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Band VII (1994)Spalten 1314-1317 Autor: Christof Dahm

RAMPOLLA DEL TINDARO, Mariano, Kardinal, Marchese, * 17.8. 1843 in Polizzi (Sizilien), + 16.12. 1913 in Rom. - Adliger Herkunft, wurde R. schon früh für die geistliche Laufbahn bestimmt. 1856 trat er ins Vatikanische Seminar ein, wechselte 1861 zum Collegio Capranica über und empfing 1866 die Priesterweihe. Ergänzende Studien an der Pontificia Accademia dei Nobili Ecclesiastici schloß er 1870 mit der Promotion zum Dr. iuris utriusque ab. Im gleichen Jahr wurde er Mitglied der Kongregation für die Außerordentlichen Kirchlichen Angelegenheiten. 1874 erhielt er ein Kanonikat an S. Maria Maggiore in Rom. 1875 entsandte ihn Papst Pius IX. als Rat an die Nuntiatur in Madrid, wo er sich in einer für die katholische Kirche Spaniens schwierigen Zeit gründlich in den diplomatischen Dienst einarbeiten konnte. 1877 nach Rom zurückberufen, wurde er zum Sekretär der Kongregation für die Orientalischen Riten ernannt, 1880 zum Sekretär der Propagandakongregation. Nach seiner Weihe zum Titularerzbischof von Heraklea (8.12. 1882) wirkte R. bis 1887 als Apostolischer Nuntius in Madrid. Am 14.3. 1887 berief ihn Papst Leo XIII. in das Kardinalskollegium (Titelkirche: S. Caecilia in Trastevere) und am 2.6. desselben Jahres zum Kardinalstaatssekretär. Von seinen späteren Ehrungen sei besonders die Ernennung zum Erzpriester an der Vatikanischen Basilika St. Peter erwähnt (21.3. 1894). Ganz im Sinne des Papstes, der die durch den unnachgiebigen Konservativismus seiner Vorgänger entstandene Isolierung der katholischen Kirche überwinden wollte, bemühte sich R. um eine Öffnung gegenüber neuen Zeitströmungen und die Verständigung mit den europäischen Mächten, besonders mit dem Königreich Italien, dessen Verhältnis zum Heiligen Stuhl durch die ungelöste `Römische Frage' schwer belastet war. Da die vorherrschende liberal-antiklerikale Stimmung ein Entgegenkommen des italienischen Staates gegenüber den kirchlichen Souveränitätswünschen verhinderte, blieb R.s Bemühungen aber der Erfolg versagt. Unter der Regierung des Ministerpräsidenten Crispi (1887-1891 und 1893-1896) spitzte sich das Verhältnis bedrohlich zu, so daß R. sogar ein päpstliches Exil erwog. Einen schweren Schlag für den Heiligen Stuhl bedeutete die Anlehnung Italiens an Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich im Dreibund (1882), wodurch Hilfe von der traditionell papstfreundlichen Habsburgermonarchie kaum mehr zu erwarten war. Aus Enttäuschung über die fehlende Unterstützung Österreichs bei der Lösung der `Römischen Frage' wandte sich Papst Leo XIII. Frankreich und Spanien zu. Der Initiator dieses Kurswechsels war R., der sich dadurch allerdings Gegner schuf. Die Regierungen in Wien und Berlin sahen in R. wohl nicht zu Unrecht den eigentlichen Gestalter der päpstlichen Außenpolitik, deren Ziele sie beargwöhnten. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch das Scheitern R.s im Konklave von 1903. Nach dem Tod Leos XIII. (20.7. 1903) galt der begabte Kardinalstaatssekretär als aussichtsreichster Kandidat für das Papstamt. In den beiden ersten Wahlgängen erhielt er jeweils die höchste Stimmenzahl. Zu Beginn des dritten Wahlgangs sprach jedoch Kardinal Puzyna von Krakau im Namen Kaiser Franz Josephs von Österreich die Exklusive, eine Art Veto, gegen R. aus. Ein solches Ausschließungsrecht, das katholische Monarchen für sich in Anspruch nahmen, war zuletzt 1830 ausgeübt worden. Der Heilige Stuhl hat diese Praxis nie anerkannt; folglich protestierte das Kardinalskollegium einmütig gegen den Eingriff der weltlichen Macht in eine innerkirchliche Angelegenheit. Zwar stieg die Stimmenzahl für R. im dritten Wahlgang noch einmal an, fiel dann aber ab, so daß schließlich im siebten Wahlgang am 4.8. 1903 die Entscheidung zugunsten von Kardinal Giuseppe Sarto ausfiel, der als Papst Pius X. den Stuhl Petri bestieg. Neben politischen Gründen, der Abneigung gegen den dezidiert frankophilen R., dürften persönliche Motive den Kaiser zu seinem außergewöhnlichen Schritt bewogen haben: der Wiener Hof verübelte der Kurie noch immer die kühle Reaktion auf den Freitod von Kronprinz Rudolf im Jahre 1889, die sog. `Mayerling-Affäre', wofür R. als verantwortlich galt. Ob er ohne das Einschreiten des österreichischen Kaisers wirklich zum Papst gewählt worden wäre, bleibt hingegen zweifelhaft, denn in und außerhalb der Kurie war der Ruf nach einem `Seelsorgepapst' als Nachfolger des `Diplomatenpapsts' laut geworden. Jedenfalls brach R.s Karriere abrupt ab. Unmittelbar nach seiner Wahl bestellte Papst Pius X. den Spanier Raphael Merry del Val zum Kardinalstaatssekretär. Während seiner letzten Lebensjahre war R. noch in verschiedenen kurialen Ämtern tätig; u.a. seit 1902 als Präsident der Bibelkommission, seit 1909 als Sekretär des Heiligen Offiziums und seit 1910 als Präsident der Römischen Thomasakademie. Daneben veröffentlichte er einige Werke biographischen und archäologischen Inhalts. Angesichts des labilen Gesundheitszustands Pius' X. hielt sich das Gerücht, R. habe große Chancen, dessen Nachfolger zu werden. Jedoch starb er noch vor diesem am 16.12. 1913 zurückgezogen in Rom. 1929 wurden seine sterblichen Überreste in seine Titelkirche, die Basilika S. Caecilia in Trastevere, überführt. - R. zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Kurie im ausgehenden 19. Jahrhundert. In der Politik des Heiligen Stuhls spielte er eine ähnlich bestimmende Rolle wie Ercole Consalvi, der Kardinalstaatssekretär Pius' VII. Beiden blieb jedoch das Erreichen des höchsten Kirchenamts versagt. Immerhin bestieg 1914 ein enger Mitarbeiter R.s im Staatssekretariat, Giacomo della Chiesa, als Benedikt XV. den Papstthron, wodurch R.s Politik nachträglich eine gewisse Anerkennung und Fortsetzung fand.

Werke: Di un catalogo cimiteriale romano, in: Atti II congresso internazionale di archeologia cristiana, Rom 1902; Vita di S. Melania Giuniore, Rom 1905; Anecdota, Rom 1914.

Lit.: Theodor von Cramer-Klett, Kardinal R. d. T., in: Hochland 11/2, 1914, 1-19; - G. Pietro Sinopoli di Giunta, Il Cardinale M. R. d. T., 1923, dt. 1929; - Ernesto Vercesi, Tre Secretari di Stato: Consalvi, R., Gasparri, 1932; - Josef Schmidlin, Papstgeschichte der neuesten Zeit, Bde. II u. III, 1936, bes. III, 12-20; - Friedrich Engel-Janosi, Über eine Kandidatur Kardinal R.s als Nachfolger Pius' X., in: Festschr. zur Feier des zweihundertjährigen Bestandes des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Wien, 1951, 293-300; - Ders., Österreich und der Vatikan 1846-1918, 2 Bde., 1958-1960, bes. I, 244-323; II, 2-47, 163-173; - M. Landrieux, Le Conclave de 1903. Journal d'un Conclaviste, in: Etudes 299, 1958, 157-183; - Franz Xaver Seppelt/Georg Schwaiger, Geschichte der Päpste von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1964, 451 f.; - Handbuch der Europäischen Geschichte VI, 1968, unveränd. Nachdr. 1973, 400-432, bes. 405-413; - Zdzisêaw Obertyíski, Kardinal Puzyna und sein Veto, in: Festschr. Franz Loidl, Bd. III, 1971, 177-195; - HdKG VI/2, 1973, Sonderausg. 1985, bes. 18-27, 391-405; - Franz Herre, Kaiser Franz Joseph von Österreich. Sein Leben - seine Zeit, 19832, bes. 326-332; - EItal XXVIII, 818; - EC X, 517 f.; - RGG V, 776; - LThK VIII, 985 f.; - Remigius Ritzler/Pirminius Sefrin, Hierarchia Catholica Medii et Recentioris Aevi [Eubel] VIII, 33, 302.

Christof Dahm

Literaturergänzung:

1996

Vicente Cárcel Ortí, Intervención del Cardenal R. en los nombramientos de obispos espanoles (1875-1903), in: AHP 34.1996, S. 213-244.

Letzte Änderung: 19.06.2009