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Verlag Traugott Bautz
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REICHARDT, Johann Friedrich, Komponist und Musikschriftsteller, * 25.11. 1752 in Königsberg als Sohn des Stadtmusikers und Lautenisten Johann R. (um 1720-1780), + 27.6. 1814 in Giebichenstein bei Halle. - R.s musikalische Begabung wurde von seinem Vater früh erkannt und ausgebildet: Als »Wunderkind« (Violine und Klavier) trat R. seit 1762 im Raum zwischen Danzig und Riga auf. Unter seinen Königsberger Lehrern waren der Organist C.G. Richter, der ihn mit der Musik J.S. und C.Ph.E. Bachs vertraut machte, sowie der Violinist F.A. Veichtner, ein Schüler von F. Benda. Es fehlte ihm jedoch ein gründlicher Kompositionsunterricht, so daß er »niemals eine gründliche Anweisung zur Composition erlangen« konnte, wie er 1773 bedauerte. 1768 wurde R. an der Universität Königsberg als Student der Jurisprudenz immatrikuliert, aber er entschied sich trotz der Bemühungen Kants und anderer namhafter Königsberger Bürger gegen einen bürgerlichen Beruf. 1771-1774 unternahm er eine Virtuosenreise, die ihn in die wichtigsten musikalischen Zentren Deutschlands (u.a. Berlin, Leipzig, Dresden, Prag, Hamburg, Lübeck) führte und ihn mit den bedeutendsten Musikern und Dichtern seiner Zeit bekannt machte. Seine Beobachtungen veröffentlichte er 1774-76 in den »Briefen eines aufmerksamen Reisenden, die Musik betreffend«. Friedrich II. berief ihn 1775 als königlich preußischen Kapellmeister nach Berlin. Der konservative Geschmack des Königs sowie Intrigen unter den Sängern und Instrumentalisten engten R.s Arbeit derart ein, daß er diesen Posten 1777 wieder aufgab: Er hatte keine Möglichkeit, seine eigenen Werke (Cephalus und Prokris, 1777), der aufblühenden deutschen Oper zugehörig, neben den italienische Opern Hasses und Grauns aufzuführen. 1776 heiratete er Juliane Benda (1752-1783), die Tochter Franz Bendas. In zweiter Ehe war er mit Johanna Dorothea Wilhelmine Alberti-Hensler aus Hamburg verheiratet, die ihm fünf Töchter gebar. Nach 1777 war er vor allem als Musikschriftsteller und Komponist von Liedern und Instrumentalmusik tätig. 1782-83 lernte er auf seinen Reisen bedeutende Künstler und Denker seiner Zeit kennen, u.a. Goethe, Herder, F. Nicolai, Lavater und M. Mendelssohn. In Wien begegnete er erstmals der Musik von Gluck, Mozart und Haydn. 1783 bereiste er Italien: er war beeindruckt von der italienischen Gesangskunst und von den Werken Palestrinas. 1785 reiste er nach Paris und London. In London hörte er Händels Oratorien. 1786 wurde R. Kapellmeister unter Friedrich Wilhelm II. und konnte unter günstigeren Bedingungen eigene Opern aufführen. Die Bekanntschaft mit Goethe, Schiller und Herder führte zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Lied und dem deutschen Singspiel. 1789 wurde in Zusammenarbeit mit Goethe »Claudine von Villa Bella« uraufgeführt, für R. ein Höhepunkt seiner Karriere. Erneute Konflikte unter seinen Musikern und seine Sympathie für die Französischen Revolution verschlechterten seine Situation: nach einer erneuten Reisezeit von 1790-93 wurde er, als Republikaner verdächtigt, 1794 aus dem Amt des Kapellmeisters entlassen. Er zog nach Giebichenstein bei Halle und kaufte das Kästnersche Kossätengut, das zahlreiche Dichter als »Herberge der Romantik« gerne besuchten, u.a. von Arnim, E.T.A. Hoffmann, die Gebrüder Grimm, Tieck, Novalis und Schlegel. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Lieder und Schriften. 1806 mußte er mit seiner Familie nach der Besetzung und Zerstörung seines Gutes durch Napoleons Truppen nach Danzig fliehen. Kurzzeitig war er 1807/8 in Kassel unter Jérome Bonaparte »Directeur général des Théatres et de son orchestre«, bevor man ihn 1808 nach Wien abschob. Hier wurde er als berühmter Musiker empfangen und beschäftigte sich intensiver mit den Werken der Wiener Klassik. Nach seiner Rückkehr nach Giebichenstein (1809) versiegte jedoch seine Schaffenskraft; bei seinem Tod waren er und sein Werk bereits vergessen. R. war ein kosmopolitisch gebildeter und belesener Komponist. Orientierte er sich zunächst an seinen Berliner Kollegen C.Ph.E. Bach, Ch.G. Krause und F.W. Marpurg, so begeisterte er sich später später für die Werke der Wiener Klassik und förderte die jungen Romantiker. Er begleitete die grundlegenden Veränderungen vom Rokoko über Sturm und Drang bis zur Romantik in vielen beobachtenden und kritisierenden Schriften. In seinem Wesen und seinen Werken stand er zwischen Adel und Bürgertum, ohne sich einer Seite ausschließlich zuzuwenden. Sein Liedschaffen und seine Opern und Singspiele zeigen seine Vielseitigkeit als »Singekomponist« zwischen Kunstlied und Arie einerseits, dem »Lied im Volkston« andererseits. Palestrinas Kirchenmusik beeinflußte ihn, »Andacht und Ehrfurcht einflößende« Chormusik im A-Capella-Stil anstatt opernhafter Rezitative und Arien für die Kirche zu fordern. Seine religiöse Musik jedoch blieb dem liedhaften Stil verhaftet. Seine Instrumentalmusik konnte sich nicht durchsetzen. R. hatte schon früh die Angewohnheit, seine Bemerkungen zur Musik mitzuteilen und niederzuschreiben. So durchziehen Reiseberichte, Briefe, Essays und Rezensionen sein ganzes Leben. Als Kind der Aufklärung will er den Kenner und Liebhaber belehren und unterhalten. Der Übergang von der barocken Affektenlehre zum Verständnis der Musik als Empfindung ist seinen Schriften leicht zu entnehmen. Seine Musikkritiken, die noch R. Schumann las, sollten zur »Reinheit« des musikalischen Geschmacks beitragen.
Werke: (vgl. ausführliches Werkverzeichnis in New Grove, basierend auf den Monographien von R. Pröpper und H. Dennerlein): a) Kompositionen: ca. 32 musikdramatische Werke, v.a. Singspiele; ca. 26 Liedanthologien, u.a. Vertonungen von Werken Goethes und Schillers; 2 Oratorien, Requiem, Te Deum, sowie wenige Psalmvertonungen, einige weltliche und geistliche Kantaten, Orchester- und Kammermusik; - b) Schriften (Auswahl): Über die deutsche comische Oper, Hamburg 1774; Briefe eines aufmerksamen Reisenden die Musik betreffend, Frankfurt/Leipzig 1774; Musikalisches Kunstmagazin (Hrsg.), Berlin 1782-91; Vertraute Briefe aus Paris geschrieben.... 1802-3, Hamburg 1804; Berlinische musikalische Zeitung (Hrsg.), Berlin 1805-6; Vertraute Briefe geschrieben auf einer Reise nach Wien und den österreichischen Staaten zu Ende 1808 und zu Anfang 1809, Amsterdam 1810.
Lit.: W. Pauli, J.F.R.: Sein Leben und seine Stellung in der Geschichte des deutschen Liedes, Berlin 1903; - H. Dennerlein, J.F.R. und seine Klavierwerke, Münster 1930; - P. Sieber, J.F.R. als Musikästhetiker: Seine Anschauungen über Wesen und Wirkung der Musik, Leipzig/Straßburg/Zürich 1930; - W. Salmen, J.F.R., Freiburg 1963; - R. Pröpper, Die Bühnenwerke J.F.R.s, Bonn 1965; - ADB 27/629-648; - New Grove 15/703-707; - MGG 11/151-160; - Riemann 480-481
Renate Hübner-Hinderling
Literaturergänzung:
2006
Jan Schneider, J.F.R. et la France. Paris 2006; -
2007
Erich Neuß, Das Giebichensteiner Dichterparadies. J.F.R. u.d. Herberge d. Romantik. Halle (Saale) 2007.
Letzte Änderung: 06.03.2009