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Band XVIII (2001)Spalten 1180-1183 Matthias Wolfes

REIMMANN [auch: Reimann], Jacob Friedrich, lutherischer Theologe, Pädagoge, 22. Januar 1668 in Gröningen bei Halberstadt, † 1. Februar 1743 in Hildesheim. - R. wuchs unter bedrängten familiären Verhältnissen auf. Der Vater war Schulmeister und konnte dem begabten Sohn nur sehr begrenzt eine universitäre Ausbildung finanzieren. Nach Jahren des privaten väterlichen Unterrichtes besuchte R. verschiedene Schulen, darunter die Gymnasien in Aschersleben, Magdeburg und Altenburg. An der Universität in Jena war er für ein Jahr als Theologie- und Philosophiestudent immatrikuliert. 1689 erwarb er mit einer Disputation über »De paedagogia philosophiae« die Magisterwürde, bevor er einige Zeit als Hauslehrer tätig war. Unterstützt wurde er in diesen Jahren von einem Hannoveraner Hofbuchhändler, bei dem er Literatur einsehen konnte. 1692 trat R. als Rektor in Osterwieck bei Halberstadt in den Schuldienst. 1702 wurde er Hilfsinspektor der Halberstädter Schulen. Zwei Jahre später wechselte er in den geistlichen Stand, indem er die Stelle des ersten Predigers in Ermsleben übernahm. 1714 wurde er zum Diakonus und Domprediger in Magdeburg berufen. Seit 1717 wirkte er als Superintendent in Hildesheim, wo ihm zugleich die Aufsicht über das Schulwesen oblag. R. »war ungemein fleißig, und betrat einen Garten, welchen er ausser der Stadt besaß, in mehr als 15 Jahren nicht, studirte den ganzen Tag stehend, und bediente sich in mehr als 30 Jahren auf seiner Studier-Stube keines Stuhles« (Allgemeines Gelehrten-Lexicon. Herausgegeben von Christian Gottlieb Jöcher. Dritter Theil, Leipzig 1751, 1980-1982, hier 1981). - Großes Ansehen erwarb R. sich durch seine Beiträge zur gelehrten Bücherkunde für das deutsche Sprachgebiet. Ein 1708 vorgelegter »Versuch einer Einleitung in die Historiam Literariam so wohl insgemein als auch derer Teutschen insonderheit«, der bis 1713 auf sechs Bände anwuchs, zählt zu den wegweisenden Werken der Literaturgeschichtsschreibung im achtzehnten Jahrhundert. Leibniz war von ihm begeistert und suchte 1710 den Verfasser persönlich in Ermsleben auf. - Für das theologische Publikationswesen hat R. gleichfalls die systematische Literaturkritik und Literaturgeschichtsschreibung mit begründet. Grundlegend wirkte hier der »Catalogus Bibliothecae Theologicae systematico-criticus«, der zuerst 1731 in Hildesheim erschien. Auch Literatur, die nicht im Rahmen des kirchlich-orthodoxen Lehrstandpunktes blieb, wurde angeführt. Daneben trat R. als Theologiehistoriker (Versuch einer Einleitung in die Historie der Theologie insgemein, und der Jüdischen Theologie insonderheit, Magdeburg 1717) und als Kontroverstheologe, als der er sich in den Jahren von 1730 bis 1732 durch den Jesuiten Hasselmann in eine heftige Kontroverse über das Wesen des Protestantismus verwickeln ließ, hervor. Eine besondere Bedeutung kommt seinem Werk »Historia universalis Atheismi & Atheorum falso & merito suspectorum« (Hildesheim 1725) zu. Hierbei handelt es sich - gegenüber thematisch ähnlich angelegten, jedoch entwurfsartig bleibenden Schriften anderer Autoren - um eine ausgeführte Geschichte des »Atheismus«. Ihr Ziel ist es, die antiatheistische Argumentation unter Einbeziehung eines möglichst umfassenden Quellenmaterials durchzuführen, um so die theologische Unhaltbarkeit und moralische Verwerflichkeit der bekämpften gottesleugnerischen Positionen auf breiter Basis demonstrieren zu können. Dabei repräsentiert R. bereits ein entwickeltes Stadium in der Auseinandersetzung mit den frühen Formen neuzeitlich-philosophischer Religionskritik. So verfügt er über ein differenziertes Schema zur Beschreibung der problematisierten Sachverhalte. Zudem gibt ihm eine eingehende theologiegeschichtliche Kenntnis die Möglichkeit, voneinander unterschiedene Traditionslinien innerhalb des zeitgenössischen Spektrums von Freidenkertum, Nonkonformismus und Heterodoxie zu rekonstruieren, die bis in die aktuelle Kontroverse weiterwirken. Vor allem dadurch trägt R. zur Überwindung einer weithin ungeklärten Definition von »Atheismus« bei, wie sie bei älteren Kritikern noch bestanden hatte.

Bibliographie: Deutsches Literatur-Lexikon 12 (1990), 844-846, sowie: Allgemeines Gelehrten-Lexicon. Herausgegeben von Christian Gottlieb Jöcher. Dritter Theil, Leipzig 1751, 1980-1982 [Nachdruck: Hildesheim 1961]. - Der Nachlaß befindet sich in der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel.

Werke (Auswahl): Schediasma philosophicum de logices Aristoteleae, Rameae, Cartesianae & electivae insufficientia, Halberstadt 1697; Unvorgreiffliches Concept von der wahren Gelehrsamkeit, darin vornehmlich die Gedancken des Hrn. Christ. Thomasii untersuchet, o.O. 1697; Historia literaria de fatis studii genealogici apud hebraeos, graecos, romanos, germanos, Quedlinburg 1702; Poesis germanorum Canonica et Apocrypha. Bekandte und Unbekandte Poesie der Deutschen, Leipzig 1703; Versuch einer Einleitung in die historiam literariam antediluvianum, Halle 1709; Versuch einer Critique über das Dictionaire Historique & Critique des Mr. Bayle, Halle 1711; Versuch einer Einleitung in die Historiam Literariam so wohl insgemein als auch derer Teutschen insonderheit, Halle 1713; Die ersten Linien von der Historia literaria derer Teutschen, Halle 1713; Versuch einer Einleitung in die Historie der Theologie insgemein, und der Jüdischen Theologie insonderheit, Magdeburg 1717; Historia universalis Atheismi & Atheorum falso & merito suspectorum, Hildesheim 1725 Nachdruck: Herausgegeben von Winfried Schröder, Stuttgart-Bad Cannstatt 1992]; Versuch eines kleinen biblischen Kinder-Catechismi, Goslar 1726; Historia philosophiae Sinensis, Braunschweig 1727; Catalogus Bibliothecae Theologicae systematico-criticus, Hildesheim 1731; J. F. Reimmanns eigene Lebensbeschreibung oder Nachrichten von sich selbst. Herausgegeben von F. Heinrich Theune, Braunschweig 1745 [Auszüge in: Selbstzeugnisse aus dem Dreißigjährigen Krieg und dem Barock. Herausgegeben von Marianne Beyer-Fröhlich, Leipzig 1930 [Nachdruck: Darmstadt 1970]].

Lit.: Klaus Scholder: Ursprünge und Probleme der Bibelkritik im 17. Jahrhundert, München 1966; - Hans-Martin Barth: Atheismus und Orthodoxie. Analysen und Modell christlicher Apologetik im 17. Jahrhundert (Forschungen zur systematischen und ökumenischen Theologie. Band 26), Göttingen 1971; - Theodor Günther: Jacob Friedrich Reimmann (1668-1743). Mühsal und Frucht, Köln [Selbstverlag] 1974; - Edgar Marsch (Hrsg.): Über Literaturgeschichtschreibung, Darmstadt 1975; - J. E. Force: The Origins of Modern Atheism, in: Journal of the History of Ideas 50 (1987), 153-162; - Klaus Weimar: Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, München 1989; - Deutsches Literatur-Lexikon 12 (1990), 844-846; - Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Herausgegeben von Walter Killy. Band 9, München 1991, 353-354 (Herbert Jaumann); - ADB 27 (1888), 716-717 (Karl Prantl); - DBE 8, 213.

Matthias Wolfes

Bibliographieergänzung:

Zedler, 31. Bd. Leipzig, Halle 1742, Sp. 240-247.

Literaturergänzung:

Mulsow, Zedelmaier 1998, in: "Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung"; - Skepsis, Providenz, Polyhistorie: Jakob Friedrich Reimmann (1668-1743); [Tagung vom 5. bis 7. März 1997 in Bad Homburg unter dem Titel 'Umbau der Polyhistorie'] / hrsg. von Martin Mulsow und Helmut Zedelmaier. Tübingen : Niemeyer 1998, VI, 288 S.: Ill. Schriftenreihe: Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 7 (Anmerkung: Literaturverz. S. 275 - 278).

Letzte Änderung: 17.09.2003