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Band XXIX (2008) Spalten 1164-1168 Autor: Michael Ludscheidt

REINTHALER, Karl Christian Wilhelm, Pfarrer, Pädagoge, Schriftsteller, Gründer des Erfurter Martinsstifts * 22.8. 1794 in Erfurt, Eltern: Fabrikant Karl Friedrich R. und Christina Maria Sophia geb. Siegel, † 1.8. 1863 in Erfurt. - Die Atmosphäre in Reinthalers Elternhaus wurde von der glaubensstrengen Mutter, einer evangelischen Pfarrerstochter, geprägt, die das einzige, spätgeborene Kind aus ihrer Ehe mit dem Fabrikanten Karl Friedrich R. frühzeitig für den Beruf des Geistlichen bestimmte. Demgemäß wurde R. bereits ab dem vierten Lebensjahr zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch angehalten, mußte die in der Kirche gehörten Predigten zu Hause aus dem Gedächtnis wiederholen und die Lieder des Gesangbuchs auswendig lernen. Vom sechsten Lebensjahr an erhielt er Privatunterricht in der lateinischen und französischen Sprache sowie im Rechnen, Schreiben und Zeichnen. Ab 1809 besuchte R. das Evangelische Ratsgymnasium in seiner Geburtsstadt und ließ sich, einer Mitteilung des Sohnes Paul zufolge, 1813 an der Erfurter Universität inskribieren (in der Matrikel nicht zu belegen). Seit 1814 studierte er in Göttingen und im Wintersemester 1816/17 kurzzeitig in Berlin Theologie. Über die Ausrichtung des Studiums und den Einfluß einzelner Theologen auf R. (in Göttingen wäre an Planck, Stäudlin oder Lücke, in Berlin an Schleiermacher, de Wette, Marheineke oder Bellermann zu denken) ist nichts bekannt. Seine Auffassung vom Theologiestudium spiegelt allenfalls die Aussage des Sohnes wider, daß er weder philosophischen Studien, noch historisch-kritischen Untersuchungen zugeneigt gewesen sei. Der Tod des Vaters rief R. Anfang 1817 nach Erfurt zurück. Um sich die Anwartschaft auf eine Pfarrstelle zu sichern, legte er noch im gleichen Jahr vor dem dortigen Evangelischen Ministerium das theologische Examen ab. - Die entscheidende Wende im Leben R.s führte die Begegnung mit Johannes Daniel Falk (1768-1826) herbei, den er zeitlebens als seinen "geistlichen Vater" verehrte. Von dessen Wirken im Weimarer Lutherhof, der als das Urbild des Rettungshauses im 19. Jahrhundert gilt, tief beeindruckt, faßte R. den Entschluß, sein Handeln fortan auf die Fürsorge an hilfebedürftigen Kindern zu konzentrieren und eine dem Falkschen Institut vergleichbare Anstalt in Erfurt zu errichten. Nachdem auf seine Initiative 1820 zunächst die "Gesellschaft der Freunde in der Noth zu Erfurt" ins Leben getreten war, wurde das von privaten Spenden und dem Wohlwollen der Stadtväter getragene Rettungswerk für "arme und verlassene Kinder" am 10. November 1821, bezeichnenderweise dem Tag der Eheschließung von R., im Westflügel des Erfurter Augustinerklosters institutionalisiert. Damit setzte R. als erster in Deutschland, noch vor Johann Hinrich Wichern, das Werk Falks außerhalb von Weimar fort. Mit Bezug auf den heiligen Martin von Tours und Martin Luther legte er seiner ganz dem Weimarer Vorbild nachgestalteten Schöpfung den Namen "Martinsstift" zu. Das Programm der Einrichtung war zum einen auf die leibliche Versorgung und schulische, insbesondere religiöse Unterweisung notleidender Kinder, zum anderen auf ihre berufliche Ausbildung und nicht zuletzt auf ihre Erziehung zur christlichen Nächstenliebe ausgerichtet. Diese Ziele trachtete R. durch die Einrichtung mehrerer aufeinander bezogener Institute - (1) der Erziehungsanstalt für Knaben in Handwerkerfamilien, (2) der Sonntagsschule, (3) dem Volksschullehrerseminar, (4) der Näh- und Strickschule für Mädchen, (5) der Erziehungsanstalt für jüngere Kinder in christlichen Familien sowie (6) der Unterstützungsanstalt für arme Schulkinder - unter dem Dach des Martinsstiftes zu verwirklichen. Um das Fortbestehen der Anstalt dauerhaft zu sichern, trat auf R.s Bitte 1849 ein Erhaltungsrat zusammen. Auf dem Fundament des gleichzeitig formulierten und später mehrfach revidierten "Grundbriefes", der als den Hauptzweck der Einrichtung die "christliche Volkserziehung" nennt, existierte das Martinsstift bis 1959. - R. hat sich "zum besten des Martinsstiftes", wie auf den Titelblättern häufig zu lesen ist, erfolgreich als geistlicher Schriftsteller betätigt. Ab den späten 1820er Jahren trat er mit zahlreichen erbaulichen, homiletischen, hymnologischen, liturgischen und religiös grundierten panegyrischen Schriften an die Öffentlichkeit, die im Verlag des Martinsstiftes erschienen und deutschlandweit vertrieben wurden. Viele von ihnen erreichten mehrfache Auflagen, die Verkaufserlöse flossen in die Unterhaltung der Rettungs- und Erziehungsanstalt ein. Als Herausgeber nahm sich R. des literarischen Nachlasses von Falk an. Die 1827 zur Subskription angekündigte Biographie auf der Grundlage ungedruckter Briefe und Tagebücher ("Johannes Falk's Sterben und Leben in Christo", als Manuskript im Archiv des Martinsstifts überliefert), zu deren Darstellung R. wie kein anderer berufen war, blieb allerdings unveröffentlicht. So ist das, was R. über Falk zu sagen hatte, lediglich in gedrängter Form im Nachwort zu dessen Schrift "Der allgemeine Christliche Glaube" niedergelegt. Mit dieser hagiographisch getönten Würdigung verfügt die Forschung gleichwohl über die früheste biographische Schilderung Falks überhaupt. - Wie die Jahresberichte ausweisen, bemühte sich R. von Anbeginn um den Aufbau einer Bibliothek für das Martinsstift. Sie sollte zum einen den Bedürfnissen des Unterrichts in der Erziehungsanstalt Rechnung tragen, zum anderen aber, so das ehrgeizige Ziel R.s, die Reformationszeit in ihren literarischen Zeugnissen dokumentieren. Bei seinem Tod umfaßte die Büchersammlung annähernd 4500 Bände, worunter sich Handschriften und alte Drucke in erheblicher Zahl befanden. Kriegseinwirkungen dezimierten den Bestand 1945 auf ein Drittel seiner ursprünglichen Größe. - R.s ab 1821 ganz dem Wirken für das Martinsstift gewidmetes Leben verlief äußerlich ohne besondere Höhepunkte. Aus seiner Ehe mit Maria Dorothea Dufft gingen acht Kinder hervor, von denen die Söhne Carl Martin als Komponist und Paul als erster Biograph seines Vaters einige Bekanntheit erlangten. 1846 wurde R. durch Friedrich Wilhelm IV. mit dem Titel eines "Königlichen Rektors" ausgezeichnet. Die Schließung der städtischen Frei- und Erwerbsschule, der er neben seiner Tätigkeit im Martinsstift 30 Jahre lang vorgestanden hatte, beraubte ihn im Jahr 1853 seiner Einkünfte. R.s letztes Lebensjahrzehnt war von der bitteren Erfahrung überschattet, aus der Leitungsposition des von ihm gegründeten Rettungshauses allmählich hinausgedrängt zu werden. Seine bedeutende Stellung in der Geschichte der Sozialreformen, der Pädagogik und des Rettungshauswesens im 19. Jahrhundert steht dessen ungeachtet außer Frage.

Werke: Jahresberichte der Gesellschaft der Freunde in der Not zu Erfurt bzw. [ab 1822] des Martinsstifts, Erfurt 1820-1844; Nachrede, in: Johannes [Daniel] Falk, Der allgemeine Christliche Glaube mit Chorälen und Kupfern, wie solcher im Luthershofe zu Weimar mit den Zöglingen der Freunde in der Noth gesungen und volksmäßig durchsprochen wird, Weimar 1827, S. 49-67; (Hg.) Dr. Martin Luther und die Reformation in Volksliedern von Johannes Falk, Erfurt 1830, 18553; Die heilige Passion unsers Herrn in sechs Fastenandachten, Erfurt 1837, o. J.2, 18563; Sangweisen und Saitenspiel zur heiligen Passion unseres Herrn, Erfurt 1837; Des Königs und Volkes Freude in dem Herrn. Eine Festandacht und vierzig Freudenlieder zusammengestellt im Jubeljahre 1840, Erfurt 1840, 18402; Die hohen Feste unsers Herrn. Drei historische Liturgieen für Weihnachten, Ostern und Pfingsten, Erfurt 1840, 18422, 18563; Seiner Majestät Friedrich Wilhelm dem Vierten unserm geliebten Landesvater dem Allzeitmehrer Überallgründer und Alleseiniger auf dem Denksteine Seiner Königlichen Gnade vor der Lutherspforte ein Dankopfer des Martinsstiftes, Erfurt 1842; Adam und Christus oder der Christbaum in M. Luthers Kinderstube. Ein Weihnachtsbüchlein für alle Christenkinder, Erfurt 1843, 18442, o. J.4; Sangweisen und Saitenspiel zum Christbaum in M. Luthers Kinderstube, Erfurt [1843]; Einig und frei in dem Herrn. Ein Hosianna deutscher Brüder 1848, Erfurt 1848; Zur Jubelfeier des deutschen Friedens 1648 und 1848, Erfurt 1848; Die heilige Geburt unsers Herrn. Eine historische Liturgie für den Weihnachtsabend und die Christmette, sammt zehn Spruchliedern für diese heiligen Tage, Erfurt [vor 18502], 18503, o. J.4, 18545, 18556, 18567, 18619; Die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang, Die Furcht aber des Geistes Liebe und Friede. Predigten und Andachten in der Stadt des Friedens 1521 und 1850 gehalten. Dem deutschen Unions-Parlamente ein Hosianna im Hause Concordiä, Erfurt 1850; Tafellieder für deutsche Glaubensbrüder, Erfurt 1850, nach 18522; Unsere Lutherslieder zu unsrer Reformation in Kirche, Schule und Haus, Erfurt [um 1850]; Die Königskrone. Unserm Landesvater ein Hosianna zum 3. Halljahre Seines Königreichs, Erfurt 1851; Des Mittlers Gehorsam eine Passions-Liturgie und Probe auch der neuen Ausgabe der heiligen Passion unseres Herrn, Erfurt 1852; Das Vorwort der deutschen Lutherbibel dem sechsten deutschen Kirchentage zu brüderlicher Prüfung vorgelegt, Erfurt 1852; Deutsche Liederbibel aus dem Worte Gottes mit den Liedern der Kirche, Erfurt [nach 1852], 18632; Zwei Denkschriften über die städtische Schule im Martinsstifte, den beiden Wohllöblichen Stadtbehörden dienstwilligst vorgelegt, Erfurt 1853; Der Sieg des Lammes und seiner Gerechten. Eine historische Liturgie vor und am Sonntage Cantate aus der deutschen Liederbibel. Dem siebenten deutschen Kirchentage im Jahre unsers Heils 1854, Erfurt 1854; Die Schöpfung. Eine historische Liturgie aus der deutschen Liederbibel. Dem achten deutschen Kirchentage im Jahre unsers Heils 1855, Erfurt 1855; Unsre Freude auch im Leide. Dem geliebten Landesvater zu Seinem Geburtstage 1857 ein Hosianna aus der deutschen Liederbibel, Erfurt 1857; Einig in Gott! Unserm jungen Erben der Friedrichskrone ein Halleluja aus der deutschen Liederbibel, Erfurt 1858; Selig in Gott! Unserm jüngsten Erben der Friedrichskrone ein Hosianna zu Seiner Taufe, Erfurt 1859.

Lit.: Friedrich Zange, Karl Christian Wilhelm Reinthaler, in: Denkschrift der Thüringer Konferenz für Innere Mission zum Gedächtnis des hundertjährigen Geburtstags K. Reinthalers 22. August 1894, Erfurt 1894, 3-8; - Paul Reinthaler, Gedächtnisrede auf Karl Reinthaler, zur 75jährigen Stiftungsfeier des Martinsstiftes in Erfurt, 15. Sept. 1896, in: Monatsschrift für Innere Mission 16 (1896), 489-498; - Paul Reinthaler, Karl Reinthaler. Königl. Rektor des Martinsstiftes in Erfurt und seine Familie. Aus dessen Aufzeichnungen und nach eigener Erinnerung dargestellt, Hamburg 1897; - Katharina Trutz, Karl Christian Wilhelm Reinthaler, in: Mitteldeutsche Lebensbilder. Bd. 4: Lebensbilder des 18. und 19. Jahrhunderts, Magdeburg 1929, 229-241; - Wilhelm Velten, Kunstpflege in Erfurt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Ausschmückung des Festsaals im Martinsstift durch Karl Reinthaler, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt 55 [N. F. 2] (1994), 75-99; - Ingrid Sturm, Welche pädagogischen Ideen verbargen sich hinter der Gründung des Erfurter Martinsstiftes durch Karl Reinthaler im Erfurter Augustinerkloster?, in: Stadt und Geschichte 12, Erfurt 2001, 12; - Michael Ludscheidt, Die Flugschriftensammlung der Martinsbibliothek in der Bibliothek des Evangelischen Ministeriums Erfurt, in: Ulman Weiß (Hrsg.), Flugschriften der Reformationszeit. Colloquium im Erfurter Augustinerkloster, Tübingen 2001, 9-16; - Sigrid Nagy, Es wuchs ein Baum im Paradies. Wie Luther im 19. Jahrhundert zum Weihnachtsbaum kam, Weimar 2003, 27-35, 36 ff.; - Oliver Schwarz-Roosmann, Carl Martin Reinthaler. Lebensweg eines Bremer Musikdirektors, Münster, Hamburg, London 2003 (Musikwissenschaft, 8), 9-12; - Michael Ludscheidt, Des Falkschen Instituts "Tochter zu Erfurt". Karl Christian Wilhelm Reinthaler und die Anfänge des Martinsstifts, in: Falk-Jahrbuch 1 (2004/05), Weimar 2006, 77-89; - RGG1 IV (1913), Sp. 2166-2167; - Johannes Biereye, Erfurt in seinen berühmten Persönlichkeiten, Erfurt 1937, 88.

Michael Ludscheidt

Literaturergänzung:

2008

Michael Ludscheidt: "ihm nachleben". Zum Verhältnis von Falk und Reinthaler. In: Falk-Jahrbuch 2006/2007/2008 (Weimar 2008), S. 73-76.

Letzte Änderung: 05.05.2009