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Band XVII (2000)Spalten 1116-1126 Autor: Matthias Wolfes

REIMER, Georg Andreas, Verleger, * 27. August 1776 in Greifswald, † 26. April 1842 in Berlin. - R. wurde als Sohn des Schiffers, Brauers und Kaufmannes Carl Christoph Reimer (1734-1786) und dessen Ehefrau Eva Christine, geb. Wien, (1743-1808) geboren. Er wuchs in seiner Heimatstadt auf, die mit dem gesamten vorpommerschen Gebiet zum Königreich Schweden gehörte (bis 1815). Nach dem frühen Tod des Vaters wurde R. im Jahre 1790 Lehrling in der Greifswalder Filiale des Berliner Buchhändlers und Musikverlegers Gottlob August Lange (1754-1794). Ein Jahr nach Langes Tod wurde R., der auch im Anschluß an die Lehre Buchhändler bei Lange geblieben war, als Geschäftsführer des Stammhauses nach Berlin berufen. Diese Tätigkeit übte er fünf Jahre lang aus. Im Jahre 1800 wurde er Leiter der Buchhandlung der Königlichen Realschule in Berlin (Realschulbuchhandlung). Diese Buchhandlung, die er zum 1. Januar 1801 in Erbpacht übernahm, war 1749 von dem Realschuldirektor Johann Julius Hecker (1707-1768) gegründet worden. Seit 1817 firmierte sie als »Reimersche Buchhandlung«. 1822 löste R. den Pachtvertrag und kaufte die Buchhandlung für 4000 Reichstaler. Die geschäftliche Grundlage des Unternehmens bildete der Absatz von Schulbüchern. Doch erweiterte R. das Programm um zeitgenössische und ältere deutschsprachige Literatur sowie um Titel aus den Bereichen Theologie, Philosophie, Klassische Altertumswissenschaft und weitere geisteswissenschaftliche Disziplinen. Daneben nahm er auch naturwissenschaftliche und mathematische Titel auf. Mit seiner vorausschauenden Vorgehensweise, dazu auch aufgrund eines erheblichen verlegerischen und kaufmännischen Geschickes gelang es R., innerhalb kurzer Zeit zu einem der bedeutendsten Verleger Deutschlands zu werden (vgl. hierzu und zum folgenden Andreas Arndt / Wolfgang Virmond: Georg Andreas Reimer, in: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Briefwechsel 1801-1802 (KGA V/5), Berlin / New York 1999, LVI-LXI). Der literarischen Öffentlichkeit wurde er vor allem dadurch bekannt, daß eine Reihe wichtiger Autoren der deutschen Romantik, darunter Achim von Arnim, Friedrich von Hardenberg (Novalis) (Schriften. Zwei Bände. Herausgegeben von Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel, Berlin 1802), E.T.A. Hoffmann, Jean Paul, Heinrich von Kleist, August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel sowie Ludwig Tieck, ihre Werke bei R. erscheinen ließen. Daneben zählten weitere führende Vertreter des Geisteslebens zu seinen Autoren (u.a. Ernst Moritz Arndt, Immanuel Bekker, Adolph Diesterweg, Johann Gottlieb Fichte, Joseph von Görres, Wilhelm von Humboldt, Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Barthold Georg Niebuhr, Karl Wilhelm Ferdinand Solger, Wilhelm Martin Leberecht de Wette, Friedrich August Wolf). Auch Mathematiker, Naturwissenschaftler, Mediziner und Rechtswissenschaftler (Friedrich Eichhorn) publizierten bei R. Seit 1810, dem Gründungsjahr der Berliner Universität, knüpften überdies zahlreiche Berliner Professoren Verbindungen R.s zu Realschulbuchhandlung an. Zudem wurde er der Verleger der offiziellen Veröffentlichungen der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften. Bereits seit 1804 erschienen die Abhandlungen der Akademie, seit 1822 die Sitzungsberichte und seit 1831 die Aristoteles-Ausgabe in R.s Buchhandlung. Zum Archäologischen Institut bestanden gleichfalls (seit 1829) enge Beziehungen. Alle diese Veröffentlichungen und Verbindungen trugen erheblich zur Festigung des wissenschaftlichen Renommees des Verlages bei (vgl.: Katalog von Walter de Gruyter & Co. 1749-1932. Abgeschlossen am 31. Oktober 1932, Berlin 1932, VII; im Archiv des Verlages Walter de Gruyter befindet sich eine Übersicht, die alle bei Reimer erschienenen Schriften der Akademie verzeichnet: Schriften der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften Berlin, 1910. Mit handschriftlichen Ergänzungen bis ca. 1930). - Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es R., sein Unternehmen mehrfach zu erweitern. Er erwarb Buchhandlungen und sogar Verlage in Berlin, darunter die traditionsreichen Firmen von Matzdorf und Unger. 1816 richtete er eine eigene Druckerei ein. Sechs Jahre später kaufte er die Weidmannsche Buchhandlung in Leipzig. Der 1829 unternommene Versuch, den Cotta-Verlag zu übernehmen, scheiterte trotz weit gediehener Verhandlungen. In den dreißiger Jahren war R.s Verlag - neben dem Cottaschen - das größte und bedeutendste deutsche Unternehmen im Buchhandel. - R.s Erfolg als Verleger und als Inhaber angeschlossener Firmen erlaubte ihm eine finanziell sehr anspruchsvolle Lebensführung. 1815 erwarb er das Sackensche Palais in der Wilhelmstraße 73. Das Haus lag in einer der aristokratischsten Wohngegenden Berlins. An diesem Ort wurde auch die Druckerei eingerichtet. In dem Gebäude lebten neben der großen eigenen Familie auch weitere, wechselnde Mieter, so etwa Immanuel Bekker und August Boeckh. Im Jahre 1816 bezog Friedrich Schleiermacher mit seiner Familie separate Wohnräume in dem Palais (vgl. die Schilderung der privaten Sphäre bei Ehrenfried von Willich: Aus Schleiermachers Hause. Jugenderinnerungen seines Stiefsohnes, Berlin 1909). Weithin bekannt war die Gemäldesammlung, die R. seit 1814 zusammentrug. Im Todesjahr soll sie zweitausend Werke umfaßt haben. Seine besondere Aufmerksamkeit galt den niederländischen Malern sowie Caspar David Friedrich, den R. - ebenso wie Schleiermacher - sehr schätzte und von dem er etwa dreißig Gemälde besaß (vgl. Doris Fouquet-Plümacher / Liselotte Kawelitz: Die Reimersche Gemäldesammlung. Geschichte einer großen Berliner Bildersammlung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Jahrbuch der Berliner Museen. Neue Folge 38 (1996), 77-110). - R.s gesellschaftliche Stellung ging weit über seine Rolle als Verleger und Unternehmer hinaus. Nicht allein die beruflichen Kontakte bestimmten R.s Leben. Die fehlende qualifizierte Schul- und Hochschulausbildung hatte er durch umfangreiche und anspruchsvolle eigene Studien ausgeglichen. Nun machte er sein Haus zu einem geselligen Zentrum für geistige und politische Kreise. R. selbst war Mitglied diverser Vereinigungen, etwa der »Christlich-deutschen Tischgesellschaft«, die Achim von Arnim 1811 gegründet hatte, der »Gesetzlosen Gesellschaft«, dem »Charlottenburger Bund«, der »Spanischen Gesellschaft« sowie der »Zelterschen Liedertafel«. R. beteiligte sich am Berliner Salonleben und zählte zu den Freunden der Henriette Herz. - Auch in politischer Hinsicht scheute R. sich nicht, in der Öffentlichkeit hervorzutreten. Er gehörte zu den Parteigängern einer liberalen, reformorientierten, zugleich aber gegenüber Staat und König loyalen Gruppe preußischer Intellektueller. Sein erklärtes Ziel bestand darin, die Macht der »öffentlichen Meinung« als der Repräsentantin des bürgerlichen politischen Willens stärker zur Geltung zu bringen. Daher galt es vor allem, die »Freiheit der Rede und der Schrift« zu sichern, denn hierbei handele es sich um einen köstlichen Schatz, »der am wenigsten einem Volke geschmälert werden darf« und »bei dem öffentliches Leben sich erst zu entwickeln anfängt« (zitiert nach Theodor Roller: Georg Andreas Reimer und sein Kreis, Berlin 1924, 27). R. war zeitlebens politisch aktiv, wobei politischer Einsatz für ihn mit einem Engagement aus patriotischer Überzeugung gleichbedeutend war. Gemeinsam mit Arndt, August Wilhelm Anton Graf Neidhardt von Gneisenau, Karl Ludwig Wilhelm von Grolmann und Schleiermacher war er nach der Niederlage Preußens 1806 und der anschließenden Besetzung Berlins durch Napoleon in ein verzweigtes Netz antifranzösischer Konspiration eingebunden. Um die preußische Landwehr gegen die Besatzungsmacht heimlich aufzurüsten, beteiligte er sich auch an Waffengeschäften, die mit höchstem persönlichen Risiko verbunden waren. 1809 bot er Soldaten des preußischen Offiziers Ferdinand von Schill ein Unterkommen in seinem Hause, nachdem dieser vergeblich versucht hatte, mit einem Husarenregiment einen Volksaufstand zu entfachen, um so den König zum Kriegseintritt gegen Napoleon zu zwingen. Ebenso gewährte er Ernst Moritz Arndt ein sicheres Versteck vor der nach ihm fahndenden französischen Besatzungsmacht. Als schließlich der hessische Amtsadvokat Siegmund Peter Martin vor den verfolgenden Soldaten flüchtete - er hatte an dem mißglückten Aufstand des Obersten Dörnberg im April 1809 gegen Jérome, den König von Westfalen und Bruder des Kaisers, teilgenommen - fand auch er ein sicheres Asyl bei R. - Auch den Verlag selbst stellte R. in den Dienst der Reformbewegung. Von großer Bedeutung war in diesem Zusammenhang die Herausgabe von Fichtes »Reden an die deutsche Nation« (Berlin 1808). In diesem Zusammenhang bewies R. auch taktisches Geschick, denn die im Winter 1807/08 in Berlin gehaltenen Reden hätten, sofern sie in geschlossener Form publiziert worden wären, der genehmigenden Zensurbehörde - im Falle theologischer und philosophischer Schriften dem kirchlichen Oberkonsistorium - vorgelegt werden müssen. Als jeweils gesonderte Druckschriften unterlagen sie diesem Zwang nicht, wodurch die Zensurvorschriften umgangen werden konnten. Mit der verlegerischen Betreuung des »Preußischen Correspondenten«, einer viermal wöchentlich erscheinenden, zeitweise von Niebuhr und Georg Joachim Göschen, dann von Schleiermacher (in der Zeit vom 1. Juli bis zum 30. September 1813) und auch von Achim von Arnim herausgegebenen politischen Zeitung, exponierte er sich bis hin zu zeitweiser Gefährdung seiner beruflichen Existenz. Besonders während der Herausgeberschaft Schleiermachers kam es zu Konflikten mit der Zensur, von der die Zeitung seit ihrer Gründung ohnehin nur geduldet worden war und die sie mit ständigem Mißtrauen beobachtete. - Am Befreiungskrieg von 1813/14 nahm R. selbst teil, nachdem er sich unmittelbar bei Kriegsausbruch freiwillig gemeldet hatte. Zuvor schon hatte er, wie auch Schleiermacher, an geheimen Waffenübungen teilgenommen, um sich für einen kriegerischen Einsatz zu rüsten. Länger als ein Jahr kämpfte er in mehreren Feldzügen gegen die französische Armee. R. trat in das von Major Grolmann kommandierte 4. Kurmärkische Landwehrinfanterieregiment 1. Bataillon ein. Am 23. August nahm er als aktiver Infanterist an der Schlacht bei Großbeeren und vier Tage später am Gefecht bei Hagelberg teil. Arndt schildert ihn in einem Lebensbild von 1842 rückblickend als einen »vortrefflichen Schützen«. Arndts Schrift »Was bedeutet Landwehr und Landsturm« wurde von R. zu Kriegsbeginn in einer Auflagenhöhe von 50.000 Stück gedruckt und im Heer verteilt. Eine Auszeichnung für seinen militärischen Einsatz erhielt er, obwohl mehrfach vorgeschlagen, nicht. Es gibt Hinweise darauf, daß der König aufgrund der bereits zu diesem Zeitpunkt gegen R. bestehenden Verdächtigungen eine Auszeichnung ausdrücklich abgelehnt hat. Ungeachtet seiner patriotischen Gesinnung scheinen doch die Beziehungen zum romantischen Zirkel und die verlegerischen Aktivitäten zu sehr die aristokratische Revolutionsfurcht höfischer Kreise aktiviert zu haben, als daß eine solche Ehrung in Frage kommen konnte. Aus dem Einsatz während der Besetzung Preußens stammen auch R.s Beziehungen zu Mitgliedern der Turnbewegung und der Burschenschaften. - In der Zeit der Demagogenverfolgung war R. wiederholt von Verhaftung und Verlust der bürgerlichen Rechte bedroht. Erhebliches Mißtrauen erzeugte der Umstand, daß R. in den Jahren der Restauration einen politischen Salon unterhielt, der bald zu einem bevorzugten Treffpunkt der liberalen Berliner Elite wurde und an dem auch Schleiermacher teilnahm. Überdies machten ihn seine bekannte liberale Gesinnung und die Kontakte zu zahlreichen mißliebigen Personen für die königlichen Behörden in hohem Maße verdächtig. Hausdurchsuchungen im Juli 1819 führten zur Beschlagnahme umfangreichen Materials. In einem Untersuchungsprotokoll hieß es über den Grund für eine Durchsuchung, die in R.s Abwesenheit stattfand, daß sie erfolgt sei, »weil er mit einer bedeutenden Zahl von Individuen, über deren der bürgerlichen Ordnung nachteiligen Grundsätze und Tendenzen kein Zweifel obwalten könne, in fortgesetzter und genauer Verbindung stände« (zitiert nach: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 93 (1926). No. 198, 1053). Absolutistisches Staatsverständnis traf hier auf ein im Wachsen begriffenes bürgerliches Selbstbewußtsein, das zunehmend nach Beteiligung am politischen Geschehen verlangte. In den Aktivitäten R.s sahen die Behörden diesen Willen in unakzeptabler Weise Gestalt gewinnen. Die Einwirkung auf R.s verlegerische Tätigkeit durch die geltenden Zensurbestimmungen ging so weit, daß die Verlagsarbeit zeitweise ernstlich behindert wurde (vgl. hierzu die quellengestützte Darstellung von Roller: Georg Andreas Reimer und sein Kreis. Zur Geschichte des politischen Denkens in Deutschland um die Zeit der Befreiungskriege, Berlin 1924; siehe auch Doris Fouquet-Plümacher: Jede neue Idee kann einen Weltbrand anzünden. Georg Andreas Reimer und die preußische Zensur während der Restauration, in: Archiv für die Geschichte des Buchwesens 29 (1987), 3-14). Versuche, die beschlagnahmten Dokumente zurückzuerhalten und über ein ordentliches Gerichtsverfahren die Gelegenheit zur Rehabilitation zu erhalten, worum R. sich jahrelang bemühte, blieben erfolglos. Erst 1863, mehr als zwanzig Jahre nach R.s Tod, wurde ein geringer Teil der Unterlagen dem Sohn ausgehändigt, die Hauptmasse verblieb im Geheimen Staatsarchiv. Ungebrochen durch die erlittene Verfolgung setzte R. auch in den zwanziger Jahren sein politisches Engagement fort. Er solidarisierte sich mit der philhellenischen Bewegung, die den Aufstand gegen die türkischen Machthaber in Griechenland betrieb, und auch mit der nationalen Befreiungsbewegung der Polen. 1837 erklärte er seine Sympathie mit den sieben Göttinger Universitätsprofessoren, die im Kampf um eine Verfassung gegen den Hannoverschen König protestiert hatten. R. war selbst mehrfach politischer Mandatsträger: 1825 und 1828 wurde er zum Stadtverordneten, 1831 und 1837 zum (unbesoldeten) Stadtrat von Berlin gewählt. - Eine intensive Beziehung verband R. mit Friedrich Schleiermacher (1768-1834). Schleiermacher hat die weitaus größte Zahl der von ihm selbst publizierten Schriften in R.s Verlag zum Druck gegeben. Bereits seit Jahrhundertbeginn gehörte er zu R.s wichtigsten Autoren. Schon über die Herausgabe einer ersten Sammlung von Predigten stellte er die Verbindung her (Friedrich Schleiermacher: Predigten, Berlin 1801; Neuauflagen erschienen 1806 und 1816). Auch die »Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre« (Berlin 1803) kamen bei R., allerdings mit geringem buchhändlerischen Erfolg, heraus. Seit 1804 erschien schließlich auch die Platon-Ausgabe, deren Bearbeitung Schleiermacher allein trug, nachdem die zunächst geplante Kooperation mit Friedrich Schlegel nicht zustandegekommen war. Die Beziehung zu Schleiermacher war für R., dessen Aufstieg aus einer kleinstädtischen Handwerkerfamilie zum führenden geisteswissenschaftlichen Verleger der Zeit nicht ohne jede Schwierigkeit verlief, insofern von großer Bedeutung, als der Theologe zum wichtigsten Gewährsmann für die Aufnahme R.s in die bürgerlich-intellektuelle Gesellschaft Berlins wurde. Durch ihn fand er Zugang zu den Berliner Salons, lernte er Adlige und Bürger kennen, die beruflich und privat zu seinem Erfolg beitrugen und ihm ihre Anerkennung zollten. Das persönliche Verhältnis zu Schleiermacher gestaltete sich seit der gemeinsamen Mitwirkung an jenen konspirativen Unternehmungen während der Besatzungszeit noch enger. Zahlreiche briefliche Zeugnisse liegen vor, die die Beziehung, getragen durch gemeinsame Überzeugungen und Auffassungen im religiösen und künstlerischen Bereich, als klassisches Freundschafts- und Vertrauensverhältnis im Zeitalter der Romantik erscheinen lassen (vgl. Roger Töpelmann: Romantische Freundschaft und Frömmigkeit. Briefe des Verlegers Georg Andreas Reimer an Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Hildesheim 1999; hier wird eine erste Auswertung des weitgehend noch unpublizierten umfangreichen Briefwechsels unternommen.) Daneben wurde Schleiermacher seit seiner Berufung an die neugegründete Berliner Universität (1810) und dem Beginn der Tätigkeit in der Akademie der Wissenschaften (seit 1811) sowie im Unterrichts-Departement (seit 1810) zunehmend auch zu einem der wichtigsten wissenschafts- und verlagspolitischen Berater R.s. Nach Schleiermachers Tod am 12. Februar 1834 begann der Verlag mit der Publikation der »Sämmtlichen Werke«; leitender Herausgeber war Ludwig Jonas (1797-1859), den Schleiermacher selbst mit der Betreuung seines literarischen Nachlasses beauftragt hatte. Die Edition war, wie eine am 2. Juni 1834 veröffentlichte Ankündigung R.s mitteilte, als »eine möglichst vollständige Ausgabe« geplant, »die alles enthalten sollte, was in gedruckten sowohl als handschriftlichen Arbeiten hinterblieben ist, und nun, in geordneter Folge, binnen einem Zeitraum von 3 - 4 Jahren erscheinen soll«. Bereits zur Michaelismesse 1834 konnten die ersten beiden Bände vorgelegt werden. 1835 erschienen der erste Band der »Glaubenslehre« (nach der zweiten Auflage) und anschließend in rascher Folge zahlreiche weitere Bände. Insgesamt erschienen in den Jahren 1834 bis 1864 31 Bände, davon 21 allein innerhalb der ersten zehn Jahre; 20 Bände enthielten Materialien aus Schleiermachers Nachlaß. - Nach R.s Tod wurde der Verlag zunächst von Georg Ernst Reimer (1804-1885), dann von Ernst Heinrich Reimer, dem Sohn bzw. Enkel des Verlagsbegründers, geführt. Im Jahre 1894 trat Walter de Gruyter (1862-1923), der aus einer rheinischen Kaufmannsfamilie stammte und zuvor in Berlin Germanistik studiert hatte, als Volontär in den Verlag ein. Bereits drei Jahre später, im Jahre 1897, verkaufte Ernst Heinrich Reimer den Verlag an ihn. Der neue Eigentümer betrieb während der folgenden zwei Jahrzehnte durch eine gezielte Verlagspolitik den Plan, ein leistungsfähiges und modern organisiertes Unternehmen zu schaffen. Er kaufte weitere, z.T. sehr renommierte Verlage hinzu oder trat selbst in deren Geschäftsleitung ein. Als Ergebnis dieser Vorgehensweise, die auch nach de Gruyters Tod eine erfolgreiche Fortsetzung fand, wurde 1919 die »Vereinigung wissenschaftlicher Verleger. Walter de Gruyter & Co.« gegründet. 1923 erfolgte die Umbenennung in »Verlag Walter de Gruyter & Co.« Aus diesen verlagsgeschichtlichen Zusammenhängen ergab sich eine Überlieferung der verlagsarchivalischen Materialien von der Berliner Realschulbuchhandlung an den Verlag Walter de Gruyter. Heute befindet sich ein Großteil dieser Archivalien, darunter eine große Anzahl von Materialien zu Friedrich Schleiermacher, als Depositum im Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin (Preußischer Kulturbesitz).

Archivalien: Der weitgehend erhaltene Briefwechsel zwischen Reimer und Schleiermacher befindet sich, mit Ausnahme einzelner verstreuter Stücke, im Nachlaß Schleiermacher (Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin). Der Briefwechsel umfaßt den Zeitraum von Ende September 1801 (erster Brief Schleiermachers an Reimer) bis zum 25. Januar 1832 (letzter Brief Schleiermachers an Reimer); der zeitliche Schwerpunkt liegt in den Anfangsjahren bis 1813. Genauere Angaben zu weiteren personenbezogenen Archivalien finden sich in der unten genannten Literatur zu Reimer. Aus dem Verlagsarchiv ist besonders auf das sogenannte »Große Hauptbuch II« hinzuweisen, das für den Zeitraum von 1809 bis gegen Ende der dreißiger Jahre alle geschäftlichen Verbindungen und die Rechnungsführung des Verlages mit den Autoren und Kunden, mit anderen Buchhändlern, mit Druckern, Papierhändlern, Kupferstechern, Buchbindern etc. festhält. Auch finden sich hier detaillierte Angaben zu den Autorenhonoraren. Der Band, der zahlreiche Angaben enthält, die Schleiermacher betreffen, ist wissenschaftsgeschichtlich sehr aufschlußreich und bisher noch nicht ausgewertet worden (vgl. W. Münch: Interessantes aus einem alten Kontobuch, in: Vossische Zeitung. Nr. 281 vom 18. Juni 1905 (Sonntagsbeilage Nr. 25)). - Erwähnt sei, daß sich im Nachlaß von Jochen Klepper ein bisher unveröffentlichter Text unter dem Titel »Ahnherr des Berliner Buchhandels. Zum 100. Todesjahr Georg Andreas Reimers« befindet (handschriftliches Manuskript; Nachlaß Jochen Klepper. Deutsches Literaturarchiv / Schiller Nationalmuseum, Marbach am Neckar).

Briefeditionen: Ungedruckte Briefe Georg Andreas Reimers. Mitgetheilt von Georg Hirtzel, in: Deutsche Revue 18 (1893); Briefe aus Barthold Georg Niebuhrs Nachlaß (Mitteilungen aus dem Litteraturarchive in Berlin. Band 1), Berlin 1894-1897; Briefe Georg Andreas Reimers an B.G. Niebuhr (1813-1830) (Mitteilungen aus dem Litteraturarchive in Berlin. Band 3, 3), Berlin 1903; Neue Briefe Schleiermachers und Niebuhrs an Georg Reimer und E. M. Arndt, in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte 22 (1909).

Lit.: Ernst Moritz Arndt: Lebensbild Georg A. Reimer, in: [Augsburger] Allgemeine Zeitung. Ausgabe vom 18. Oktober 1842 (Beilage); - August Prinz: Der Buchhandel vom Jahre 1815 bis zum Jahre 1843. Bausteine zu einer späteren Geschichte des Buchhandels (Altona 1854 [Nachdruck: Heidelberg 1981]; - Johann Heinrich Schulz: Geschichte der Königlichen Real- und Elisabethenschule zu Berlin, Berlin 1857; - Verlagskatalog von Georg Reimer, Berlin 1885; - Gotthold Kreyenberg: Die Weidmannsche Buchhandlung und Georg Andreas Reimer, Weimar 1885; - Ernst Vollert: Die Korporation der Berliner Buchhändler, Berlin 1898; - Hermann Reimer: Georg Andreas Reimer. Erinnerungen aus seinem Leben, insbesondere aus der Zeit der Demagogenverfolgung, Berlin 1900; - Paul Czygan: Über die Zensur während der französischen Okkupation von Berlin und ihren Leiter, den Prediger Hauchecorne, in den Jahren 1806-1808, in: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 21 (1908), 99ff.; - Paul Czygan: Zur Geschichte der Tagesliteratur während der Freiheitskriege. Band I, Leipzig 1911 / Band II/1, Leipzig 1909 / Band II/2, Leipzig 1910; - Ehrenfried von Willich: Aus Schleiermachers Hause. Jugenderinnerungen seines Stiefsohnes, Berlin 1909; - Hermann Dreyhaus: Der Preußische Correspondent von 1813/14 und der Anteil seiner Gründer Niebuhr und Schleiermacher, Diss. Phil. Marburg 1909; - Erwin Heinrich Reimer: Des deutschen Volkes Freiheitskampf 1806-1815, Hamburg 1913; - Ernst Müsebeck: Gold gab ich für Eisen. Deutschlands Schmach und Erhebung in zeitgenössischen Dokumenten, Briefen, Tagebüchern aus den Jahren 1806-1815, Berlin / Leipzig / Wien / Stuttgart 1913 [Nachdruck: Braunschweig 1998]; - Theodor Roller: Georg Andreas Reimer und sein Kreis. Zur Geschichte des politischen Denkens in Deutschland um die Zeit der Befreiungskriege, Berlin 1924; - Gerhard Lüdtke: Der Verlag Walter de Gruyter & Co. Skizzen aus der Geschichte der seinen Aufbau bildenden ehemaligen Firmen, nebst einem Lebensabriß Dr. Walter de Gruyter's, Berlin 1924 [Nachdruck: Berlin 1978]; - Fritz Johannesson: Georg Andreas Reimer. Ein Beitrag zur Geschichte des Berliner Buchhandels, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 46 (1929); - Katalog von Walter de Gruyter & Co. 1749-1932. Abgeschlossen am 31. Oktober 1932, Berlin 1932; - Kurt Gassen: Georg Andreas Reimer (1776-1842), in: Pommersche Lebensbilder. Band 3, Stettin o.J. [1939], 227-242; - Aus dem Archiv des Verlages Walter de Gruyter. Briefe, Urkunden, Dokumente. Bearbeitet von Doris Fouquet-Plümacher und Michael Wolter (Ausstellungsführer der Universitätsbibliothek der Freien Universität. Band 4), Berlin - New York 1980; - Andreas Arndt / Wolfgang Virmond: Hegel und die »Gesetzlose Gesellschaft«, in: Hegel-Studien 20 (1985), 113-116; - Otto Dann: Schleiermacher und die nationale Bewegung, in: Internationaler Schleiermacher-Kongreß Berlin 1984. Herausgegeben von Kurt-Victor Selge. Teilband 2 (Schleiermacher-Archiv. Band 1/2), Berlin / New York 1985, 1107-1120; - Jeremy Popkin: Buchhandel und Presse im napoleonischen Deutschland (Archiv für Geschichte des Buchwesens. Band 26), Frankfurt am Main 1986; - Christoph von Wolzogen: Zur Geschichte des Dietrich Reimer Verlages 1845-1985, Berlin 1986; - Doris Fouquet-Plümacher: Jede neue Idee kann einen Weltbrand anzünden. Georg Andreas Reimer und die preußische Zensur während der Restauration, in: Archiv für die Geschichte des Buchwesens 29 (1987), 3-14; - Doris Fouquet-Plümacher / Liselotte Kawelitz: Die Reimersche Gemäldesammlung. Geschichte einer großen Berliner Bildersammlung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Jahrbuch der Berliner Museen. Neue Folge 38 (1996), 77-110; - Ludger Herrmann: Reformpublizistik und politische Öffentlichkeit in Napoleonischer Zeit (1789-1815) (Europäische Hochschulschriften III/781), Frankfurt am Main / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1998; - Andreas Arndt / Wolfgang Virmond: Georg Andreas Reimer, in: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Briefwechsel 1801-1802 (Kritische Gesamtausgabe. Fünfte Abteilung. Band 5), Berlin / New York 1999, LVI-LXI; - Roger Töpelmann: Romantische Freundschaft und Frömmigkeit. Briefe des Verlegers Georg Andreas Reimer an Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (Spolia Berolinensia. Berliner Beiträge zur Geistes- und Kulturgeschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Band 16), Hildesheim 1999; - ADB 27, 709-712 (Friedrich Jonas); - DBA I 1013, 305-309; - DBA II 1055, 203-212. 219-246; - DBE 8, 212.

Matthias Wolfes

Literaturnachtrag

Doris Reimer: Passion und Kalkül. Der Verleger Georg Andreas Reimer (1776-1842), Berlin / New York 1999.

Letzte Änderung: 24.05.2000