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Verlag Traugott Bautz
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REINHOLD, Karl Leonhard, Professor d. Philosophie, * 26.10. 1757 Wien, † 10.4. 1823 Kiel. - Nach dem Besuch des Gymnasiums in Wien trat R. im Herbst 1772 als Novize in das dortige Jesuitenkollegium ein und fand zwei Jahre später Aufnahme im Barnabitenkollegium. Dort wurde er im Oktober 1778 Lehrer der Philosophie. 1781 war R. Mitglied im Verein »Zur wahren Eintracht«, der für Gewissens- und Denkfreiheit eintrat. 1783 verließ er, ohne Dispens von den Ordensgelübden, Wien und gelangte nach Leipzig. Aus Furcht vor den Jesuiten verließ R. 1784 Leipzig und ging nach Weimar. Dort wurde er Mitarbeiter und zuletzt Redakteur von Ch.M. Wielands »Teutschem Merkur«. Auf Grund seiner »Briefe über die Kantische Philosophie« erfolgte 1787 die Ernennung zum a.o. Professor, 1791 zum Professor ordinarius supernumerarius in Jena. 1793 erhielt R. einen Ruf als o. Prof. der Philosophie in Kiel, den er 1794 annahm. R.s »Briefe über die Kantische Philosophie«, von Kant selbst als die maßgebliche Auslegung seiner Philosophie autorisiert, fanden schnell Verbreitung über den engen Kreis der Fachgelehrten hinaus und trugen entscheidend dazu bei, daß die Lehre des Königsberger Philosophen die vorherrschende Philosophie der Aufklärung ablöste. 1789 hatte R. in seiner philosophiegeschichtlich wohl bedeutendsten Schrift »Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens« (1789), in der er seine Elementarphilosophie« darlegte, den Versuch gemacht, die Lehre Kants einheitlich-systematisch darzustellen. Die Geschlossenheit dieser Darstellung erschien den Zeitgenossen als maßgebliche Zusammenfassung der Gedanken Kants. Nach intensiver Beschäftigung mit Fichtes Wissenschaftslehre eignete sich R. deren Standpunkt an und vertrat ihn in der preisgekrönten Studie »Über den gegenwärtigen Zustand der Metaphysik und der transzendentalen Philosophie überhaupt« (1796). Der rege persönliche Gedankenaustausch mit F.H. Jacobi brachte für R. eine zunehmende innere Distanzierung von Fichtes transzendentalem Subjektivismus mit sich. Bereits 1796 bezog R. eine mittlere Position zwischen Fichtes Wissenschaftslehre und Jacobis Glaubenslehre. Den äußeren Anstoß zu einem erneuten Systemwechsel bot der »Grundriß der ersten Logik« (1800) von C.G. Bardili, den R. rezensierte und dessen Ideen er durch die Gründung einer eigenen Zeitschrift »Beiträge zur leichteren Übersicht des Zustandes der Philosophie beim Anfange des 19. Jahrhunderts« (6 Hefte, 1801-1803) zu verbreiten suchte. Aber auch dieser Standpunkt Bardilis, der R. die Befreiung vom subjektiven Idealismus in seiner transzendental-philosophischen Ausprägung gebracht hatte, bildete für ihn nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zu seiner »fünften Philosophie«, die er in der »Grundlegung einer Synonymik für den allgemeinen Sprachgebrauch in den philosophischen Wissenschaften« (1812) formulierte. R. ist für die Geschichte der Philosophie von großer Bedeutung gewesen. Mit seinen »Briefen über die Kantische Philosophie« hat er wesentliche Voraussetzungen für die Aneignung des transzendentalen Kritizismus im deutschen Sprachraum geschaffen und anregend auf die Kantdeutungen Schillers und Schopenhauers gewirkt. Mit R.s »Elementarphilosophie« beginnt die Reihe der Umbildungen der Kantischen Philosophie zum Idealismus hin, die in den Systembildungen von Fichte, Schelling und Hegel gipfelte. R. hat, auch einer Anregung Bardilis folgend, die Idee einer spekulativen Logik systematisch ausgebildet und die Aufgabe, den Zusammenhang in der Philosophie von der Idee ihrer inneren systematischen Kontinuität her zu begreifen und darzustellen, gesehen. Ihre Durchführung erfolgte in Hegels philosophiehistoriographischem Werk in dialektisch-konstruierender Ausgestaltung.
Werke: Über die bisherigen Schicksale d. Kantischen Philosophie, in: Teutscher Merkur 1789; Versuch einer neuen Theorie d. menschlichen Vorstellungsvermögens, Jena 1789; Briefe über d. Kantische Philosophie, Leipzig 1790 (zuerst im Teutschen Merkur 1786); Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse d. Philosophen, 2 Bde, Jena 1790/94; Über das Fundament d. philosophischen Wissens, Jena 1791; Abh. über d. philosophischen Skepticismus, in: David Hume, Enquiry concerning human understanding. Deutsch, Jena 1793; Ausw. vermischter Schriften, 2 Bde, Jena 1796/97; Über d. gegenwärtigen Zustand d. Metaphysik, 1797; Verh. über d. Grundbegriffe u. Grundsätze d. Moralität, Lübeck 1798; Über die Paradoxien d. neuesten Philosophie, Jena 1799; Sendschreiben an J.C. Lavater u. J.G. Fichte über d. Glauben an Gott, Hamburg 1799; Beyträge zur leichtern Übersicht d. Zustandes d. Philosophie beym Anfange d. 19. Jh., Heft 1-6, Hamburg 1801/03; Briefwechsel mit Bardili über das Wesen der Philosophie und das Unwesen der Speculation, München 1804; Etwas über den Widerspruch, 1804, Prolegomenen zur Analysis in der Philosophie, Berlin 1804; Anleitung zur Kenntniß und Beurtheilung der Philosophie in ihren sämmtlichen Lehrgebäuden, Wien 1805; Versuch einer Auflösung der...Aufgabe: Die Natur der Analysis und der analytischen Methode..., München 1805; Versuch einer Kritik der Logik, 1806; Anfangsgründe der Erkenntniß der Wahrheit..., 1808; Rüge einer merkwürdigen Sprachverwirrung unter den Weltweisen, 1809; Grundlegung einer Synonymik für den allgemeinen Sprachgebrauch in den philosophischen Wissenschaften, Kiel 1812; Das menschliche Erkenntnißvermögen, Kiel 1816; Über den Begriff und die Erkenntnis der Wahrheit, Kiel 1817; Die alte Frage, was ist Wahrheit, Altona 1820.
Lit.: J.G. Fichte, Rezension von Änesidemus oder über die Fundamente der von R. gelieferten Elementarphilosophie, in: Allg. Lit. Ztg. 1794, Nr. 47-49; - G.W.F. Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie in Bezug auf R.s Beiträge, Jena 1801; - F.W.J. Schelling, Über das absolute Identitätssystem und sein Verhältnis zu dem neuesten (Reinholdischen) Dualismus. Ein Gespräch, in: Kritisches Journal der Philosophie 1,1. Stück, Tübingen 1802; - J.F. Fries, R., Fichte und Schelling, Leipzig 1803; - 17 Briefe von R. an den Theologen A. Twesten im Nachlaß Twesten in der SHLB. Papiere R.s im Nachlaß J.F. Kleuker (UB Kiel); - Briefwechsel mit Louise Stolberg, in: Efterladte Papirer fra den Reventlowske Familienkreds, hrsg. v. L. Bobé, 10 Bände, Kopenhagen 1895-1931 (s. Register, Bd 10); - Aus Jens Baggesen's Briefwechsel mit K.L.R. und F.H. Jacobi 1, Leipzig 1931; - E. Reinhold, K.L.R.s Leben und literarisches Wirken nebst einer Auswahl von Briefen Kants, Fichtes, Jacobis u.a. an ihn, Jena 1825; - J.E. Erdmann, Die Entwicklung der deutschen Spekulation seit Kant 1, Leipzig 1848; - M.v. Zynda, Kant, R., Fichte, Berlin 1910 (Kantstudien, Erg.-H. 20); - O. Brandt, Geistesleben und Politik in Schleswig-Holstein um die Wende des 18. Jh., 2. Aufl. Kiel 1927; - F. Weinhandl, C.L.R. Ein Kapitel aus der Problemgeschichte des Kritizismus, in: VSHUG 26, 1930, 65-94; - M. Wundt, Die Philosophie an der Univ. Jena 1932, 147-182; - F. Volbehr-R. Weyl, Professoren und Dozenten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 1665-1954, Kiel 1956, 136; - A. Klemmt, K.L.R.s Elementarphilosophie. Eine Studie über den Ursprung des spekulativen deutschen Idealismus, Hamburg 1958; - Ders., Die philosophische Entwicklung K.L.R.s nach 1800, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 15, 1961, 79-101; - P. Rohs, Philosophie, in: Gesch. d. Philosophischen Fak., Neumünster 1969 (Gesch. d. Christian-Albrechts-Univ. Kiel 1665-1965, Bd 5, T. 1), 34-51, 56; - Philosophie aus einem Prinzip: K.L.R. 7 Beiträge nebst einem Briefekatalog aus Anlaß seines 150. Todestages. Hrsg. v. R. Lauth, Bonn 1974 (Conscientia 6); - A.v. Schoenborn, K.L.R. Eine annotierte Bibliographie, Stuttgart-Bad Canstatt 1991; - ADB 28, 82-84; - B. Kordes, Lexikon der jetztlebenden schleswig-holsteinischen und eutinischen Schriftsteller, Schleswig 1797, 272-276; - D.L. Lübker/H. Schröder, Lexikon der Schleswig-Holstein-Lauenburgischen und Eutinischen Schriftsteller von 1796 bis 1828, 2. Band, Altona 1829-1831, 463-465, 845 f.; - Schleswig-Holsteinisches Biographisches Lexikon, Band 5, Neumünster 1979, 227-231.
Jendris Alwast
Werkeergänzung:
2005
Letters on the K.ian philosophy. Ed. by Karl Ameriks. Transl. by James Hebbeler. Cambridge 2005;
2007
Korrespondenzausgabe der Österreich. Akademie d. Wiss. Stuttgart- Bad Cannstatt Bd. 1: 1983; Bd. 2: 2007; - Gesammelte Schriften. Hrsg. von Martin Bondeli. Kommentierte Ausg. Basel 2007ff.
Literaturergänzung:
2002
Antonio Trampus, Due oppositi concetti di libertà. Gli ex gesuiti e la polemica antikantiana tra Settecento e Ottocento, in: Aste 19.2002, S. 417-436; -
2004
Alessandro Lazzari, "Das Eine, was d. Menschheit Noth ist". Einheit u. Freiheit in d. Philos. K.L.R.s (1789-1792). Stuttgart-Bad Cannstatt 2004; -
2006
K.L.R.: alle soglie dell'idealismo. Pisa 2006 (=Archivio di filosofia; 73); - K.L. Reinhold. Am Vorhof d. Idealismus. Hrsg. von Pierluigi Valenza. Pisa 2006; -
2008
Luis Eduardo Hoyos Jaramillo, Der Skeptizismus u.d. Transzendentalphilosophie. Dt. Philos. am Ende d. 18. Jhrs. Freiburg/Br. 2008; - Am Rande d. Idealismus. Studien zur Philosophie K.L.R.s. Wolfgang Kersting/Dirk Westerkamp (Hrsg.). Paderborn 2008.
Letzte Änderung: 17.01.2010