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Band VII (1994)Spalten 1068-1070 Autor: Wendelin Knoch

PULLEYN (Pull(an)us, Polanus, Pullein), Robert, frühscholastischer Theologe, * um 1080 in Südwest-England, † 16.(?) September 1146 in Viterbo. - Nach 1103 begann R.P. das Theologiestudium in Frankreich (Laon (?) und Paris - unter Wilhelm von Champeaux). Um 1113 erfolgte seine Ernennung zum Archidiakon in Exeter. Seit 1133 war R.P. für fünf Jahre Lehrer der Theologie (»magister in sacra pagina«) in Oxford. Sein gelehrtes, von Sittenstrenge geprägtes Leben trug ihm die Freundschaft mit König Heinrich I. ein, dessen Bitte um Übernahme eines Bistums sich R.P. allerdings versagt hat. - 1139 wurde er Archidiakon in Rochester. Unruhen in England haben R.P. veranlaßt, 1142 nach Frankreich überzusiedeln und an der Kathedralschule in Paris als Nachfolger von Gilbert Porreta, der im nämlichen Jahr zum Bischof von Poitiers geweiht worden war, als Magister die Lehrtätigkeit aufzunehmen. Bereits 1143 durch Papst Innozenz II. nach Rom berufen, wurde R.P. als erster Engländer 1144 durch Papst Lucius II. zum Kardinal ernannt. Im Januar 1145 ist dann die Berufung zum Kanzler der Hl. Römischen Kirche erfolgt. Bestätigt durch Papst Eugen III. hat R.P. dieses Amt bis September 1146 innegehabt. - Seinerzeit ist R.P. eine vielberufene Autorität gewesen, wie Odo von Ourscamp, Präpositinus, Petrus Cantor und Robert Courson neben anderen zeigen. Überdies hat R.P. mit seinen berühmten acht Sentenzenbüchern wohl auch Petrus Lombardus in dessen vier Sentenzenbüchern beeinflußt. Dieses Hauptwerk des R.P., dem eine umfassende Systematik noch fehlt, ist eine Präsentation der »ganzen (sc. christl.) Heilslehre« (L. Hödl); Tiefe und Grenze frühscholastischer Theologie sind hier gerade im Blick auf die Sakramentenlehre exemplarisch aufgewiesen, und so bestätigen diese 8 Sentenzenbücher den wichtigen Platz, der R.P. auf dem Weg zur Hochscholastik zukommt, auch wenn ihm eine Nachwirkung weitgehend versagt geblieben ist. In seiner Lehre den Schulen in Laon und St. Victor, Paris, verpflichtet und methodologisch im Gebrauch der Dialektik Abaelard nahestehend, verstand es R.P., »positive«, d.h. aus der Hl. Schrift und der kirchlichen Tradition schöpfende theologische Grundaussagen mit dialektisch-spekulativen Reflexionen in einer gewissen Systematik zu verbinden. Dabei scheute er vor eigener Akzentsetzung, unbeschadet seines Respekts vor dem kirchlichen Lehramt, nicht zurück, wie die scharfe Kontroverse mit Gilbert deutlich zeigt. Selbst nicht unter die Schulgründer der Frühscholastik zu rechnen, hat jedoch sein Einfluß zu seinen Lebzeiten über den Bereich der Schultheologie weit hinaus gereicht, wie nicht zuletzt die hohe Wertschätzung beweist, deren sich R.P. durch Bernhard von Clairvaux erfreuen konnte (vgl. Bernhard v. Cl., Ep. 205, PL 182, 372).

Werke: Sententiarum libri VIII (PL 186, 639-1010); De Contemptu mundi (ed. Courtney, in: Gr 31 (1950) 192-223); Sermones (Angaben zur hsl. Überl. und Textauszüge: Courtney 32-49); Erklärungen zu den Psalmen und zur Apok. (hsl. Überl.: Stegmüller RB V nn. 7477-7479); eine textkritische Gesamtausgabe: fehlt; die wichtigsten Handschriften finden sich im Brit. Museum und in Dublin.

Lit.: F. Pelster, Einige Angaben über Leben und Schriften des RP, Kardinals und Kanzlers der hl. römischen Kirche († 1146), in: Schol 12 (1937) 239-247; - A.M. Landgraf, Literarhistorische Bemerkungen zu den Sentenzen des RP, in: Traditio 1 (1943) 210-222; - J. De Ghellinck, Le mouvement theol. du XlIe siècle, 2a ed., Bruges-Parigi 1948, 181 f. (e. passim); - L. Hödl, Die Geschichte der scholastischen Literatur und der Theologie der Schlüsselgewalt I, Münster 1960, 96-98; - F. Courtney, Cardinal Robert Pullen. An English Theologian of the Twelfth Century, Rom 1964; - W. Knoch, Die Einsetzung der Sakramente durch Christus. Eine Untersuchung zur Sakramententheologie von Anselm von Laon bis zu Wilhelm von Auxerre, BGPhThMA, NF. 24, Münster 1983, 193-199; - DThC XIII, 2753 f. (E. Amann); - EC X, 1049 (A. Piolanti); - KL2 X, 633 ff. (Hitzfelder); - LThK1 VIII, 564 (A. Landgraf); - LThK2 VIII, 1342 (L. Hödl); - NCE Xll, 535 (J.C. Brady); - RGG V, 722 (L. Boehm).

Wendelin Knoch

Letzte Änderung: 10.02.1999