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Verlag Traugott Bautz
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RAFFAEL (ital. Raffaello Santi; lat. Raphael Urbinas, Raphael Sanctius; daraus italianisiert: Raffaello Sanzio), italienischer Maler und Architekt; * 6.4. (Karfreitag) 1483 in Urbino; † 6.4. (Karfreitag) 1520 in Rom; Sohn des Malers Giovanni Santi und seiner Frau Magia Ciarla. Die Anfangsgründe der Malerei hat R. wahrscheinlich bei seinem Vater gelernt, der mit Melozzo da Forlì befreundet war. Der noch nicht zwölfjährige R. wurde zu Perugino (Pietro Vannucci) in die Lehre gegeben. Früh beeinflußt wurde er sowohl von italienischen (Melozzo, Luca Signorelli, Piero della Francesca) als auch von flämischen (Hieronymus Bosch) Malern. Ab 1499 macht er sich innerhalb der Werkstatt Peruginos als eigenständiger Künstler bemerkbar (Arbeiten am »Cambio« von Perugia). Sein erstes nachweisbares selbständiges Werk ist die `Krönung des heiligen Nikolaus von Tolentino', das der siebzehnjährige für einen Altar in Città di Castello malte (Teile davon heute in Neapel, Brescia, Città di Castello). In den nächsten Jahren folgen zahlreiche Heiligen-Darstellungen, unter denen die `Krönung Mariae' (1503; Pinacoteca Vaticana) hervorragt. Ob er für kurze Zeit die Werkstatt seines Vaters in Urbino übernommen hat, ist ungewiß. Ende 1504 ging R. nach Florenz. Schon früh bewährte er sich als Meister der Porträtier-Kunst. In allen Phasen seines Lebens hat er sich selbst porträtiert, angefangen von der Zeichnung, die er im Alter von 15 Jahren anfertigte (heute in Oxford), über das Selbstbildnis des Palazzo Pitti in Florenz, das ihn als etwa zweiundzwanzigjährigen zeigt, bis zu seinen Porträts in der `Schule von Athen' und der `Vertreibung des Heliodor' im Vatikanischen Palast. Im Palazzo Pitti befinden sich auch die `Madonna del Granduca' und die `Madonna del Baldacchino' (1508), in den Uffizien die berühmte `Madonna mit dem Stieglitz' (1507), die R. neben einer Anzahl weiterer Madonnen in seiner Florentiner Zeit gemalt hat. Im Herbst 1508 siedelte R. von Florenz nach Rom über. Hier erhielt er von dem Papst Julius II. (1503-1513) den Auftrag, die drei kreuzgewölbten Zimmer (Stanze) im zweiten Geschoß des unter Nikolaus V. erbauten Teils des Vatikanischen Palastes und den großen Saal mit Fresken auszustatten. Er begann mit dem Ausmalen des mittleren der drei Zimmer, der »Stanza della Segnatura« (Sitzungszimmer des päpstlichen Tribunals Signatura Apostolica - Signatura Gratiae). Auf der vom Eingang aus gesehen rechten Seite befindet sich die `Schule von Athen', eine Darstellung der Artes liberales, der `freien Künste' oder philosophischen Wissenschaften. Um die im Zentrum stehenden Gestalten von Platon und Aristoteles gruppieren sich die anderen Philosophen, darunter Pythagoras, Heraklit, Sokrates, Diogenes, Euklid, Ptolemäus, aber auch R. selbst und Sodoma, der vor ihm in derselben Stanza gemalt hatte (seine Deckenbilder sind noch erhalten). Der sogenannte `Pensieroso' im Vordergrund ist wohl nicht nur Zitat einer der Prophetengestalten (Jeremias) aus der Decke der Cappella Sistina, sondern meint Michelangelo selbst. Das irreführend als `Disputa' bezeichnete Gemälde auf der linken Seite der Stanza ist eine Gesamtdarstellung der `göttlichen Wissenschaft', der Theologie, und deren Zentrum, des Altarssakramentes. Die obere und die untere Bildhälfte zeigen das je verschiedene Verhältnis der himmlischen und der irdischen Kirche zu den göttlichen Mysterien: der »visio beatifica«, der beseligenden Schau, sind die über der Wolke zu beiden Seiten der göttlichen Trinität sitzenden Heiligen des Alten und des Neuen Testaments fähig; der Erkenntnisweg der Theologen auf der Erde, die sich um die im Ostensorium ausgestellte Eucharistie versammeln, ist der der »fides quaerens intellectum«, des nach Einsicht suchenden Glaubens. In den Gestalten der vier lateinischen Kirchenväter Hieronymus, Gregor d. Gr., Ambrosius, Augustinus die Verbindung von frommer Meditation und visionärer Ekstatik zum Ausdruck gebracht, die auf die Epochen des Manierismus und Barock vorausweist. Von den mittelalterlichen Theologen sind Thomas von Aquin und Bonaventura von Bagnoregio zu erkennen. Sie stehen zu beiden Seiten des Papstes Innocenz III., der die Züge Julius' II. trägt. Aber auch der keineswegs papstfreundliche Dante (als Theologe!) und der ein Jahrzehnt zuvor in Florenz hingerichtete Girolamo Savonarola haben Aufnahme in das Fresko gefunden. Der zweite Papst ist Sixtus IV. della Rovere, der Onkel Julius' II. Über dem zum Belvedere-Hof hinausgehenden Fenster ist der `Parnaß' dargestellt: Apollo mit einem Streichinstrument thront in der Mitte; ihn umgeben die neun Musen, sodann die Dichter Homer, Vergil, Statius, Dante, Ovid, Sappho u.a. Dem `Parnaß' gegenüber, am Eingang der »Stanza della Segnatura«, befindet sich die sogenannte `Gerechtigkeitswand'. In der Lünette über der Tür sieht man drei der Kardinaltugenden: Prudentia (Klugheit), Fortitudo (Tapferkeit), Temperantia (Maß). Die Iustitia (Gerechtigkeit) selber ist darüber an der Decke dargestellt. Neben dem Eingang: links die Inkraftsetzung des weltlichen Rechts durch Kaiser Justinian; rechts die Inkraftsetzung des geistlichen Rechts durch Papst Gregor IX. (auch er trägt die Züge Julius' II.). Mit der Ausmalung der benachbarten »Stanza d'Eliodoro« begann R. im Jahre 1511. Das Zimmer hat seinen Namen nach dem Hauptfresko, das die Vertreibung des Heliodor durch himmlische Mächte aus dem Tempel von Jerusalem darstellt, wie sie in dem zweiten Makkabäerbuch (3,23-29) geschildert ist. Auf dem Bild ist der Einfluß Michelangelos klar zu erkennen, der um die gleiche Zeit die Decke der Cappella Sistina des Vatikan ausmalte. In der Lünette über dem Fenster ist die `Messe von Bolsena', ein mittelalterliches Hostienwunder (1263), dargestellt. In dem das Sakrament anbetenden Papst hat R. wiederum Julius II. dargestellt. Neben seiner Arbeit an der päpstlichen Wohnung hat R. zahlreiche andere Arbeiten ausgeführt. Das erste monumentale Altarblatt, das er nach seiner Ankunft in Rom fertigstellte, ist die sogenannte `Madonna di Foligno' für den Hochaltar von S. Maria in Aracoeli (jetzt in der Pinacoteca Vaticana). Noch während des Pontifikates Julius' II. ist auch die `Sixtinische Madonna' von Dresden entstanden (ursprünglich bestimmt für den Hochaltar der Kirche S. Sisto zu Piacenza), in der J. Winckelmann (1717-1768) die selige Ruhe antiker Götterbilder wiedergeboren sah. Auch in Rom hat R. viele bedeutende Zeitgenossen porträtiert. Maßgebend für die spätere Porträtierkunst von Päpsten ist sein wohl erst nach dem Tode des Papstes (+ 21.2.1513) entstandenes Ölbild Julius' II. (London, National Gallery). Auch das Porträt Leos X. (Florenz, Uffizien) ist bedeutend. Zu Beginn des Pontifikates Leos X. (1513-1521) war R. weiterhin mit der Ausmalung der »Stanza d'Eliodoro« beschäftigt. Es entstanden jetzt die Bilder mit der Begegnung des Papstes Leo I. (er trägt die Züge Leos X.) mit dem Hunnenkönig Attila, die dessen Vormarsch auf Rom ein Ende setzte, und der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis durch einen Engel in drei bewegten Szenen (Act 12,6-11). Anschließend, in den Jahren 1514-1517, war R. mit dem Ausschmücken der »Sala dell'Incendio« beschäftigt. Das Hauptgemälde gegenüber dem Fenster, von dem der Raum seinen Namen hat, zeigt den Brand des Borgo (d.h. des nahe bei der St. Peters-Kirche gelegenen Stadtviertels) unter dem Papst Leo IV. im Jahre 847. Unter den vor den Flammen Fliehenden ist die an Aeneas, Anchises und Ascanius erinnernde Gruppe besonders bemerkenswert. In der Gestaltung der Körper zeigt sich wiederum der Einfluß Michelangelos. Auf der Fensterseite ist der Reinigungseid des Papstes Leo III. vor Karl d. Gr. (23.12.800), auf der rechten Seite die Krönung Karls durch Leo (Weihnachten 800) und auf der linken Seite der Seesieg Leos IV. über die Sarazenen bei Ostia (849) dargestellt. Das von R. bewältigte Arbeitspensum war gewaltig. 1515-1516 zeichnete er die Entwürfe (Cartons) für zehn Gobelins (Wandteppiche, Arazzi), die die untere Zone der Seitenwände der Cappella Sistina dekorieren sollten. Die Teppiche selbst wurden in Brüssel gewoben. Im Dezember 1519 wurden sie an ihrem Platz aufgehängt und zum ersten Mal dem staunenden römischen Publikum gezeigt. Dargestellt sind Szenen aus dem Leben der Apostel Petrus und Paulus, die in dem Evangelium und der Apostelgeschichte des Lukas erzählt werden. In den Petrus-Szenen der beiden ersten Teppiche zeigt sich, daß R. in seiner Florentiner Zeit die entsprechenden Bilder Masaccios in der Brancacci-Kapelle von S. Maria del Carmine genau studiert haben muß. Die Original-Gobelins sind nach verschiedenartigen Schicksalen heute alle wieder in den Vatikanischen Museen versammelt. Von den Cartons werden sieben in dem Victoria and Albert Museum zu London aufbewahrt. 1517 hatte R. einen weiteren Großauftrag angenommen: die Ausmalung der Vorhalle des in Trastevere gelegenen Gartenhauses des päpstlichen Bankiers Agostino Chigi. Die nach den späteren Besitzern so genannte »Farnesina« war in den Jahren 1508-1511 durch den Architekten Baldassare Peruzzi von Siena erbaut worden. Von mehreren Gehilfen unterstützt malte R. an die tonnengewölbte Decke und in die Lünetten den Mythos von Amor und Psyche. Nach dem Tode Bramantes (1514) war R. die Leitung der Bauarbeiten an der neuen Peterskirche übertragen worden. Im Gegensatz zu dem Plan seines Vorgängers, der einen Grundriß in Form eines griechischen Kreuzes vorsah, entwarf R. ein Projekt auf der Basis des lateinischen Kreuzes. Aus den letzten sieben Lebensjahren sind zahlreiche weitere Entwürfe und Architekturzeichnungen für sakrale und profane Bauten in Rom erhalten. Das wohl bekannteste profane Projekt, das realisiert wurde, ist die in der Nähe der Milvischen Brücke (Ponte Molle) gelegene »Villa Madama.« Auch beim Ausbau des Vatikanischen Palastes hat sich R. als Architekt betätigt. Im Mai 1519 war die Dekoration eines der an den Damasus-Hof des Vatikanischen Palastes angrenzenden Arkaden-Gänge, der sogenannten »Logge di Raffaello«, abgeschlossen. Es handelt sich im ganzen um 13 Arkaden, deren Deckengewölbe jeweils mit vier biblischen Szenen ausgemalt wurde. Die Ausführung lag in den Händen mehrerer Gehilfen R.s, die nach den Entwürfen des Meisters arbeiteten. Den Zyklus der insgesamt 52 Bilder bezeichnet man als »Bibbia di Raffaello« (Bibel Raffaels). Als großer Interpret der Bibel oder des Evangeliums zeigt sich R. aber erst auf seinem letzten monumentalen Meisterwerk, der `Verklärung Christi' (Pinacoteca Vaticana). Der Kardinal Giulio de' Medici, der 1515 Erzbischof von Narbonne geworden war, hatte R. den Auftrag für das Altarbild der dortigen Kathedrale gegeben. Das Bild hat aber Rom nicht verlassen. In der oberen Hälfte des Bildes ist der Gottessohn dargestellt, wie er für einen kurzen Augenblick seines Lebens in den Glanz der jenseitigen Welt entrückt wird (Mk 9,1-9). Darunter, in hartem Kontrast zu der lichtvollen Himmels-Szene, das durch den Teufel verdorbene Chaos des irdischen Tränentals, in dem sich die Jünger Jesu vergeblich mühen, einen Besessenen zu heilen (Mk 9,16 f.). Bevor er das Bild vollenden konnte, starb R. Über seinen Tod trauerte ganz Rom. Er fand in dem Pantheon (S. Maria ad Martyres) seine letzte Ruhestätte. (Eine Exhumierung, Rekognoszierung und Wiederbestattung der Gebeine fand im Oktober 1833 statt). - Die Beurteilung R.s und seines Werkes ist zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedlich ausgefallen. Nicht selten hat man an ihm die vermeintlich allzu große Glätte, Gefälligkeit, ja Oberflächlichkeit kritisiert, mit Seitenblick auf den dunklen, schwierigen, sperrigen Michelangelo. Doch wird eine derart wertende Sichtweise R. kaum gerecht. Zwischen beiden Künstlern haben sich Rivalitäten, die in der Natur der Sachen und der Verschiedenheit der Charaktere begründet sind, und wohl auch ein tieferes Psychodrama abgespielt. Wie Mozart, mit dem er in der kunsthistorischen Literatur gelegentlich verglichen wurde, gehört R. zu den `vom Glück Begünstigten', `Hochbegabten', `Frühvollendeten' - `fortunato garzon' nennt ihn schon sein Freund und Zeitgenosse Francesco Francia, und Herman Grimm: `eine irdische Ausgabe beinahe des Erzengels, dessen Namen er trägt' - aber auch zu den rasch Verbrauchten und früh Gealterten. Ein Vergleich seiner frühen und späten Selbstbildnisse zeigt dies in erschreckender Weise. Sein Verhältnis zur christlichen Tradition war kein oberflächliches. Wie vor allem die Fresken der »Stanza della Segnatura«, die er auf dem Höhepunkt seines kurzen Lebens geschaffen hat, und sein letztes Werk, die `Verklärung Christi', zeigen, war er - obgleich kein professioneller Theologe - wie Dante, den er unter die Dichter »und« die Theologen versetzt hat, zu einer profunden denkerischen Bewältigung der dargestellten Themen durchaus imstande. R.s Bilder haben so gut wie alle Maler, die in späteren Zeiten Italien und Rom bereisten, beeindruckt. Sein tiefer Einfluß auf die Kunst des Manierismus, des Barock und der Nazarener ist unverkennbar.
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Helmut Feld
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Letzte Änderung: 14.03.2010