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Band VII (1994)Spalten 1291-1295 Autor: Manfred Hörner

RAITENAU, Wolf Dietrich von, Erzbischof von Salzburg (1587-1612), * 26.3. 1559 auf Schloß Hofen bei Lochau nahe Bregenz als Sohn des kaiserlichen Obristen Hans Werner von Raitenau (+ 1593) und der Helena von Hohenems (+ 1586), + 16.1. 1617 auf Hohensalzburg. - W. D. v. R. erfuhr eine gründliche Ausbildung, die Rechtsstudien in Pavia und insbesondere einen fünfjährigen Aufenthalt am Collegium Germanicum in Rom (1576-1581) einschloß. 1570 erhielt er eine erste Domherrenstelle in Konstanz, wo sein Onkel Kardinal Mark Sittich von Hohenems Bischof war. Domkanonikate in Basel (1575) und in Salzburg (1578) kamen hinzu. - Am 2.3. 1587 wurde W. D. v. R. zum Erzbischof von Salzburg gewählt. Er verfolgte einen sich seit Mitte der 1590er Jahre abschwächenden gegenreformatorischen Kurs, der sich in den Religionsmandaten vom Sept. 1588 und Juli 1593, in der Ausweisung der sich nicht zum Katholizismus bekennenden Bürger Salzburgs und anderer Städte, in Maßnahmen gegen die Teilnahme erzstiftischer Untertanen an protestantischen Gottesdiensten im benachbarten Ausland sowie im Verbot von Mischehen niederschlug. 1596 holte er die Kapuziner, 1605 die Augustinereremiten ins Erzstift. Der Plan, Jesuiten zur Leitung des neu zu errichtenden Priesterseminars zu berufen, scheiterte am Widerstand des Domkapitels. - Als Landesherr bemühte sich W. D. v. R., den Einfluß von Domherren und Landständen zugunsten eines absolutistischen Regiments zurückzudrängen. Mittels neuer Statuten für das Domkapitel vom Sept. 1605 und Mai 1606 festigte er die erzbischöfliche Autorität. Die Landstände wurden nach Bewilligung der Türkensteuer im Herbst 1592 nicht mehr einberufen. Fünf Jahre später übertrug er die Steuererhebung der Hofkammer. Ausfluß ausschließlich erzbischöflicher Gesetzgebungsbefugnis waren die Hofrats-, Bergwerks-, Vieh-, Wald- und Elementarschulordnung der Jahre 1588-1593. W. D. v. R., der seit den ersten Jahren seiner Regierung in einer eheähnlichen Verbindung mit Salome Alt lebte, tat sich als Sammler (Bücher, Graphiken, Gemälde, Tapisserien, Goldschmiedearbeiten) und als Bauherr (Dom, Residenz, Sebastiansfriedhof) hervor. - Als Reichsfürst setzte er sich auf dem Regensburger Reichstag im Frühjahr 1594 für eine wirkungsvolle Türkenhilfe ein, trat im Herbst 1596 mit heftiger Kritik an der kaiserlichen Kriegsführung auf und hintertrieb schließlich, als seine Anregungen und Vorschläge unberücksichtigt blieben, die weiteren Verhandlungen. Das Verhältnis zu Herzog Maximilian I. von Bayern wurde bestimmt durch die anhaltende Rivalität um die Vorherrschaft im Bayerischen Reichskreis, durch die Weigerung, das Erzstift in die katholische Liga zu führen, und durch ständige Auseinandersetzungen um den Salzhandel. Als W. D. v. R. Anfang Okt. 1611 die Fürstpropstei Berchtesgaden militärisch besetzen ließ, fielen bayerische Truppen ins Erzstift ein. W. D. v. R. geriet Ende Okt. 1611 in Haft, aus der er selbst nach der auch unter dem Druck des Domkapitels erfolgten Niederlegung seines erzbischöflichen Amtes im März 1612 nicht mehr entlassen wurde. - W. D. v. R. scheiterte mit seinem Versuch, im Erzstift Salzburg ein absolutistisches Regiment aufzurichten, an inneren und äußeren Widerständen, die er durch sein ungestümes Vorgehen selbst genährt hatte.

Werke: Von der Ehr unnd Anrueffung der heyligen Gottes. Kath. Predigt deß Hochwürdigsten Fürsten und Herrns Herrn W. Diethrichen Ertzbischoven zue Saltzburg etc. gehalten 15. Apr. 1593, Salzburg 1593; 4 Bände Manuskripte (Haus-, Hof- u. Staatsarchiv Wien W 200, Bd. 1a-b, 2a-b) mit Exzerpten, Notizen, Abhandlungen u. Traktaten geistlichen u. politischen Inhalts, darunter »De Principe« (Bd. 2a, fol. 328-336), »Biblische u. christliche Kriegsordnung« (Bd. 2b, fol. 509-581 bzw. 583-605; Edition: Wilfried Keplinger, Erzbisch. W. D. biblische Kriegsordnung, in: Mitt. der Ges. f. Salzburger Landeskunde (MGSL) 93, 1953, 68-89) u. »Gutachten zum Türkenkrieg von 1596« (Bd. 2b, fol. 627-648 bzw. 695-722; Edition: Josef Karl Mayr, Die Türkenpolitik EB W. D. v. Salzburg, in: MGSL 53, 1913, 297-355)

Lit.: Johann Stainhauser, Das Leben, Regierung u. Wandel des Hochwürdigisten in Gott Fürsten u. Herrn Herrn Wolff Dietrichen, gewesten Erzbischoven zu Salzburg, etc., etc., hrsg. v. P. Willibald Hauthaler, in: MGSL 13, 1873, 3-140; - Karl Mayr-Deisinger, W. D. v. R. EB v. Salzburg 1587-1612, 1886; - Wilhelm Erben, Zur Beurtheilung des Salzburger EB W. D. v. R., in: MGSL 42, 1902, 49-67; - Franz Martin, EB W. D. letzte Lebensjahre 1612-1617, in: MGSL 50, 1910, 157-229; - ders., Beitrr. z. Gesch. EB W. D. v. R., in: MGSL 51, 1911, 209-336; - ders., Zur Gesch. EB W. D., in: MGSL 61, 1921, 1-32; - ders., Salzburgs Fürsten in der Barockzeit, 19824, 13-66; - ders., W. D. v. R., EB v. Salzburg, 1987; - Josef Karl Mayr, Die Türkenpolitik EB W. D. v. Salzburg, in: MGSL 52, 1912, 181-244, 53, 1913, 193-355; - ders., Aus W. D. letzten Regierungsjahren. Das Passauer Kriegsvolk, in: MGSL 68, 1928, 1-50; - Hans Widmann, Gesch. Salzburgs III (Von 1519 bis 1805), 1914, 150-251; - Wilfried Keplinger, Die rel. u. politischen Schrr. des EB W. D. v. Salzburg (1587-1612), masch. Diss. Innsbruck 1947; - ders., Eine unveröffentlichte Chron. über die Regierung EB W. D., in: MGSL 95, 1955, 67-91; - Herbert Klein, Salzburg u. seine Landstände v. den Anfängen bis 1861, in: MGSL Ergbd. 5, 1965, 115-136, bes. 123 f.; - Ämilian Kloiber, W. D. v. R. (1559-1617). Eine anthropologische Studie, in: Jschr. des Salzburger Mus. Carolino Augusteum 14, 1968, 141-148; - Reinhard Rudolf Heinisch, Die bisch. Wahlkapitulationen im Erzstift Salzburg 1514-1688 (= Fontes Rerum Austriacarum. Abt. II: Diplomataria et Acta 82), 1977, 58-64, 201-206; - ders., Das Erzstift Salzburg unter den Barockfürsten (= Salzburg Dokumentationen 19), 1977, 135-152; - ders., Salzburgs Beziehungen zu Bayern u. Österreich in der frühen Neuzeit, in: Österreich in Gesch. u. Lit. 23, 1979, 267-278; - ders., W. D. v. R. als Kirchenfürst u. Landesherr, in: Montfort 41, 1989, 92-99; - Johann Sallaberger, Die Augustiner-Eremiten im Erzstift Salzburg im 17. Jh. (= Studia Augustiniana Historica 5), 1977, 25-65; - Eva Stahl, W. D. v. Salzburg. Weltmann auf dem Bischofsthron, 1980, 19872; - Georg W. Seunig, Die städtebauliche Entwicklung der Stadt Salzburg unter Fürsterzbisch. W. D. v. R., masch. Diss. Zürich 1981; - Franz Ortner, Ref., kath. Reform u. Gegenref. im Erzstift Salzburg, 1981, 102-109; - Walter Lingenhöle, W. D. v. R. im Bild jüngster Forsch., in: Montfort 34, 1982, 70-80; - Hugo Altmann, Die bayer. Haltung in der Frage der Freilassung des ehem. Salzburger EB W. D. v. R. in den J. 1612 bis 1615, in: ZBLG 46, 1983, 37-79; - Fürsterzbisch. W. D. v. R. Gründer des barocken Salzburg (=Katalog der 4. Salzburger Landesausstellung), 1987 (mit weiterer Lit.); - Fritz Koller, Bayern - Salzburg - Berchtesgaden. Der Streit um den Salzhandel, in: ZBLG 50, 1987, 767-821; - Gesch. Salzburgs. Hrsg. v. Heinz Dopsch u. Hans Spatzenberger, bes. II/1, 1988, 173-185, II/4, 1991, 2161-2182; - Reinhard Sessler, W. D. zwiespältige Haltung gegenüber den Protestanten im Erzstift Salzburg, Montfort 41, 1989, 100-104; - Alfred A. Strnad, Das römische Ambiente des jungen W. D. v. R., in: Montfort 41, 1989, 71-91; - ADB XLIII, 723-726.

Manfred Hörner

Letzte Änderung: 12.02.1999