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Band VII. (1994) Spalten 1483-1487 Autor: Hans Hubert Anton

REGINO von Prüm, Musiktheoretiker, Kanonist, Geschichtsschreiber, * um 840 in Altrip bei Speyer, aus adeliger Familie, + 915 in Trier. - Nach Eintritt und Leben in einem Kloster, wovon wir allerdings kein Zeugnis haben, begegnet er uns im Jahr 892, als er Abt des berühmten Klosters Prüm in der Eifel wurde. Seine Sorge galt offenbar der wirtschaftlichen Wiederherstellung der durch Einfälle der Normannen (882; 892) schwer in Mitleidenschaft gezogenen Reichsabtei. Im Jahr 893 wurde das für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte hochbedeutsame Prümer Urbar, ein Verzeichnis der Einkünfte und Güter der klösterlichen Grundherrschaft, angelegt. Schon 899 wurde R. aus Prüm verdrängt; er mußte wohl dem Druck zweier Angehöriger der einheimischen Adelsfamilie der Matfridinger weichen, die ihren Bruder Richar, den späteren Bischof von Lüttich, als Abt durchsetzten. Er begab sich zu Erzbischof Radbod von Trier, der ihn mit der Reorganisation des von den Normannen verwüsteten Stiftes/Klosters St. Martin beauftragte. R. wurde in dem Kloster St. Maximin beerdigt. Zwischen 900 und 908 verfaßte R. in Trier drei Werke, die ihn als an den Bedürfnissen der Seelsorge ausgerichteten Praktiker und für die Verhältnisse der Zeit sehr gelehrten Autor ausweisen. Jeweils betrat er dabei Neuland. - Um in der Diözese Trier beobachtete Unordnung im Kirchengesang zu beheben, stellte er die Antiphonen (des Antiphoniale und der Introitus) sowie die in der Regel verwandten Responsorien nach ihren Tonarten geordnet zusammen und schuf so den ersten Tonar des Mittelalters. Als erklärende Einleitung fügte er in Form eines Briefes an Erzbischof Radbod eine auf Boethius, Macrobius, Martianus Capella und Remigius von Auxerre basierende musiktheoretische Abhandlung »De harmonica institutione« hinzu. - Auf Wunsch Radbods verfaßte Regino 906 ein Handbuch »De synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis«, das er Erzbischof Hatto von Mainz (891-913), einem führenden Vertreter der Reichspolitik, widmete. In zwei Bücher gegliedert nach der inhaltlichen Ausrichtung auf Kleriker und Laien, sollte es dem Bischof praktischer Leitfaden (Enchiridion) für seine Visitationsreisen, vornehmlich für die Abhaltung der in Zusammenhang mit den Visitationen im 9. Jahrhundert entstandenen Sendgerichte sein. Das Werk ist von großer Bedeutung für die Volkskunde und die kirchliche Verfassungsgeschichte des Trierer Landes. Doch haben wesentliche Momente, so die bezeugte Übernahme der Landdekanate vom Westen her und die Einführung des Laienzeugen nach Muster des weltlichen Rechts, weit über den regionalen Sprengel hinaus gewirkt. Nach Übernahme in kleinere Sammlungen hat das Werk insbesondere über das Decretum Burchards von Worms im frühen elften Jahrhundert großen Einfluß auf das Kirchenrecht im deutschen Sprachraum gewonnen. - Als bedeutendste gelehrt-literarische Arbeit R.'s gilt sein 908 verfaßtes historiographisches Werk »Chronica«. Er widmete es Bischof Adalbero von Augsburg, der ebenfalls in der Reichspolitik führend war und das Werk vielleicht für die Erziehung von König Ludwig dem Kind, dem letzten karolingischen Regenten des ostfränkischen Reichs, verwenden sollte. Das Werk ist wieder in zwei Bücher untergliedert. Das erste setzt mit Christi Geburt ein, ist bis 741 geführt und besteht aus wörtlichen Übernahmen seiner Vorlagen, vor allem des Beda, des Paulus Diaconus, des Liber pontificalis, des Liber historiae Francorum u.a. Die chronologische Orientierung gaben ihm hier die Regierungsjahre der oströmischen Kaiser. Er bot also hier das verhältnismäßig lose Gerippe einer Weltchronik, eines nach seiner Bezeichnung »libellus de temporibus dominicae incarnationis«. Nach eigenem Bekunden galt sein Hauptinteresse der eigenen Zeit, der Geschichte der fränkischen Herrscher. In annalistischer Anordnung behandelte er sie ab 741, wobei er sich nach den Regierungsjahren der frühen Karolinger richtete. Indem er nach Benutzung der fränkischen Reichsannalen und örtlicher Prümer Annalen Aktenstücke verwertete, übertrug er die annalistische Darstellung auf die Reichsgeschichte und ging über sie hinaus. R. verfügte über sehr gute Informationen zu Westfranken und Lotharingien, weniger war ihm über Ostfranken bekannt. Doch während er die beiden ersten Gebilde kritischer wertete, dabei e negativo einen Beleg für das Fortwirken Lotharingiens bot, stand er dem Osten positiver gegenüber. R. war die heilsgeschichtliche Untergliederung der Weltgeschichte ferne Wirklichkeit. Er setzte faktisch eine Epoche des Frühmittelalters, die nach ihm in Karl dem Großen kulminierte (Chron. zu 880). Neben seinem christlichen Weltbild stehen immanent-kausale Kategorien mit der fortuna als bewegender, allerdings mit der göttlichen Providenz verknüpfter Wirkmacht. Nicht unwichtig für den pragmatischen Zug ist das z.T. ausgiebig benutzte Geschichtswerk von Pompejus Trogus, das er durch die Epitome des Justinus kannte. Der Einfluß ist wohl etwas überbetont worden, doch hat sich R. für bedeutende historische Zäsuren (Chron. zu 888) nicht nur formal an dem antiken Vorbild ausgerichtet. - R. hat als Praktiker und Theoretiker auf dem Gebiet von Liturgie und Kirchendisziplin wichtige Neuerungen vorgelegt. Indem er in seiner Geschichtsschreibung die traditionellen Genera von Universalchronistik und Annalistik aufnahm, veränderte und aufgab, verfaßte er eine Art von dokumentierender und reflektierender Darstellung, die den Akzent auf der eigenen Zeit und den handelnden Politikern hatte. Er schuf so ein Werk, das in jenem Genre seinen Platz finden könnte, für das neuestens die umfassende Kategorie »Historia« (K.F. Werner) eingeführt wurde.

Werke: De harmonica institutione und Tonar: Martin Gerbert, Scriptores ecclesiastici de musica sacra 1, 1784, 230-247 (Ndr. 1963) (Ausgabe ohne den Tonar). Neue kritische Edition: Michael Bernhard, Clavis Gerberti. Eine Revision von Martin Gerberts Scriptores ecclesiastici de musica sacra potissimum (St. Blasien 1784), Teil 1, In: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Veröffentlichungen der Musikhistorischen Kommission 7, 1989, 37-73; Ausgabe des Tonars mit Transkription: E. de Coussemaker, Scriptores de musica medii aevi N.S. II, 1863 (Ndr. 1908; 1963); Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis: Friedrich G.A. Wasserschleben, 1840 (Ndr. 1964) - dazu: MG Capitula episcoporum I, 1984, 53-56 (Peter Brommer); Chronicon cum continuatione Treverensi: Friedrich Kurze MG SS rer. Germ. in usum scholarum, 1890, 1-153 (Ndr. 1978) - Lat.-dt. Ausgabe: Rudolf Buchner, Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters (Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe), 7: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, Dritter Teil, bearb. von Reinhold Rau, 1960 (Ndr. 1969, 1975, 1980).

Lit.: Hubert Ermisch, Die Chronik des R. bis 813 (Diss. Göttingen), 1872; - Julius Harttung, Über R.v.P., In: Forschungen zur deutschen Geschichte 18, 1878, 362-368; - Paul Schulz, Die Chronik des R. vom Jahre 813 an (Diss. Halle), 1888; - Ders., Zur Glaubwürdigkeit der Chronik des Abtes R.v.P., Programm Nr. 765 der Realschule Eilbeck, 1897; - Friedrich Kurze, Handschriftliche Überlieferung und Quellen der Chronik R.s und seines Fortsetzers, In: NA 15, 1890, 293-330; - Bernhard von Simson, Zur Chronik des R.v.P. und den Annales Mettenses, In: ZGORh N.F. 9, 1894, 215-220; - Max Manitius, R. und Justin, In: NA 25, 1900, 192-204; - Ders., Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters I, 1911 (Ndr. 1965), 695-701; - Paul Fournier, L'oeuvre canonique de R.d.P., In: Bibliothèque de l'École des Chartes 81, 1920, 5-44; - Ders./ Gabriel Le Bras, Histoire des collections canoniques en Occident I, 1931, 244-268; - Winfried Hümpfner, Eine unbeachtete Interpolation zu R.s v.P. Chronik, In: HJ 44, 1924, 65-72; - Olivia N. Dorman, A study of latinity of the »Chronica« of R.o.P., In: ALMA 8, 1933, 173-216; - Gottfried Flade, Germanisches Heidentum und christliches Erziehungsbemühen in karolingischer Zeit nach R.v.P., In: ThStKr 106, 1934/35, 213-240; - Martin Lintzel, Zur Chronik R.s v.P., In: DA 1, 1937, 499-502; Ndr. in: Ders., Ausgewählte Schriften II, 1961, 299-301; - Paul Willem Finsterwalder, Die sogenannte Homilia Leonis IV., ihre Bedeutung für Hinkmars Capitula und R.s Inquisitio, In: ZSavRGkan 27, 1938, 639-664; - Albert Heinz, Die Anfänge des Landdekanates im Rahmen der kirchlichen Verfassungsgeschichte des Erzbistums Trier, 1951; - Heinz Löwe, R.v.P. und das historische Weltbild der Karolingerzeit, In: Rheinische Vierteljahrsblätter 17, 1952, 151-179; Verb. Ndr. jetzt in: Ders., Von Cassiodor zu Dante: Ausgewählte Aufsätze zu Geschichtschreibung und politischer Ideenwelt des Mittelalters, 1973; - Anna-Dorothee von den Brincken, Studien zur lateinischen Weltchronistik bis in das Zeitalter Ottos von Freising, 1957, (128-133); - Karl Ferdinand Werner, Zur Arbeitsweise des R.v.P., In: Die Welt als Geschichte 19, 1959, 96-116; - Jacques Choux, Décadence et réforme monastique dans la province de Trèves, 855-999, In: RBén 70, 1960, 204-223; - Elisa Oberti, L'estetica musicale di R.d.P. e l'attualità dell'estetica medievale, In: RFN 52, 1960, 336-354; - Nikolaus Kyll, Eine Trierer Sendpredigt aus dem 9. Jahrhundert, In: Kurtrierisches Jahrbuch 1, 1961, 90-91; - Ders., Zum Fortleben vorchristlichen Volksglaubens im Trierer Land. R.v.P. und die Göttin Diana, In: Kurtrierisches Jahrbuch 5, 1965, 11-29; - Ders., Zeugniswert des Visitationshandbuchs des R.v.P. für die Trierer Volkskunde um 900, In: Kurtrierisches Jahrbuch 11, 1971, 5-23; - Ders., Tod, Grab, Begräbnisplatz, Totenfeier. Zur Geschichte ihres Brauchtums im Trierer Lande und in Luxemburg unter besonderer Berücksichtigung des Visitationshandbuchs des R.v.P. (+ 915), 1972; - Walter Hellinger, Die Pfarrvisitation nach R.v.P. Der Rechtsgehalt des I. Buches seiner »Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis«, In: ZSavRGkan 48, 1962, 1-116 und ebd. 49, 1963, 76-137; - Heinrich Hüschen, R.v.P., Historiker, Kirchenrechtler und Musiktheoretiker, In: Festschr. für K.G. Fellerer, 1962, 205-223; - R. Amiet, Une »Admonitio Synodalis« de l'époque carolingienne. Etude crit. et Ed., MS 26, 1964, 12-82; - Lothar Boschen, Die Annales Prumienses. Ihre nähere und ihre weitere Verwandtschaft, 1972, (128-133); - Wolfgang Eggert, Das ostfränkisch-deutsche Reich in der Auffassung seiner Zeitgenossen, 1973, (155-218); - Horst Fuhrmann, Einfluß und Verbreitung der pseudoisiodorischen Fälschungen: Von ihrem Auftauchen bis in die neuere Zeit II, 1973, (435-441); - Otto Prinz, Die Überarbeitung der Chronik R.s aus sprachlicher Sicht, In: Literatur und Sprache im europäischen Mittelalter. Festschr. für Karl Langosch, 1973, 122-141; - Wolf-Rüdiger Schleidgen, Die Überlieferungsgeschichte der Chronik des R.v.P., 1974; - Jean Gaudemet, Le pseudo-concile de Nantes, In: RDC 25, 1975, 40-60; - Eduard Hlawitschka, R.v.P., In: Rheinische Lebensbilder 6, 1975, 7-27; - Hubert Mordek, Kirchenrecht und Reform im Frankenreich: Die Collectio vetus Gallica, die älteste systematische Kanonessammlung des fränkischen Gallien, 1975, (5-12); - Friedrich Lotter, Ein kanonistisches Handbuch über die Amtspflichten des Pfarrklerus als gemeinsame Vorlage für den Sermo synodalis »Fratres presbyteri« und R.s Werk »De synodalibus causis«, In: ZSavRGkan 62, 1976, 1-57; - Alfred Ebenbauer, Carmen historicum I, 1978, (333-336); - Michael Bernhard, Studien zur Epistola de harmonica institutione des R.v.P., 1979; - Wolfgang Haubrichs, Die Kultur der Abtei Prüm zur Karolingerzeit: Studien zur Heimat des althochdeutschen Georgsliedes, 1979; - Warren Sanderson, Archbishop Radbod, Regino of Prüm and late carolingian art and music in Trier, In: Jahrbuch der Berliner Museen N.F. 24, 1982, 41-61; - Petrus Becker, Neugefundene Fragmente zu R.s Werk »De synodalibus causis«, In: RBén 93, 1983, 126 f.; - Gerhard Schmitz, Ansegis und R. Die Rezeption der Kapitularien in den Libri duo de synodalibus causis, In: ZSavRGkan 74, 1988, 95-132; - Franz Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters II, 1992, 82-89 und 568-569; - ADB XXVII, 557 f.; - LThK VIII, 1099 f.; - Dictionary of the Middle Ages X, 289bf.; - VerfLex VII, 1115-1121.

Hans Hubert Anton