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Band VIII (1994)Spalten 256-260 Autor: Wolfdietrich von Kloeden

RICKERT, Heinrich, * 25.5. 1863 Danzig, † 28.7. 1936 Heidelberg, neben seinem Lehrer Windelband Hauptvertreter der südwestdeutschen Schule des Neukantianismus, Philosoph der Wertlehre. - H.R. wuchs in einem nationalliberalen Elternhaus auf. Sein Vater Heinrich R. (+ 1902) war Reichstagsabgeordneter seit 1874, zuerst als Nationalliberaler, dann als Führer der Liberalen Vereinigung und der Deutsch-Freisinnigen Partei. Wie später sein Sohn zählte auch der Staatsmann Heinrich R. zu den Verehrern Max Webers. Nach einem grundlegenden Studium der Literaturwissenschaften in Berlin ging H.R. zur Philosophie über. Vor allem wurde er durch W. Scherers Positivismus in der literaturwissenschaftlichen Forschung abgestoßen. Durch eigene Studien über Marx und Nietzsche wurde er völlig desorientiert, so daß er schließlich in der Philosophie seines nun aufgesuchten Lehrers W. Windelband einen Ankerplatz fand. Von hier aus konnte er dann seine ersten philosophischen Versuche im Sinne der Kantschen Philosophie machen. Die Erfahrung der folgenden Studienjahre lehrte ihm: Keine Übersteigerung (Nietzsche), sondern die Grenzen, die das Bewußtsein setzt, sind entscheidend: H.R. promovierte 1888 in Straßburg bei Windelband über den Begriff der Definition (»Zur Lehre von der Definition« [1888, 19152]). In dieser grundlegenden Schrift bekannte sich H.R. zu seinem Lehrer Windelband wie kritisch zu G. Sigwart. Diese Untersuchung markiert auch den Wendepunkt vom Positivismus zum Neukantianismus. Es ging darum, den Denkakt als solchen herauszuarbeiten, dem die Bezeichnung »Definition« zukommt. Diese Schrift bildet die Basis für die spätere Wertphilosophie H.R.s. 1891 habilitierte er sich in Freiburg/Br. Dort wurde er 1894 zum außerordentlichen und 1896 zum ord. Professor der Philosophie als Nachfolger von A. Riehl berufen. 1916 schließlich kam die Berufung als Nachfolger Windelbands, seines Lehrers, nach Heidelberg, wo er fruchtbare Jahre des Schaffens, am Ende seines Lebens auch Jahre der Polemik gegen Karl Jaspers verbrachte. Von seinem wertphilosophischen Ansatz her galten im Denkvollzüge in der Offenheit der Existenz suspekt! H.R.s Philosoph besteht aus dem heterothetischen Denken; d.h. er wendet sich gegen den reinen Monismus in Hegels System. Gegen Hegels Antithetik wird das Ganze gesetzt als Inbegriff der Vielheit. Im Sinne Kants gibt es nur eine Theorie, aber die nimmt eben von der Ganzheit des Lebens her atheoretische Elemente auf. Es geht nicht um eine universale Wahrheit, sondern um ein »Multiversum« (Relationismus!). Es gibt folglich einen vorsichtigen Ansatz des Erkennens, was denkbar ist durch und nur durch das Akzeptieren von theoretischen Werten. Damit aber wird der Wirklichkeit voll Genüge getan. Wenn also jeder Sinn eine Verbindung von Wert und Wirklichkeit ist, der Sinn aber etwas Zeitloses, dann kann man von hier aus auch das »Über hinaus«, also die Metaphysik selbst auf Wertdeutungen zurückführen. Jene bezieht sich nun auf den Totalwert, der dann sinnerfüllend das Weltganze umschreibt. Dann liegt ein Grundansatz in der Vorgespaltenheit. Will die Philosophie den Sinn des Lebens deuten, so ist entscheidend, was »als Vorderwelt von allem Denkbaren uns am nächsten liegt«. Dann ist aber wesentlich, was in dem bedeutsamen Buch »Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft« (19102) ausgesprochen wird: »Werte sind keine Wirklichkeiten, weder physische noch psychische. Ihr Wesen besteht in ihrer Geltung, nicht in ihrer Tatsächlichkeit« (S. 89). Damit kann besonders geschichtsphilosophisch das »'wertbeziehende' Verfahren« vom »wertenden Verfahren« getrennt werden. Die Konsequenz bedeutet: »Auch wenn die Geschichte es also mit Werten zu tun hat, so ist sie doch keine wertende Wissenschaft« (ebenda, 90). Immer wieder greift H.R. auf seine Dissertation zurück: Es geht um die richtige Definition, die nun von der Allgemeinheit der Kulturwerte her mitbestimmt wird. Diese ist es, die die »Willkür der geschichtlichen Begriffsbildung beseitigt«. Nur so ist »Objektivität« herstellbar. Von der Wert - stellung gibt es den Einstieg in das Konkrete durch eine Betrachtung der historisch-geistigen Kultur, wobei neben der Wissenschaft und den Künsten, vor allem die Sittlichkeit und die Religion infragekommen. Nun kann die Klassifikation der Werte erfolgen. H.R. unterscheidet sechs Wertgebiete: 1. »Logik«, also Wahrheit, Wissenschaft, strenges Urteilen; 2. »Ästhetik«, wozu die Kunst, bzw. das Schöne an sich gehört; 3. »Mystik«; 4. »Ethik« mit Fragen der Sittlichkeit, der Moralität, mit dem Sozialgeschehen, aber nicht im sozialkritischen Sinne, wie bei der Marburger Schule des Neukanitianismus (F.A. Lange!); 5. »Erotik«; 6. »Religion« als Eigenschaft der Frömmigkeit. Interessant ist aber, der Grundkonzeption H.R.s entsprechend, daß »Mystik« und »Religion«, die sich doch stark berühren, auseinandergehalten werden. Es liegt also daran, daß wir es hier mit einem philosophischen Wertsystem und nicht einer theologischen Bestimmung zu tun haben. Wo geht nun H.R. über Kant hinaus? Dort, wo er das mathematisch-philosophische Schema verläßt, um zur Kultur und damit zum Leben vorzudringen. Die Lebensverwirklichung steht so im Zentrum der Wertphilosophie H.R.s. Der Mensch schafft sich Kulturgüter, um einsichtig zu leben, Daß damit dann auch an die Gemeinschaft gedacht wird, zeigt die ethische Ausrichtung. Immer wieder wird im »System der Philosophie I« (1921), einem weiteren wichtigen Werk H.R.s betont, daß man für den Denkprozeß der Wertsuche sich vom realen Grund lösen muß, um den Wert für sich beschreiben zu können. Dieser Wert an sich gibt dann die Orientierungsbasis. Wenn nun das absolut Wertvolle ausgedrückt werden kann, dann kann hierin auch der religionsphilosophische Ansatz gesucht werden. Die religiöse Fragestellung entspricht dem Antinomieverfahren und -problem. D.h. die Wahrheitsrealisierung kann nicht vom Individuum allein abhängen. Wer sich der objektiven Wirklichkeitserkenntnis erschließen will, muß den Glauben miteinbeziehen, damit zum Transzendenten vorstoßen (vgl. H.R.s Werk »Der Gegenstand der Erkenntnis, Einführung in die Transzendentalphilosophie, 19153, S. 453 f.). Zusammenfassend kann gesagt werden - unter Betonung der letzten Ausführungen: a) H.R. kommt von der Erkenntnistheorie und der diesbezüglichen Antinomieansetzung zum religiösen Problem. b) Er kommt von der diesbezüglichen Reduplikation des Wirklichkeitsbegriffes zur religionsphilosophischen Erörterung einer Überwirklichkeit. c) H.R. stößt von der Wertrealität vor zu einer absoluten Wertrealität, die nur im Glauben ergriffen werden kann. Sie setzt die Differenz zwischen dem bloßen und dem absoluten Wert. Bei aller Anerkennung gab es auch kritische Vergegenwärtigungen zu der Wertphilosophie H.R.s. So sind historische Wertgeltungen im System H.R.s dann infragezustellen, wenn die tiefe Verflechtung mit der Wirklichkeit nicht oder nur wenig gesehen wird (vgl. E. Spranger, Rickerts System, Logos 1923, 192, s.u.: Lit.).

Werke: Zur Lehre von der Definition, 1888, 19152; Der Gegenstand der Erkenntnis. Ein Beitrag zum Problem der philosophischen Transzendenz, 1892, 19113, 19214u5; Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung. Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften I-II, 1896-1902, 19213u4, 19295; Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. Ein Vortrag, 1899, 19102, 19153, 19214u5, 19266; Psychophysische Causalität und psychophysischer Parallelismus, in: Philosophische Abhandlungen, Christoph Sigwart zu seinem 70. Geburtstage gewidmet, 1900; Die Probleme der Geschichtsphilosophie, in: Die Philosophie im 20. Jahrh. Festschrift für Kuno Fischer, 1900; Die Probleme der Geschichtsphilosophie, 1905; Das Eine, die Einheit und die Eins, Logos II, 1911, gesondert 1924; Vom System der Werte, Logos IV, 1913; W. Windelband, 1915; Die Philosophie des Lebens, 1920, 19222; Allgemeine Grundlegung der Philosophie (System der Philosophie I), 1921; Kant als Philosoph der modernen Kultur. Ein geschichtsphilosophischer Versuch, 1924; Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie, 1930; Die Heidelberger Tradition in der deutschen Philosophie, 1931; Goethes Faust, 1932; Die Grundprobleme der Philosophie, Methodologie, Ontologie, Anthropologie, 1934, Selbstdarstellung, in: Deutsche systematische Philosophie nach ihren Gestalten, Bd. II, 1934, dazu Ziegenfuß, Philosophenlexikon II, 1950, dazu Reclam Nr. 7875: Neukantianismus 1982, 174-181; Unmittelbarkeit und Sinndeutung, Aufsätze zur Ausgestaltung des Systems der Philosophie, 1939; Psychologie der Weltanschauungen und Philosophie der Werte, in: Karl Jaspers in der Diskussion, 1973, 35-69 (redig. Fassung des Aufsatzes von 1920). Bibl.: F. Frederici, La filosofia dei valori di H.R., Florenz, 1933.

Lit.: Ernst Troeltsch, Moderne Geschichtsphilosophie, 1904; - O. Schlunke, H.R.s Lehre vom Bewußtsein. Eine Kritik, 1912; - E. Becher, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, 1921; - W. Schirren, H.R.s Stellung zum Problem der Realität, 1923; - E. Spranger, H.R.s System, Logos, 1923, 183-198; - A. Dirksen, Individualität als Kategorie. Ein logisch-erkenntnistheoretischer Versuch in Form einer Kritik der ausführlich dargestellten Individualitätslehre H.R.s, o.J.; - A. Faust, H.R. und seine Stellung innerhalb der Philosophie der Gegenwart, 1927; - F. Böhm, Die Philosophie H.R.s, Kantstudien XXXVIII, 1933; - H.R.-Festgabe, Logos XXII, 1933; - E. Mandelbaum, The Problem of historical Knowledge, 1938; - Gerhard Lehmann, Die deutsche Philosophie der Gegenwart, 1943, 82-91, 550 f.; - G. Ramming, Karl Jaspers und H.R., 1948; - J. Hessen, Religionsphilosophie I, 1948, 121-126; - R. Aron, La philosophie critique de l'histoire. Essay sur une théorie allemande de l. histoire II, 1950; - W. Flach, Negation und Andersheit, 1959; - G. Zocher, H.R. zu seinem 100. Geburtstag, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 17, 1963, 457; - J. Berger, Historische Logik und Hermeneutik, in: Philosophisches Jahrb. 75, 1967/68, 127-151; - H. Glockner, H.R., in: H. Glockner, Gesammelte Schriften Bd. 4, 1968; - H. Seidel, Wert und Wirklichkeit in der Philosophie H.R.s, 1968; - H. Schnädelbach, Geschichtsphilosophie nach Hegel, 1974; - Ders., Philosophie nach Hegel, 1974; - Ders., Philosophie in Deutschland 1831-1933, 1983; - E. Kleppel, Autonomie und Anerkennung, 1978; - H.L. Ollig, Einleitung zu: Neukantianismus, Reclambuch 7875, 1982, 5-52; - Lothar Kuttig, Konstitution und Gegebenheit bei H.R., 1987; - M. Horkheimer, Gesammelte Schriften (Nachlaß) Bd. 10, 1990; - Dict. of Phil. 271; - Phil.Lex. (Ziegenfuß) II, 346-352; - RGG3 V, 1098 f.; - HWBPhil. IV, 1315-1316; - Totok V, 132; - Phil. Lex. (Ost), 778-782; - Metzler Phil. Lex., 655 f.

Wolfdietrich von Kloeden

Werkeergänzung:

2007

Die Philos. d. Lebens. Repr. Saarbrücken 2007.

Literaturergänzung:

2002

Anna Donise, Il soggetto e l'evidenza. Saggio su H.R. Napoli 2002; -

2005

Sven Wöhler, D. heterolog. Denkprinzip Heinrich Rickerts u. seine Bedeutung f.d. Werk Max Webers. Norderstedt 2005; -

2006

Christian Krijnen, D. Wahrheitsbegriff im Neukantianismus, in: D. Geschichte d. philos. Begriffs d. Wahrheit. Hrsg. von Markus Enders u. Jan Szaif. Berlin 2006, S. 287-300; - Marcello Catarzi, A ridosso dei limiti. Per un profilo filosofico di H.R. lungo l'elaborazione delle Grenzen. Soveria Mannelli 2006; -

2007

Ángel Xolocotzi Yánez, Subjetividad radical y comprehension afectiva. El rompimiento de la representación en Rickert, Dilthey, Husserl y Heidegger. México 2007; -

2008

Christian Krijnen, Philos. als System. Prinzipientheoret. Unters. zum Systemgedanken bei Hegel, im Neukantianismus u. in d. Gegenwartsphilos. Würzburg 2008; - Giuseppina Sgueglia, La logica del valore del giudizio nelle prospettive concettuali e teleologico-culturali neokantiane, in: Aquinas 51.2008, S. 527-544.

Letzte Änderung: 22.11.2009