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Band XXI (2003) Spalten 1221-1226 Autor: Michael Hagemeister

PRANAITIS, Justinas (Justinus Bonaventura); röm.-kathol. Priester, Hebraist, Verfasser judenfeindlicher Schriften, * 27.7. 1861 in Panenupiai, Kreis Naumiestis, Gouvernement Suwalki, † 28.1. 1917 in Petrograd (St. Petersburg). - Justinas P. war das älteste von drei hochbegabten Kindern litauischer Bauern (der Bruder Petras wurde ein berühmter Organist, die Schwester Julija Schriftstellerin und Verlegerin). Nach dem Besuch der Grundschule in Griskabudis und des Klassischen (Humanistischen) Gymnasiums in Mariampol (Marijampole) bezog er 1878 das Priesterseminar in Sejny (Seinai). Von dort wurde er 1883 zum weiteren Studium an die Römisch-Katholische Geistliche Akademie in St. Petersburg geschickt, wo er 1887 den Titel eines Magisters der Theologie erwarb. 1886 hatte er die Priesterweihe empfangen. Nach Abschluß seines Studiums wurde ihm das Lektorat für Hebräisch an der Geistlichen Akademie übertragen. P. war Schüler von Daniil Chvol'son (1819-1910), dem bedeutenden Semitisten, Professor an der Fakultät für Orientalische Sprachen der Universität St. Petersburg und Verfasser mehrerer Werke gegen die Legende vom jüdischen Ritualmord. 1892 veröffentlichte P. die aus seiner Magisterdissertation hervorgegangene Schrift "Christianus in Talmude Iudaeorum sive Rabbinicae doctrinae de Christianis secreta", in der er anhand zahlreicher Zitate (hebräisch und in lateinischer Übersetzung) nachzuweisen suchte, daß der Talmud die Juden dazu verpflichte, den Christen auf vielfältige Weise Schaden zuzufügen und ihre Ausrottung zu betreiben. Dabei bezog P. sich auch auf die Werke der Antitalmudisten Jakob Ecker (s.d.) und August Rohling (s.d.). Die Schrift erhielt das kirchliche Imprimatur durch Erzbischof Simon Kozlowski von Mogilev und wurde in der Offizin der Akademie der Wissenschaften gedruckt. Bereits 1894 veröffentlichte der Wiener Pfarrer und Antisemit Joseph Deckert eine deutsche Fassung. Später wurde das Pamphlet auch ins Russische, Italienische, Englische und Spanische übersetzt und wird bis heute von rechtsextremen und ultraklerikalen Kreisen verbreitet (mittlerweile auch auf zahlreichen antisemitischen Internetseiten). - 1890 wurde P. zum Kaplan ernannt, von 1891 bis 1893 versah er das Amt des Präfekten. Neben Hebräisch unterrichtete er an der Akademie Liturgie und Kirchengesang, außerdem gab er Religionsunterricht an mehreren Kadettenanstalten. P. nahm regen Anteil am Leben der litauischen Gemeinde in St. Petersburg und hielt seine Predigten auch auf litauisch. Auf der Wassili-Insel richtete er ein Waisenasyl ein. Sein besonderes Interesse galt indessen den "Geheimnissen" des Talmud, der jüdischen Religion und dem angeblich eng damit verbundenen Freimaurertum. P. veröffentlichte dazu eine Reihe von Artikeln, die von Zeitgenossen als dilettantische Machwerke eines "pseudogelehrten Antisemiten" (L.O. Kantor) kritisiert wurden. 1894 war er in einen Betrugsskandal verwickelt und wurde für kurze Zeit nach Tver' verbannt. Bald schon rehabilitiert, wurde er 1901 vom Zaren mit dem St. Stanislaus-Orden 3. Klasse geehrt. Zahlreiche Reisen führten P. ins Innere Rußlands, nach Niznij Novgorod, Sibirien und Turkestan. Die Begegnungen mit den dort lebenden Katholiken bewogen ihn, die Akademie zu verlassen und sich ganz der Seelsorge und Mission zu widmen. Im Oktober 1902 ging P. als Priester nach Taschkent, um die römisch-katholische Gemeinde in Turkestan zu betreuen, eine Aufgabe, der er sich mit solchem Eifer und Erfolg widmete, daß die russischen Behörden ihm wiederholt Proselytenmacherei vorwarfen. Unter seiner Leitung entstanden Kirchen und Gemeindebauten in Ašchabad, Buchara, Samarkand, Vernyj (Alma-Ata), Taschkent und anderen Orten. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bereiste er Sibirien, die Mandschurei, Sachalin und Japan. - Zweifelhafte Berühmtheit erlangte P. durch seine Beteiligung an dem weltweit beachteten Kiever Strafverfahren gegen den jüdischen Handlungsgehilfen Mendel Bejlis, der beschuldigt wurde, 1911 einen christlichen Knaben zu rituellen Zwecken ermordet zu haben. Im September 1912 wurde P. aufgrund seiner Schrift über das Christentum im Talmud (die 1911 auch in einer gekürzten, von ihm selbst angefertigten russischen Übersetzung erschienen war) von den Vertretern der Anklage als Sachverständiger bestellt. Zwei Monate später legte er sein "Gutachten" vor, in dem er nachzuweisen suchte, daß das jüdische religiöse Gesetz die Ermordung von Christen und den Gebrauch ihres Blutes zu magischen und rituellen Zwecken vorschreibe und alle Anzeichen des Kiever Falles auf einen Ritualmord deuteten. Bei der Hauptverhandlung vor dem Kiever Schwurgericht trat P. im Oktober 1913 als Talmud-Experte auf, doch wurde die von ihm erhobene Blutbeschuldigung von den sachverständigen jüdischen und russischen Theologen zurückgewiesen und seine Kompetenz bestritten. - 1915 übernahm P. den Vorsitz der "Römisch-Katholischen Wohlfahrtsgesellschaft in Turkestan". Schwer erkrankt, begab er sich Ende 1916 zur Behandlung nach Petrograd. Dort ist er nach kurzem Krankenhausaufenthalt gestorben (Todesmeldung in "Novoe vremja" vom 29.1.1917). Sein Leichnam wurde nach Taschkent überführt und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in der von ihm errichteten Kirche beigesetzt. Von Antisemiten wird die Legende verbreitet, P. sei nach der Oktoberrevolution von jüdischen Tschekisten gefoltert und ermordet worden. Im Oktober 2002 feierte die katholische Kirche in Usbekistan den hundertsten Jahrestag von P.s Ankunft in Taschkent.

Werke: Christianus in Talmude Iudaeorum sive Rabbinicae doctrinae de Christianis secreta, Petropoli [St. Petersburg] 1892 (vom Verf. angefertigte Übers.: Chrzescijanin v Talmudzie zydowskim, czyli tajemnicza nauka rabinistyczna o chrescijanach, St.-Peterburg 1892, [Warszawa 1937, 1982]; Christianin v talmude evrejskom ili tajny ravvinskogo ucenija o christianach, S.-Peterburg 1911 [auch Taskent 1911]); Z tajemnic talmudystycznych, in: Rola, 1892; Jeszcze slowko pana Pranajtisa, ebd.; Kobieta w judaizmie, ebd. 1894; Ciekawa historia "spalonego obrazka", ebd.; W sprawie rewelacji exmasonskich, ebd. 1896, O Dyane Vaughan, ebd. 1897; De itinere quod in Sibiriam anno 1900 fecit I.B. Pranaitis, o.O. 1900; Akrostichon. Explicatum studiosis academiae caesareae romano-catholicae ecclesiasticae Petropolitanae a I.B. Pranaitis, Petropolis [St. Petersburg] 1901; Wycieczka na Sybir Ks. J.B. Pranajtisa, o.O. 1901; O slusznosc i sprawiedliwosc, in: Rola 1912; Tydzien w Japonii, in: Wiadomosci Koscielne [Mogilev] 1913; "Tajna krovi" u evreev. Ekspertiza kuratora-ksendza I.E. [Iustina Eliseevica] Pranaitisa po delu ob ubijstve Andrjusi Juscinskogo, in: Missionerskoe obozrenie 12, 1913, 559-597 (auch separat unter dem Titel: "Tajna krovi" u evreev. Ekspertiza I.E. Pranaitisa, S.-Peterburg 1913).

Übersetzungen: Das Christenthum im Talmud der Juden oder Die Geheimnisse der rabbinischen Lehre über die Christen, übers. und erw. von Joseph Deckert, Wien 1894; I segreti della dottrina rabbinica. Cristo e i cristiani nel Talmud. Edizione con testi ebraici a fronte ed una introduzione di Mario de'Bagni, Roma 1939 (mehrere Nachdrucke); The Talmud Unmasked. The Secret Rabbinical Teachings Concerning Christians, trans. and ed. by E.N. [Eugene Nelson] Sanctuary, New York 1939 (auch: Palmdale, Cal., o.J.; Birmingham, Alab., 1964, und weitere Nachdrucke); El Talmud Desenmascarado!, Lima 1981.

Lit.: L.O. Kantor: Podvigi diletantizma. Otpoved' odnomu psevdoucenomu antisemitu, S.-Peterburg 1894; - S.S. Vermel': Otec Pranajtis i ego "Ucenoe socinenie", S.-Peterburg 1913; - F.F. Mejer: Pater Pranajtis kak "samootverzennyj" oblicitel' talmuda, Vil'na 1913; - Andrzej Niemojewski: Ksiadz Pranajtis i jego przeciwnicy, Warszawa 1914; - V.B.: Kun. Justinas Pranaitis (1861-1917). Turkestano apastalas, in: Ateitis [Kaunas], 6 (1917), 5, 129-133; -Semen [Avraam] Gecht: Smakov i Pranajtis. Rasskazy, Moskva 1927; - Aleksandr S. Tager: Carskaja Rossija i delo Bejlisa, Moskva 1933, 21934 (bes. Kap. 18); - Michal Jan Juszczynski: Ksiadz Pranajtis i walka o Talmud, [Einleitung zu] Justyn Pranajtis: Chrzescijanin v Talmudzie zydowskim, Warszawa 1937 (1982); - P. Bucys, M.I.C.: Kun. Justino Pranaicio asmuo ir darbai, in: Lux Christi. Biuletenis kunigams, Putnam, Conn. 1, 1953, 19-24; - Ders.: Kun. Justinas Bonaventura Pranaitis (unveröff. Monographie, Rom); - S. Mtl. [Steponas Matulis]: Pranaitis, Justinas Bonaventura, in: Lietuviu Enciklopedija, t. 23, Boston 1961, 411f. (dass. engl. in: Encyclopedia Lituanica, vol. 4, Boston 1975, 329f.); - Maurice Samuel: Blood Accusation. The Strange History of the Beiliss Case, Philadelphia 1966 (London 1967); - Boleslaw Kumor: Pranajtis, Justyn Bonawentura, in: Polski Slownik Biograficzny, t. 28, Wroclaw u.a. 1984-1985, 348f. - Gita M. Lipson: Ksiadz Justyn Bonawentura Pranajtis - organizator parafii turkiestanskiej, in: Rocznik Swietokrzyski, ser. A - Nauki Humanistyczne 25, 1998, 133-135; - Delo Mendelja Bejlisa. Materialy Crezvycajnoj komissii Vremennogo pravitel'stva o sudebnom processe 1913 g. po obvineniju v ritual'nom ubijstve, S.-Peterburg 1999; - Curzio Nitoglia: Per padre il diavolo. Un'introduzione al problema ebraico secondo la tradizione cattolica, Cusano Milanino (Milano) 2002, 153-161; - Michael Hagemeister: Pavel Florenskij und der Ritualmordvorwurf, in: Ders./Torsten Metelka (Hrsg.): Appendix 2. Materialien zu Pavel Florenskij, Berlin-Zepernick 2002, 59-73.

Michael Hagemeister

Textanmerkungen:

P.s judenfeindliches Hauptwerk wurde in jüngster Zeit in Polen in Kreisen katholischer Taditionalisten und Antisemiten mehrfach wiederaufgelegt und im Internet propagiert. Ks. Justyn B. Pranajtis: Chrzeócijanin v Talmudzie ýydowkim, Warszawa 1995; Chrzeócijanin v Talmudzie, Poznaí 2003.

Letzte Änderung: 02.05.2004