RECKE-VOLMERSTEIN, Mathilde Charlotte Juli Gräfin von, * 28. Juli 1801 auf dem großmütterlichen Gut Pilgramsdorf/Schlesien, † 5. Mai 1867 im schlesischen Kraschnitz. Die Gräfin, eine "starke fromme Frau", war aktiv in der Bewegung zur "Rettung und Erziehung verlassener Waisen und Verbrecherkinder" tätig und hatte die "Geschichte der Diakonie im 19. Jahrhundert mitbestimmt" (Viertel 2006, S. 164). Ohne den von ihr geleisteten Einsatz könnte die bis heute in verschiedenen diakonischen Bereichen tätige "Graf-Recke-Stiftung" in Düsseldorf, Mitglied des "Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland", nicht auf eine so lange Tradition zurückblicken. - Comtesse Mathilde Charlotte Juli war das dritte von zehn Kindern des Grafen Friedrich Ludwig von Pfeil und Klein-Ellguth (das Geschlecht wurde 1786 durch König Friedrich Wilhelm II. von Preußen in den Grafenstand erhoben) und dessen Ehefrau Emilie Beate, geb. Gräfin von Reichenbach-Goschütz aus dem Hause Zessel. Die ersten beiden Kinder des gräflichen Ehepaares, Friedrich (*1798) und Friedericke (*1799), starben 1802 und 1803. Nach Mathilde erblickten noch folgende Geschwister das Licht der Welt: Ludwig (*1803), Fabian (*1804), Emilie (*1806), Marie (*1807), Karoline (*1808), Bertha (*1810) und Woldemar (*1815) (vgl. Pfeil 2007, S. 49). Über die beschauliche und vermutlich glückliche Kindheit der Comtesse ist in der Biografie, verfaßt von ihrer ältesten Tochter Maria, nachzulesen: - "Seit des Großvaters, des Grafen Carl Friedrich von Pfeil seligem Tode im Jahre 1807, hatte das Elternpaar das schöne Gut Kleutsch bezogen (das der Graf jedoch 1820 wieder verkaufte; M. B.), was mit 8 benachbarten Gütern seit Jahrhunderten in der Familie war. Das sogenannte Schloß... gehörte zu den schöneren der damaligen Zeit; die geräumigen Zimmer in dicken Mauern, ja manch altes Eckchen, manch ausgetretener Stein im Flur und Küche, selbst die alten schönen Bäume des Gartens scheinen noch jetzt von vergangenen Zeiten zu flüstern und die Aussicht vom großen Balkon auf die schönen blauen Berge erklären noch heute die Liebe, mit welcher Mathilde an ihre hier verlebte Jugendzeit zurück dachte. - Dicht beim Schlosse lag der Wirthschaftshof, dessen ländliches Leben und Treiben, unter des Vaters Oberaufsicht, für die meisten Kinder so anziehend, auch Mathilde schon frühzeitig interessierte. An die Ställe, Scheunen und Obstgärten lehnten sich die Besitzungen der Dorfbewohner, deren zahlreiche kleine, aber trauliche Häuschen halb im Grün der Bäume versteckt, niemals auf einem schlesischen Rittergute fehlen, was dem großen Hause wie den kleinen rings umher das Ansehen des Geschützt- und Geborgenseins, des Friedens giebt. Waren ja auch früher zur Zeit der Hofedienste und des Miterntens ihre Interessen so eng verknüpft; und wo das Verhältniß rechter Art, da stehen die großen und die kleinen Häuser ja auch noch zusammen in Liebe, Anhänglichkeit und gegenseitiger Hilfe. - Hier war Mathilde von einer Gouvernante und den Hauslehrern ihrer Brüder mit diesen unterrichtet worden" (Hanbury 1873, S. 7 f). - Im Alter von 11 1/2 Jahren trat sie in die erste Klasse der 1791 von der Herrnhuter Brüder-Unität, eine dem Pietismus und der tschechischen Reformation herkommende Glaubensbewegung, gegründeten "Mädchen=Anstalt" in Gnadenfrei bei Reichenbach (Schlesien) ein. Ihre Briefe an den Vater zeigen, "wie gut schon damals ihre Schulkenntnisse gewesen sein müssen, wie vorgeschritten im Styl und Orthographie, und wie geübt und schön die Handschrift"(Hanbury 1873, S. 8). Am 12. August 1816 wurde die junge Adelige, gegen alle bisherige Sitte bei Gliedern außerhalb der Herrnhuter Brüdergemeine, von Johannes Baptist von Albertini, Bischof und Liederdichter, im kleinen Beetsaal zu Gnadenfrei konfirmiert. Unter den zunehmenden Einfluß der Brüdergemeine erfuhr Mathilde eine "das ganze Leben umgreifende Frömmigkeit" (Meyer 1981, Sp. 230), die ihr gemeinschaftsstiftendes Zentrum in Jesus Christus hatte: - "Ein Leben lang schöpft sie Kraft und Hoffnung aus der Erinnerung an die jährlich stattfindenden Auferstehungsfeiern auf dem Gnadenfreier 'Gottesacker', wo ein hundertstimmiger Chor, begleitet von Posauen, den österlichen Sonnenaufgang begrüßte. Der sonntägliche Kirchgang, Gebet, Bibellektüre, die Lesung der Herrnhuter Losungen bestimmen ihr Leben. Tägliche Selbstprüfungen wie das abendliche Aufspüren ihrer 'Schwächen', die sie in Bekenntnissen ihrem Sündenheiland entfaltet, füllen die Seiten der Tagebücher. Durch den Umzug (ihrer Familie, M. B.) nach Wildschütz bei Breslau gewinnt der zu den Erweckten zählende Professor Johann Gottfried Scheibel in Bibelstunden und persönlichen Gesprächen Einfluß auf die Spiritualität der jungen Frau" (Viertel 2006, S. 165). - Im Jahre 1820 unternahm Comtesse Mathilde mit ihrem Vater und ihren jüngeren Brüdern eine fünfmonatige Bildungsreise in die Schweiz und weiter nach Mailand. Dabei besuchte sie auch die europaweit bekannte Erziehungsinstitution für begüterte Bürgerkinder in Iferten (Yverdon), wo Johann Heinrich Pestalozzi als Erzieher und Lehrer wirkte. Besucherscharen pilgerten zu dem Pädagogen, um sich von seinem Erziehungskonzept zu überzeugen. Kritisch vermerkte die 19 jährige in ihrem Reisetagebuch: - "Dieser (Johann Heinrich Pestalozzi; M. B.) brave, ehrwürdige, freundliche Alte stiftet durch seine Erziehungsmethode einen großen Namen und wird als wahrer Wohltäter der Menschheit verehrt; allein es mißfiel mir sehr die große Confusion und Unreinlichkeit, die hier zu herrschen und die mir besonders für die Erziehung bestimmten jungen Mädchen von üblem Eindruck scheint. Selbst noch Kinder, fangen sie an, jüngere unter Aufsicht des H. P. (Johann Heinrich Pestalozzi; M. B.) zu erziehen, und üben sich auf diese Art zu ihrem Beruf" (zit. n. Hanbury 1873, S. 19). - Als "Haustochter" kümmerte sich die junge Adelige um die Ökonomie und insbesondere um die Frauen der unmittelbaren Umgebung, denen sie mit Rat und Tat bei der Unterrichtung und Erziehung ihrer vielen Kinder zur Seite stand. Ferner sammelte sie, wie viele Erweckte, einen Kreis von geistlich gleichgesinnten Freundinnen "zum empfindsamen Austausch innerer Erfahrungen; und was lag näher, als die 'erhebenden' Berichte von Missionsfeldern und anderen diakonischen Aktivitäten gemeinsam zu lesen und zu bedenken? Dazu zählten auch Nachrichten über die Rettungshäuser in Overdyck und Düsselthal. Zur Unterstützung dieser Anstalten organisiert[e] der Kreis Geldsammlungen und verfertigt[e] vor allem Geschenke zugunsten der alljährlichen Lotterie in Düsselthal" (Viertel 2002, S. 192). - Voranstehend genannte Rettungshäuser (die noch heute ihren christlich-diakonischen Auftrag erfüllen) wurden von dem "Menschenfreund" und "Erweckten" Albert (seit seinem 8. Lebensjahr Adelberdt bzw. Adalbert genannt) Friedrich Karl Georg Ernst Graf von der Recke-Volmerstein ins Leben gerufen. Am 19. November 1819 eröffnete dieser in Overdyck seine erste Rettungsanstalt. Zugleich gründete er die "Gesellschaft für Menschenfreunde zur Rettung und Erziehung verlassener Waisen und Verbrecherkinder". Bald fassten die Räume in Overdyck die wachsende Menge nicht mehr. Demzufolge kaufte Graf Adelbert von der Recke-Volmerstein die ehemalige Trappisten-Abtei Düsselthal bei Düsseldorf und führte am 20. Juni 1822 den größten Teil seiner Erziehungseinrichtung dorthin über. Die Anstalt gedieh trefflich, war aber auch immer wieder schwerer Kritik und sicher auch zweifelhaften Vorwürfen ausgesetzt. Man warf ihr u. a. vor, daß die "Kinder durch rohe Strafen gefährdet [würden], die Kinder von Katholiken würden noch einmal getauft und erhielten neue Namen, selbst Erwachsene würden wider ihren Willen zwangsweise zurückgehalten, niemand dürfe das Anstaltsgebiet zur Kontrolle betreten. Düsseltal sei keine Erziehungsanstalt, sondern ein Zuchthaus; wegen alledem müsse die Regierung eingreifen" (zit. n. Schöpff/Vogel 1922, S. 223). Auch ging das schwerwiegende Gerücht um, zwei Kinder wären in dem noch aus der Klosterzeit stammenden Türmchen auf der Umfassungsmauer von Düsselthal durch Hunger zu Tode gekommen: - "Nach der einen Leseart waren sie dort zur Strafe eingesperrt und vergessen worden. Nach der anderen Leseart haben sich dort zwei Kinder, die das Türmchen untersuchen wollten, durch einen unglücklichen Zufall selbst eingesperrt und sie sind verhungert. In den Düsselthaler Akten ist darüber nichts bekannt (http://www.r-abels-xxl.de/Wittlaer/adalbert_ graf_von_der_recke.htm). - Während seiner vielen Kollektenreisen begegnete im Jahre 1825 Graf Adelberdt Comtesse Mathilde. Er war von der Gräfin Pfeil und Klein-Ellguth auf Gut Wildschütz eingeladen worden, wo er sich nur für wenige Stunden aufhielt. Beim Abschied bat der 34-jährige Adelige, der aus der Grafschaft Mark in Westfalen stammte, wo es noch heute die Burgruine Volmarstein gibt, die junge Frau, ihm doch ihre Tagebücher zu überlassen. Diese willigte sofort ein, erhoffte sie doch von dem von ihr verehrten Wohltäter und "Erweckten" geistlichen Rat und Unterstützung "auf ihrem Weg zur Heiligung, zu Gott" (Hanbury 1873, S. 43). Als der Graf die Tagebucheinträge "Seite für Seite las, zog durch seine Seele die leise Ahnung: 'das wäre die rechte Mutter für deine Kinder, die rechte Frau für dich!'" (Schöpff/Vogel 1922, S. 192). Nach über einem Jahr der inneren Prüfung gab er seinen Entschluß, zölibatär zu leben auf, und hielt um die Hand Mathildes an. In einem Schreiben an seinem Vater führte der Graf die Gründe für eine Heirat näher aus: - "Obgleich ich früher der Meinung war, daß es in meiner Lage besser sei, nicht zu heiraten, so sehe ich jetzt nach ernstlicher Prüfung vor dem Herrn ein, daß es nicht allein für mich, sondern ganz besonders für meine ganze Anstalt von Nutzen und Segen wäre, wenn ich eine Frau hätte, die wie meine geliebte Mutter die Seele des Hauswesens sein könnte. Ja, meiner Hauswirtschaft fehlt das Oberhaupt. - Ich selbst werde von unzähligen Liebeleien junger und älterer Mädchen gequält und bin durch den Ehestand davon erlöst. - Überdem noch diene ich einer Menge Schwärmer ohne meine Schuld durch meine Ehelosigkeit zur Befestigung ihrer Ansichten, daß man durch das Ehelos=Leben Gott wohlgefälliger werde -, was doch vom Teufel ist, da wir Gott allein in Christo angenehm werden können und nicht durch selbsterwählte Heiligkeit. - Ich habe den Herrn vielfach gebeten, mir seinen heiligen Willen klar und kund zu machen, und jedes Zeichen, das ich vom Herrn forderte, gab er mir nach seiner unendlichen Treue und Gnade. - An Pastor D. (Carl August Döring, u. a. Mitglied der "Gesellschaft für Menschenfreunde zur Rettung und Erziehung verlassener Waisen und Verbrecherkinder"; M. B.) in Elberfeld sah ich noch deutlicher, als ich es mir sonst gedacht, wie betrübend ein Hagestolz seine Tage und besonders die der Krankheit ohne alle Pflege hinbringen muß, und wie dergleichen Leute ganz ihren Zweck und Gottes Willen verfehlt haben -, was D. oft schmerzlich bedauert, da er's erkennt und jetzt fast allerwärts, wo er will, vergebens anklopft. Auch mir steht das gleiche Los bevor, da auch ich oft meiner Krankheit halber viel Pflege bedarf (der Graf war seit frühester Kindheit von schwächlicher Gesundheit; M. B.), und diese immer von fremden Menschen annehmen zu müssen, ist ebenso unangenehm wie oft undelikat... - Ich bat also den Herrn wiederholt, mir klar zu machen ob Mathilde Gräfin von Pfeil die für mich bestimmte sei. Unter mehreren Zeichen bekam ich am 19. d. M., als ich den Herrn ganz besonders um Aufschluß bat, einen Brief mit der Aufforderung, wenn ich auf Mathilde Absicht hätte, sollte ich eilen. - Einige Tage später bekam ich von einer anderen Person ohne alle Aufforderung ein Lob über Mathilde und den Vorschlag usw., daß sie ganz für mich passen würde" (zit. n. Schöpff/Vogel 1922, S. 193 f). - Voranstehende Briefzeilen lassen erkennen, daß hier sicher nicht von einer Neigungsheirat, geschweige von einer Liebesehe, die Rede sein kann. Vordergründung suchte Adelberdt Graf von der Recke-Volmerstein keine individuelle, sinnliche oder gar sexuelle Vereinigung, vielmehr "eine Art Ergänzung für seine Persönlichkeit und sein Werk, das dem Bau des Reiches Gottes auf Erden dienen soll[te]" (Viertel 2002, S. 195), wie folgende Briefausschnitte an die Auserwählte erneut belegen: - "Ich glaube jetzt fest, daß Gott Sie mir bestimmt hat... Nichts anderes kann ich Ihnen geloben, als durch Gottes Gnade ein Sie treu liebendes Herz. - Können Sie sich entschließen, meine Sorgen, meine Last, meine Leiden und Beschwerden mit auf sich zu nehmen, mir tragen helfen, und mir im Tragen nicht herunterziehend, sondern erhebend zur Seite zu stehen, und glauben Sie, durch Gottes Gnade alles willig und freudig darangeben zu können, was Gott in seinem Dienste von mir, von Ihnen fordert, so - so prüfen Sie sich vor dem Herrn." Und weiter schrieb der Graf, seine Forderungen und Vorstellungen klar artikulierend: - "Nun, mein mir von Gott zugewiesenes, geschenktes, liebes, teures Schwesterchen -, bringen sie nur die Zeit bis zu unserer Vereinigung nicht in unfruchtbarer Sehnsucht hin, sondern in einer würdigen Vorbereitung auf Ihr wichtiges Ihnen bevorstehendes Amt im Haushalt Gottes. - Sie sollen die Mutter von 375 Menschen werden, sollen sie auf dem Herzen tragen, für sie beten und sorgen helfen, und sie mit regieren, leiten und führen. O, wie wichtig, daß Sie da recht stark im Geiste sind, in lebendiger Liebe, in wahrhaftiger Demut und im Glauben allezeit nüchtern. Gewöhnen Sie sich recht, in der Allgegenwart des Herrn zu leben, daß Sie ihn nie, nie, o, meine Mathilde, nie aus den Augen des Geistes verlieren. Dann werden Sie ein gesegnetes Rüstzeug in Düsseltal sein und die Kraft des Herrn in Ihrer Schwachheit mächtig. Haben sie aber dazu nicht den ernsten Willen, ach, dann bleiben sie fern von Düsseltal, dann können Sie mich nicht glücklich und Sie nur unglücklich machen. Ein Frau, die nicht in Christo lebt und in ihm nicht ihr höchstes Glück sucht, kann mich nie beglücken, kann, anstatt ein Engel für mich zu sein, nur ein Teufel sein. - Ist eine Eheverbindung von großem Einfluß auf das Reich Gottes, so ist es die meinige. Ist meine Frau nicht die passende, im Glauben stehende, in der christlichen Liebe wahrhaft gegründete Person, so kann sie unendlichen Schaden tun. O, werfen Sie sich recht vor dem Herrn hin, - und dann, denn entscheiden Sie. Gott leite Ihre Schritte!" (zit. n. Schöpff/Vogel 1922, S. 197 ff.). - Die junge Gräfin hatte sich entschieden. Sie folgte, ihm Gegensatz zu ihrem zukünftigen Lebensgefährten, auch ihrem Herzen, konnte sich ferner mit den Erwartungen des Bräutigams identifizieren, zumal auch sie ihre Eheschließung als "Berufung Gottes in die Reich-Gottes-Arbeit" verstand, "der private Interessen und Annehmlichkeiten unterzuordnen bzw. zu opfern sind" (Viertel 2002, S. 196). Enthusiastisch und zugleich in "weiblicher Demut" sowie herrnhutischer Frömmigkeit antworte Matilde ihrem Adelberdt postwendend: - "Adelberdt! mein Adelberdt! für Zeit und Ewigkeit von meinem allgütigen Vater mir gegeben! Welches menschliche Herz mag diese Seligkeit zu fassen? - Darin liegt mein Reichtum, Gott in Dir und Dich in Gott, meinem Heilande, lieben, so war es von Anbeginn an. - Gott mein erster Gedanke und Gott so wird auch mein letzter dabei sein. Verlöre ich eines von beiden, so verlöre ich alles zusammen, was mir Leben, mir das Bewußtsein gibt, 'ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Jesus Christus in mir.' Er wird mich in seiner Liebe erhalten, und so darf ich aus allen Kräften, aus vollem Herzen auch Dich lieben, mein Adelberdt! - Was soll ich für einen hohen, herrlichen Wirkungskreis ausfüllen an Ihrer Seite, mein teurer Adelberdt, für das Reich Gottes auch mein kleines Scherflein beitragen und in Liebe treu dienen meinen Erlöser; daß dieses Heil mir widerfahren soll, ist die Freude, aber nicht ohne Bangigkeit; denn wie werde ich den Platz ausfüllen? Hätte ich nicht so festes Vertrauen zu meinem Gott, daß, da er mich einmal auf so einen Platz stellt, er mir auch die Kräfte verleihen wird, ihn seiner würdig auszufüllen, und dabei Vertrauen in Ihre treue Liebe und Geduld, die mich halten und kräftig anleiten und ermuntern wird, wo ich der Stütze und Anleitung bei meiner Schwäche bedarf: wahrlich, ich könnte nicht mit froher Zuversicht in die Zukunft sehen! - Ob ich für Ihre Verhältnisse passe? Mein Herz sagt ja!... - Ob ich alle die Eigenschaften und Tugenden besitze, die mein geliebter, teurer Adelberdt von seiner künftigen Lebensgefährtin verlangt? Ach, manche mag mir noch fehlen und die anderen mögen wohl schwach sein. - Keine ist erprobt. Die Zeit wird es lehren, und Gott wird durch seinen Geist wohl Ihnen zu liebe auf mein Bitten und Flehen ersetzen und die anderen stärken; an Eifer und Liebe soll es nicht fehlen, das zu werden, was mein Adelberdt so mit Recht zu fordern hat. Gott möge mich nur kräftigen, durch ihn wird man ja mächtig! - Wie unbeschreiblich freue ich mich, die Glieder Ihrer verehrten Familie alle kennen zu lernen! Ach Gott, ist denn deine Magd würdig, in diesen Kreis aufgenommen zu werden? (zit. n. Schöpff/Vogel 1922, S. 199 ff.). - In aller Stille heirateten der westfälische Graf und die schlesische Comtesse am 16. Oktober 1826 im Schloß von Wildschütz. Die Trauung fand in der Kirche zu Weigelsdorf/ Schlesien statt. Aus der Ehe gingen 10 Kinder hervor (wobei zwei in sehr jungen Jahren starben): Maria Sophia Louise Elisabeth Julie (*1828), Constantin Gotthard Adelbert Ottomar Werner Julius (*1829); Ariel Elisas Carl Ludwig Woldemar Hugo (*1831), Jenny Louise Adelheide Therese Friederike Ida (*1832), Adelheide Antonie Caroline Bertha Johanne Laurette (*1834), Leopold Friedrich Johannes Michael Paul (*1835); Louise Alberine Mathilde Georgette Julie Ernestine(*1837), Selma Emilie Louise Wilhelmine Augusta Campbell (*1839), Siegried Paul Alexander Friedrich Henry (*1841) und Elisabeth Hildegard Ludmilla Amalie Casimire Catharine Caroline (*1843) (vgl. Recke-Volmerstein 1878, S 204 ff.). - Unmittelbar nach der Hochzeit hielt sich das Ehepaar für mehrer Monate in Berlin auf, da der Graf, der dort auch noch am "Nervenfieber" erkrankte, mit den zuständigen Staatsbehörden über die Stauten seiner "Rettungsanstalt zu Düsselthal" zu verhandeln hatte. Erst Ende Juli 1827 konnte Mathilde Gräfin von der Recke-Volmestein das Amt der Hausmutter übernehmen, das von Anfang an äußerst hohe und strapaziöse Anforderungen an sie stellte, zumal sachkundiges und zuverlässiges weibliches Personal so gut wie nicht zur Verfügung stand. Ihren Eltern berichtete die junge Ehefrau: - "Es war ein köstlicher Einzug; ich hatte viel mit meiner Einrichtung zu thun, zugleich trat ich bald in den Kreis meiner Geschäfte ein. Was giebt es hier zu thun! Besonders da von zwei Lehrerinnen eine krank liegt. Euch, geliebte Eltern, alles herzusetzen, was für Geschäfte ich habe, wäre für heut unmöglich, ich will nur in aller Eile sagen, daß es mir Gott Lob sehr wohl hier geht, ich gesund bin, und von frühen Morgen 5 Uhr bis Abends 1/211 Uhr nicht aus der Arbeit herauskomme, besonders jetzt, wo alle häuslichen Einrichtungen einen neuen Gang bekommen; für vier Tische (damit sind sowohl verschiedene Räume gemeint, in welchen getrennt nach Alter und Geschlecht, gespeist wurde, als auch unterschiedliche Essenszeiten; M. B.) alles zu ordnen und Speisezettel zu machen habe, täglich nach dem Essen zu sehen, Arbeit vertheilen und dabei zu sein habe, Früchte einlegen und trocknen, Kranke zu besuchen, Mädchenschule zu versorgen und Wäsche zuzuschneiden habe; ... alles geht gut und fröhlich fort, nur muß die Feder ruhen" (zit. n. Hanbury 1873, S. 109). Und die älteste Tochter der Gräfin erinnerte sich: - "Man sah die junge Mutter bald nach 5 Uhr früh im Milchkeller beschäftigt, die Sahne abzunehmen, dann in der Vorrathskammer, später wieder im Keller, selbst die Butter waschend, dann im großen Hause allem nachsehend, Arbeit vertheilen, die Kranken besuchend, später neben des Kindes Wiege vor den großen Contobüchern. Am Mittag wieder in der Küche, da weiß ich es noch, wie sie etwa 10 Jahre später beim Schneiden von 200 Fleichportionen übermüdet, ohnmächtig vor dem Küchentisch umfiel" (Hanbury 1873, S. 117). - Viele namhafte Persönlichkeiten von christlicher Gesinnung, z. B. Samuel Gobart, Johannes Goßner, Hugo Hahn, Gotthilf Heinrich Schubert, Albert Ostertag, um nur einige der vielen zu nennen, besuchten die "Rettungsanstalt zu Düsselthal", denn der positive Einfluß, den die Hausmutter mit ihrem "neuen Gang" ausübte, wurde schon bald auch für Außenstehende sichtbar. So stellte beispielsweise der Konsistorial- und Schulrat Karl Wilhelm Kortum (auch Kortüm) aus Düsseldorf im Rahmen seines jährlichen Berichtes an das Ministerium fest: - "Der Erziehung der Mädchen scheint sich die Gräfin mit einer Lehrerin besonders anzunehmen. Größere Ordnung und Reinlichkeit unter diesen armen Geschöpfen lassen sich als Erfolg ihrer Bemühungen nicht verkennen" (zit. n. Viertel 2002, S. 201). - Aber auch der Gräfin erzieherischer Einfluß, sicher geprägt durch die eigenen Erfahrungen mit der kindgemäßeren herrnhuterischen Pädagogik, war unübersehbar. Sie lehnte die bisher in Düsselthal üblichen brutalen Sanktionen, wie Prügel- und Einsperrstrafen, ab. Vielmehr lag ihr daran, "das Kind nicht einzuschüchtern und durch vieles Predigen... zum Heuchler zu erziehen, sondern soviel Speise [anzubieten], als dem Geiste angemessen ist und die Seele verdaut, um in gesunder Kost eine kräftige, freie Menschenseele zu erziehen" (zit. n. Hanbury 1873, S. 134). Für die Hausmutter war die Erziehung durch das Beispiel prägender, als jede noch so vermeintlich gerechtfertigte Strafe. Die Tochter schrieb in Erinnerung über den Erziehungsstil ihrer Mutter: - "So lange ich denken kann, war sie stets eine sehr geduldige, ungern und selten strafende Mutter, die gern ihrem Gemahl die... nöthige Strenge überließ; auch war es nicht ihre Art, durch viel Worte und lange Ermahnungen zu erziehen, aber desto kräftiger und nachhaltiger that sie es durch ihr Beispiel. Ich erinnere mich kaum, daß sie uns je zum Lernen dieser oder jener Arbeit gezwungen hätte, aber es war unmöglich sie zu sehen in ihrem unermüdlichen, rüstigen, stillen Schaffen, ohne in Lust und Liebe mit angreifen zu lernen, ihr nachzueifern" (Hanbury 1873, S. 134 f). - Wie schon vermerkt, die positive Wendung in Düsselthal sprach sich schnell herum. Die Anstalt avancierte zum Vorbild ähnlicher Einrichtungen. Höhepunkte der Anstaltsgeschichte waren der Besuch von Kronprinz Friedrich Wilhelm, des nachmalige Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1833), als auch der Quäkerin und Reformerin des englischen Strafvollzugs, Elizabeth Fry (1840). Darüber bilanzierte die Hausmutter: - "Wir haben hier eine recht große Freude erlebt, nämlich die Anwesenheit des Kronprinzen... Er besah alle Stuben aufs genaueste und ging dann auf den Schlafsaal, wo er den ganzen Saal entlangging, ein Bett nach dem anderen in Augenschein nehmend und an der anderen Reihe wieder herunterkam. Im Betsaal betrat er gleich die Kanzel und sah die aufgeschlagene Bibelstelle nach, die zufällig gerade die merkwürdigen Worte enthielt 2. Timoth. 1, 8-9, welches in der Prachtausgabe gerade obenanstand.... In der Küche mußte ich ihm alle Töpfe aufdecken, und er betrachtete die Speisen aufs allergenaueste und begehrte sie zu schmecken; es war nichts wie die Suppe fertig, und davon aß er einen ganzen Teller. Sagend: 'Man muß nichts halb tun, sehen Sie, ich lasse keinen Tropfen übrig,' bog er den Teller über den Löffel, den letzten herausgießend. - So besah er mit gleichem Interesse und Teilnahme alle Teile der Anstalt und gab oft seine Freude darüber zu erkennen... - Dieser Tage hatten wir große Freude hier, nämlich die berühmte Elisabeth Frey, die seit 1819 in den Gefängnissen so unglaublich viel geleistet hat und eigentlich die erste Idee zur Verbesserung der Gefangenen durch Unterricht und Tätigkeit gab, war bei uns hier... In Düsseltal sprach sie die schönen Worte: - 'Das Werk ist das heiligste,/Der Brauch ist der köstlichste,/Die Frucht ist die süßeste,/Worin sich die meiste Liebe offenbart.' - Ihr äußeres Erscheinen ist ungemein imponierend durch ihre hohe Würde mit dem Ausdruck der höchsten Demut, der größten Liebe, mit der sie alle Menschen empfängt und selbst den ärgsten Verbrechern diese tiefe, heilige Liebe entgegenträgt und den Drang ihres Herzens ausspricht, auch ihn glücklich und einst selig zu sehen" (zit. n. Schöpff/Vogel 1922, S. 263 ff). - Mit den Jahren weitete sich Gräfin Mathildes Aufgaben- und Machtbereich immer mehr aus, da ihr Mann sich emotional äußerst labil zeigte und verstärkt auf belastende Situationen und Problemen mit Krankheiten reagierte, was zu häufigen und langandauernden Abwesenheiten des Hausvaters führte. Letztendlich hatte sie die Verantwortung für die gesamte "Rettungsanstalt zu Düsselthal" allein zu verantworten. Demzufolge lag der Gedanke nahe, einen würdigen Nachfolger zu suchen, da die Gräfin zusätzlich durch die Sorgen um ihre eigene große Familie und den kränkelnden Man schwer belastet war. Doch der Gedanke Düsselthal zu verlassen, belastete die Gräfin aufgrund ihres religiösen Selbstverständnisses sehr. Ohne des HERRN ausdrücklichen Willen konnte und wollte sie ihr liebgewonnene Anstalt nicht verlassen. Als "Fingerzeig Gottes" interpretierte sie schleißlich die Möglichkeit, das marode Gut Kraschnitz in Schlesien günstig erwerben zu können. Den Kauf der Immobilie verfolgte Gräfin Mathilde konsequent und energisch. Nachdem ein würdiger Nachfolger für Düsselthal gefunden war, übersiedelte die adelige Familie nach Schlesien: - "Aus den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen 1846/47, den Jahren schwerster wirtschaftlicher Not, nicht nur in Düsselthal, gewinnt man den Eindruck, daß die Gräfin noch einmal alle Energien bündelt, um den 'Absprung' mit ihrer großen Familie zu schaffen. In Schlesien gestaltet sich ihr Leben keineswegs beschaulich, aber ruhiger. Es wird bestimmt durch Familie, das Gut, einen privaten Freundeskreis und die wohltätige Sorge für '800 Unterthanen'. Doch der Gründung des 'Deutschen Samariter-Ordensstiftes' für geistig und körperlich behinderte Menschen (1860) und der Gründung des Adelberdt-Diakonissen-Mutterhauses (1862) durch ihren 70-jährigen Mann (unterstützt von zahlreichen christlich erweckten Frauen und Männern, als auch von privaten Vereinen mit missionarisch-diakonischer Zielsetzungen; M. B.) steht sie skeptisch gegenüber. Die Spannkraft der 60-jährigen ist verbraucht, sie vermag sich nicht noch einmal für eine derartige große diakonische Einrichtung einsetzen" (Viertel 2006, S. 179). - Gräfin Mathilde starb am 15. Mai 1867 im Alter von 66 Jahren im Kreis ihrer Familie. Graf Adelberdt folgte seiner Frau 11 Jahre später in den Tod.
Lit. (Ausw.): Hanbury. M. (Hrsg.): Erinnerungen aus dem Leben der Gräfin Mathilde von der Recke-Volmerstein, geb. Gräfin von Pfeil und Klein-Ellguth. Dame des Louisenordens, II, 1, Breslau 1873; - Recke-Volmerstein , C. Graf v. (Hrsg): Geschichte der Heeren von der Recke, Breslau 1878; - Schöpff, K./Vogel, W.: Ein Menschenfreund. Adelberdt Graf von der Recke von Volmerstein. Sein Lebensbild und Lebenswerk nach Briefen, Tagebuchblättern und sonstigen Urkunden dargestellt, Gütersloh 1922; - Meyer, D.: Brüderunität/Brüdergemeine, in: TRE VII, Berlin/New York 1981, 230; - BBKL. Band VII., Herzberg 1994, Sp. 1460; - Viertel, G.: Mathilde Gräfin von der Recke-Volmerstein geb. Gräfin von Pfeil und Klein-Ellguth (1801-1867), in: Monatshefte für evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes, 2002/H. 51, 187 ff.; - Viertel, G.: Matilde Gräfin von der Recke-Volmerstein (1801-1867), in: Hauff, A. M. v. (Hrsg.): Frauen gestalten Diakonie. Band 2: Vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Stuttgart 2006, 164-180; - Pfeil, F. A. Graf v.: Die Grafen von Pfeil u. Klein-Ellguth. Beiträge zur Familiengeschichte 1208-2005, Mainz 2007.