrone Compagni. Firenze 1999 (=Immagini della ragione; 1);

2009

P.P. u. Thomas von Aquins Wahrheitskonzeption. Edition d. "Quaestiones de veritate Petri Pomponatii" u. einführende Bemerkungen / Burkhard Mojsisch, in: Wahrheit auf dem Weg. Münster 2009, S. 136-152.

Literaturergänzung:

1986

Paul Oskar Kristeller, Acht Philosophen d. ital. Renaissance. Weinheim 1986, S. 63-78; - Olaf Pluta, Kritiker d. Unsterblichkeitsdoktrin in Mittelalter u. Renaissance. Amsterdam 1986, S. 50-65; -

1995

Eckhard Keßler, Physik oder Metaphysik. Zum Begriff e. Wiss. von d. Natur in d. Methodendiskussion d. "Schule von Padua" im beginnenden 16. Jhr., in: Aristotelica et Lulliana. Steenbrugis 1995, S. 223-244; -

2005

Jason T. Eberl, P. and Aquinas on the intellective soul, in: The modern schoolman 83.2005, S. 65-77.

Letzte Änderung: 04.02.2010