REIFF, Jakob Friedrich (von), Philosoph, * 23.12. 1810 in Vaihingen an der Enz als Sohn eines Schmiedmeisters, † 6.7. 1879 in Tübingen. - R. besuchte die Lateinschule seiner Heimatstadt Vaihingen und das Gymnasium in Stuttgart (1825-28) und trat anschließend in das Tübinger evang. Stift ein, um Theologie und Philosophie zu studieren. Nachdem 1833 seine akademische Preisschrift über das System des Dionysius Areopagita gekrönt worden war und er im selben Jahr die Universität beendet hatte, versah er zunächst ein Vikariat in Rudersberg, erhielt dann die Stelle eines Repetenten an den niederen Seminaren in Maulbronn und Schönthal und kam im Herbst 1837 als Repetent zurück in das Tübinger Stift, wo er bereits philosophische Vorträge hielt. War R. in seiner Studienzeit ein Anhänger der herrschenden Philosophie Hegels gewesen, so stand er dieser nun immer kritischer gegenüber; auch vermochte er nicht, sich einer Richtung der zerfallenden Hegel-Schule anzuschließen. Zwar gewann Arnold Ruge ihn für die Mitarbeit an den 'Hallischen Jahrbüchern', doch hielt er die materialistische 'Tendenz der Anschauung' (wie er den Linkshegelianismus bezeichnete) für nicht weniger einseitig als die 'Tendenz der Persönlichkeit', die im theistisch orientierten Rechtshegelianismus wirksam war. Die Defizite des Hegel'schen Systems erschienen ihm schließlich so schwerwiegend, daß er zur Überzeugung der Notwendigkeit einer gänzlich neuen Grundlegung der Philosophie und einer Neubestimmung ihres Verhältnisses zur Religion gelangte. - Für kurze Zeit fungierte R. als Stadtvikar in Stuttgart, ehe er 1840 an der Tübinger philosophischen Fakultät zum Dr. phil. promoviert wurde und dort noch im selben Jahr einen Lehrauftrag erhielt; 1844 erfolgte dann seine Berufung zum außerordentlichen Professor der Philosophie. Zugleich mit seiner akademischen Lehrtätigkeit begann er mit der Publikation seiner eigenen systematischen Grundlegung. Sich auf den kritischen Standpunkt der älteren, von Kant und Fichte vertretenen Transzendentalphilosophie rückbesinnend, ging R. in 'Der Anfang der Philosophie' (1840) wieder vom Ich als endlichem Selbstbewußtsein aus und erneuerte den Primat der praktischen Philosophie; diesen verband er jedoch mit den logischen und systematischen Errungenschaften des absoluten Idealismus zu einem absolut-ethischen 'System der Willensbestimmungen' (1842), welches als die "weltschaffenden und weltbewegenden Kräfte" (ebd., S. 153) ein System von praktischen Fundamentalbestimmungen zu erweisen unternahm. Eine Vertiefung seines Standpunkts leistete R. in seiner Habilitationsschrift 'Über einige wichtige Punkte in der Philosophie' (1843) sowie in 'Über das Prinzip der Philosophie und die Idee des Systems der Willensbestimmungen' (1846). - Obwohl sie bis zum Revolutionsjahr 1848, in dem das Bewußtsein eines 'Zusammenbruchs des Idealismus' allgemein wurde, nur wenig Zeit hatte, ihre Wirkung zu entfalten, fand R.s Philosophie neben schroffen Widersachern (Feuerbach, Schopenhauer) auch etliche Anhänger und Weiterbildner, wie etwa Karl Christian Planck, der in R.s Werk sogar eine "zweite kantische Kritik in höherer Instanz" erblickte (1844, S. 941). Ansätze zu einer Schulbildung zeigten sich vor allem im Umkreis der von Ludwig Noack herausgegebenen 'Spekulativen Jahrbücher'; auch der als 'finnischer Nationalphilosoph' geltende Johan Vilhelm Snellman war von R. beeinflußt. - Da R. in dem für strengsystematische Philosophie ungünstigen Klima nach 1848 kaum mehr publizierte, blieb seine Wirkung zunehmend auf den unmittelbaren Hörerkreis beschränkt, dem neben Christoph Sigwart ('Logik') und Albert Schwegler und auch Hans Vaihinger angehörte ('Philosophie des Als Ob'). Ungeachtet der Zeitumstände arbeitete R. seine Philosophie kontinuierlich weiter aus, nicht nur in ihren verschiedenen Teildisziplinen, die zuvor lediglich als enzyklopädischer Umriß vorgelegen hatten (1840), sondern auch in ihrem Prinzip, welches seine endgültige Darstellung in R.s unvollendet und unveröffentlicht gebliebener 'Metaphysik' hätte finden sollen. Eine historisch und philosophisch zulängliche Beurteilung der reifen Gestalt seines Systems wird daher nur unter Berücksichtigung der bislang noch nicht edierten Vorlesungen möglich werden. - Nach dem an wissenschaftlichen Auseinandersetzungen reichen Jahrzehnt 1838-1848, in das neben Polemiken von großer, an Johann Gottlieb Fichte gemahnender Schärfe ('Wie H. Lindemann in München das Panner der Verbrüderung und Innung der Philosophen aufsteckt', 1847) auch ein persönlicher Konflikt mit seinem Kollegen Immanuel Hermann Fichte fiel, verlief R.s Leben äußerlich ruhig. 1855 wurde R., inzwischen Vater von sechs Kindern, zum ordentlichen Professor ernannt; im Studienjahr 1863-64 hatte er das Amt des Rektors der Universität Tübingen inne. 1874 erfolgte die Verleihung des Ritterkreuzes I. Klasse des Ordens der Württ. Krone und des damit verbundenen persönlichen Adels. Nachdem ihn 1877 ein langjähriges Herzleiden zum Rückzug von seinem Amt gezwungen hatte, starb R. 1879 in Tübingen, wo er auch zu Grabe getragen wurde. - Wenngleich eine fundierte Beurteilung des überzeitlichen Werts von R.s philosophischer Leistung aufgrund der abgerissenen Rezeption, insbesondere aber wegen der unbefriedigenden Editionslage zur Zeit noch ein Desiderat ist, ragt doch zumindest aus dem historischen Kontext des Spätidealismus R.s strenges und argumentativ kontrolliertes Denken deutlich hervor. Da außerdem R. nicht nur über Hegel und Schelling als die klassischen Vertreter des Idealismus, sondern auch bereits über seine spätidealistischen Zeitgenossen Immanuel Hermann Fichte, Kuno Fischer, Karl Christian Friedrich Krause und Johan Vilhelm Snellman eingehende Analysen vorgelegt hat, dürfte ihm bei der seit langem dringlich gewordenen Neuvermessung der nachhegel'schen Spekulation eine Schlüsselstellung zukommen.
Werke: Neoplatonismus und Christentum. Untersuchungen über die angeblichen Schriften Dionysius des Areopagiten, mit Rücksicht auf verwandte Erscheinungen, von Karl Vogt (Rezension), in: Hallische Jahrbücher, Leipzig 1838, Nr. 10-11, 79-88; Über das Verhältnis von Philosophie und Religion, mit der Beurtheilung der hauptsächlichsten gegenwärtigen Formen desselben, in: Tübinger Zeitschrift für Theologie, Tübingen 1839, 47-180; Der Anfang der Philosophie mit einer Grundlegung der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften, Stuttgart 1840; Die christliche Lehre von der Versöhnung in ihrer geschichtlichen Entwicklung von der ältesten Zeit bis auf die neueste, von Dr. Ferd. Christian Baur (Rezension), in: Hallische Jbb., Leipzig 1840, Nr. 73-77, 577-617; Geschichte der neueren Philosophie von Bacon von Verulam bis Benedict Spinoza, von Dr. L. A. Feuerbach (Rezension), in: Hallische Jbb., Leipzig 1841, Nr. 13-18, 49-70; Das System der Willensbestimmungen oder die Grundwissenschaft der Philosophie, Tübingen 1842; Versuch einer spekulativen Entwicklung der Idee der Persönlichkeit von Joh. Wilh. Snellman (Rezension), in: Theol. Jbb., Tübingen 1842, 587-592 (wieder in: Trajekt. Beiträge zur finnischen, lappischen und estnischen Literatur, hrsg. von Manfred Peter Hein, Stuttgart und Helsinki 1982, Nr. 2, 206-210); Über einige wichtige Punkte in der Philosophie, Tübingen 1843; Über I. H. Fichte, zur spekulativen Theologie, in: Theol. Jbb., Tübingen 1843, 629-711; Schelling'sche Philosophie. Schelling. Vorlesungen, gehalten im Sommer 1842 an der Universität zu Königsberg von Karl Rosenkranz (Rezension), in: Jbb. der Gegenwart, Tübingen 1843, Nr. 30-32, 117-128; Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling. Ein Beitrag zur Geschichte des Tages von einem vieljährigen Beobachter, Paulus, Dr. H. E. G., Die endlich offenbar gewordene positive Philosophie der Offenbarung (Rezension), in: Jbb. der Ggw., Tübingen 1843, Nr. 44, 174-176; Über Krause's Philosophie, in: Jbb. der Ggw., Tübingen 1845, 105-183; Eine Entdeckung der Allgemeinen Zeitung über 'die Philosophie der Gegenwart', in: Jbb. der Ggw., Tübingen 1845, 551-568; Über das Prinzip der Philosophie und die Idee des Systems der Willensbestimmungen, in: Jbb. für speculative Philosophie, Darmstadt 1846, 1. Heft, 68-108; Wie H. Lindemann in München das Panner der Verbrüderung und Innung der Philosophen aufsteckt, und wie er in seiner Polemik gegen mich den Anfang dazu macht, in: Jbb. f. spec. Philos., Darmstadt 1847, 409-459; Über den Begriff der christlichen Philosophie, in: Theol. Jbb., Tübingen 1848, 197-227; Über den Spinozismus in der Kantischen Philosophie; in: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Halle 1856, 181-223; Über die Hegel'sche Dialektik, Tübingen 1866 (18672).
Lit.: Ludwig Feuerbach, Einige Bemerkungen über den 'Anfang der Philosophie' von J. F. Reiff, in: Deutsche Jbb. für Wissenschaft und Kunst, Dresden 1841, Nr. 150, 597 ff.; - Wullen: Der Anfang der Philosophie mit einer Grundlegung der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften, von Dr. Jac. Fried. Reiff, in: Heidelberger Jbb. der Literatur, Heidelberg, 34. Jg. (1841), Nr. 48/49, 761-770; - Eduard Zeller, Der Anfang der Philosophie von J. F. Reiff, in: Jbb. für wissenschaftliche Kritik, Berlin 1841, 2. Bd., 174 ff.; - Karl Christian Planck, Zur Kritik des Reiff'schen Systems, in: Jbb. der Ggw., Tübingen 1844, 911-944; - anonym, Die Philosophie der Gegenwart. Bruchstück aus einem ungedruckten Manuscript, in: Augsburger Allgemeine Zeitung, Beilage zu Nr. 181 vom 30. Juni 1845, 1441-1443; - Heinrich Simon Lindemann, Das Prinzip der Philosophie, in: Jbb. f. spec. Philos., 1. Jg., Darmstadt 1846, 4. Heft, 108-127, 2. Jg. 1847, 17-72 und 596-606; - H. Schwarz, Die neueste Phase der Reiff'schen Philosophie und deren weitere Gestaltung bei Noack und Bayrhoffer, in: Jbb. f. spec. Philos., Darmstadt 1847, 1220-1252; - Karl Theodor Bayrhoffer, Wesen, Geschichte und Kritik der Religion. Einleitung. Feuerbach. Noack. Reiff, in: Jbb. f. spec. Philos., Darmstadt 1847, 315-326; - ders., Das Absolute. Polemische und positive Erörterung. I. Gegen H. Schwarz: die neueste Phase der Reiff'schen Philosophie, in: Jbb. für Wissenschaft und Leben, Darmstadt 1848, 179-189; - Eduard Peipers, Der Idealismus und der Realismus Reiff's in ihrem Prinzipe, in: Jbb. für Wiss. und Leben, Darmstadt 1848, 439-464; Christoph Sigwart, Zur Erinnerung an J. Fr. von Reiff, Tübingen 1879; - Wirth und Reiff. Ein Nachruf, in: Schwäbische Kronik, des Schwäbischen Merkurs zweite Abtheilung, Nr. 164 vom 12. Juli 1879, 1245 f.; - Johann Eduard Erdmann, Grundriß der Geschichte der Philosophie, 2. Bd., Berlin 18964, 748; - Friedrich Überweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie, Tübingen 195112, 4. Teil § 17; - Hermann Glockner, Die europäische Philosophie, Stuttgart 1958, 975; - Kai v. Fieandt, Snellman und die romantische Phase der kontinentalen Psychologie, in: Ajatus. Suomen Filosofisen Yhdistyksen Vuosikirja. Yearbook of the Philosophical Society of Finland, Helsinki 1973, Bd. XXXV, 74-94; - Hans Peter Neureuter, Zu einer Tübinger Snellman-Rezension von 1842, in: Trajekt. Beiträge zur finnischen, lappischen und estnischen Literatur, Stuttgart und Helsinki 1982, Bd. 2, 200-205; - Kai v. Fieandt, Einige Snellman-Briefe zur junghegelianischen Publizistik, in: Philosophisches Jb. Im Auftrag der Görres-Gesellschaft hrsg. von Hermann Krings, 90. Jg., München 1983, 110-129; - Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste, hrsg. von J. S. Ersch und J. G. Gruber, dritte Section O - Z, hrsg. von M. H. E. Meier, 24. Teil, Leipzig 1848, 202-206; - Die Gegenwart. Eine encyklopädische Darstellung für alle Stände, Leipzig 1851, VI, 327-329; - Brockhaus' Conversations-Lexikon in 16 Bänden, Leipzig 186711, XII, 388; - ADB XXVII, 686 f.; - Rudolf Eisler, Philosophenlexikon, Berlin 1912, 586; - Enciclopedia Universal Ilustrada Europeo-Americana, Madrid-Barcelona-Bilbao 1923, L, 351; - Werner Ziegenfuß und Gertrud Jung, Philosophen-Lexikon, Berlin 1950, II, 331; - Pierre Larousse, Grand Dictionnaire Universel du XIXe Siècle, Genf-Paris 19822, XIII, 2, 875; - Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Philosophen, bearb. von Bruno Jahn, München 2001, 338; - Deutsche Biographische Enzyklopädie, hrsg. von Walther Killy und Rudolf Vierhaus, München 2003, XIII, 311.