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Band VII. (1994) Spalten 1522-1524 Autor: Wolfgang Schenk

REIN, Wilhelm, Vorkämpfer der wissenschaftlichen Pädagogik, * 10.8. 1847 in Eisenach, † 19.2. 1929 Jena. Nach dem Studium der Theologie (und nebenher der Pädagogik bei dem Herbartianer K.V. Stoy in Jena) wurde er Mitarbeiter von T. Ziller (1817-1882) am Pädagogischen Universitätsseminar in Leipzig, dem auch eine Übungsschule angegliedert war. In seiner Zeit als Realschullehrer in Barmen 1871 empfing er direkte Anregungen von F.W. Dörpfeld (1824-93). 1872 wechselte er als Seminaroberlehrer nach Weimar und wurde 1876 Seminardirektor in Eisenach. Hier gab er mit seinen Kollegen eine Bearbeitung der einzelnen `Schuljahre' heraus, eine Bearbeitung der Methodik des gesamten Volksschulunterrichts nach Herbartschen Grundsätzen. Seit 1886 wirkte er als Honorar-Prof. (1912 o.Prof.) der Pädagogik in Jena als der letzte bedeutende Herbartianer (die Kunstlehre der `Erziehung' wurde auf der `Psychologie' als empirischer Basis gegründet, die allerdings noch weithin eine spekulative war, und auf den daraus abgeleiteten Normen der `Ethik'). Hier baute er nicht nur das `Pädagogische Universitätsseminar' (EHP2 VI, 531 f.) aus, sondern auch dessen 1844 von Stoy (1815-85) zugleich damit gegründete `Übungsschule' (s.v. EPH2 IX, 363 f.). Es wurde zum Zentrum der pädagogischen Welt und R. ein Pädagoge von Weltruf. Das von ihm hrsg. `Enzyklopädische Handbuch der Pädagogik I-X' (1902-102) konnte noch 1952 als »das bedeutendste pädagogische Nachschlagewerk« gelten (LexPäd III, 377). Durch die von ihm erstmalig ins Leben gerufenen Ferienkurse zur Lehrerfortbildung an der Universität (EHP2 II, 931 f.) gewann er großen Einfluß auf Schulunterricht und Katechetik. Er gründete und leitete den `Verein für wissenschaftliche Pädagogik'. Einer seiner Schüler war der Bahnbrecher der modernen Internatsschule, Hermann Lietz (1868-1919). Der entstehenden Volkshochschulbewegung (EHP2 IX, 702 f.) gab R. wesentliche Impulse. Obwohl er ein treuer Vertreter der Herbart/Zillerschen Pädagogik war (er gab ihren Formalstufen die deutschen Bezeichnungen: Vorbereitung, Darbietung, Verknüpfung, Zusammenfassung, Anwendung), überwand er doch den Schematismus der Formalstufen durch seine Forderung individueller `Charakterbildung' (EHP2 I, 841 f.). Seine Anschauungen hat er umfassend in seiner `Pädagogik in systematischer Darstellung I-III' (1902/6) vorgelegt. Primäres `Erziehungsziel' (EHP2 II, 610 f.) blieb dem Herbartianer die `sittlich religiöse Persönlichkeit'. Obwohl auch seine `Ethik' (1903) klar von Herbartschen Voraussetzungen ausgeht, so liegt bei ihm doch »das Hauptgewicht der Darstellung« auf der »Erfüllung der den ethischen Ideen entsprechenden Systeme des sozialen Lebens (Rechts-, Verwaltungs-, Kultursystem, beseelte Gesellschaft)« (Jodl). Im Schulstreit 1905/6 (die Schulfrage war in Deutschland stets ein heißes Eisen) führte er die Unterzeichnung der Intellektuellen gegen eine Rekonfessionalisierung der Volksschule und für eine Simultanschule an. 1923 trat er in den Ruhestand. Über seinen Bildungsgang, seine Wirksamkeit und Anschauungen berichtet seine Selbstdarstellung (1926). R. ist der jüngste der neun Geistesfürsten, denen ein Denkmal am Jenaer Fürstengraben gewidmet ist.

Werke: Zur Schulaufsicht, Langensalza 1894; Herbart als Pädagog, in: ders., (EHP 1896 =) EHP IV, 19062, 227-53; Pädag. im Grundriß (SG 12), Leipzig 19003; Pädag. in systematischer Darstellung I-III, Langensalza 1902/6 19273; Grundriß der Ethik (Der Bücherschatz des Lehrers 4), Leipzig 1903 19206; Deutsche Schulerziehung, München 1907; Stimmen zur Reform des Religionsunterrichts (StRRU 3), Langensalza 1908; Die nationale Einheitsschule in ihrem äußeren Aufbau beleuchtet, Osterwieck/Leipzig 1913; Marx oder Herbart, 1925; W.R., in: `Die Pädag. der Gegenwart in Selbstdarstellungen I', 1926:- Zur Schulpolitik, 1926; Die evangel. Schule, 1928; Hrsg.: (zus. mit Pickel & Scheller) Schuljahre I-VIII, 187.; Hefte aus dem pädag. Universitätsseminar zu Jena I-XVI, 1888-1920; (zus. mit Flügel) Zs. f. Philos. u. Pädag., 1894 ff.; Enzyklopädisches Hdb. der Pädag., Langensalza 1894-9, I-X, 1902-102 (+ Register 19112, dort 154 f. die 59 Eigenbeiträge von W.R.); Mitteilungen der Vereins für wissenschaftliche Pädag. (69 Hefte).

Bibliographie: (bis 1914): E.Scholz, Das Lebenswerk Prof.Dr. W.R.s, Langensalza 1914.

Lit.: Wilhelm Münch, Pädagogik, in: Paul Hinneberg (Hrsg.) Systematische Philosophie (Die Kultur der Gegenwart I/6), 1908, 314-350.349 f.; - Friedrich Jodl, Gesch. der Ethik II, 19233, 540; - W. Rathje, Die Welt des freien Protestantismus, 1950, 254; - Albert Reble, Gesch. d. Päd., 19644, 245.286.305; - RGG IV (19302) 1838 (Paul Glaue); - PädLex IV (1931) 74-5; - LexPädGeg II (1932) 698; - LexPäd III (1952) 376-7; - RGG V (19613) 939 (Otto Klöden).

Wolfgang Schenk

Werkeergänzung:

Der Streit der Konfessionen um die Schule, in: Der Tag (Illustrierter Teil) Nr. 415, 4.9.1904, 1f.; Vom Liberalismus - nach den Wahlen, in: Der Tag (Illustrierter Teil) Nr. 72, 9.2.1907, 1f.; "Der Kampf um die Schule", in: Der Tag (Illustrierter Teil) Nr. 508, 6.10.1907, 1f.

Letzte Änderung: 26.12.2004