REINHARD, Karl Friedrich, französischer Diplomat von deutscher Abstammung und Schriftsteller, * 2.10. 1761 in Schorndorf/Wirtemberg, + 25.12. 1837 in Paris. - Gleich seinem Vater, dem zweiten Stadtpfarrer von Schorndorf sollte R., von elf Geschwistern der älteste die geistliche Laufbahn einschlagen. Nach dem Besuch der dortigen Lateinschule, den Klosterschulen in Denkendorf und in Maulbronn trat R. im Jahre 1778 in das Tübinger Stift zu einem zweijährigen Vorbereitungskurs in Philosophie und den dazugehörenden Sprachen und Geschichte ein. Neben Arabisch lernte der junge Theologe auch Französisch und später Englisch. Bei seiner Sprachbegabung konnte R. schon im zweiten Jahr Voltaire und Rousseau in Originaltext lesen. Daneben auch die deutschen Autoren Klopstock, Lessing, Goethe, Geßner und die Dichter des Göttinger Hainbundes. 1781 Mitarbeit im ersten Schwäbischen Musenalmanach auf das Jahr 1782 und Anfang Okt. Begegnung mit Friedrich Schiller in Stuttgart. Wie bei den damaligen jungen Literaten große Begeisterung für Rousseau, mit seiner Freiheitsliebe, Abkehr vom überzivilisierten Leben und Rückkehr zur Natur. Bereits in diesen Jugendjahren erschien und wirkte Frankreich in zweifacher Gestalt auf R.. Einesteils Bewunderung als der Erzeuger, Vermittler und Verbreiter der geistigen Ideen der Aufklärung. Andernteils Ablehnung als das Land des Despotismus, des Sittenverfalls und des Atheismus, welche die Höfe in Deutschland nachahmen. 1783-1786 Vikar bei seinem Vater in Balingen. Er konnte sich jedoch in die dortige Enge der Verhältnisse nicht einfinden und erwarb selbst im Familienkreis keine Freunde. Nach Erhalt der herzoglichen Erlaubnis Karl Eugens in der zweiten Hälfte von April 1786 Abreise in die Schweiz zu einer Hauslehrerstelle bei der adeligen Familie Blonay bei Vevey. Schwur bei seinem Abschied «immer ein Deutscher zu bleiben». Nach dortigem einjährigen Aufenthalt im Sommer 1787 Übernahme einer Hauslehrerstelle in Bordeaux für den 13jährigen Jean Teulon in den alten Sprachen und in der Mathematik. R. erlebte jedoch auch hier zuerst eine Enttäuschung.Der südliche Charakter seiner Bewohner blieb ihm fremd. Ihr kommerzieller Egoismus vertrug sich nicht mit seiner noch schwäbisch-geistigen Theologennatur. Aber auch hier wieder die Doppeldeutigkeit, welches Bordeaux ihm auch eine Verbesserung und Vervollkommnung seines Französisch ermöglichte, er als Kenner der französischen Literatur den tieferen Geist des Landes wohl besser als dessen eigene dortigen Kaufleute erkannte und er Einblick in den Welt- und Überseehandel erhielt. Das Ausbrechen der Revolution im Sommer 1789 erschien ihm, wie den meisten deutschen Gebildeten als die neue Morgenröte der Menschheit. Sein aufklärerisch-philosophisches Ideal: grundsätzliche Freiheit für den einzelnen, Denk- und Meinungsfreiheiten, Pressefreiheit, Glaubens- und Religionsfreiheit, Abschaffung der Privilegienordnung, deren Ersetzung durch die allgemeine Gleichheit der Bürger, Gleichheit vor dem Gesetz, Teilnahme des Volkes an der Regierung und der Gesetzgebung, Kontrolle des Königs, Erlaß von einer schriftlichen Verfassung schienen sich nun zu verwirklichen. Seine bis dahin noch vorhandene Reservierung gegen die Franzosen, insbesondere wegen ihres Leichtsinnes wich nunmehr einer Hinwendung zu ihrem spontanen Handeln. Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli und die Abschaffung des Feudalwesens in der Nacht des 4. Aug. 1789 beeindruckten ihn besonders. Nunmehr wollte er sich nicht mehr mit der Rolle des Beschauers begnügen, sondern selber aktiv am Revolutionsgeschehen, an der Veränderung und Verbesserung der Welt teilnehmen. Im Mai 1790 erstmaliger Besuch von Paris. Im Okt. 1790 machte er die für ihn so wichtigen Freundschaften mit Pierre Victurien Vergniaud, dem damals bereits bekannten jungen Rechtsanwalt und späteren berühmten Redner der Gironde und dem reichen und gebildeten Kaufmannssohn Jean-François Ducos, gleichfalls späterer Führer der Gironde. Dieser Plantagenbesitzer auf den Antillen setzte sich für die Abschaffung der Sklaverei ein. Beide intelligent, hegten für den sich für die Revolution so begeisternden Ausländer R. Sympathie. Sie nahmen ihn im Jan. 1791 in ihre Société des Amis de la Constitution von Bordeaux auf. In seinem im April 1791 im Journal de Bordeaux et du département de la Gironde verfaßten Artikel über die deutsche Literatur schrieb R., durch die Revolution sei die französische Nation gerechter zu den anderen Nationen geworden und er sehe den Keim von jener Universalität sich entwickeln, welche die Grundlage der besten Verfassungen sei, wie sie dies auch für die beste Religion sei. Zudem nannte er sich einen guten französischen Patrioten. Während der Flucht von König Ludwig XVI. schwörte er vor der in Aufregung geratenen Société »als Franzose leben und sterben zu wollen«, welche beifallende Versammlung ihn von nun ab als vollberechtigten Bürger betrachtete und ihn auch im Juli selbigen Jahres zu ihrem monatlichen Präsidenten wählte. Ende 1791 Übersiedlung nach Paris mit den Girondisten Vergniaud, Ducos und Guadet, in welcher Abschiedsrede vor der Société er nochmals seine französische Bürgerschaft und seine Zustimmung zu der zwischenzeitlich erlassenen konstitutionellen Verfassung v. 3. Sept. 1791 bekundet, er hierbei jedoch auch hinzufügt »Frühere, heilige Bande binden mich immer noch an ein anderes Land als an das Eure. Ich werde wählen, wenn es nötig sein wird; aber bis dahin werde ich unabhängig bleiben. ...Welches auch sei das Vaterland, das mich empfängt, ich werde bis zur letzten Stunde meines Lebens Eure Verfassung lieben und Eure Gesellschaft anhängen.« R. möchte in Paris als Korrespondent von einer deutschen Zeitung oder als unabhängiger Schriftsteller zu einem Bindeglied zwischen Frankreich und Deutschland hinwirken. Zeitweise arbeitet er für den offiziösen französischen Moniteur und übersetzt für die seit Jan. 1792 in Berlin von Johann Wilhelm von Archenholz herausgegebene Zeitschrift Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts französische Presseartikel. Damit konnte R. seinen immer gehabten Wunsch, seine deutschen Landsleute über die politischen Vorkommnisse und literarischen Begebenheiten aus Frankreich zu informieren, erfüllen. Trotz finanzieller Sorgen weist R. die weitere Unterrichtung seines nach Paris mitgekommenen Schülers Jean Teulon zurück. Durch seine girondistischen Freunde lernt er die maßgebenden Politiker und insbesondere Abbé Sieyès kennen. Dieser empfiehlt ihn Außenminister Dumouriez, der R. am 15. April 1792 zum königlichen Legationssekretär des neuen Gesandten Chauvelin nach London ernennt, welche dortiger eigentlicher französischer Gesandter jedoch Talleyrand ist und R. seit dieser Zeit mit ihm Verbindung hat. Aufgabe der neuen Gesandtschaft war insbesondere, England bei dem bevorstehenden Krieg gegen Franz II. als König von Ungarn und Böhmen neutral zu halten. Die Hinrichtung von König Ludwig XVI. am 21. Jan. 1793 bewirkte jedoch den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und R. kehrte Ende Jan. nach Paris zurück. Bei dem zwischenzeitlich ausgebrochenen Krieg gegen das Haus Österreich und dem mit ihm verbündeten König Friedrich Wilhelm II. von Preußen wollte R. nach Deutschland entsandt werden. Er wird jedoch am 16. Febr. 1793 zum Ersten Gesandtschaftssekretär in Neapel ernannt. Dortige Ankunft am 8. Mai. Bei der Verhaftung seiner girondistischen Freunde am 2. Juni 1793 erwartet R. seine baldige Abberufung. Diese kommt jedoch von Seiten des Königreiches beider Sizilien, welches bis dahin neutral gewesen , am 1. Sept. 1793 einem britischen Flottenverband die Anlegung im Hafen von Neapel gestattet und die französische Gesandtschaft auffordert, binnen 8 Tagen das Land zu verlassen. Auf französischem Gebiet erfährt R. von der am 31. Okt. 1793 erfolgten Hinrichtung seiner girondistischen Freunde. Er begibt sich trotzdem am 11. Nov. 1793 nach Paris. Bereits am nächsten Tag seine Ernennung zum Bürovorstand der 3. Division im Ministerium des Äußern. Bei der eingesetzten jakobinischen Terrorherrschaft verhilft R. mehreren deutschen Freunden zu ihrer Flucht nach Deutschland. Mit der Abschaffung aller Ministerposten am 1. April 1794 und der nunmehr unumschränkten Herrschaft des von Robespierre gelenkten Wohlfahrtsausschusses muß sich auch R. diesem rechtfertigen. In seiner Rechtfertigungsschrift vom 18. April 1794 erklärt er unter Verschweigung seiner Freundschaft zu den Girondisten, er sei, der Französischen Revolution durch alle Gewohnheiten des Geistes und Herzens und der Republik durch ihre Wohltaten verbunden, auch bereit, sich für sie aufzuopfern, und lege sein Schicksal in die Hände des Wohlfahrtsausschusses, welcher darüber entscheiden solle, ob er auf den geheiligten Titel eines französischen Bürgers verzichten müsse, und ob er, der in einem mit der Republik im Krieg befindlichen Land geboren, wert sei, in ihrem Dienst weiterhin verwendet zu werden. Es ergeht Haftbefehl gegen R., welcher in höchster Lebensgefahr, durch den Sturz Robespierres am 9. Thermidor (27. Juli 1794) hiervon befreit wird. Am 24. Juli 1795 Ernennung zum Gesandten bei den deutschen Hansestädten mit Sitz in Hamburg. Nach 9 Jahren wieder deutschen Boden betretend, gelang R. am 28. Sept. 1795 in Hamburg an. Das nachrobespierresche Frankreich beabsichtigte mit seiner Mission, die großen Häfen im Norden Deutschlands für seinen Handel weiter offen zu halten und deren in dem mit dem König von Preußen am 5. April 1795 vereinbarten Baseler Friedensvertrag erlangte Neutralität weiterhin zu erhalten. Der in Hamburg aufgeklärte Geist seines liberalen Bürgertums ermöglichte R. im Kreis der Familien Reimarus und Sieveking zu verkehren und heiratet er auch am 12. Okt. 1796 die jüngste Tochter Christine Reimarus. Dem wegen seiner französischen Bürgerschaft Verdacht schöpfenden Direktorium rechtfertigt er sich. Die Tatsache, daß seine künftige Frau in ihren Gefühlen schon französisch sei, habe seine Wahl hauptsächlich bestimmt und weil er durch ihre Verbindung mit einer achtenswerten Ehefrau der Republik eine neue Bürgerin erworben habe. Am 13. Dez. 1797 Ernennung zum Gesandten am Hofe Großherzogs Ferdinand III. von Toskana in Florenz. Abreise nach dort am 18. April 1798 mit seiner Ehefrau und seinem unzertrennlichen Freund Georg Kerner als Privatsekretär. Über Rastatt, Maulbronn, Tübingen und Balingen am 25. Mai Ankunft in Florenz. Ende Dez. 1798 dortige Geburt eines Sohnes. Im Frühjahr 1799 Ausbrechen des 2. Koalitionskrieges mit der Flucht des Großherzogs am 27. März 1799 aus Florenz. Am 29. März/4. April 1799 übernimmt R. die dortige Zivilverwaltung. Bei den im Frühsommer 1799 in Italien erstrittenen Siegen der österreichisch-russischen Truppen unter Marschall Suworow verläßt R. am 4. Juli Florenz und wird am selbigen Tag zum Gesandten bei der neuen Helvetischen Tochterrepublik in Bern ernannt. Ankunft in Paris am 27. Aug. 1799. Am 5. Sept. 1799 nach dem Rücktritt von Talleyrand zum neuen Minister des Äußeren durch das Direktorium ernannt. Nach dem Staatsstreich Bonapartes vom 18. Brumaire (9. Nov. 1799), von welchem R. keine Kenntnis hatte, muß er sein Ministerium am 21. Nov. 1799 wieder an Talleyrand abgeben. Seine Ernennung zum Gesandten nach Bern wird erneuert. Dortige Ankunft am 22. Febr. 1800. Im Juli 1800 dortiger Besuch von dem wirtembergischen Buchhändler Cotta, Lektüre von Schillers Wallenstein und im Okt. Besuch bei Lavater. Am 25. März 1801 Geburt einer Tochter (bis 24.3.1861 in Stuttgart) und im selbigen Jahr erste Begegnung mit dem sich vor allem gegen die Säkularisationen im Reich wendenden katholischen Theologen Ignaz Heinrich Karl Freiherr von Wessenberg. Nach Erhalt der Abberufung, Abreise aus Bern am 10. Sept. 1801. Danach Aufenthalt in Paris. Am 15. April 1802 Ernennung durch den 1. Konsul Bonaparte zum Gesandten beim Niedersächsischen Reichskreis mit Sitz in Hamburg, welcher Bonaparte beabsichtigte, durch R.s dortige Familienverbindungen die Hansestädte für die französischen Interessen in dem Krieg gegen England zu gewinnen. Ankunft in Hamburg am 6. Juni 1802 und Geburt eines zweiten Sohnes am 12. Nov. 1802 (bis 14.10.1873 in Hamburg). Die Hansestädte, wohl wissend, daß dies ihren wirtschaftlichen Niedergang bedeuten würde, standen jedoch diesem Ansinnen reserviert gegenüber und verursachte dies Unzuträglichkeiten, selbst in R.s eigener Familie. Das Auswärtige Ministerium in Paris sah hierin jedoch die eigenen Ungeschicklichkeiten und Fehler von R.. Als er sich weigerte, bei der von Kaiser Napoléon persönlich angeordneten Entführung eines englischen Diplomaten in Hamburg am 25. Okt. 1804 mitzuwirken, wird er am 22. März 1805 abberufen. Von 1803-1816 Mitglied des Institut de France in der Klasse alte Geschichte und Literatur. Seit 1804 auch Kommandeur der Ehrenlegion. Aus Hamburg Rückreise über Köln, mit dortigen Verbindungen zu dem Kunstgelehrten Sulpiz Boisserée und zu Friedrich Schlegel nach Paris. Plan zum Erwerb eines Anwesens in den nunmehr zu Frankreich gehörenden linksrheinischen deutschen Gebieten. Neue Verwendung in dem 4. Koalitionskrieg Napoléons gegen Preußen und Rußland im Jahre 1806. Am 18. März 1806 seine Ernennung zum Ministerresidenten in den Türkischen Donauprovinzen und Generalkonsul in der Moldau mit Sitz in Jassy. Dortige Ankunft bei Reise über Schorndorf (4. Mai 1806), München, Wien, Budapest am 23. Juli. Bei dem Einmarsch der westwärts vordrängenden russischen Truppen wird R. mit seiner Familie am 7. Dez. 1806 aus Jassy von Kosaken nach Rußland verschleppt. In Krementschuk am Dnjepr seit dem 20. Dez. einen Monat interniert. Erst auf Anweisung Zar Alexanders erfolgte am 20. Jan. 1807 ihre Freilassung und treffen sie am 4. Febr. im österreichischen Lemberg ein. R.s Gesundheit und wohl noch mehr jene seiner Ehefrau hatten hierunter stark gelitten. Mit Genehmigung des Ministeriums begeben sie sich zur Kur nach Karlsbad. Dortige Ankunft am 28. Mai 1807, wo R. die für ihn so wichtige Bekanntschaft mit Goethe hatte. In den täglichen Gesprächen mit diesem über deutsche und französische Literatur und über Goethes Farbenlehre erkennt R. sich selber und seine Situation besser. Insbesondere seine eigene weiterhin deutsche Natur. Am 15. Juli Abreise aus Karlsbad über Leipzig, Weimar, Koblenz, Anfang Sept. 1807 Ankunft in Paris. R.s jetziges dortiges Hauptanliegen ist die Verbreitung von Goethes Farbenlehre. Erwerb des Landgutes Falkenlust, einem ehemaligen Jagdhaus des Kurfürsten von Köln zwischen Bonn und Köln und dazu Anfang Dez. in Gemeinschaft mit Sulpiz Boisserée das vormalige Kloster Apollinarisberg bei Remagen. Am 1. März 1808 läßt R. sich mit seiner Familie in Falkenlust nieder. Jedoch erwachsen finanzielle Sorgen, da er ohne Gehalt und Pension ist. R. führt Gespräche mit F. Schlegel über Religion und Mystizismus. In Schlegels Kritik des Protestantismus wird R. als ein Anhänger der natürlichen Religion und Gegner von Theologie hierin bestärkt. Mit Goethe unterhält er einen Briefwechsel und beginnt seine Werke zu lesen. Anfang Sept. 1808 Ernennung zum Gesandten am Hofe des Königs Jérôme von Westfalen mit Sitz in Kassel. Napoléon, der für seinen Bruder Jérôme das Königreich Westfalen errichtet hat, will aus diesem einen deutschen Musterstaat nach seinen Vorstellungen machen. Er ,die Leichtfertigkeit seines Bruders kennend, hielt R. für die geeignete Person, diesen wirksam zu beraten, zu unterstützen und auch zu lenken. R. nahm das neue Amt des Familienministers gerne an, da es ihm die Möglichkeit zu einem französischen Deutschland, mit einer dortigen Einführung der Errungenschaften der Französischen Revolution eröffnete. Eine geschriebene Verfassung, gewählte Landstände, Abschaffung der Leibeigenschaft und aller Privilegien, Gleichheit aller vor dem Gesetze, Einführung des die bürgerliche Freiheit und Gleichheit garantierenden Code Napoléon, Öffentlichkeit des Rechtsverfahrens, bereits dort teilweise und in Zukunft noch weiter zu verwirklichen, entsprachen auch R.s Vorstellungen für Deutschland. Während die linksrheinischen Rheinländer mit dem Friedensvertrag von Lunéville vom 9. Febr. 1801 gezwungen waren, Franzosen zu werden, konnte nun im rechtsrheinischen Westfalen ein weiterhin deutsch bleibender Staat zu einem Bindeglied zwischen Deutschland und Frankreich werden, ein auch für die anderen deutschen Staaten vorgebendes Beispiel. Am 24. Feb. 1809 erfolgt R.s Erhebung zum Chevalier de l'Empire, und er wird auf deutscher Seite im selbigen Jahr zum Mitglied der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Göttingen ernannt. Am 31. Dez. 1809 seine weitere Erhebung zum Baron de l'Empire. R. ist von der Richtigkeit seiner Aufgabe in Westfalen überzeugt. Am 24. April 1811 schreibt er seinem Außenminister »Seit vier Jahren ist das große Werk so seiner Vervollkommnung entgegengegangen, und die französischen Einrichtungen haben so tief Wurzeln geschlagen, daß das Schreckgespenst einer Rückkehr der alten Ordnung nicht einmal bei unwissenden und weniger gut gesonnenen Leuten gewisse Hoffnungen und Wünsche mehr wachhält.« Jedoch beklagt er auch, daß König Jérôme mit seiner Gemahlin, der württembergischen Prinzessin Friederike Katharina keinen Anklang bei der Bevölkerung finde. Die dortigen Franzosen seien mehr Abenteurer auf der Suche nach leicht zu erwerbenden Vermögen. Sie würden das Land mehr als eine Art Kolonie betrachten. Napoléons mißglückter Feldzug in Rußland im Herbst und Winter 1812 beendet auch R.s dortige Existenz. Nach einer Audienz bei diesem am 23. Juli 1813 in Dresden, seine Flucht aus Kassel am 28. Sept. 1813. Rückkehr nach dort Mitte Okt. 1813 und nach Rettung der Kasseler Notabeln zweite Flucht aus Kassel am 26. Okt. 1813. Während Winter 1813/14 in Paris. Nach dem Einzug der verbündeten Truppen in Paris am 1. April 1814, der Rückrufung Ludwigs XVIII. am 6. April durch den Sénat conservateur, den Abdankungen Napoléons am 4./5./11. April glaubt R. auch seine Rolle in Frankreich zu Ende, da er immer der Revolution verbunden gewesen war und der Republik und dem Kaiserreich stets treu gedient hatte. Er erhoffte eine Anstellung in Deutschland oder sich wieder auf sein Landgut Falkenlust, bei Erhalt einer kleinen Pension zurückzuziehen. Groß war seine eigene Überraschung, als ihn der unter den restaurierten Bourbonen wieder zum Außenminister ernannte Talleyrand die Stelle des Kanzleidirektors seines Ministeriums und des Staatsrates anbot, welche R. am 14. Mai 1814 annahm. Am 19. Febr. 1815 Tod seiner Ehefrau Christine in Paris. Bei der Rückkehr von Napoléon im März 1815 aus Elba mit seinem triumphalen Einzug in Paris am 20. März verließ R. am selbigen Morgen dieses Tages Paris und folgte König Ludwig XVIII. nach Brüssel und Gent. Napoléons Ansinnen zu einer erneuten Verwendung in seinen Diensten lehnt R. am 25. März diesem gegenüber ab. »Mein Gewissen kann nicht mit einer Nation Schritt halten, die zu schnell entweder ihren Kaiser oder ihren König verleugnet.« Vom 2.-30. April von preußischer Militärpolizei verhaftet und nach Frankfurt gebracht. Kein Deutscher nahm sich ihm an und er wurde erst auf die Proteste von Ludwigs XVIII. und Talleyrands aus Wien freigelassen. Am 23. Mai Abreise zum Bourbonenkönig nach Gent. Nach Waterloo am 18. Juni und der erneuten Rückkehr der Bourbonen nimmt R. wieder seine Stelle als Kanzleidirektor ein. Von Ludwig XVIII. am 22. August 1815 in den Grafenstand erhoben, was ihn zum Erwerb eines Landgutes in Frankreich und damit auch im Jahre 1817 zur Veräußerung von Falkenlust und seinen weiteren Gütern in Deutschland zwingt. Am 26. Nov. 1815 Ernennung zum Bevollmächtigten Gesandten beim Deutschen Bundestag in Frankfurt und bei der Freien Stadt Frankfurt, welche Gesandtschaft er 14 Jahre ausübt. 1816 Mitglied der Akademie der Inschriften und der Schönen Wissenschaften in Paris. 1. Mai 1821 Groß-Offizier der Ehrenlegion. 1822 bei Kur in Baden-Baden Bekanntschaft mit dem Kanzler Müller aus Weimar. 30. Sept.-7. Okt. 1823, 7. u. 8. April 1825, 20.-22. Okt. 1827 Besuch bei Goethe in Weimar. 13. April 1825 Heirat mit der jungen Französin Virginie von Wimpffen (25.3.1801-18.12.1886). 1826 und 1827 Reisen in die Schweiz, Oberitalien und Norwegen. Von Okt. 1828 - Febr. 1829 Aufenthalt in Paris. 26. Aug. 1829 Großkreuz der Ehrenlegion. Bei Abberufung aus Frankfurt am 17. Sept. 1829 durch das Ministerium Polignac Besuch bei Goethe in Weimar vom 1.-5. Okt. 1829 und Abreise aus Frankfurt am 31. Okt. 1829. 1830 Reisen in die Auvergne und nach Burgund. Nach der Juli-Revolution 1830 mit der Ersetzung des letzten Bourbonen Karl X. durch den Bürgerkönig Louis Philippe aus dem Hause Orléans, während seiner Abwesenheit in Paris zum provisorischen Kommissar der Auswärtigen Angelegenheiten ernannt. Am 14. Okt. 1830 Ernennung zum Gesandten an den Sächsischen Höfen mit Sitz in Dresden. 10.-13. Dez. 1830, 5.-9. Mai 1831 Besuch bei Goethe in Weimar. 11. Juni 1832 nunmehr 70jährig Abberufung aus Dresden und Versetzung in den Ruhestand. 12. Okt. 1832 Erhebung zum Pair von Frankreich und im selbigen Jahr Mitglied der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften. 26. Dez. 1832 Erhalt der offiziellen französischen Staatsbürgerschaft durch Lettres de Grande Naturalisation. 1833 Mitglied des Konsistoriums der lutherischen Kirche in Paris. 1834 Vizepräsident der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften. Juli 1837 Reise nach London und Hamburg. Sept. 1837 Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 100. Jubiläum der Universität Göttingen. 25. Dez. 1837 Tod in Paris und Beisetzung auf dem Friedhof Montmarte. - R.s stetiges Schwanken zwischen Frankreich und Deutschland war wohl erst mit seiner Indienststellung durch die restaurierten Bourbonen im Jahre 1814 zugunsten von Frankreich entschieden. An seinen Freund Harnier in Kassel schrieb er »Ich gehöre jetzt zum alten Frankreich, das wieder auflebt.« Sein damaliger Entscheid für Frankreich und für die konstitutionelle Monarchie der Bourbonen war insbesondere auch die Folge der allgemeinen Friedenssehnsucht nach der nun 23jährigen Kriegsperiode. Der neue König, welcher Frankreich unter weiterem Fortbestehen der bürgerlichen Freiheit und Gleichheit eine Verfassung und ein Parlament anbot, akzeptierte auch den Deutschfranzosen R.. R. blieb damit seinen ideologischen Grundsätzen und seinen politischen Maximen treu, denn eine bessere Alternative diese zu verwirklichen, gab es insbesondere auch in Deutschland nicht. R.s eigentliches Vaterland war wohl weder Frankreich noch Deutschland, sondern vielmehr die Menschheit, verkörpert in dem Gedankengut der Aufklärung und deren Wirken in und während der Französischen Revolution. Sein Schicksal des ständigen Wechselns zwischen den beiden Völkern ergab sich aus dem mit der Französischen Revolution und der Napoleonischen Herrschaft erwachsenden neuen zivilisatorischen Credo, dem Nationalismus in Deutschland und in Frankreich. Kein überragender Geist, sondern vielmehr mittelmäßiger Natur, dies insbesondere auch in seinem literarischen Schaffen, jedoch hierunter zu den ersten zählend, konnte R. zu seiner Zeit Frankreich wirksamer und wertvollere Dienste leisten als Deutschland. Das Frankreich der großen Männer und der heroischen Taten während der Revolution und den Napoleonischen Kriegen benötigte seinen hiervon abstechenden, insbesondere auch integren Charakter, welcher mit deutscher Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit seinen Dienst versah. Dies ermöglichte ihm seine dauernde dortige Verwendung als führenden Diplomaten. In Deutschland hingegen wäre sein Sinn für den täglichen Geschäftsgang wohl in Unterwürfigkeit gedeutet und herabgesetzt worden. Talleyrand schätzte seinen Bürochef besonders und nannte ihn in seiner Gedächtnisrede am 3. März 1838 »Das Geschenk Tübingens an Frankreich«.
Werke: 26 Gedichte, in: Schwäbischer Musenalmanach (oder Schwäbische Blumenlese), hrsg. v. Gotthold Stäudlin, der Jahre 1782, 1783, 1784, 1785, 1786, 1787, 1792, 1793; Alb. Tibullus. Nebst einer Probe aus dem Properz und den Kriegsliedern des Tyrtäus. In der Versart der Urschrift übersetzt. Mit einem Aushang von eigenen Elegien, Zürich 1783; 6 Gedichte, in: Poetisches Portefeuille, hrsg. v. J.M. Armbruster, 1784; Episteln, Zürich 1785; Beiträge in Prosa und in Versen: in: Schwäbisches Museum, hrsg. v. J.M. Armbruster, 2 Bde., Kempten 1785 u. 1786: Statt der Vorrede, I, S. V-XXIII, Briefe aus Schwaben, I, 77-88, Zobeide, ein Feenmärchen, I, 119-147, Übersetzungen lateinischer Dichter, I, 151-161, Einige Berichtigungen und Zusätze den Aufsatz im Grauen Ungeheuer Nr. 9, Über das theologische Stift in Tübingen betreffend, I, 245-291, Der christliche Seeräuber, II, 3-39, An den Herausgeber, II, 43-55; Briefe über die Revolution in Frankreich, in: Schwäbisches Archiv, hrsg. v. Ph. W.G. Hausleutner, Stuttgart 1789, 459-518; Übersicht einiger vorbereitenden Ursachen der Französischen Staatsveränderung. Von einem in Bordeaux sich aufhaltenden Deutschen, in: Thalia, hrsg. v. Friedrich Schiller, Zwölftes Heft, 1791, 31-77; Lettre au rédacteur, in: Journal de Bordeaux et du département de la Gironde, N° 62 v. 19. April 1791, 505-508; Discours prononcé le 21 septembre 1791 à la Société des amis de la constitution de Bordeaux par M. Reinhardt, membre de la Société, Bordeaux 1791; Artikel und Übersetzungen, in: Moniteur universel von November 1791-März 1792; Artikel und Übersetzungen, in: Minverva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts, hrsg. v. J.W. von Archenholz, Bde. 1-2, 1792 (bezeichnet mit R.); Basseville's Schatten. Im Angesicht von Rom. Am 4. Mai 1793, in: Beyträge zur Geschichte der französischen Revolution, hrsg. v. P. Usteri, Bern 1795, 185 f.; Hymne an die Freiheit (Übersetzung eines Textes von th. Désorgues), in: Genius der Zeit, hrsg. v. August Hennings, Januar 1797, 116-118; Am Tage meiner Tauung, Meiner Christine am 22. Februar 1798, in: J.W. Ewald, Fantasien auf einer Reise durch Gegenden des Friedens, Hannover 1799, 131, 140; Sonett (1800), in: K.H. Conz, Gedichte, Neue Sammlung, 1824, 130; Les trois emblèmes, Hamburg 1805; Zum Krönungsfest, Frankfurt am Main 1825: Briefe von Reinhard, an ihn oder ihn betreffend (nach seinem Tod veröffentlicht): Zahlreiche, inzwischen verschollene Jugendbriefe, Wilhelm Lang, Analekten zur Biographie des Grafen Reinhard, in: Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte, Neue Folge 17 (1908), 17-100; Josef Eberle: Das Glück ihrer Bekanntschaft. Ein Brief Karl Friedrich Reinhards aus Paris an Schiller, in: Antares. Französische Hefte für Kunst, Literatur und Wissenschaft, Nr. 3 (1955), 19-27 (auch in Stuttgarter Zeitung vom 14. Mai 1955); Briefe an Cotta: Das Zeitalter Goethes und Napoleons, hrsg. v. Maria Fehling, Stuttgart u. Berlin 1825, 43, 48, 177, 456-466; Wilhelm von Humboldt: Briefe an Christine Reinhard-Reimarus, hrsg. v. Arndt Schreiber, Heidelberg 1956; 32 Briefe Reinhards (1802-1811) an Charles de Villers, in: Briefe an Ch. de Villers von Benj. Constant, Görres, Goethe, Jac. Grimm, Guizot, F.H. Jacobi, Jean Paul, Klopstock, Schelling, Mad. de Staël, J.H. Voß und vielen anderen. Auswahl aus dem handschriftlichen Nachlasse des Ch. de Villers, hrsg. v. M. Isler, Hamburg 1883, 321-376. Die betreffenden Briefe Reinhards wurden gesondert veröffentlicht, in: Karl Friedrich Reinhards Briefe an Ch. de Villers, Separatabdruck aus der zweiten Ausgabe der Briefe an Villers von Benj. Constant, Görres, Goethe..., hrsg. v. M. Isler, Hamburg 1883; 24 Briefe von Reinhard an Joseph von Hammer (1807-1825), in: Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall, Erinnerungen aus meinem Leben. 1774-1852, bearbeitet von Reinhart Bachhofen von Echt, Wien und Leipzig 1940, 472-513; Goethe und Reinhard. Briefwechsel in den Jahren 1807-1832. Mit einer Vorrede des Kanzlers Friedrich von Müller, Wiesbaden 1957; Ein großer Teil der politischen Korrespondenz und der Bulletins des französischen Gesandten in Kassel (1808-1813), in: Mémoires et correspondance du Roi Jérome et de la Reine Catherine, Bde. 3-4, Paris 1862-1865; Les rois frères de Napoléon, I. Documents inédits relatifs au premier empire, publiés par le baron Du Casse, Paris 1883, insbesondere 224-478; 2 Briefe von Reinhard (1808) an Friedrich Heinrich Jacobi, in: Aus F.H. Jacobis Nachlaß. Ungedruckte Briefe von und an Jacobi und andere nebst ungedruckten Gedichten von Goethe und Lenz, hrsg. v. Rudolf Zoeppritz, Bde. 1-2, Leipzig 1869, hier: Bd. 1, 367-369, 200-207; Briefe des Kanzleres Müller an Reinhard, hrsg. v. Jakob Minor, in: Chronik des Wiener Goethe-Vereins, Wien 1908-1910, Bd. 21, 31-36, Bd. 22, 1-12, 17-29, Bd. 23, 3-16, 17-30, 34-47, Bd. 24, 26-32; Briefe von Reinhard an Kanzler Müller (mit Anmerkungen von Ludwig Geiger) und: Aus den Briefen des Grafen Reinhard an den Baron I.H. von Wessenberg, hrsg. v. W. Lang, in: Goethe-Jahrbuch 11 (1890), s. 42-63; Une femme de diplomate. Lettres de madame Reinhard à sa mère. 1798-1815. Traduites de l'allemand et publiées pour la Société d'histoire contemporaine par la Baronne de Wimpffen, née Reinhard, sa petite-fille, Paris 1890.
Lit.: Gottschalk Eduard Guhrauer, Graf Karl Friedrich Reinhard. Eine Skizze. Vortrag, gehalten in der Gesellschaft für vaterländische Cultur zu Breslau im December 1843, in: Historisches Taschenbuch, hrsg. v. Fr. von Raumer, Neue Folge 7 (1846), 189-275; - Wilhelm Lang, Graf Reinhard. Ein deutsch-französisches Lebensbild (1761-1837), Bamberg 1896; - Hermann Munz, Karl Friedrich Reinhard, ein Schwabe im Dienste des revolutionären und konsularischen Frankreich, phil.-Diss. Tübingen 1952 ungedruckt; - Else R. Gross, Karl Friedrich Reinhard. Ein Leben für Frankreich und Deutschland, in: Gedenkschrift zum 200. Geburtstag, Stuttgart 1961, 12-110; - Robert Marquant, Karl Friedrich Reinhard. Diplomat und Schriftsteller, 1761-1837, in: Lebensbilder aus Schwaben und Franken, Bd. 13, hrsg. v. Robert Uhland, Stuttgart 1977, 144-189; - Jean Delinière, Karl Friedrich Reinhard. Ein deutscher Aufklärer im Dienste Frankreichs (1761-1837), Stuttgart 1989 (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B, Forschungen, Bd. 110: deutsche Übersetzung der habil.-Schrift Universität Paris IV, Mai 1983).