Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band VII (1994)Spalten 1578-1581 Autor: Hubert Wolf

REISER, Wilhelm von (1835-1898), Bischof von Rottenburg 1893-1898, württembergischer Personaladel seit 1881, * 13.5. 1835 in Egesheim (Kreis Tuttlingen) als Sohn des Schultheißen Leonhard Reiser und seiner Ehefrau Gertrud geb. Stier, + 11.5. 1898. - R. stammte aus einer kinderreichen katholischen Familie und durchlief den für die Aspiranten des geistlichen Standes in Württemberg damals üblichen Ausbildungsgang (Konvikt in Rottweil). An der Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät studierte er von 1854-1858 als Konviktor des Wilhelmsstifts Philosophie und Theologie und erhielt vor seinem Kurskollegen Franz Xaver Linsenmann, dem späteren Moraltheologen, 1857 den Preis der Theologischen Fakultät für eine Arbeit über die Gnadenlehre des Baius. Durch Bischof Josef von Lipp 1859 zum Priester geweiht, wurde R. zunächst zwei Jahre als Vikar in Spaichingen in der praktischen Seelsorge eingesetzt und bereits 1861 zum Repetenten am Tübinger Wilhelmsstift berufen. 1867 zum Lizentiaten der Theologie promoviert, unternahm er eine längere Studienreise nach Österreich, danach erfolgte die Ernennung zum Präfekten des Martinihauses (Knabenseminar) in Rottenburg. - Nach den heftigen Auseinandersetzungen um die Priesterausbildung im Bistum Rottenburg (»Tridentinisches Seminar« oder »Theologische Fakultät«?), die in den sogenannten »Rottenburger Wirren« der Jahre 1866/68 kulminierten und zum Amtsverzicht des damaligen Direktors des Wilhelmsstifts Emil Ruckgaber führten, wurde R. 1869 provisorisch und 1870 definitiv zu dessen Nachfolger bestellt. Offenbar sah die Diözesanleitung, vor allem der neue Rottenburger Bischof und vormalige Kirchenhistoriker Carl Joseph von Hefele, in R. einen Mann des Ausgleichs, der zwischen »Liberalen« und »Ultramontanen« Versöhnung schaffen und so die Diözese Rottenburg aus dem Kreuzfeuer der römischen Kritik heraushalten konnte. Tatsächlich gelang es, das »Tübinger Modell« der Klerikerausbildung gegen die geplante Errichtung eines »Tridentinischen Seminars«, welche die Aufhebung der Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät und des Wilhelmsstifts zur Folge gehabt hätte, zu verteidigen. Deutsch-Französicher Krieg, Unfehlbarkeitsdogma und Kulturkampf taten das Ihrige, um von Tübingen abzulenken. - Im Gegensatz zu seinen Vorgängern erhielt R. keinen Lehrauftrag für Pastoraltheologie an der Fakultät, was er als Zurücksetzung empfand. Zwar wurde sein Name im Zusammenhang mit der Nachfolge Hefeles 1869 (Professur für Kirchengeschichte) genannt, R. hatte jedoch keine wirklichen Chancen. Einen Ruf an die Katholische Akademie in Münster/Westfalen, der ihm die Möglichkeit zur erstrebten wissenschaftlichen Karriere geöffnet hätte, lehnte er 1876 ab. Die Tübinger Fakultät bedankte sich 1877 mit der Promotion zum Dr. theol. h.c. Mit dem Amt eines Direktors des Wihelmsstifts war damals die Aufgabe als Stadtpfarrer von Tübingen verbunden. Hier engagierte sich R. - zusammen mit dem Dogmatiker Johannes Evangelist Kuhn - für den Neubau der St. Johannes Kirche und einer katholischen Volksschule. - Mit fünf von sechs Stimmen wurde R. 1879 durch Kapitelswahl Mitglied des Rottenburger Domkapitels, gleichzeitig Dompfarrer. Seit 1881 Vorstand des Kuratoriums des Martinihauses, vertrat er von 1880-1886 die Interessen des Domkapitels in der Württembergischen Kammer der Abgeordneten. Da sich bei Bischof Hefele die Folgen des Alters immer deutlicher bemerkbar machten und sowohl Regierung als auch Domkapitel massive Schwierigkeiten von Seiten Roms bei einer eventuell fälligen Bischofswahl erwarteten, verständigte man sich zum bisher einzigen Mal in der Geschichte der Diözese Rottenburg auf die Bestellung eines Koadjutors mit dem Recht der Nachfolge. Die Wahl Hefeles fiel auf R., der von Papst Leo XIII. am 31.8.1886 zum Titularbischof von Enos und Weihbischof von Rottenburg cum jure succedendi ernannt wurde. Umgehend ernannte ihn Hefele zum Generalvikar (alter ego episcopi) und spendete ihm die Bischofsweihe. Mit dem Tod Hefeles am 5.6.1893 trat er die Nachfolge an. - Neben den Episkopaten Hefeles (1869-1893) und Paul Wilhelm von Kepplers (1898-1926) nimmt sich Reisers Amtszeit sehr bescheiden aus. Er konnte wenig Akzente setzen; im Vordergrund stand der Neubau von katholischen Kirchen - vor allem in den württembergischen Diasporagebieten -, die Gründung katholischer Vereine und der Kampf um die Zulassung von Männerorden im Königreich Württemberg. Obwohl es den Anschein hatte, als ob R. nur der treue Erfüllungsgehilfe der auf Ausgleich zwischen Staat und Kirche bedachten Hefele'schen Kirchenpolitik sei, ging er nach und nach einen eigenen Weg. So scheint er die Gründung einer württembergischen Zentrumspartei unterstützt zu haben, während Hefele der Existenz des Zentrums in Preußen die Hauptschuld am Entstehen des Kulturkampfs gegeben hat. Die ehemals guten Beziehungen zur Stuttgarter Regierung und zur Tübinger Fakultät kühlten ab; insbesondere mit der kritischen Kirchengeschichtsschreibung eines Franz Xaver Funk konnte R. wenig anfangen. Der in jungen Jahren »liberal« gescholtene R. ließ mehr und mehr »ultramontane« Züge erkennen. Er galt als bescheiden, die Verwaltungsgeschäfte des Bistums und die Pontifikalien nahm er sehr ernst. Er starb am 11.5.1898 an den Folgen einer Magenblutung auf einer Firmungsreise in Ellwangen/Jagst und wurde in der Bischofsgruft der Sülchen-Kapelle bei Rottenburg beigesetzt.

Werke: Mehrere Rezensionen in ThQ 43 (1861) bis ThQ 50 (1868); Praxeas und Kallistus, in: ThQ 48 (1866), 349-372; Katechismus für das Bistum Rottenburg, hrsg. auf Befehl und mit Gutheißung des hochwürdigsten Bischofs Karl Joseph, Freiburg i. Br. 1887.

Lit.: Franz Xaver Linsenmann, Trauerrede auf den hochseligen Bischof von Rottenburg Dr. Wilhelm von Reiser, gehalten im Dome am Tage der Beisetzung, den 16. Mai 1898, Rottenburg 1898; - Nekrolog, in: Deutsches Volksblatt Nr. 108, 1898; - Alfons Neher, Personalkatalog der seit 1845 ordinierten und z. Zt. in der Seelsorge verwendeten geistlichen Kurse des Bistums Rottenburg nebst einer Sozialstatistik der Landesgeistlichkeit, Stuttgart 41909, 64; - August Willburger, Bischof Wilhelm von Reiser, in: Franz Stärk (Hrsg.), Die Diözese Rottenburg und ihre Bischöfe 1828-1928. Ein Festbuch zum hundertjährigen Jubiläum der Diözese, Stuttgart 1928, 205-214; - Die Gräber von Sülchen, in: Rottenburger Monatsschrift für praktische Theologie 17 (1933/34), 207-214; - Franz Weber, Geschichte des Katechismus in der Diözese Rottenburg von der Aufklärungszeit bis zur Gegenwart. Mit einer Vorgeschichte über die schwäbischen Katechismen von Canisius bis Felbiger, Freiburg i. Br. 1939, 189-202; - August Hagen, Geschichte der Diözese Rottenburg Bd. 2, Stuttgart 1958; - Ders., Wilhelm Reiser 1835-1898, in: ders., Gestalten aus dem schwäbischen Katholizismus Bd. 4, Stuttgart 1963, 7-34; - Eduard Hegel, Geschichte der katholisch-theologischen Fakultät Münster 1773-1964, 2 Bde., Münster 1966/71; - Hermann Tüchle, Aus der Geschichte der Diözese Rottenburg und ihrer Bischöfe, in: Nur kein Geist der Verzagtheit. Festgabe zum silbernen Weihejubiläum des Rottenburger Diözesanbischofs Dr. Carl Joseph Leibrecht 1948-1973, Rottenburg 1973, 3-24; - Rudolf Reinhardt, Art.: Reiser, Wilhelm von, in: Erwin Gatz (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1758/1803 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, Berlin 1983, 606-608; - Ders. (Hrsg.), Franz Xaver Linsenmann. Sein Leben Bd. 1: Lebenserinnerungen, Sigmaringen 1987; - Paul Kopf, Bischof Wilhelm Reiser - Einblicke in Leben und Zeit, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 5 (1986), 375-386; - Barbara Deifel/Elke Kruttschnitt, Die Bischöfe der Diözese Rottenburg-Stuttgart, in: Das katholische Württemberg, Ulm 1988, 81-100; - Hubert Wolf, Ketzer oder Kirchenlehrer? Der Tübinger Theologe Johannes von Kuhn (1806-1887) in den kirchenpolitischen Auseinandersetzungen seiner Zeit (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen Bd. 58), Mainz 1992.

Hubert Wolf

Letzte Änderung: 13.02.1999