REITHMAYR, Franz Xaver, katholischer neutestamentlicher Exeget, * 16.3. 1809 in Illkofen bei Regensburg als dritter Sohn des Söldners und Wagnermeisters R., + 26.1. 1872 in München. - Schon als Vierjähriger verlor F. X. R. am 13.7. 1813 seinen Vater. Trotz seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen konnte er im Herbst 1820 in die Lateinschule in Regensburg eintreten, die er bereits sechs Jahre später im Alter von etwas über siebzehn Jahren mit dem Abitur verließ. Dabei war es seine in den Gymnasialjahren bei der Regensburger Familie von Lilien geübte Hauslehrertätigkeit, die ihm nicht nur über manche finanzielle Engpässe hinweghalf, sondern die ihn darüber hinaus den Umgang mit der höheren Gesellschaft lehrte. Nach zweijährigen philosophischen und weiteren zweijährigen theologischen Studien im bischöflichen Lyzeum in Regensburg wechselte R. im Herbst 1830 an die Universität München, wo er neben theologischen auch einzelne philologische Vorlesungen besuchte. Sein Alumnat im Regensburger Priesterseminar (1831-1832) schloß am 20.8. 1832 in Regensburg mit dem Empfang der Priesterweihe. Noch im Herbst 1832 trat R. die Stelle eines Religionslehrers am königlichen Gymnasium zu Regensburg an, begab sich aber schon nach Abschluß des Schuljahres 1832/33 an die Universität München, um sich dort auf das theologische Hochschullehramt vorzubereiten. In München waren es Johann Joseph Ignaz von Döllinger und der seit Sommersemester 1835 dort lehrende Johann Adam Möhler, die ihren prägenden Einfluß auf R. ausübten. Insbesondere dem letzteren verdankte er seine Liebe zur Patrologie. Aufgrund seiner am 15.6. 1836 von der Theologischen Fakultät einstimmig gekrönten Preisarbeit zu dem Thema »Bedarf die hl. Schrift eines obersten Auslegers? Wer ist dieser? und inwieweit beschränkt er die Privatauslegung?« (unveröffentlicht) wurde der 1835/36 am neuen königlichen Gymnasium in München als Religionslehrer tätige R. am 17.8. 1836 von der Theologischen Fakultät der Universität München »cum nota eminentiae« zum Doktor der Theologie promoviert. Schon am 22.3. 1837 wurde R. an derselben Fakultät zum außerordentlichen Professor für neutestamentliche Exegese ernannt; seine Stelle als Religionslehrer behielt er in Anbetracht der geringen Besoldung als Extraordinarius nichtsdestoweniger bis zum Ende des Wintersemesters 1837/38 bei. Nach der Ernennung des außerordentlichen Professors für Kirchenrecht und neutestamentliche Exegese Friedrich Windischmann zum Domkapitular am 4.7. 1839 vertrat R. die neutestamentliche Exegese allein, zunächst als Extraordinarius, seit 24.10. 1841 als Ordinarius. R.'s Verehrung seines Förderers Johann Adam Möhler schlug sich in seinen ersten Publikationen, der von ihm herausgegebenen Patrologie Möhlers (1840) sowie dem unter teilweiser Zugrundelegung Möhlerscher Manuskripte verfaßten Römerbriefkommentar (1845) nieder. Neben seiner literarischen Tätigkeit, die ebenso von einer gewissen Distanz gegenüber der modernen historisch-kritischen Exegese wie von einer deutlichen Orientierung an der Väterexegese zeugt, widmete sich R. ausgiebig seinen Studenten, denen er eine praxisnahe Schriftauslegung vermittelte und vor deren materiellen wie seelischen Sorgen sein Engagement als Hochschullehrer nicht haltmachte. In Anerkennung seiner Lehr- und literarischen Tätigkeit wurde R. am 1.1. 1861 von König Maximilian II. von Bayern mit dem Ritterkreuz des St. Michaelsordens I. Klasse ausgezeichnet. Obgleich R. in früheren Jahren dem ultramontanen Anliegen einer Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit reserviert gegenüberstand - noch im Herbst 1869 zählte er zu den Mitunterzeichnern des antiinfallibilistischen Majoritätsgutachtens der Theologischen Fakultät der Universität München, wobei er nach Auffassung seines Kollegen Anton Thalhofer gegen das in Aussicht gestellte Dogma keine grundsätzlichen theologischen, sondern vielmehr nur Opportunitätsgründe geltend machte -, unterwarf er sich der auf dem Ersten Vatikanischen Konzil vollzogenen dogmatischen Definition der päpstlichen Infallibilität.
Werke: Hrsg. v. Dr. J. A. Möhler's ... Patrologie, od. christliche Literärgesch. Aus dessen hinterlassenen Hss. mit Ergg., I, 1840; Gedanken über das hl. Meßopfer, in: Katholik (1842) 193 ff.; Historischer und mythischer Christus, in: HPBl 9 (1842) 401-427. 529-541. 673-684; 10 (1842) 175-189; Rezension z.: F. C. A. Schwegler, Der Montanismus und die christliche Kirche des zweiten Jh., 1841, in: Arch. f. theol. Lit. 1 (1842) 247-261; Rezension z.: Carl Semisch, Justin der Märtyrer. Eine kirchen- und dogmenhist. Monogr., I, 1840, in: Arch. f. theol. Lit. 1 (1842) 321-335; Rezension z.: Ders., Justin der Märtyrer. Eine kirchen- und dogmenhist. Monogr., II, 1842, in: Arch. f. theol. Lit. 1 (1842) 632-662; Hrsg. der Patrum apostolicorum S. Clementis Rom., S. Barnabae, S. Ignatii & S. Polycarpi epistolae. Accedunt S. Ignatii & S. Polycarpi martyria, 1844; Commentar z. Briefe an die Römer, 1845, repr. Nachdr. 1976; Einl. in die canonischen Bücher des neuen Bundes, 1852; Hrsg. des Novum Testamentum Graece et Latine, 1857; Ueber Idee und Ziel der Universitäten. Rede an die Studierenden der Ludwig-Maximilians-Univ. in München, gehalten am 12. Dezember 1857, 1857; Ueber das Promotionsrecht und die Promotion z. den akademischen Ehrengraden. Festrede z. Jahresfeier der Stiftung der Ludwig-Maximilians-Univ. am 26. Juni 1858, 1858; Commentar z. Briefe an die Galater, 1865; Hrsg. der Bibliothek der Kirchenväter (fortges. v. Valentin Thalhofer), 80 Bde., 1869-1888; Lehrb. der bibl. Hermeneutik aus dessen hinterlassenen Hss. mit Ergg. und einer Lebensskizze des Verf. hrsg. v. Valentin Thalhofer, 1874; Möhler, Johann Adam, in: Wetzer-Welte1 VII (1851), 189-197; Maria, die allseligste Jungfrau und Mutter Jesu, in: Wetzer-Welte2 VIII (1893), 711-727; Möhler, Johann Adam, in: A.a.O. VIII (1893), 1677-1689.
Lit.: Ernest Zeller u. Johann v. G. Gierl, Licht- und Lb. des Clerus aus der Erzdiöcese München-Freising. (1840-1890), 1892, 392-407; - Raimund Lachner, Jakob Frohschammer (1821-1893). Leben und Werk, 1990, passim; - ADB XXVIII, 165; - Werner 530. 539 f. 561; - Wetzer-Welte X, 1001 f.; - HN V/2, 1590-1592; - Grabmann, GkTh 240; - Kosch, KD, III, 3897; - LThK1 VIII, 753; - EC X, 683 f.; - DE III, 472; - LThK VIII, 1155.