QUERCIA, Jacopo della, Bildhauer, * 1367 od. 1374 Siena (Quercia Grossa bei Siena?), +20. Okt. 1438 Siena, Sohn des Holzbildhauers u./o. Goldschmieds Piero diAngelo (od. Petro Agnolo). Tätig in Siena, Bologna, (Ferrara ?), Lucca. Q. ist ohne Zweifel der bedeutendste Sieneser Bildhauer, aber nicht nur das; er ist das wichtigste Bindeglied zwischen G. Pisano und Michelangelo. Sein Lebensweg ist nur ungenau bekannt. Außer den nachweisbaren Wirkungsstätten mit noch vorhandenem opus Aufenthalte in Florenz (Wettbewerb), Mailand, Venedig und Verona (Materialwahl in Marmorbrüchen) gesichert. Gelegentlich werden Mitarbeiter und Gehilfen erwähnt, ohne die seine umfangreichen Werke in Siena und Bologna kaum möglich waren; auch Qualitätsunterschiede weisen auf einen - wenn auch nicht dauernden - Werkstattbetrieb hin. - Früheste gesicherte Arbeit ist das Grabmal der Ilaria del Carretto von 1406 im Dom zu Lucca, zeitlich der internationalen Spätgotik (»Weicher Stil«) zuzurechnen, dieser formal verwandt, aber doch von eigener Prägung, die Vergangenes und Zukünftiges enthält (beste Charakterisierung bei Schubring). Aus der Entstehungszeit am ehesten mit mittelrheinischer (weinende Frauen aus Lorsch), schwäbischer (Frauen unter dem Kreuz aus Mittelbiberach) und österreichischer Skulptur zu vergleichen, ohne daß Abhängigkeiten auch nur zu vermuten wären. Vielmehr soll die formale und geistige Weite dieses Bildhauers klar werden, der in diesem Werk mehr der »deutschen ma. Klassik« (Straßburg, Bamberg, Naumburg) verwandt ist als der trockeneren frz. Skulptur in Chartres und Reims, zugleich aber auf die unvergeßlichen Grabskulpturen des Conrat Meit in Brou bei Bourg-en-Bresse vorausweist. Aus der Frühzeit gilt eine Sitzmadonna im Dommuseum zu Ferrara als gesichertes Werk des Q.; eine Madonna mit Kind im Louvre (nach 1400) wird ihm zugeschrieben, deren herb-anmutiges Antlitz bereits an Michaelangelos Relief »Madonna Pitti» im Bargello zu Florenz denken läßt. Seine für Siena geschaffene Fonte gaia (vollendet 1419, an Ort und Stelle als Kopie; Originale in der Loggia des Palazzo publico) ist ein querrechteckiger figurenbestückter Brunnen mit niedriger Vorderkante als Pferdetränke. Das ikonographische Programm vielseitig und gedankenreich auf heidnisch-antike und christliche Vorstellungen von der reinigenden und heilbringenden Kraft des Wassers bezogen. In den Sitz- und Standfiguren an altrömischen Vorbildern orientiert, aber auch Gewandformen und körperüberschneidende Drapierungen mit Hohlräumen aufweisend, die später in der Multscher-Zeit und am Oberrhein in der Nachfolge Nikolaus Gerhaerts erscheinen. - Die Figuren in den engen Nischen des mehr nach- und neogotischen als spätmittelalterlichen Retabels in S. Fredonio zu Lucca zeigen eine Erregheit im Gewandstil, der entfernt an letzte (viel jüngere) Werke der deutschen Spätgotik erinnert. Die girlandentragenden Putti am Carretto-Grabmal schließlich weisen Formen auf, die erst seit dem flämischen und westfälischen Barock allgemein vertraut sind. 1415 beginnen Verhandlungen mit Q. über einen Taufbrunnen im Baptisterium des Domes zu Lucca; 1419 fertigt er für eben diese Taufe das Modell mit der Darstellung des Zacharias im Tempel als Relief, das erst 1430 in Bronze (Q.s einzige Gußarbeit) gegossen wird. Die Propheten am Ciborium über eben dieser Taufe haben wie geknetet wirkende Gewänder ohne natürlichen Fall, welche die Gespanntheit der Häupter stützen, ihr entsprechen und den Körper total überformen. Auch hier sieht man Q. als einen Bildhauer, der sich von seinen Florentiner Zeitgenossen dadurch erheblich unterscheidet, daß er dem deutschen Mittelalter (Bamberger Propheten) und dem deutschen und spanischen Barock (Permoser, José de Mora) geistig und empfindungsmäßig näher ist als dem von jenen verfolgten Renaissance-ldeal. - 1425 wird Q. vom Erzbischof von Arles, der Gesandter in Bologna ist, nach hier berufen mit dem Auftrag, das Hauptportal von S. Petronio bildnerisch zu gestalten. Die Arbeiten führt er trotz seiner Ernennung zum Sieneser Dombaumeister und der sich lang hinziehenden Arbeiten am dortigen Taufbrunnen bis zu seinem Tode aus. Am gewichtigsten und bekanntesten sind unter diesen Portalskulpturen die je fünf Reliefs an den Laibungsrändern mit Szenen aus der Genesis von der Erschaffung Adams bis zum Opfer Abrahams. Die Marmorreliefs gehören zum Besten, was die Zeit hervorgebracht hat, wenngleich die Bronzereliefs Ghibertis an den Türen des Baptisteriums in Florenz größere Bekanntheit und Berühmtheit erlangt haben; Q. unterlag zwar bei dem Florentiner Wettbewerb für die (nach A. Pisano) zweite Tür zusammen mit Brunelleschi und vielen anderen, weil ihm wohl die humanistisch geprägte gängige Florentiner Eleganz fehlte. Was ihn dort nicht zum Zuge kommen ließ, entfaltet er ebenso vorsichtig wie eindringlich in Bologna: eine von innen kommende Mommentalität, die das Erzählerische auf den Kern der Sache und der Aussage soweit reduziert, daß - wie bei den Hildesheimer Bronzetüren - ein einziger Baum für das ganze Paradies stehen kann. Die Modellierung der Figuren ist an der Antike geschult, ihre Bewegung und Gestik aber ist tief im Mittelalter (bis hin zur Buchmalerei) verwurzelt. - Aus allem knapp Gesagten ergibt sich, daß Q. nicht in eine Reihe mit Brunelleschi, Ghiberti und Donatello gebracht werden kann. Er ist weniger »ideologisch« im Sinne der Renaissance und daher auch weniger italienisch nach Florentiner Quattrocento-Art. Wenn er in einschlägigen Handbüchern und Monographien zur italienischen Skulptur im 15. Jh. als der charakterisiert wird, der zwischen den Pisani und Michelangelo aufs stärkste hervorragt (ohne des letzteren geniale Verbohrtheit zu teilen), ist zugleich - wenn auch nicht immer deutlich ausgesprochen - gesagt, daß er eine zusammenfassende und weit in die Zukunft weisende Bedeutung hat, die nicht süd- oder nordländisch, typisch romanisch oder germanisch, mittelalterlich oder neuzeitlich, sondern umfassend abendländisch ist wie in der Musik nur das Werk J.S. Bachs oder G.F. Händels, in der Architektur das B. Neumanns und J.M. Fischers, in der Malerei das des P.P. Rubens.
Werke: Weitere Werke und Zuschreibungen: Reiterstandbild des Giovanni Tedesco im Dom zu Siena aus Holz, Werg und Stuck, v. Vasari beschr., (wohl als ephemere Plastik gedacht, dann aber doch ca. 100 Jahre beim Grab des G.T. stehend, 1502 zertrümmert); Annunziata aus Holz (1406-1410, Berlin, Slg. Preuß. Kulturbesitz); Grabsteine für Lorenzo und seine Gemahlin (1412-1416, Lucca, S. Frediano); 4 Temperamente (1413-1422, Lucca, »Obergaden«.
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