REGIOMONTANUS. Am 6.6. 1436 wurde in Königsberg in Unterfranken Johannes Müller geboren. Der latinisierte Name »Regiomontanus« (= der Königsberger), unter dem er der Nachwelt bekannt geworden ist, kam erst lange nach seinem Tod auf und geht auf Philipp Melanchthon zurück, der ihn 1531 erstmals verwendet. Im Alter von 11 Jahren begab sich Johannes Müller von Königsberg nach Leipzig, wo er seit dem Winter 1447 an der Artistenfakultät Astronomie und Mathematik studierte. Im Februar 1450 wechselte er von Leipzig nach Wien; an der dortigen Universität befand sich unter dem Dach der Artistenfakultät die damals bedeutendste mathematisch-astronomische Schule Mitteleuropas. In Wien geriet Johannes Müller unter den Einfluß des dort bereits in Blüte stehenden Humanismus; besonders geprägt wurde er durch die Person seines Lehrers Georg von Peuerbach. 1452 erwarb Johannes Müller das Baccalaureat, 1457 legte er die Lizentiatenprüfung ab und wurde nun selbst Magister, der an der Wiener Universität Mathematik und Philologie lehrte. Nach dem Tode seines Lehrers im Jahre 1461 begab sich »Regiomontanus« mit dem Kardinal Bessarion nach Rom, wo dem mittlerweile als mathematisches Genie erkannten 25jährigen die von Peuerbach begonnene Aufgabe einer kritischen Kommentierung des Almagest des Ptolemaios übertragen wurde. Im wissenschaftlichen Austausch mit dem bedeutenden italienischen Gelehrten Giovanni Bianchini vollendete »Regiomontanus« diese Arbeit, die später Kopernikus und Galilei als Lehrbuch dienen sollte; ferner entstand in dieser Zeit ein (erst 1533 veröffentlichtes) Werk über die Dreieckslehre und eine Abschrift des griechischen Neuen Testaments. Auch in der Zeit in Rom pflegte »Regiomontanus« enge Kontakte zu humanistischen Kreisen. Im Jahre 1467 begab er sich von Rom nach Ungarn, wo er vom Erzbischof von Gran mit der Erstellung astronomischer Tafeln beauftragt wurde. In diese Zeit fällt auch die Konstruktion eigener Beobachtungsinstrumente wie Türkengerät, Dreistab-Triquetum und Astrolabien mitsamt den dazugehörigen Erläuterungstexten; außerdem entstehen jetzt Sinus- und Tangententafeln, die für die Geschichte der Mathematik langfristig von Bedeutung sein sollten. 1471 verließ »Regiomontanus« Ungarn und zog nach Nürnberg, wo er im kulturell, wirtschaftlich und wissenschaftlich anregenden Klima der Reichsstadt seine Forschungen fortsetzen wollte. Im Hause des Nürnberger Bürgers Bernhard Walther eröffnete er eine eigene Druckerei mit Werkstatt, in der er seine komplizierten mathematischen und astronomischen Berechnungen von den besten Setzern in optimaler Qualität herstellen ließ. Zugleich errichtete er in Nürnberg ein Observatorium, eine unter den Bedingungen der Zeit äußerst moderne, höchsten wissenschaftlichen Standards genügende Sternwarte. In der Nürnberger Zeit zwischen 1471 und 1475 erschienen weitere wichtige Werke: Der 57jährige Kalender (für die Jahre 1475-1531) mit neu berechnetem, korrigiertem Lauf von Sonne und Mond sowie detaillierten Zeitbestimmungs- bzw. Umrechnungstabellen, sowie die Ephemerides astronomicae, naturwissenschaftliche Jahrbücher (für die Jahre 1475-1506) mit astronomischen und metereologischen Berechnungen, die für die Geschichte der Seefahrt immense Bedeutung erhalten sollten. Im Jahre 1475 verließ »Regiomontanus« Nürnberg in Richtung Rom, weil er von Papst Sixtus IV. zur Mitarbeit an der anstehenden Kalenderreform aufgefordert worden war. Die Notiz, daß er vom Papst in Anerkennung seiner Bemühungen zum Titularbischof von Regensburg ernannt worden sei, ist historisch nicht zu verifizieren. In Rom angekommen, ist »Regiomontanus« wahrscheinlich an einer in der Stadt grassierenden Seuche (und nicht, wie kurze Zeit später aufkommende Gerüchte Glauben machen wollen, durch Giftmord) im Alter von nur 40 Jahren gestorben. Als Todestag wird der 6.7. oder 8.7. 1476 angegeben. - Mit seinen mathematisch-astronomischen Forschungen ist Johannes Müller alias »Regiomontanus« zweifellos einer der wichtigsten geistigen Wegbereiter des kopernikanischen Weltbildes geworden. Zugleich ist er als ein typischer Vertreter des Humanismus in der Renaissance anzusehen, der neu, unvoreingenommen und selbständig, aber zugleich in stetiger Auseinandersetzung mit den Überlieferungen der Alten Zeit nach verläßlichen Grundlagen des Erkennens sucht. Die eigene Beobachtung einerseits und ihre Vergleichung mit den Ergebnissen der antiken Wissenschaft andererseits soll die Erneuerung der Astronomie ermöglichen und die Wahrheit aufspüren helfen.
Quellen: Johannes Regiomontanus, Opera Collectanea. Faksimiledrucke von neun Schriften Regiomontans mit einer von ihm gedruckten Schrift seines Lehrers Purbach, Hrsgg. F. Schmeidler, Milliaria 10,2, Osnabrück 1972.
Lit.: J.F. Panzer, Bruchstücke zu Johann Regiomontan´s großen Mathematikers und ersten Beförderers der Buchdruckerkunst in Nürnberg Leben, Nürnberg 1797; - G.H. von Schubert, Peurbach und Regiomontan, die Wiederbegründer einer selbständigen und unmittelbaren Erforschung der Natur in Europa: Eine Anrede an studirende Jünglinge, Erlangen 1828; - J. Fiedler, Peuerbach und Regiomontanus, Leobschütz 1870; - A. Ziegler, Regiomontanus, (Johannes Müller aus Königsberg in Franken) ein geistiger Vorläufer des Columbus, Dresden 1874 (= Amsterdam 21967; Osnabrück 31985); - Der Briefwechsel Regiomontan´s mit Giovanni Bianchini, Jacob von Speyer und Christian Roder, in: Abhandlungen zur Geschichte der Mathematischen Wissenschaften 12, 1902, 185-336; - G. Bauch, Die Reception des Humanismus in Wien, Breslau 1903; - K. Grossmann, Die Frühzeit des Humanismus in Wien bis zu Celtis Berufung 1497, in: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich N.F. 22, 1929, 150-325; - E. Zinner, Leben und Wirken des Johannes Müller von Königsberg, genannt Regiomontanus, Schriftreihe zur bayerischen Landesgeschichte 31, München 1938 (Milliaria 10,1, Osnabrück 21968; engl. Übers.: Regiomontanus, his life and work, Studies in the history and philosophy of mathematics 1, Amsterdam 1990); - H. Drewing, Vier Gestalten aus dem Zeitalter des Humanismus. Entwicklung, Höhe und Krisen einer geistigen Bewegung, St. Gallen 1946, 29-59; - H. Wallner, Georg von Peuerbach. Ein Beitrag zum Wiener Frühhumanismus, Wien 1947; - P.F. Stubmann, Ein Weltbild zerbricht: der Roman des Regiomontanus, Rothenburg ob der Tauber 1951; - E. Zinner, Neue Regiomontan-Studien und ihre Ergebnisse, Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 37, Wiesbaden 1953; - W. Blaschke, Regiomontanus: Commensurator, Wiesbaden 1956; - K. Eisentraut, Regiomontanus, der Königsberger, Königsberger Heimatbogen 9, Hofheim 1962; - G. Wolfschmidt, Schriften und Instrumente aus der Zeit Regiomontans, Bamberg 1976; - 500 Jahre Regiomontan - 500 Jahre Astronomie, Ausstellungskatalog, gestaltet von L. Henning, Hrsgg. von der Stadt Nürnberg und dem Kuratorium »Der Mensch und der Weltraum e.V.« in Zusammenarbeit mit dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Nürnberg 1976; - R. Mett, Von Königsberg nach Rom, Königsberg in Bayern 1976 (21983); - Regiomontanus-Studien, Hrsgg. von G. Hamann, DÖAW.PH 364, Wien 1980; - R. Mett, Regiomontanus in Italien, Wien 1989; - A. Gerl, Trigonometrisch-astronomisches Rechnen kurz vor Copernicus, Stuttgart 1989; - A. Wingen-Trennhaus, Regiomontanus als Frühdrucker, Magisterarbeit, Erlangen 1989; - E. Glowatzki, Die Tafeln des Regiomontanus, München 1990.
Jörg Ulrich
Literaturergänzung:
David A. King, Astrolabes and angels, epigrams and enigmas. From Regiomontanus' Acrostic for Cardinal Bessarion to Piero della Francesca's Flagellation of Christ. Stuttgart 2007.