RAPP, Johann Georg, radikaler, separatistisch und spiritualistisch ausgerichteter Pietist, der in die USA auswanderte und dort eine blühende Siedlungsgemeinschaft (Harmony Society) auf religiös-kommunistischer Grundlage gründete. * 1.11. 1757 in Iptingen/Württemberg, † 7.8. 1847 in Economy, Pennsylvania. - R., der Sohn eines Leinenwebers und Weinbauern, von Beruf Schuster, ohne theol. Ausbildung, aber mit tief religiöser Gesinnung, geriet zu Beginn der achtziger Jahre in Konflikt mit der ev. Landeskirche, weil er die kirchliche Taufe und Konfirmation verwarf und auf eine baldige Wiederkunft Christi hoffte. R. war von verschiedenen Richtungen beeinflußt und geprägt. Die einfache biblizistische Frömmigkeit, verbunden mit einem gewissen ethischen Perfektionismus stammten von Spener und Francke. Millenaristisch-adventistische Ansichten entnahm er dem Studium Bengels und Jung-Stillings. Mit Bengel glaubte er, daß das Millennium 1836 anbrechen würde. Seine fantastische Auslegung des Buches Genesis übernahm er z.T. von Swedenborg. So vertrat R. den Standpunkt, daß Adam ursprünglich ein androgynes Zwitterwesen war, ähnlich wie auch Jesus Christus und der zukünftige Auferstehungsleib der Gläubigen. Die doppelte Geschlechtlichkeit sei ein göttliches Kennzeichen, während in der irdisch-sündhaften Existenz Mann und Frau getrennt erscheinen. Der Mensch müsse aber zu dieser gottesebenbildlichen »Ganzheit« zurückfinden. Aus diesem Grund und nicht zuletzt auch wegen der nahen Wiederkunft lehnten R. und seine Anhänger ab 1807 die Ehe ab und lebten als »Schwestern und Brüder« streng zölibatär, was letztlich zum Zerfall der Gemeinschaft beitrug. Mystische Elemente im Denken R.s sind u.a. auf J. Böhme zurückzuführen. R. gab sich gerne als von Gott inspirierter Prophet aus. - Um den zunehmenden kirchlichen Repressionen zu entfliehen, wanderte R. mit ca. 750 Anhängern, meist Bauern und Handwerker, 1803 nach Pennsylvania aus, wo sie nordöstlich von Pittsburgh Land erwarben und 1804 die Siedlungsgemeinschaft Harmony gründeten. Nach dem Vorbild der ersten Christen richteten sie eine Gemeinschaftskasse ein und führten die Landwirtschaft und handwerklichen Betriebe als Kommune. »Vater Rapp« stand der Gemeinschaft als theokratischer Leiter, Hirte und Prediger vor. Trotz der wirtschaftlichen Blüte verkaufte R. 1815 die Kolonie weit unter ihrem tatsächlichen Wert und zog nach Indiana, um dort eine neue Kolonie, New Harmony, zu gründen, die sich bald zu der damals größten Stadt des Bundesstaates entwickelte. 1825 kehrten R. und seine ihm treu ergebenen Anhänger wieder zurück in die Nähe von Pittsburgh und errichteten dort ihre dritte und größte Ansiedlung mit Namen Economy, die weit über die Grenzen Amerikas bekannt wurde. - Pioniergeist, wirtschaftlicher Fleiß und eine strenge apokalyptische Frömmigkeit waren charakteristisch für R.s Lebenseinstellung. Mit dem Tod des charismatischen Führers erlosch die Kollektividee. Die Kolonie ging in privaten bzw. staatlichen Besitz über. Die Siedlungsgründungen stellen jedoch bis heute eines der erfolgreichsten Experimente urchristlich-kommunistischer Gütergemeinschaft dar.
Lit.: Aaron Williams, The Harmony Society, Pittsburgh 1866; - John H. Noyes, History of American Socialism, Philadelphia 1870; - Charles Nordhoff, The Communistic Societies of the United States, New York 1875; - Julian Rauscher, Des Separatisten G. Rapp Leben und Treiben, in: Theol. Studien aus Württemberg 6, 1885, 253-313; - J.A. Bole, The Harmony Society, Philadelphia 1904; - John S. Duss, The Harmonists, Harrisburg 1943; - George A. Hays, Founders of the Harmony Society, Ambridge 19613; - Ders., The Churches of the Harmony Society, Ambridge 1964; - Karl J.R. Arndt, George Rapp's Harmony Society, 1785-1847, Philadelphia 1965; - Ders., A Documentary History of the Indiana Decade of the Harmony Society, 1814-1824, 2 Bd., Indianapolis 1975-78; - Mark Holloway, Heavens on Earth. Utopian Communities in America, 1680-1880, New York 19662; - Hermann Schempp, Gemeinschaftssiedlungen auf rel. und weltanschaulicher Grundlage, Tübingen 1969; - Christine C. Ritter, Life in Early America: Father Rapp and the Harmony Society, in: Early Am. Life 9, 1978, 40-43, 71-72; - Philip N. Dare, American Communes to 1860. A Bibliography, New York-London 1990; - ADB IV, 701, 703-708; XXVII, 286-290; XLVI, 230; - DAB XV, 383-384; - Dictionary of American Rel. Biography (1977), 373-374; - Biogr. Dictionary of American Cult and Sect Leaders (1986), 230-231; - Encyclop. of the American Rel. Experience (1988) II, 859-873; - Dictionary of Christianity in Amer. (1990), 973.
Daniel Heinz
Literaturnachtrag:
Fritz, Eberhard: Johann Georg Rapp (1757-1847) und die Separatisten in Iptingen. Mit einer Edition der relevanten Iptinger Kirchenkonventsprotokolle. Blätter für Württembergische Kirchengeschichte (BWKG) 95/1995. 129-203; - ders., Radikaler Pietismus in Württemberg. Religiöse Ideale im Konflikt mit gesellschaftlichen Realitäten (Quellen und Forschungen zur württembergischen Kirchengeschichte Band 18). Tübingen 2003.