PTOLEMAIOS, Klaudios [Claudius Ptolemaeus], griechischer Astronom,
Geograph, Physiker, Philosoph und Astrologe, * um 100 n.Chr. in
Ptolemaïs in der Thebais (Oberägypten), † um 178 in Alexandria.
- P. studierte und wirkte in Alexandria. Sein berühmtestes Werk
ist eine systematische Darstellung der Astronomie in 13 Büchern. Im
Gegensatz zu Aristarchos von Samos und Seleukos von Seleukia, die
bereits das heliozentrische Weltbild vertreten hatten, hält P. am
geozentrischen System in der Form, die ihm Hipparchos von Nicäa gegeben
hatte, fest: die Erde ruhe unbeweglich im Mittelpunkt des Weltalls;
um sie drehe sich die Sonne in einem exzentrischen Kreis; Mond und
Planeten bewegen sich nach diesem System auf Epizyklen, deren Mittelpunkte
exzentrische Kreise um die Erde durchlaufen. Die Reihenfolge der Planeten
(zu denen auch Sonne und Mond, aber nicht die Erde gezählt wurden)
von der Erde aus ist nach P. von der kürzesten bis zur längsten siderischen
Umlaufszeit: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn; die
ebenfalls die Erde umkreisende Fixsternsphäre, für die P. einen großen
Sternkatalog bietet, umschließe das Ganze. Man nennt diese nacharistotelische
Form des geozentrischen Weltbildes nach P. das »ptolemäische Weltsystem«
im Unterschied zum »kopernikanischen (heliozentrischen)« und zum »tychonischen
Weltsystem«; letzteres ist das von Tycho Brahe aufgestellte Weltbild,
das im Kern geozentrisch ist, aber Elemente des heliozentrischen Systems
übernimmt und eine Zeitlang große Anerkennung fand, bis Kepler dem
von ihm verbesserten heliozentrischen System zur Geltung verhalf.
P. bestätigte die von Hipparch erkannte Präzession der Äquinoktien;
er selbst entdeckte die Evektion des Mondes (eine hin- und hergehende
Bewegung, durch welche die Mondbahn leicht verändert wird; sie ist
nach jetzigem Erkenntnisstand durch die Anziehungskraft der Sonne
bewirkt). Die Nachwirkung des astronomischen Werkes des P. im Mittelalter
war groß; wahrscheinlich schon im 6. Jh. wurde es ins Syrische, seit
dem 8. oder 9. Jh. wiederholt ins Arabische und im 13. Jh. aus dem
Arabischen ins Lateinische übersetzt. P. hatte ihm den Titel MaJhmatik2
suntaxiV (»mathematische, d.h. astronomische, Zusammenstellung«,
Syntaxis mathematica) gegeben; wegen seines großen Umfangs mmrde es
später Megisth suntaxiV (»sehr große Zusammenstellung«)
genannt; aus »megístß« wurde im Arabischen unter Hinzufügung
des Artikels »al-Maåas÷æ«, woraus im Okzident die Bezeichnung
»der Almagest« entstand. Ferner verfaßte P. verschiedene kleinere
astronomische Schriften, von denen besonders die oceiroi kanoneV
(»handliche Tafeln«) zur bequemen Berechnung von Planetenpositionen
Erwähnung verdienen. In seiner Gewgrajik2:j/ghsiV
(»geographische Anleitung«, Explicatio geographica) in 8 Büchern verzeichnet
er nach einer allgemeinen Einleitung die Länge (nach dem Meridian
der kanarischen Inseln) und Breite von etwa 8.000 Orten (einschließlich
Flußmündungen, Bergen usw.) in Tabellenform und gibt eine Anleitung
zum Kartenzeichnen (daher der Name des Werkes); auch waren dem Werk
Karten beigegeben, denen die Erdkarte des Eratosthenes in der um 120
n.Chr. durch Marinos von Tyrus verbesserten Gestalt zugrunde lag.
In dieser Schrift findet sich die älteste Erwähnung der Langobarden,
Sachsen und Friesen sowie des Sudetengebirges. In seiner 3 Bücher
umfassenden »Harmonik« faßte P. die Musiktheorie des Altertums zusammen;
nach den auf Zahlenspekulation und experimenteller Beobachtung beruhenden
Erkenntnissen der Pythagoreer werden die Intervalle dargestellt und
daraus die Tonleitern erklärt; der Neuplatoniker Porphyrios schrieb
dazu einen Kommentar. Ferner verfaßte P. eine »Optik«, die nur in
einer lateinischen Übersetzung erhalten ist, die ihrerseits auf eine arabische
Übertragung des griechischen Originals zurückgeht; hier werden die
Gesetze der Reflexion und Refraktion des Lichtes experimentell bewiesen
und mathematisch dargestellt und auch die optischen Täuschungen behandelt.
P. hat auch über die philosophischen Grundlagen seiner fachwissenschaftlichen
Tätigkeit nachgedacht und hierüber eine Schrift mit erkenntnistheoretischem
und psychologischem Inhalt unter dem Titel Per<< krithriou
ka<<5gemoniko* (Ȇber das Kennzeichen der Wahrheit und
das leitende Prinzip im Menschen«, De iudicandi facultate et animi
principatu) veröffentlicht. Ähnlich wie sein gleichberühmter etwas
jüngerer medizinischer Kollege Galenos folgt er in der Hauptsache
dem peripatetischen System, mit dem er mittelplatonische, neupythagoreische
und stoische Anschauungen verbindet; dies geschieht jedoch in einer
Weise, die die Lehren der verschiedenen Schulen innerlich miteinander
verknüpft, so daß von einem Eklektizismus höherer Art gesprochen werden
kann. Bemerkenswert ist die Annahme eines doppelten leitenden Prinzips
in der menschlichen Seele, eines solchen für das Leben überhaupt,
dessen Sitz nach stoischer Lehre im Herzen angenommen wird, und eines
Prinzips für das gute Leben, das er mit den Platonikern im Gehirn
lokalisiert. Schließlich verfaßte er auch ein astrologisches Werk,
die »Apotelesmatikß« (»die zur Voraussage aus der Stellung der Gestirne
gehörigen Dinge«, Neutr. Plur.), auch »die Tetrßbiblos« (»die aus
vier Büchern bestehende Zusammenstellung«, Fem. Sing.) genannt, in
der er eine Einwirkung der Gestirne auf das menschliche Leben annimmt,
diese jedoch im peripatetischen Sinne als durch die freien Willensentscheidungen
des Menschen beeinflußbar betrachtet, so daß eine fatalistische Denkweise
vermieden wird. Diese Auffassung fand den Beifall Philipp Melanchthons,
der die Schrift ins Lateinische übersetzte und mit einer Vorrede versah
(s.u., Werke). - P. hat das Wissen der Antike auf den Gebieten
der angewandten Mathematik in eindrucksvoller Weise zusammengefaßt
und darüber hinaus durch eigene Forschungsergebnisse bereichert; in
seinen Schriften bedient er sich der literarischen Koine, vermeidet
rhetorischen Schwulst und versteht es, seine Gegenstände klar und
verständlich darzustellen. Wenn auch sein astronomisches Weltbild
heute im räumlich-realen Sinn überholt ist, bleibt es doch für die
projektive Darstellung der Stellungen und Bewegungen der Gestirne
mit Bezug auf die Erde weiterhin von Bedeutung.
Werke: Almagest: Des Claudius Ptolemäus Hdb. der
Astronomie, aus dem Griech. übers. u. mit erklärenden Anm. versehen
v. Karl Manitius, 2 Bde., b. Teubner, Leipzig 1912-1913, Neudr. mit
Korrekturen u. Bemerkungen v. Otto Neugebauer, ebd. 1963; Ptolemy's
Almagest, transl. and annotated by G. J. Toomer, London 1984; Claudius
Ptolemäus, Der Sternkat. des Almagest. Die arab.-ma. Tradition I:
Die arab. Überss., hrsg., ins Dt. übertr. u. bearb. v. Paul Kunitzsch,
b. Harrassowitz, Wiesbaden 1986 (mit weiterer Lit.); II: Die lat.
Übers. Gerhards v. ona, hrsg. v. dems., ebd. 1990; Geographie: Claudii
Ptolemaei Geographia, edidit Carl F. A. Nobbe, 3 Bde., b. Tauchnitz,
Leipzig 1843-1845, Nachdr. mit Einl. v. Aubrey Diller, Hildesheim
1966, 21991; Die Geographie des Ptolemaeus: Galliae, Germania,
Raetia, Noricum, Pannoniae, Illyricum, Italia. Hss., Text u. Unters.
v. Otto Cuntz, b. Weidmann, Berlin 1923; Des K. P. Einführung in die
darstellende Erdkunde, dt. u. mit Erklärungen versehen v. Hans v.
Mþik unter Mitarbeit v. Friedrich Hopfner (Klotho 5), Bd. I:
Theorie u. Grundlagen der darstellenden Erdkunde, Wien 1938; Harmonik:
K. P., Die Harmonielehre, hrsg. v. Ingemar Düring (Göteborgs högskolas
årsskrift 36, 1930, 1), Göteborg 1930, Nachdr. Hildesheim 1982; Optik:
L'optique de Claude Ptolémée, éd. crit. et exégétique par Albert Lejeune
(Recueil de travaux d'hist. et de philologie de l'Univ. cath. Leuven,
sér. 4, fasc. 8), Löwen 1956; Astrologie: Claudius Ptolemaeus' astrologisches
System (Tetrabiblos), aus dem Griech. v. Julius Wilhelm Pfaff, in:
Astrologisches Taschenbuch f. das J. 1822 u. 23, hrsg. v. dems., Erlangen
1822, neuer Abdr. hrsg. v. Hubert Korsch, Düsseldorf 1938; Claudius
Ptolemaeus, Tetrabiblos, nach der v. Philipp Melanchthon besorgten
u. mit einer Vorrede versehenen (richtig müßte es heißen: v. Joachim
Camerarius besorgten u. v. Philipp Melanchthon mit einer Vorrede u.
lat. Übers. versehenen) seltenen Ausg. aus dem J. 1553, griech. u.
lat., ins Dt. übertr. v. M. Erich Winkel, 4 Bde., Berlin-Pankow 1923;
GA: Claudius Ptolemaeus, Opera quae exstant omnia, hrsg. b. Teubner,
Leipzig: I/1 u. 2: Almagest, v. Johann L. Heiberg, 1898 u. 1903; II:
Kleinere astronomische Schrr., v. dems., 1907; III/1: Apotelesmatika,
v. Franz Boll u. Emil Boer, 1940; III/2: Perì kritßrín kaì hßgemonikû,
v. Friedrich Lammert, 1952, 19612.
Lit.: Franz Boll, Stud. über Claudius Ptolemaeus. Ein
Beitrag z. Gesch. der griech. Philos. u. Astrologie, in: Jbb. f. klass.
Philologie, Suppl. 21, 1894, 51-244; - L. Schönberger, Stud. z.
1. Buch der Harmonik des Claudius Ptolemaeus, GProgr. Metten 1914;
- Friedrich Lammert, P. perì kritßríu kaì hßgemonikû
u. die Stoa, in: Wiener Stud. 39, 1918, 249-258; - Ders., Krit.
Unters. z. P. perì kritßríu kaì hßgemonikû, in: Hermes
82, 1937, 450-465; - Ders., Hellenistische Medizin b. P. u. Nemesios,
in: Philologus 94, 1940, 125-141; - Ingemar Düring, P. u. Porphyrios
über die Musik (Göteborgs högskolas årsskrift 40, 1934, 1), Göteborg
1934; - Albert Lejeune, Euclide et Ptolémée: deux stades de l'optique
géométrique grecque, Löwen 1948; - Ernst Zinner, Astronomie. Gesch.
ihrer Probleme (Orbis academicus 2,1), Freiburg i. Br. 1951, 24-58;
- Paul Kunitzsch, Der Almagest. Die Syntaxis mathematica des Claudius
Ptolemäus in arab.-lat. Überl., Wiesbaden 1974; - Jürgen Hoevermann,
Das geographische Praktikum des Claudius Ptolemaeus u. das geographische
Weltbild der Antike, in: Abhh. der Braunschweigischen Wiss. Ges. 31,
Göttingen 1980, 83-103; - Alfred Stückelberger, Sterngloben u.
Sternkarten: zur wiss. Bedeutung des Leidener Aratus, in: Museum Heloetium
47, Basel 1990, 70-81 (üb. den Sternkart. des P.); - Pauly-Wissowa
XXIII, 1788-1859; - A. de Pace, Elementi aristotelici nell'Ottica
di Claudio Tolomeo, in: Rivista crit. di storia della filos. 36, Florenz
1981, 123-138; 37, 1982, 243-276; - Kl.Pauly IV, 1224-1232; -
Stählin 896-904; - Ueberweg I, 557. 563. 155*. 177*;
- LThK VIII, 893; - NewCathEnc XI, 996 f.
Adolf Lumpe
Werkeergänzung:
Handbuch d. Geographie. Griechisch-Deutsch. Hrsg. von Alfred Stückelberger u. Gerd Graßhoff. 2 Teile. Basel 2006.
Literaturergänzung:
2001
Hendrik G. Schipper, Melothesia. A chapter of manichaean astrology in the West, in: Augustine and manichaeism in the Latin West. Leiden 2001, S. 195-204.