PULLEYN (Pull(an)us, Polanus, Pullein), Robert, frühscholastischer
Theologe, * um 1080 in Südwest-England, † 16.(?) September
1146 in Viterbo. - Nach 1103 begann R.P. das Theologiestudium
in Frankreich (Laon (?) und Paris - unter Wilhelm von Champeaux).
Um 1113 erfolgte seine Ernennung zum Archidiakon in Exeter. Seit 1133
war R.P. für fünf Jahre Lehrer der Theologie (»magister in sacra pagina«)
in Oxford. Sein gelehrtes, von Sittenstrenge geprägtes Leben trug
ihm die Freundschaft mit König Heinrich I. ein, dessen Bitte um Übernahme
eines Bistums sich R.P. allerdings versagt hat. - 1139 wurde er
Archidiakon in Rochester. Unruhen in England haben R.P. veranlaßt,
1142 nach Frankreich überzusiedeln und an der Kathedralschule in Paris
als Nachfolger von Gilbert Porreta, der im nämlichen Jahr zum Bischof
von Poitiers geweiht worden war, als Magister die Lehrtätigkeit aufzunehmen.
Bereits 1143 durch Papst Innozenz II. nach Rom berufen, wurde R.P.
als erster Engländer 1144 durch Papst Lucius II. zum Kardinal ernannt.
Im Januar 1145 ist dann die Berufung zum Kanzler der Hl. Römischen
Kirche erfolgt. Bestätigt durch Papst Eugen III. hat R.P. dieses Amt
bis September 1146 innegehabt. - Seinerzeit ist R.P. eine vielberufene
Autorität gewesen, wie Odo von Ourscamp, Präpositinus, Petrus Cantor
und Robert Courson neben anderen zeigen. Überdies hat R.P. mit seinen
berühmten acht Sentenzenbüchern wohl auch Petrus Lombardus in dessen
vier Sentenzenbüchern beeinflußt. Dieses Hauptwerk des R.P., dem eine
umfassende Systematik noch fehlt, ist eine Präsentation der »ganzen
(sc. christl.) Heilslehre« (L. Hödl); Tiefe und Grenze frühscholastischer
Theologie sind hier gerade im Blick auf die Sakramentenlehre exemplarisch
aufgewiesen, und so bestätigen diese 8 Sentenzenbücher den wichtigen
Platz, der R.P. auf dem Weg zur Hochscholastik zukommt, auch wenn
ihm eine Nachwirkung weitgehend versagt geblieben ist. In seiner Lehre
den Schulen in Laon und St. Victor, Paris, verpflichtet und methodologisch
im Gebrauch der Dialektik Abaelard nahestehend, verstand es R.P.,
»positive«, d.h. aus der Hl. Schrift und der kirchlichen Tradition
schöpfende theologische Grundaussagen mit dialektisch-spekulativen
Reflexionen in einer gewissen Systematik zu verbinden. Dabei scheute
er vor eigener Akzentsetzung, unbeschadet seines Respekts vor dem
kirchlichen Lehramt, nicht zurück, wie die scharfe Kontroverse mit
Gilbert deutlich zeigt. Selbst nicht unter die Schulgründer der Frühscholastik
zu rechnen, hat jedoch sein Einfluß zu seinen Lebzeiten über den Bereich
der Schultheologie weit hinaus gereicht, wie nicht zuletzt die hohe
Wertschätzung beweist, deren sich R.P. durch Bernhard von Clairvaux
erfreuen konnte (vgl. Bernhard v. Cl., Ep. 205, PL 182, 372).
Werke: Sententiarum libri VIII (PL 186, 639-1010); De
Contemptu mundi (ed. Courtney, in: Gr 31 (1950) 192-223); Sermones
(Angaben zur hsl. Überl. und Textauszüge: Courtney 32-49); Erklärungen
zu den Psalmen und zur Apok. (hsl. Überl.: Stegmüller RB V nn. 7477-7479);
eine textkritische Gesamtausgabe: fehlt; die wichtigsten Handschriften
finden sich im Brit. Museum und in Dublin.
Lit.: F. Pelster, Einige Angaben über Leben und Schriften
des RP, Kardinals und Kanzlers der hl. römischen Kirche († 1146),
in: Schol 12 (1937) 239-247; - A.M. Landgraf, Literarhistorische
Bemerkungen zu den Sentenzen des RP, in: Traditio 1 (1943) 210-222;
- J. De Ghellinck, Le mouvement theol. du XlIe siècle,
2a ed., Bruges-Parigi 1948, 181 f. (e. passim); - L.
Hödl, Die Geschichte der scholastischen Literatur und der Theologie
der Schlüsselgewalt I, Münster 1960, 96-98; - F. Courtney, Cardinal
Robert Pullen. An English Theologian of the Twelfth Century, Rom 1964;
- W. Knoch, Die Einsetzung der Sakramente durch Christus. Eine
Untersuchung zur Sakramententheologie von Anselm von Laon bis zu Wilhelm
von Auxerre, BGPhThMA, NF. 24, Münster 1983, 193-199; - DThC XIII,
2753 f. (E. Amann); - EC X, 1049 (A. Piolanti); - KL2
X, 633 ff. (Hitzfelder); - LThK1 VIII, 564 (A. Landgraf);
- LThK2 VIII, 1342 (L. Hödl); - NCE Xll, 535 (J.C.
Brady); - RGG V, 722 (L. Boehm).