Verlag Traugott Bautz |
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REU, Johann Michael, * 16.11. 1869 in Diebach in Bayern, + 1943. - 1889 ging er nach Nordamerika. 1890 wurde er Pastor in Rock Falls (Illinois). 1899 wurde er zum Professor für Systematische Theologie an das Wartburg-Seminary in Dubuque berufen, wo er bis 1943 lehrte. 1910 wurde er für sein unübertroffenes, neunbändiges Werk über die lutherischen Katechismen des Reformationsjahrhunderts Erlanger Ehrendoktor der Theologie. Die Urkunde hängt heute noch ehrenvoll im Archiv des Wartburg-Seminars. Der begeisterte Hochschullehrer, offiziell Systematiker, lehrte so ziemlich alles, was gerade gebraucht wurde, besonders Neues Testament. 30 Jahre hindurch hat er auch homiletische Übungen abgehalten. Er war auch ein geschickter Textbuch-Verfasser, was für US-Studierende wichtig ist. Es lag ihm alles daran, die Millionen Lutheraner, die in die neue Welt kamen, beim Glauben ihrer Väter zu erhalten, was zu seinem Schmerz nur zum Teil gelang. R. kämpfte unablässig für die Einheit des Luthertums. - Im Ersten Weltkrieg trat er mannhaft für Deutschland ein. Den mit niedrigen Anwürfen eingedeckten Kaiser bezeichnete er als den kultiviertesten und modernsten aller damaligen Staatsoberhäupter. - Stolz auf seine deutsche Abstammung, hielt er enge Verbindung zur lutherischen Theologie in Deutschland, besonders durch seine ca. 3600 Buchbesprechungen, bei denen ihm sein beinahe photographisches Gedächtnis nützlich war. Seit 1904 gab er für 40 Jahre die »Kirchliche Zeitschrift« (Chicago und Columbus) heraus. - R.s pädagogische Vorstellungen, die R. 16 Jahre hindurch als Religious Education vortrug, hat Paul Johnson 1989 in einem erstaunlich umfassenden Werk geschildert, das heute den besten Zugang zu R.s gesamten Lebenswerk bietet. - Der meisterhafte Oragnisator schuf in den Dreißiger Jahren das erste Programm für das Graduierten-Studium, das heute »seine« Hochschule völlig bestimmt. So sind zahlreiche führende US-Theologen seine Schüler gewesen. R. begründete 1937 nach deutschem Vorbild die Luther-Academy, die Fortbildungs-Einrichtung für Pastoren. R. war sich nicht zu schade, ungezählte Präparationen für Sonntagsschulen herauszubringen. 1933 ff. fiel er zunächst auf Hitler herein. 1939-1941 setzte sich R. für die Neutralität der USA ein. In seinem Lebensherbst hat R. oft bedauert, in seinen Publikationen erst so spät zur englischen Sprache übergegangen zu sein. Noch in seinem letzten Lebensjahr, 1943, war er unentwegt tätig. - R. wollte konfessionell-lutherischer Theologe sein. Er pries die Einzigartigkeit von Luthers Bibelübersetzung. Die Rechtfertigung aus Gnaden durch den Glauben war die Grundlage seiner nicht gerade originellen Theologie, die vom Glauben an eine »dynamic verbal inspiration« bestimmt war und jeden Glaubenssatz von der Bibel her begründete. Er hat niemals Theologie um der Wissenschaft willen getrieben. Er war sich stets bewußt, daß er künftige Pastoren ausbildete. Seine Arbeit war pastorally centered. So war er begeistert, als er einmal versehentlich von Leipzig aus als Professor für praktische Theologie tituliert wurde, was wirklich nahelag. R. legte so großen Wert auf die enge Verbindung zu den einzelnen US-Gemeinden, die von »seinem« Seminar ihre Pastoren erhielten. Er kämpfte gegen jede modernistische Erweichung des lutherischen Glaubensgutes. R. war auch aktiv in Weltanschauungsfragen. So griff er die Ernsten Bibelforscher und die Freimaurer heftig an. R. hat wesentliche Anliegen der deutschen lutherischen Theologie nach den USA verpflanzt. Unermüdlich suchte er über seine Bücher das kontinentale Erbe in den kirchlichen Alltag der Neuen Welt einzubringen. Dann pflanzte er in ganze Generationen von postgraduates der USA die Liebe zu Luther ein, die manchmal, bis heute, sogar durch den Erwerb von Deutschkenntnissen in Dubuque beflügelt wurde. Er war der bedeutendste Professor des 1854 gegründeten Wartburg-Seminars. - In seiner deutschen Heimat bleibt er durch sein riesiges Katechismus-Sammelwerk unvergessen, in dem eine ganze, einst hochbedeutende Literaturgattung aufbewahrt ist, in der zahlreiche Abhängigkeiten festzustellen sind. Ungezählte originelle Katecheten der nachreformatorischen Zeit, wie z.B. der Möllenbecker Subprior Conrad Hoier, sind nur noch durch R.s Corpuswerk greifbar.
Lit.: Kirchliche Zeitschrift, Reu Memorial Nr., 1945; - Johann Michael Reu, A book of Remembrance: Kirchliche Zeitschrift 1876-1943, Columbus, Wartburg Press, 1945; - Robert C. Wiederaenders, In Remembrance of Reu, Dubuque 1969; - Paul Johnson, An Assessement of the Educational Philosophy of Johann Michael Reu, using the hermeneutic Paradigms of J.F. Herbart and of J.C.K. von Hofmann and the Erlangen School, Diss.phil.Univ. of Illinois at Urbana-Champaign, 1989 (mit erschöpfender Bibliographie); - W.H. Weiblen, J. Michael Reu - A self-made Theologian = Currents in Theology and Mission, Bd. 16, Chicago 1989 341-345.
Nicolaus C. Heutger
Literaturergänzung:
2009
Lowell C. Green, J.M.R. (1869-1943), in: LuQu 23.2009, S. 75-84.
Letzte Änderung: 09.04.2011